Cover: Der hölzerne Pfau

Sri Lanka

Der hölzerne Pfau

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Sri Lanka
Alter
6–10 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der hölzerne Pfau

In einem Dorf auf Sri Lanka wohnten zwei Familien nebeneinander. Der eine Vater war ein wohlhabender Kaufmann, der andere ein geschickter Zimmermann. Beide hatten Söhne, die fast gleich alt waren und gemeinsam zur Schule gingen. Jeden Morgen fuhr der Kaufmannssohn in einem schönen Wagen zur Schule. Der Sohn des Zimmermanns ging zu Fuß über den warmen, staubigen Weg. Eines Tages kam er nach Hause und sagte: „Vater, ich möchte auch fahren wie mein Freund.“ Der Zimmermann strich sich über den Bart. „Gut. Wenn du einen Wagen brauchst, bauen wir einen Wagen.“ Er wählte festes Holz, schnitzte Räder, passte die Achsen an, und bald rollte sein Sohn in einem eigenen kleinen Wagen zur Schule. Doch nach einiger Zeit kaufte der Nachbar seinem Sohn einen noch besseren Wagen. „Vater“, bat der Junge erneut, „jetzt ist sein Wagen schneller als meiner.“ Der Zimmermann wurde nicht zornig. Er kniff nur die Augen zusammen und sagte: „Dann ist es wohl Zeit, etwas zu bauen, das sonst niemand besitzt.“ Mehrere Tage arbeitete der Meister hinter verschlossenen Türen. Man hörte Hammerschläge, das Klirren der Werkzeuge und das Rascheln der Holzspäne. Schließlich rief er seinen Sohn. Mitten in der Werkstatt stand ein großer hölzerner Pfau. Sein Schwanz war mit blauen, grünen und goldenen Mustern bemalt. In seinem Inneren verbargen sich Hebel, Seile und kunstvolle kleine Holzräder. „Setz dich hinein“, sagte der Vater. Der Junge nahm auf dem kleinen Sitz auf dem Rücken des Pfaus Platz. Der Zimmermann zog an einer Schnur. Die Flügel klappten auf. Er drehte einen Hebel. Der Pfau bebte, hüpfte und stieg plötzlich vom Boden auf. „Vater! Er fliegt!“ „Er fliegt“, sagte der Meister lächelnd. „Aber merke dir: Eine gute Erfindung braucht nicht nur einen mutigen Reiter, sondern auch einen aufmerksamen.“ Von nun an flog der Junge auf dem hölzernen Pfau zur Schule. Die Kinder liefen auf den Hof, sobald sie das leise Pfeifen seiner Flügel hörten. Die Jahre vergingen. Der Junge wurde erwachsen, lernte, die wunderbare Maschine sicher zu steuern, und half seinem Vater in der Werkstatt. Eines Tages wollte er ferne Länder sehen. „Ich fliege nicht allzu weit“, sagte er zu seiner Familie. „Ich möchte wissen, was hinter den Bergen und Flüssen liegt.“ Er setzte sich auf den hölzernen Pfau und stieg in den Himmel. Lange flog er über Felder, Wälder und Stadtdächer. Schließlich entdeckte er einen großen Palast mit einem Garten und einer breiten Terrasse. Dort stand eine junge Prinzessin und schaute zum Himmel. Als der hölzerne Pfau sanft landete, kam sie erstaunt näher. „Ich habe Boote, Wagen und sogar Elefanten mit prächtigen Decken gesehen“, sagte sie. „Aber einen fliegenden Holzvogel sehe ich zum ersten Mal.“ Der junge Mann zeigte ihr den Mechanismus, und die Prinzessin erzählte von ihrer Stadt. Sie unterhielten sich lange. Am nächsten Tag sprachen sie noch länger miteinander. Mit der Zeit begriffen die beiden, dass sie zusammenbleiben wollten. Sie heirateten und ließen sich in der Stadt nieder. Später bekamen sie zwei Söhne. Einige glückliche Jahre vergingen. Eines Abends beobachtete der Vater seine Kinder beim Spielen neben dem hölzernen Pfau und erinnerte sich an sein Heimatdorf. „Ich möchte euch zeigen, wo ich aufgewachsen bin“, sagte er zu seiner Frau. „Und die Werkstatt, in der mein Vater diesen Vogel gebaut hat.“ „Dann fliegen wir alle zusammen“, antwortete sie. Bei Tagesanbruch brach die Familie auf. Der hölzerne Pfau trug sie über grüne Landschaften. Unten glänzten Flüsse, kleine Häuser sahen wie Spielzeug aus, und die Palmen glichen Federn. Gegen Mittag sagte der jüngere Sohn: „Vater, ich habe großen Durst.“ Sie hatten nur noch wenig Wasser. Der Vater gab dem Jungen den letzten Schluck, doch das reichte nicht. „Ich sehe einen Bach“, sagte er. „Wir landen und holen frisches Wasser.“ Der Pfau ließ sich auf einer Lichtung nieder. Während der Vater zum Bach ging, betrachtete der jüngere Sohn die Steuerseile. „Was wohl passiert, wenn ich hier ziehe?“, flüsterte er. „Fass das nicht an“, warnte der ältere Bruder. Doch die Neugier siegte. Der Junge zog nur ein wenig an der Schnur, und plötzlich rutschte sie aus ihrer hölzernen Führung. Als der Vater zurückkam, konnte der Pfau nicht mehr starten. Er schimpfte nicht mit seinem Sohn. „Jetzt wissen wir genau, weshalb man einen komplizierten Mechanismus nicht ohne Erlaubnis anfasst“, sagte er. „Wir werden zu Fuß weitergehen.“ Sie ließen den Pfau an einem sicheren Ort zurück und machten sich auf den Weg. Bald kamen sie an einen breiten Fluss. Am Ufer stand ein Fährmann. „Ich bringe euch nacheinander hinüber“, sagte er. „Das Boot ist klein.“ Zuerst setzte er den Vater ans andere Ufer über. Dann kehrte er zurück, um die Prinzessin und die Kinder zu holen. Doch der Fährmann war unehrlich. Als er die kostbare Kleidung der Prinzessin sah, glaubte er, eine Belohnung zu bekommen, wenn er sie zum Herrscher einer Nachbarstadt brachte. Statt den Fluss zu überqueren, lenkte er das Boot stromabwärts. „Sie fahren in die falsche Richtung!“, rief die Prinzessin. „Seien Sie still“, brummte der Fährmann. „Ich weiß, was ich tue.“ Die Prinzessin ließ sich nicht einschüchtern. „Meine Kinder sind am Ufer geblieben. Bringen Sie uns sofort zurück.“ Doch der Fährmann hörte nicht auf sie. Als das Boot die Stadt erreichte, begriff der dortige Herrscher rasch, dass die Frau gegen ihren Willen gebracht worden war. Er ließ ihr ein sicheres Zimmer geben und verbot dem Fährmann, sich ihr zu nähern. Die Prinzessin sagte: „Ich werde nicht für immer hierbleiben. Ich muss meinen Mann und meine Kinder finden.“ Der Herrscher stimmte zu, obwohl er hoffte, sie werde sich mit der Zeit anders entscheiden und in seiner Stadt bleiben. Die Prinzessin bat um drei Jahre, um auf Nachrichten zu warten und ihre Familie zu suchen. Unterdessen begriffen die beiden Jungen am Flussufer, dass ihre Mutter nicht zurückkam. Sie blieben zusammen, liefen am Wasser entlang und riefen nach ihren Eltern. Am Abend waren die Kinder erschöpft. Zum Glück begegneten sie einer freundlichen Witwe, die in der Nähe wohnte. „Bleibt bei mir, bis eure Familie gefunden ist“, sagte sie. Sie gab ihnen Essen und einen Schlafplatz und lehrte sie, die Hoffnung nicht aufzugeben. Der Vater war auf dem anderen Ufer zurückgeblieben. Bis zur Dunkelheit wartete er auf das Boot. Dann suchte er nach einer anderen Überfahrt und fragte in Dörfern und Städten nach. Doch die Spur seiner Familie war verloren. Monate vergingen. Fast alles, was er besaß, gab er für seine Reise und die Suche aus. Seine Kleidung wurde schlicht und abgetragen. Trotzdem suchte er weiter. Ein Jahr verging. Dann ein zweites. Dann ein drittes. In dieser Zeit wurden die Jungen größer und begannen, den Menschen in der Stadt zu helfen, in der ihre Mutter lebte. Eines Tages hörten sie, dass im Palast Helfer für einen großen Wohltätigkeitstag gesucht wurden. „Gehen wir hin“, sagte der ältere. „Vielleicht hören wir dort etwas über unsere Eltern.“ Im Palasthof sahen sie eine Frau, die Essen verteilte und Reisenden half. Es war ihre Mutter. Zuerst standen alle drei wie erstarrt da, als wagten sie ihren Augen nicht zu trauen. „Mama?“, flüsterte der jüngere. Die Prinzessin erkannte ihre Söhne sofort. Sie umarmte sie so fest, als wollte sie drei Jahre Trennung in einer Minute nachholen. „Und euer Vater?“, fragte sie. Die Jungen schüttelten die Köpfe. Da beschloss die Prinzessin, den großen Hilfstag jede Woche stattfinden zu lassen. Sie wusste: Wenn ihr Mann umherzog und seine Familie suchte, würde er früher oder später von einem Ort hören, an dem jeder Reisende Essen bekam und gefragt wurde, woher er kam. Tatsächlich trat wenige Wochen später ein müder Wanderer an das Palasttor. „Kommen Sie herein“, sagte ein Diener. „Hier wird niemandem Wasser oder Essen verweigert.“ Der Mann hob den Kopf. Auf den Stufen standen zwei junge Männer. Er erkannte seine Söhne. „Ihr seid es ...“ „Vater!“ Sie liefen auf ihn zu. Bald kam auch die Prinzessin. Endlich war die Familie wieder vereint. Als der Stadtherrscher die ganze Geschichte erfuhr, half er ihnen, nach Hause zurückzukehren. Er ordnete an, den Fährmann nicht grausam zu bestrafen. Stattdessen musste er den verursachten Schaden wiedergutmachen und durfte nie wieder Menschen ohne Aufsicht befördern. Auf der alten Lichtung fand die Familie den hölzernen Pfau. Der Regen hatte seine Flügel dunkler gemacht, doch das feste Holz hatte standgehalten. Vorsichtig reparierte der Vater den Mechanismus. Diesmal standen beide Söhne daneben und schauten genau zu. „Diese Schnur steuert den Flügel“, erklärte er. „Und dieser Hebel verändert die Höhe.“ Der jüngere Sohn lächelte. „Jetzt werde ich zuerst fragen und erst danach etwas anfassen.“ Als der Pfau seine hölzernen Flügel wieder ausbreitete, stieg die ganze Familie in den Himmel. Sie kehrten an den Ort zurück, an dem diese Geschichte begonnen hatte: zur alten Werkstatt, zum Duft frischer Holzspäne und zum vertrauten Weg. Seitdem, heißt es, flog der hölzerne Pfau noch viele Male über die Insel. Doch sein wichtigster Flug war weder der weiteste noch der höchste. Es war der Flug, der die Familie endlich nach Hause brachte.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨