Cover: Der Junge, der den Troll herausforderte

Norwegen

Der Junge, der den Troll herausforderte

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Norwegen
Alter
6–10 Jahre
Dauer
7 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Der Junge, der den Troll herausforderte

In Norwegen lebte ein alter Bauer mit drei Söhnen. Land hatten sie wenig, Geld noch weniger, und der Winter dieses Jahres war lang.

Um Schulden zu bezahlen und genug Brennholz zu haben, musste die Familie im Wald einen guten Vorrat schlagen.

Eines Morgens sagte der Vater zum ältesten Sohn:

„Nimm die Axt und geh in den Wald. Wenn wir jetzt fleißig arbeiten, kommen wir gut durch den Winter.“

Der älteste Sohn nahm Essen und Axt und ging zwischen die Tannen.

Kaum holte er beim ersten Baum aus, rumpelte es hinter einem dicken Stamm.

Der Boden schien zu beben, Äste knackten, und ein riesiger Troll trat auf die Lichtung.

„Wer fällt Bäume in meinem Wald?“, donnerte er. „Verschwinde, bevor ich wirklich wütend werde!“

Der älteste Sohn erschrak so sehr, dass er nicht diskutierte.

Er schnappte seine Axt und lief nach Hause.

Am nächsten Tag ging der mittlere Bruder.

Doch genau dasselbe geschah.

Sobald er zu arbeiten begann, erschien der Troll und brüllte so laut, dass der Junge davonrannte.

Da sagte der jüngste Sohn:

„Nun bin ich dran.“

Die Brüder lachten.

„Wenn wir geflohen sind, läufst du erst recht davon.“

„Das werden wir sehen“, antwortete er. „Der Troll ist stark. Aber vielleicht ist sein Verstand nicht genauso groß wie seine Schultern.“

Seine Mutter gab ihm Brot, ein Stück frischen Käse und wünschte ihm Glück.

Der jüngste Sohn ging in den Wald, suchte einen trockenen Baum und begann zu hacken.

Bald krachten wieder die Büsche.

Der Troll kam auf die Lichtung, zog die dicken Brauen zusammen und brüllte:

„He! Ich habe doch gesagt, hier fällt niemand Bäume!“

Der Junge legte ruhig die Axt auf einen Baumstumpf.

„Schrei nicht so“, sagte er. „Ich kann auch wütend werden.“

Der Troll riss den Mund auf.

Seit langer Zeit hatte niemand so mit ihm gesprochen.

„Du? Und was willst du tun?“

Der Junge holte unbemerkt den weichen Käse aus seiner Tasche.

„Siehst du diesen weißen Stein? Wenn es sein muss, kann ich Wasser aus einem Stein drücken.“

Er presste den Käse in der Hand zusammen.

Molke tropfte zwischen seinen Fingern hervor.

Der Troll blinzelte.

Dann machte er einen Schritt zurück.

„Äh... wir müssen uns ja nicht streiten“, murmelte er. „Fäll ruhig dein Holz. Ich helfe sogar.“

So arbeiteten sie zusammen.

Der Troll legte große trockene Bäume um, und der Junge schlug die Äste ab und stapelte das Holz.

Nach wenigen Stunden lag auf der Lichtung bereits ein großer Vorrat.

„Wir haben gut gearbeitet“, sagte der Troll. „Komm mit zu mir. Ich mache Abendessen.“

Sein Haus lag unter einem Felsen.

Drinnen war alles riesig.

Der Tisch war fast so hoch wie der Junge.

Die Löffel sahen aus wie Schaufeln.

Und der Topf war so groß, dass man darin hätte baden können.

„Hol Wasser“, sagte der Troll und stellte zwei gewaltige Eimer hin.

Der Junge versuchte einen anzuheben.

Er bewegte sich keinen Fingerbreit.

„Mit Kraft komme ich hier nicht weiter“, dachte er.

Dann sah er die Eimer an und sagte mit ernster Stimme:

„Warum zweimal zum Wasser gehen? Ich bringe lieber gleich den ganzen Bach hierher.“

„Den ganzen Bach?“, erschrak der Troll. „Nein, nein! Lass ihn, wo er ist. Ich mag es, wenn er an meinem Haus vorbeiplätschert. Ich hole das Wasser selbst.“

Der Troll nahm die Eimer und ging zur Quelle.

Bald kochte im großen Topf dicker Brei.

Der Troll füllte zwei riesige Schüsseln.

„Jetzt sehen wir, wer mehr essen kann!“

„Abgemacht“, lächelte der Junge.

Sehr schnell begriff er, dass ein Wettessen mit einem Troll keine besonders gute Idee war.

Also aß er langsam.

Einen Teil des Breis füllte er unbemerkt in einen sauberen Stoffbeutel auf seinem Schoß.

Der Troll aß und aß.

Zuerst lachte er.

Dann schnaufte er.

Schließlich sah er den Jungen immer erstaunter an.

„Wie passt da noch etwas hinein?“, stöhnte er.

„Man muss den richtigen Trick kennen“, antwortete der Junge.

Als der Troll seine Schüssel endlich wegschob, hob der Junge den Beutel hoch.

„Das ist mein Trick. Ich wollte nicht gegen deinen Magen antreten. Ich wollte gegen deine Selbstsicherheit gewinnen.“

Einen Moment lang war es still.

Der Junge erwartete, dass der Troll wütend werden würde.

Doch plötzlich begann der Riese laut zu lachen.

Die Löffel klirrten.

Der Deckel auf dem Topf hüpfte.

„Du bist wirklich schlau!“, rief er. „Zum ersten Mal hat mich jemand nicht mit Kraft, sondern mit Verstand besiegt.“

„Dann streiten wir uns nicht mehr um den Wald?“

Der Troll kratzte sich am Kopf.

„Machen wir eine Abmachung. Trockene Bäume dürft ihr nehmen. Junge Bäume bleiben stehen. Und ihr schlagt nie mehr Holz, als ihr wirklich braucht.“

„Das ist fair“, sagte der Junge.

Der Troll half ihm, das Holz zu großen Bündeln zu binden.

Zum Abschied brachte er eine kleine Truhe.

„Diese Münzen habe ich vor Jahren in einer verlassenen Mine gefunden“, sagte er. „Nimm einen Teil für die Arbeit heute und für die gute Lektion. Aber vergiss nicht: Gold ist schneller aufgebraucht als ein kluger Kopf.“

Der Junge dankte und kehrte heim.

Vater und Brüder trauten ihren Augen nicht.

Hinter ihm kam ein Wagen voller Holz, und er selbst war gesund, fröhlich und überhaupt nicht verängstigt.

„Wie hast du den Troll besiegt?“, fragten seine Brüder gleichzeitig.

„Ich habe ihn gar nicht besiegt“, sagte der Junge. „Wir haben nur aufgehört, unsere Kräfte zu messen, und angefangen, miteinander zu reden.“

Die Münzen reichten, um die Schulden der Familie zu bezahlen.

Das Brennholz hielt sie den ganzen Winter warm.

Und von da an gingen sie mit Respekt in den Wald. Sie nahmen nur trockenes Holz und nie mehr, als wirklich nötig war.

Man sagt, unter dem fernen Felsen höre man manchmal noch immer das laute Lachen des Trolls.

Vielleicht erinnert er sich dann an den Tag, an dem ein kleiner Trick stärker war als riesige Schultern.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨