Cover: Der Junge, der nur zu Hause aufwuchs

China

Der Junge, der nur zu Hause aufwuchs

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
China
Alter
7–10 Jahre
Dauer
15 Min.
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Der Junge, der nur zu Hause aufwuchs

In Tibet lebte eine Witwe mit ihrem einzigen Sohn. Sie liebte den Jungen über alles und hatte solche Angst, ihm könnte etwas geschehen, dass sie ihn fast nie weit vom Haus fortließ.

Wenn andere Kinder auf den Wegen zu Nachbardörfern liefen, blieb er im Hof. Wenn Gleichaltrige auf dem Markt handeln lernten, Pferde versorgten, Gebirgsbäche überquerten und mit Fremden verhandelten, sagte seine Mutter:

„Wozu brauchst du das? Hier bist du sicher.“

So vergingen die Jahre.

Als der Sohn fünfzehn wurde, betrachtete die Mutter ihn eines Tages und begriff: Wenn er niemals durch das Tor hinausging, wie sollte er lernen, selbstständig zu leben?

Sie gab ihm warme Kleidung, ein Pferd, einen treuen Hund und etwas Proviant.

„Geh und sieh dir die Welt an. Und vergiss nicht: Es ist nicht beschämend, etwas nicht zu wissen. Beschämend wäre nur, nichts lernen zu wollen.“

Der Junge war begeistert. Er bestieg sein Pferd so feierlich, als würde er ein ganzes Land regieren.

Doch schon am ersten Tag begann die Welt mit seinem Unterricht.

An einem Hang sah er einen Fuchs.

„Jetzt zeige ich, was für ein geschickter Reisender ich bin!“, dachte er und jagte hinterher.

Der Fuchs schoss zwischen die Felsen. Der Hund sprang ihm nach. Das Pferd, das der Junge unvorsichtig unbeaufsichtigt gelassen hatte, galoppierte hinter dem Hund her. Sein Mantel blieb am Sattel hängen und verschwand ebenfalls in der Ferne.

Wenige Minuten später stand der Junge allein auf der Straße.

Ohne Pferd. Ohne Hund. Ohne Mantel.

Sogar seine Mütze schaffte er noch in einem Dornbusch zu verlieren.

„Ein hervorragender Anfang“, murmelte er.

Bis zum Abend ging er zu Fuß. In der Nacht legte er sich unter eine hohe Pappel. Es war kalt, und lange konnte er nicht einschlafen.

Bei Tagesanbruch setzten sich zwei Raben auf einen Ast über ihm.

„Siehst du den Jungen?“, fragte der eine.

„Ich sehe ihn“, antwortete der andere. „Zu Hause hat man ihn vor der ganzen Welt beschützt, und nun weiß er nach dem ersten Missgeschick nicht einmal, was er tun soll.“

Der Junge hielt den Atem an. Vielleicht träumte er, vielleicht sprachen die Raben wirklich, doch er hörte jedes Wort.

„Was soll er tun?“, fragte der erste.

„Weiter nach Osten gehen. Wenn er nach seiner ersten Blamage nicht umkehrt, kann sein Weg noch gut werden.“

Der Junge setzte sich auf.

„Nun gut“, sagte er zu sich selbst. „Sogar die Raben meinen, ich müsse lernen. Also gehe ich nach Osten.“

Bald begegnete er einem alten wandernden Bettler. Ehrlich erzählte der Junge, wie er an einem einzigen Tag Pferd, Hund, Mantel und Mütze verloren hatte.

Der Alte lachte.

„So einen Reisenden habe ich noch nie gesehen! Wahrscheinlich verlierst du sogar deine eigenen Stiefel, sobald sie zwei Schritte von dir weggehen.“

Der Junge fühlte sich gekränkt, sagte jedoch nichts und zog weiter.

Am Abend erreichte er ein Haus, in dem eine Hochzeit gefeiert wurde. Er bat um etwas Essen und einen Platz am Feuer, doch der beschäftigte junge Hausherr winkte schroff ab.

„Wir haben genug zu tun. Geh weiter.“

Also ging der Junge wieder hinaus.

Es war bereits dunkel, als er ein anderes Haus erreichte. Dort durfte er auf trockenem Heu im Schuppen schlafen.

Am Morgen herrschte große Aufregung. Die Hausherrin hatte einen wertvollen Türkis verloren. Der Stein bedeutete ihr sehr viel, und alle suchten unter den Bänken, an der Tür, im Vorratsraum und auf dem Weg.

Der Junge sah zufällig ein kleines blaues Funkeln auf dem Boden. Der Türkis lag neben einem alten Lappen. In diesem Augenblick fegte die Magd den Hof. Sie rollte den Lappen zusammen mit dem Staub auf und stopfte alles, ohne den Stein zu bemerken, in eine Spalte an der Steinmauer, um später aufzuräumen.

Der Junge merkte sich genau, was er gesehen hatte.

Im Laufe des Tages kamen allerlei Wahrsager und angebliche Kenner. Jeder murmelte etwas, rechnete, sah in Wasserschalen, doch niemand fand den Türkis.

Da kam dem Jungen eine verspielte Idee.

Er schnitt aus einem Weidenzweig eine kleine Gabel und verkündete feierlich:

„Ich kann es auch versuchen. Meine Rute zeigt mir, wo sich Verlorenes versteckt.“

Die Hausherrin betrachtete erstaunt den jungen Mann ohne Mütze, Pferd und gute Kleidung.

„Versuch es“, sagte sie. „Schlimmer kann es kaum werden.“

Am nächsten Morgen versammelten sich alle im Hof.

Der Junge hob den Zweig, kniff die Augen zusammen und führte ihn äußerst ernst durch die Luft.

Unter den Zuschauern entdeckte er den jungen Mann von der Hochzeit, der ihn am Vortag fortgeschickt hatte. Auch der alte Bettler war da, der ihn auf der Straße ausgelacht hatte.

Der Junge beschloss, sich einen kleinen Spaß zu erlauben.

„Die Rute sagt, hier ist zu viel Lärm“, erklärte er. „Der mürrische junge Herr dort und der fröhliche alte Mann sollen ein paar Schritte zurückgehen. Sonst geraten die magischen Kräfte durcheinander.“

Beide waren verlegen und traten zur Seite.

Dann führte der Junge den Zweig zur Mauer.

„Hier.“

Die Magd holte den Lappen aus der Spalte, öffnete ihn, und der verlorene Türkis fiel auf den Boden.

Alle staunten.

Die Hausherrin war so glücklich, dass sie dem Jungen gute Kleidung, Geld, Proviant und einen warmen Mantel schenkte.

„Was für ein Tag“, dachte er. „Morgens war ich der Junge, der alles verloren hatte, und am Abend bin ich ein Zauberer mit einer Weidenrute.“

Im Innersten wusste er jedoch: Es hatte keine Magie gegeben. Er hatte nur besser hingesehen als die anderen.

Einige Tage später kam er wieder zur selben Pappel. In der Nacht legte er sich darunter, und bei Sonnenaufgang erschienen die beiden Raben.

„Lebt unser Stubenhocker noch?“, krächzte der eine.

„Und er ist schon ein wenig klüger“, antwortete der andere. „Aber vor ihm liegt noch eine Aufgabe.“

„Welche?“

„Im Nachbartal ist eine Frau schwer krank. Niemand versteht warum. Die Ursache ist winzig: Eine Spinne ist in ihr Ohr gekrochen und hat sich dort mit ihren Jungen versteckt. Wenn man ein grünes Tuch auslegt, es leicht mit Wasser besprengt und dann auf einer Trommel spielt, halten die Spinnen es für Frühlingsregen und Donner und kriechen von selbst heraus.“

Der Junge setzte sich so plötzlich auf, dass die Raben erschrocken aufflogen.

„Er hört schon wieder mit!“, schimpfte einer.

„Lass ihn, wenn er etwas Gutes daraus macht“, sagte der andere.

Der Junge ging sofort ins Nachbartal.

Im Haus der kranken Frau herrschte Sorge. Wegen der Schmerzen schlief sie kaum, und ihre Familie wusste nicht mehr, was sie tun sollte.

„Lasst mich eine ungewöhnliche Methode versuchen“, bat der Junge. „Sie wird ihr nicht schaden.“

Man breitete grünen Stoff auf dem Boden aus. Der Junge spritzte Wasser darauf. Dann ließ er leise die Trommel schlagen:

Bumm … bumm … bumm …

Es klang wie entferntes Frühlingsgewitter.

Nach wenigen Minuten kroch tatsächlich eine kleine Spinne aus dem Ohr der Frau, hinter ihr mehrere winzige Spinnen.

Alle hielten den Atem an.

Der Junge deckte sie mit einer Schale ab, schob vorsichtig ein Stück Rinde darunter und trug sie weit in den Garten.

Der Frau ging es fast sofort besser.

Ihre Familie belohnte den jungen Mann großzügig. Die Nachricht von dem seltsamen jungen Kenner verbreitete sich noch weiter.

„Merkwürdig“, dachte er. „Gestern wusste ich selbst kaum, wohin ich gehen sollte. Heute glauben die Leute, ich wüsste alles.“

Auf der Straße traf er wieder den alten Bettler.

„Man sagt, du seist ein großer Zauberer“, sagte der Alte. „Prüfen wir das.“

Er versteckte etwas in der Hand und ballte die Faust.

„Rate, was ich hier habe.“

Der Junge hatte keine Ahnung. Er seufzte und dachte, jetzt würde der Schwindel auffliegen.

„Was soll ich schon wissen?“, sagte er. „Vor einem echten Kenner bin ich selbst nur klein wie eine Fliege in einer Hand.“

Der Alte öffnete die Faust.

Auf seiner Hand saß eine Fliege.

Seine Augen wurden groß.

„Du hast wirklich geraten!“

Der Junge musste beinahe lachen, hielt sich aber zurück.

Der Bettler wurde ernst.

„Ich habe dich damals zu Unrecht ausgelacht. Und übrigens: Ich habe dein Pferd und deinen Hund gesehen. Sie streifen im Tal hinter dem Pass herum. Komm, ich zeige dir den Weg.“

So bekam der Junge sein Pferd, seinen Hund und einen Teil seiner verlorenen Sachen zurück.

Er hätte nun nach Hause fahren können. Doch inzwischen wollte er noch mehr von der Welt sehen.

Die Zeit verging. Die Gerüchte über seine „magischen Fähigkeiten“ wuchsen schneller als sein tatsächliches Wissen. Einer erzählte, er finde alles Verlorene. Ein anderer behauptete, er heile jede Krankheit. Ein Dritter sagte, er könne einen Gedanken erraten, bevor jemand ihn gedacht habe.

Als zwischen zwei benachbarten Gebieten ein gefährlicher Streit ausbrach und Truppen gesammelt wurden, hörte ein Herrscher von dem berühmten jungen Mann und ließ ihn rufen.

„Wenn du so weise bist, wie man sagt“, sagte der Herrscher, „sieh dir das Lager unserer Gegner an und sage, wie wir eine Niederlage vermeiden.“

Der Junge wollte antworten: Eure Majestät, die Hälfte meines Ruhms ist Zufall und die andere Hälfte besteht aus zwei Raben. Doch er nahm sich zusammen.

„Ich kann hinreiten und nachsehen. Aber wir sollten keine Schlacht beginnen, solange es noch eine Möglichkeit gibt, miteinander zu reden.“

Man gab ihm ein schnelles Pferd und einen bequemen Sattel. Der Junge bat ausdrücklich darum, alle Riemen zu prüfen, denn er hielt sich noch immer nicht für einen besonders guten Reiter.

Er ritt auf einen Hügel über dem Tal, in dem das gegnerische Lager stand.

Genau in diesem Moment erklang hinter ihm ein Kriegshorn.

Das Pferd erschrak.

„Halt! Halt! Wir wollten uns doch vernünftig benehmen!“, rief der Junge.

Doch das Pferd raste den Hang hinunter, direkt auf das fremde Lager zu.

Der Junge griff nach einem trockenen Ast, um sich abzubremsen. Der Ast brach ab und blieb in seiner Hand.

So schoss er in das Lager: auf einem durchgehenden Pferd und mit einem riesigen trockenen Ast, der in alle Richtungen schlug.

Soldaten sprangen aus dem Weg. Der Ast riss einige leere Stangen um, warf eine Fahne zu Boden und erwischte die Schnur eines Zeltes. Niemand wurde verletzt, doch es sah aus, als sei ein unbekannter Berggeist mitten ins Lager gestürmt.

„Das ist der berühmte Zauberer!“, rief jemand.

„Er greift ganz allein ein Heer an!“

„Ich greife niemanden an!“, schrie der Junge. „Ich kann nur mein Pferd nicht anhalten!“

Im Lärm hörte ihn kaum jemand.

Schließlich holten einige Reiter das Pferd vorsichtig ein und griffen nach dem Zaumzeug.

Der Junge atmete so erleichtert aus, dass er beinahe aus dem Sattel rutschte.

Der gegnerische Befehlshaber trat zu ihm.

„Wenn du gekommen bist, um über Frieden zu sprechen, hören wir zu“, sagte er. „Falls das ein Angriff war, ist es der seltsamste Angriff, den ich je gesehen habe.“

Der Junge wischte sich über die Stirn.

„Dann nehmen wir lieber den Frieden. Einen zweiten solchen Angriff überlebe ich vor Scham bestimmt nicht.“

Der Befehlshaber lachte.

Bald setzten sich Vertreter beider Seiten zu Verhandlungen zusammen. Sie stritten lange, beschlossen aber schließlich, keine Schlacht zu beginnen und ihren Konflikt friedlich zu lösen.

Als der Junge zurückkehrte, wurde er wie ein Held empfangen.

„Du hast einen Krieg ohne Kampf verhindert“, sagte der Herrscher. „Wünsch dir eine Belohnung.“

Der Junge dachte an seinen ersten Reisetag, an den Fuchs, das verlorene Pferd, die kalte Nacht unter der Pappel, den Türkis im Lappen, die Spinne, die Ratschläge der Raben und die Fliege in der Hand.

„Gebt mir kein Gold. Gebt mir die Möglichkeit, von Menschen zu lernen, die mehr wissen als ich. Und ein Stück Land, damit meine Mutter keine Angst mehr vor dem nächsten Tag haben muss.“

Der Herrscher erfüllte seine Bitte und gab ihm dennoch ein großzügiges Geschenk dazu.

Endlich kehrte der Junge nach Hause zurück.

Seine Mutter lief ihm entgegen.

„Nun? Hast du die Welt gesehen?“

„Ein wenig“, lächelte ihr Sohn.

„Und hast du alles gelernt?“

Er schüttelte den Kopf.

„Im Gegenteil. Ich habe gelernt, wie viel ich noch nicht weiß.“

Er erzählte ihr von allen Abenteuern und verschwieg auch die lächerlichsten nicht.

„Früher dachte ich, ein erfahrener Mensch wisse immer, was zu tun ist“, sagte er. „Jetzt weiß ich: Manchmal bedeutet Erfahrung, rechtzeitig nach unten zu schauen. Manchmal bedeutet sie, genauer zuzuhören. Manchmal muss man zugeben, dass man keine Antwort kennt. Und manchmal darf man einfach nicht in Panik geraten, wenn das Pferd schon direkt ins fremde Lager rast.“

Die Mutter lachte.

„Jetzt bist du wohl wirklich ein Stück erwachsener geworden.“

Von da an hatte der Junge keine Angst mehr davor, in die Welt hinauszugehen. Er erwartete aber auch nicht mehr, dass die Welt einfach sein müsse.

Er lernte viel, half anderen, wo er konnte, und vergaß die beiden Raben auf der Pappel nie.

Wenn ihn jemand einen großen Zauberer nannte, lächelte er nur.

Denn er wusste: Das größte Wunder seiner Reise hatte nichts mit Zauberei zu tun.

Es bestand darin, dass ein Mensch, der gestern noch alles auf dem ersten Wegstück verlor, gelernt hatte hinzusehen, zuzuhören, nachzudenken und nach dem ersten Misserfolg nicht umzukehren.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨