

Frankreich
Der junge Schüler
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Frankreich
- Alter
- 6–9 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der junge Schüler
In einer kleinen Hafenstadt lebte ein Schiffskapitän mit seiner Frau und seinem Sohn. Der Kapitän war oft auf langen Reisen. Er kannte die Namen der Winde, las das Wetter an den Wolken ab und fand selbst im Nebel den Weg in den Hafen.
Am meisten wünschte er sich, dass auch sein Sohn zu einem gebildeten und tüchtigen Mann heranwachsen würde.
Während der Vater auf See war, ging der Junge jeden Tag zur Schule. Wenn der Kapitän heimkehrte, fragte er als Erstes:
„Nun, mein Sohn, hast du viel gelernt?“
Beim ersten Mal antwortete die Mutter für ihn:
„Er lernt nach und nach.“
Der Kapitän nickte und ging bald wieder auf Fahrt.
Einige Monate später kam er zurück und fragte schon an der Tür:
„Na, kannst du diesmal mit deinem Wissen angeben?“
Der Junge zögerte.
„Nicht ganz mit dem Wissen, das du erwartest.“
Der Vater runzelte die Stirn und ging am nächsten Tag zum Lehrer.
„Sagen Sie es mir offen“, bat er. „Lernt mein Sohn überhaupt nichts?“
Der Lehrer kratzte sich am Kopf.
„Er ist ein ungewöhnlicher Schüler. Was anderen leichtfällt, interessiert ihn kaum. Dafür hört er stundenlang den Vögeln zu. Er behauptet, ihre Sprache zu verstehen.“
Der Kapitän kam verärgert nach Hause.
„Mein Sohn, was hast du denn nun in der Schule gelernt?“
Der Junge antwortete ehrlich:
„Ich habe gelernt, die Sprache der Vögel zu verstehen.“
„Die Sprache der Vögel!“, rief der Vater. „Ich wollte, dass du etwas von der Seefahrt verstehst, und du hast dem Gezwitscher zugehört!“
Der Junge stritt nicht mit ihm.
„Vielleicht wird dieses Wissen eines Tages noch nützlich sein.“
Der Kapitän beschloss, ihn auf die nächste Reise mitzunehmen.
„Gut. Dann siehst du echte Arbeit. Du wirst lernen, Kurs zu halten, Strömungen zu erkennen und Befehle zu befolgen.“
Das Schiff lief aus. Einige Tage lang war das Meer ruhig. Eines Morgens setzte sich ein kleiner Vogel auf die Spitze des Mastes und sang:
„Wiri-ti-ti! Kiri-ki-ri!“
Der Kapitän lächelte.
„Nun, großer Kenner der Vogelsprache, verstehst du ihn?“
Der Junge lauschte. Sein Lächeln verschwand.
„Ja.“
„Und was sagt er?“
„Dass ich jetzt auf dich höre, Vater. Aber eines Tages wirst du vor mir stehen und auf mein Wort warten.“
Der Kapitän fuhr auf.
„Ich? Vor dir? Was für Unsinn!“
Er wurde so wütend, dass er nichts mehr von seinem Sohn hören wollte. An Bord stand ein großes, festes Vorratsfass, das gut auf dem Wasser schwamm. Der Kapitän befahl, den Jungen hineinzusetzen, ihm Essen und Wasser mitzugeben und das Fass nahe einer Küste, die in der Ferne zu sehen war, auf die Wellen zu lassen.
Kaum hatte das Fass das Wasser berührt, bereute der Kapitän seinen Zorn. Doch der Wind trieb das Schiff weiter, und eine sofortige Rückkehr war nicht möglich.
Der Junge hatte große Angst, aber das Fass sank nicht. Die Wellen schaukelten es wie eine Nussschale. In der Nacht kam Wind auf und trieb es an Land.
Am nächsten Morgen entdeckten Menschen aus dem Gefolge des Königs das Fass. Der König selbst machte gerade einen Spaziergang am Meer.
„Was haben uns die Wellen denn da gebracht?“, fragte er erstaunt.
Die Diener begannen vorsichtig den Deckel zu öffnen.
„Langsam!“, rief eine Stimme von innen. „Hier ist ein Mensch!“
Als der Junge herausgeklettert war, hörte der König seine Geschichte an und nahm ihn mit in den Palast.
Der junge Schüler erwies sich als aufmerksam, freundlich und klug. Er lernte rasch alles, was ihm bisher gefehlt hatte: Karten zu lesen, Rechnungen zu führen und Menschen zu verstehen. Die Sprache der Vögel vergaß er dabei nicht.
Die Jahre vergingen. Der König gewann den jungen Mann lieb wie einen eigenen Sohn, und die Königstochter wurde seine beste Freundin. Als beide erwachsen waren, beschlossen sie zu heiraten.
Der Vater hingegen fuhr weiterhin zur See. Oft dachte er an seinen Sohn und bereute jenen Tag immer mehr.
Eines Tages geriet sein Schiff in einen schweren Sturm. Der Wind zerriss die Segel, die Wellen trieben das Schiff vom Kurs ab, und der Kapitän erreichte mit Mühe eine unbekannte Küste.
Ohne Schiff und Mannschaft machte er sich auf die Suche nach Arbeit. So führte ihn das Schicksal ausgerechnet zum königlichen Palast.
Dort brauchte man einen erfahrenen Mann, der sich um die Boote kümmern und junge Seeleute ausbilden konnte. Der Kapitän wurde eingestellt.
Eines Tages kam der junge Herr des Palastes zum Hafen. Er sah den neuen Arbeiter an und erkannte sofort seinen Vater.
Der Vater aber erkannte den Sohn nicht. Vor ihm stand kein Schuljunge mehr, sondern ein erwachsener Mann.
„Herr, was soll ich tun?“, fragte der Kapitän.
Der junge Mann schwieg einige Sekunden. Dann sagte er freundlich:
„Zuerst möchte ich Euch etwas fragen. Erinnert Ihr Euch an einen Jungen, der einmal behauptete, die Vögel verstehen zu können?“
Der Kapitän wurde bleich.
„Ich erinnere mich. Und ich bereue jeden Tag, dass ich ihm nicht geglaubt habe.“
„Erinnert Ihr Euch auch an den kleinen Vogel auf dem Mast?“
Der Mann hob den Blick.
„Mein Sohn? Bist du es?“
„Ja, Vater.“
Der Kapitän wusste nicht, was er sagen sollte. Er senkte nur den Kopf.
„Vergib mir.“
Der Sohn umarmte ihn.
„Ich habe dir längst vergeben. Und jetzt verstehst du, was der Vogel damals meinte? Er sagte nicht, dass ich über dich herrschen würde. Er sagte nur, dass das Leben unsere Plätze vertauschen kann und dass es dann wichtig ist, menschlich miteinander umzugehen.“
Von da an lebten Vater und Sohn wieder in der Nähe voneinander. Der Kapitän unterrichtete junge Seeleute im königlichen Hafen, und sein Sohn fragte ihn bei allen wichtigen Dingen der Seefahrt um Rat.
Wenn über den Dächern des Palastes Vögel sangen, blieben beide stehen und hörten ihnen zu.
Denn einer von ihnen hatte endlich verstanden: Wissen sieht nicht immer so aus, wie wir es uns vorgestellt haben. Manchmal findet gerade die seltsamste Begabung eines Tages ihren richtigen Weg.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
