Cover: Der jüngste Prinz

Ungarn

Der jüngste Prinz

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ungarn
Alter
6–10 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der jüngste Prinz

Ein König hatte viele Kinder. Die älteren Söhne und Töchter waren längst an die Regeln des Palastes gewöhnt. Sie wussten, wann man sich verbeugte, wann man schwieg, wie man an der großen Tafel saß und welche Antworten die Ratgeber erwarteten.

Die beiden Jüngsten, ein Bruder und eine Schwester, waren anders. Sie wollten selbst entscheiden, wohin sie gingen, was sie lernten und mit wem sie Freundschaft schlossen. Als ihr Vater begann, ihre Zukunft zu ordnen, als würde er Figuren auf einem Schachbrett verschieben, sagten sie höflich, aber bestimmt:

„Wir sind dir dankbar, Vater, doch wir möchten unseren Weg selbst finden.“

Der König zog zuerst die Brauen zusammen. Dann sah er seine Kinder lange an und seufzte.

„Gut. Zieht hinaus in die Welt. Nehmt euren Anteil am Erbe, passt aufeinander auf und vergesst nicht, woher ihr kommt.“

So verließen Bruder und Schwester den Palast.

Am ersten Tag wanderten sie über grüne Wiesen, am zweiten über Hügel und am dritten durch einen Wald. Gegen Abend wollten ihre Beine kaum noch weiter. Unter einem großen Baum mit dichter Krone richteten sie sich einen Schlafplatz ein.

„Morgen überlegen wir, wohin wir weiterziehen“, sagte der Bruder.

„Und heute schlafen wir einfach“, antwortete die Schwester.

In jener Nacht hatten beide seltsame Träume.

Die Schwester sah eine ferne Stadt. Schwere Glocken hingen in den Türmen, doch niemand freute sich. Im Königspalast lag ein kranker Herrscher, dem selbst die besten Ärzte nicht helfen konnten.

Dem Bruder erschien ein grauhaariger Mann in einem langen Mantel. Er berührte den Stamm des Baumes und sagte:

„In diesem Baum steckt heilende Feuchtigkeit. Sammle sie bei Sonnenaufgang. Sie wird einem Menschen helfen, der seine Kraft schon lange verloren hat.“

Am Morgen wachten Bruder und Schwester fast gleichzeitig auf.

„Ich habe von einer Stadt geträumt“, begann die Schwester.

„Und ich von diesem Baum“, sagte der Bruder.

Sie sahen einander an und mussten lachen.

„Offenbar kennen sich unsere Träume.“

Auf der Rinde glänzten tatsächlich klare Tropfen. Die beiden Reisenden sammelten sie vorsichtig in ein kleines Gefäß und gingen weiter.

Gegen Mittag führte die Straße sie zu einer großen Stadt. Am Tor hörten sie überall dieselbe Nachricht: Der König war schwer erkrankt, und niemand wusste, wie man ihm seine Kräfte zurückgeben konnte.

„Sollen wir es versuchen?“, fragte die Schwester leise.

„Ja“, antwortete ihr Bruder. „Aber gemeinsam.“

Im Palast begegnete man ihnen zunächst mit Misstrauen. Doch weil alle bekannten Mittel bereits versucht worden waren, erlaubten die Ratgeber den jungen Fremden schließlich zu helfen.

Der Bruder gab einige Tropfen der heilenden Flüssigkeit in Wasser, mit dem man Hände und Gesicht des Königs wusch. Seine Schwester blieb die ganze Zeit bei ihm, achtete darauf, dass der Herrscher sich ausruhte, genug trank und sich nicht durch lange Gespräche erschöpfte.

Ein Tag verging. Dann ein zweiter.

Am dritten Tag stand der König selbst aus dem Bett auf und ging zum Fenster.

„Ich habe den Garten lange nicht mehr so grün gesehen“, sagte er.

Der Palast erwachte zum Leben. In der Küche klapperten wieder Töpfe, im Hof lachten die Diener, und die Glocken in den Türmen läuteten endlich zur Freude.

Der König wollte wissen, wer ihm geholfen hatte. Bruder und Schwester erzählten von ihrer fernen Heimat, ihrer Reise und den merkwürdigen Träumen.

Besonders oft sprach der König mit der Schwester. Sie scheute sich nicht, ihm zu widersprechen, wenn sie etwas ungerecht fand. Zugleich konnte sie ernsthaft über Staatsgeschäfte reden und im nächsten Augenblick darüber lachen, dass die königliche Katze im Korb für die Briefe eingeschlafen war.

Mit der Zeit verliebten sie sich ineinander.

„Ich möchte, dass du hierbleibst“, sagte der König. „Aber nur, wenn du es ebenfalls möchtest.“

Die junge Frau lächelte.

„Das möchte ich.“

In der Stadt wurde Hochzeit gefeiert. Ihr Bruder blieb jedoch nicht lange im Palast.

„Du hast deinen Platz gefunden“, sagte er zu seiner Schwester. „Jetzt suche ich meinen.“

Sie umarmte ihn und gab ihm für die Reise ein gutes Pferd.

Der Prinz ritt mehrere Tage, bis er am Straßenrand einen alten Goldschmied traf. Der grauhaarige Meister saß neben einer Werkzeugkiste und betrachtete den Reisenden aufmerksam.

„Allein kommst du nicht überall hin“, sagte er.

„Woher wisst Ihr denn, wohin ich will?“

„Das weiß ich nicht“, antwortete der Goldschmied. „Aber ich weiß, dass selbst der Mutigste manchmal jemanden braucht, der anders denkt.“

Der Prinz lachte.

„Dann reisen wir zusammen.“

Bald erreichten sie ein anderes Königreich. Dort sprach jeder von einer Prinzessin, die sehr zurückgezogen lebte. Sie zeigte sich nur selten Fremden, und ihr Vater hatte eine sonderbare Prüfung ausgerufen: Wer um ihre Hand bitten wollte, musste drei magische Zeichen nennen, die nur ihr gehörten. Wer falsch riet, musste den Hof verlassen und durfte die Prinzessin nicht weiter belästigen.

„Niemand kennt diese Zeichen“, erklärte ihnen der Wirt. „Und die Prinzessin selbst hat dieses unsinnige Spiel längst satt.“

Der Prinz dachte nach.

„Ich will einen Menschen nicht erraten wie ein Rätsel“, sagte er zum Goldschmied. „Ich möchte zuerst mit ihr sprechen.“

„Das klingt schon viel vernünftiger“, sagte der Alte.

Sie fassten einen ungewöhnlichen Plan.

Mehrere Tage arbeitete der Goldschmied ohne Pause. Schließlich stand auf dem Marktplatz ein wundersames silbernes Pferd, das im Licht schimmerte wie der Mond. Innen war es hohl und besaß eine kleine Tür, die von außen kaum zu erkennen war.

Der königliche Hof wollte diese Kostbarkeit sofort für die Prinzessin kaufen.

Man trug das silberne Pferd in ihre Gemächer. Am Abend, als die Dienerinnen gegangen waren, öffnete sich leise die kleine Tür.

Der Prinz trat auf den Teppich und hob sofort beide Hände, um zu zeigen, dass er nichts Böses wollte.

Die Prinzessin staunte, schrie aber nicht.

„Ist das eine neue Art, Bekanntschaft zu schließen?“, fragte sie.

„Eine sehr unbequeme“, gab der Prinz zu. „Ich sitze seit einer Stunde in einem silbernen Pferd und habe noch nie so viel Respekt vor gewöhnlichen Türen gehabt.“

Die Prinzessin lachte.

Er erzählte ihr, warum er gekommen war. Er sprach von der seltsamen Prüfung und erklärte, dass er weder spionieren noch ihre Geheimnisse mit einer List aus ihr herauslocken wollte.

„Ich möchte dich selbst fragen: Willst du überhaupt, dass diese Geschichte weitergeht?“

Die Prinzessin sah ihn aufmerksam an.

„Ja“, sagte sie. „Mir reicht es ebenfalls, dass andere immer alles für mich entscheiden.“

Daraufhin zeigte sie ihm aus eigenem Willen die drei magischen Zeichen: eine goldene Sonne auf der Stirn, einen silbernen Mond auf der Schulter und drei kleine Sterne am Handgelenk.

„Jetzt kennst du die Antwort auf ehrliche Weise“, sagte sie.

„Und ich weiß jetzt etwas Wichtigeres“, erwiderte der Prinz. „Du lachst gern über unsinnige Regeln.“

Am nächsten Tag beschädigte die Prinzessin absichtlich ein kleines Ohr des silbernen Pferdes, damit man es zur Reparatur zum Goldschmied zurückbrachte. So konnte der Prinz den Palast unbemerkt verlassen.

Einige Tage später kam er ganz offiziell als Königssohn an den Hof. Die Prüfung begann.

Am ersten Tag nannte er absichtlich eine falsche Antwort.

Am zweiten ebenfalls.

Am dritten bat er darum, dass die Prinzessin selbst im Saal anwesend sein dürfe.

„Genug mit Rätseln über einen Menschen, wenn dieser Mensch nicht einmal dabei ist“, sagte er.

Der König war erstaunt, stimmte aber zu.

Die Prinzessin trat in den Saal und stellte sich neben ihn.

Da sagte der Prinz:

„Ihre Zeichen sind die Sonne, der Mond und drei Sterne. Aber das reicht nicht, um einen Menschen zu kennen. Ich weiß außerdem, dass sie mutig und schlagfertig ist und ihr eigenes Schicksal wählen möchte.“

Der Saal wurde still.

Die Prinzessin lächelte.

„Das ist endlich die richtige Antwort.“

Der König verstand, dass die alte Prüfung ausgedient hatte, und schaffte sie für immer ab.

Der Prinz und die Prinzessin redeten noch lange miteinander, gingen durch die Gärten, stritten, versöhnten sich, lachten und mochten einander mit jedem Tag mehr. Erst als beide sicher waren, dass sie es wollten, feierten sie ihre Hochzeit.

Auch die Schwester des Prinzen kam mit ihrem Mann zum Fest. Sie umarmte ihren Bruder und flüsterte:

„Du hast deinen Weg tatsächlich gefunden.“

„Ja“, antwortete er. „Und das Interessanteste ist, dass er in dem Augenblick begann, als wir den Mut hatten, selbst zu wählen.“

Seitdem erzählte man in diesem Königreich: Magische Zeichen können einen Weg weisen und kluge Träume vor Gefahr warnen. Doch die wichtigste Entscheidung trifft ein Mensch mit seinem eigenen Herzen und seinem eigenen Verstand.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨