

Armenien
Der Jüngste von dreien
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Armenien
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 11 Min.

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Der Jüngste von dreien
In einem fernen Bergland lebte ein König mit drei Söhnen. Die beiden älteren hielten sich längst für erfahrene Krieger. Den Jüngsten nannten alle noch immer „den Jungen“, obwohl er längst erwachsen war und ein scharfes Auge, ein gutes Herz und erstaunliche Geduld besaß.
Eines Jahres wurde der König schwer krank. Ärzte, Heiler und Weise kamen in den Palast, doch niemand konnte ihm seine Kräfte zurückgeben.
Schließlich erschien ein alter Arzt. Er schwieg lange am Bett des Königs und sagte dann:
„Es gibt eine Hoffnung. In einem weit entfernten Garten wächst ein Baum, an dem einmal im Jahr der Apfel des Lebens reift. Wer davon isst, bekommt seine Kräfte zurück.“
„Aber diesen Garten bewachen Riesen“, seufzte der König. „Man sagt, sie holen den Apfel noch in derselben Nacht, in der er reif wird.“
Der älteste Sohn trat sofort vor.
„Ich hole ihn.“
Er erreichte den fernen Garten und setzte sich unter den Baum. Die ganze Nacht wollte er wach bleiben. Doch irgendwann überkam ihn ein so schwerer Schlaf, dass er erst am Morgen erwachte. Der Zweig war leer.
Im nächsten Jahr versuchte es der mittlere Bruder. Ihm geschah dasselbe.
Im dritten Jahr sagte der jüngste Sohn:
„Vater, jetzt lasst mich gehen.“
Der König schüttelte den Kopf.
„Deine Brüder sind stärker und erfahrener. Beide kamen mit leeren Händen zurück.“
„Vielleicht braucht man hier nicht nur Kraft“, antwortete der Jüngste. „Ich möchte es versuchen.“
Schließlich willigte der König ein.
Der junge Prinz erreichte den Zaubergarten gerade, als der Apfel golden zu leuchten begann. Auch ihn befiel in der Nacht eine schwere Müdigkeit. Er nahm jedoch eine Handvoll saurer Beeren aus seiner Tasche, zerdrückte sie in den Händen, atmete ihren scharfen Duft ein und ging im Kreis um den Baum. Dabei zählte er seine Schritte und sang leise, um nicht einzuschlafen.
Um Mitternacht donnerte es. Hinter einem Hügel erschien ein Riese und streckte die Hand nach dem Baum aus.
„Halt!“, rief der Prinz.
Der Riese staunte. Noch nie hatte ihn jemand wach erwartet.
Der Prinz schoss seinen Pfeil nicht auf ihn, sondern in den Boden direkt vor seine Füße. Der Riese wich zurück, stolperte über eine Wurzel und floh erschrocken in die Dunkelheit.
Der junge Mann pflückte den Apfel des Lebens und brachte ihn seinem Vater. Kaum hatte der König einige Stücke gegessen, kehrte Farbe in sein Gesicht zurück. Wenige Tage später ging er wieder selbst durch den Garten.
Alle freuten sich. Doch der jüngste Sohn dachte weiter an den Riesen.
„Ich will mich nicht rächen“, sagte er zu seinen Brüdern. „Aber ich möchte wissen, warum er unter der Erde lebt und woher seine Macht kommt.“
Die Brüder ritten mit ihm.
Spuren führten sie zu einer tiefen Schlucht. Dort öffnete sich ein schwarzer Abgrund, aus dem warme Luft aufstieg.
Der älteste Bruder ließ sich zuerst an einem Seil hinab. Nach kurzer Zeit rief er:
„Zieht mich hoch! Dort unten ist es schrecklich!“
Der mittlere hielt etwas länger durch, kehrte aber ebenfalls zurück.
Nun band sich der Jüngste das Seil um.
„Lasst mich weiter hinunter, auch wenn ich Angst bekomme. Nur wenn ich dreimal am Seil ziehe, holt mich zurück.“
Unten fand er kein leeres Loch, sondern ein merkwürdiges unterirdisches Land mit drei steinernen Palästen.
Im ersten saß eine junge Frau und nähte mit einer silbernen Nadel. In einer goldenen Schale spielten eine goldene Katze und eine goldene Maus.
„Wie bist du hierher gekommen?“, fragte sie erstaunt. „Dieser Palast gehört einem Riesen. Er hält mich hier fest und lässt mich nicht nach Hause.“
„Wenn du fortwillst, gehen wir zusammen.“
Der Prinz weckte den Riesen nicht zu einem Kampf. Er fand die Schlüssel, öffnete die verschlossenen Türen und führte die junge Frau hinaus. Als der Riese erwachte, war es zu spät. Der Zauberriegel hatte sich hinter ihnen geschlossen.
Im zweiten Palast befreite der Prinz ihre Schwester. Dort spielten in einer goldenen Schale ein goldenes Huhn und ein Wiesel.
Im dritten Palast traf er die jüngste Schwester. Vor ihr liefen ein goldener Windhund und ein goldener Fuchs um die Wette.
„Du hast den Riesen vom Apfel des Lebens vertrieben“, sagte sie. „Er kam wütend zurück und ließ alle Ausgänge verriegeln.“
Auch sie wurde befreit.
Im Stall fanden sie drei ungewöhnliche Pferde: ein schwarzes, ein rotes und ein weißes. Die junge Frau gab dem Prinzen je ein Haar aus der Mähne jedes Pferdes.
„Bewahre sie. Wenn du wirklich in Not gerätst, wirf eines ins Feuer und ruf nach dem Pferd.“
Am Seil ließ der Prinz zuerst die älteste Schwester hinaufziehen, dann die mittlere und schließlich die jüngste.
Bevor sie nach oben stieg, sagte sie leise:
„Ich fürchte, deine Brüder werden neidisch werden und das Seil nicht wieder herunterlassen.“
„Sie sind meine Brüder“, antwortete der Prinz. „Ich muss ihnen vertrauen.“
Leider hatte die junge Frau recht.
Als die älteren Brüder die drei befreiten Schwestern sahen und erfuhren, dass die jüngste ihren Retter besonders mochte, wurden sie neidisch.
„Alles Beste bekommt wieder er“, murrte einer.
Sie gingen fort, ohne das Seil zurückzulassen.
Der junge Prinz saß lange in der Dunkelheit. Dann erinnerte er sich an einen Hinweis der jungen Frau über verzauberte Widder, die in einer bestimmten Nacht erscheinen und einen Weg nach oben zeigen würden. In seiner Aufregung verwechselte er jedoch die Reihenfolge und gelangte statt in die Menschenwelt in das Land der Dunkelheit.
Dort nahm ihn eine einsame alte Frau auf.
„Sei mein Sohn“, sagte sie. „Und ich bin deine Mutter, solange du den Heimweg suchst.“
Der Prinz bat um Wasser.
Die Alte schüttelte traurig den Kopf.
„Wir haben große Wassernot. Eine gewaltige Schlange versperrt die Quelle und lässt niemanden hin.“
Der Prinz ging zur Quelle. Die Schlange lag quer im steinernen Durchgang und zischte ärgerlich.
„Warum hältst du das Wasser nur für dich?“, fragte er.
„Weil ich es kann“, antwortete die Schlange.
Da zog der Prinz das Blitzschwert, das er im unterirdischen Palast gefunden hatte, und schlug damit gegen einen Felsen. Ein Lichtblitz erfüllte die Schlucht so hell, dass die Schlange erschrak und in ihre Höhle kroch. Der Prinz legte große Steine vor den Eingang, und das Wasser floss wieder zu den Menschen.
An diesem Tag konnten alle im Land der Dunkelheit zum ersten Mal seit langer Zeit genug trinken.
Das Land blieb jedoch dunkel. Die alte Frau erzählte von einer riesigen Adlerfrau hoch auf einem Berg. Sie hatte mehrere Bruten verloren und glaubte, Menschen seien schuld. Darum hielt sie mit ihren Flügeln den Weg des Sonnenlichts geschlossen.
Der Prinz stieg zu ihrem Nest und entdeckte eine andere Schlange, die sich gerade den Jungvögeln näherte. Er verscheuchte sie mit dem Blitzschwert.
Als die Adlerfrau zurückkehrte, zwitscherten ihre Jungen:
„Sei nicht böse! Dieser Mensch hat uns gerettet!“
Die Adlerfrau senkte den Kopf.
„Bitte um eine Belohnung.“
„Bring mich in die obere Welt.“
„Der Weg ist weit, aber ich werde es tun.“
Der Prinz verabschiedete sich von der alten Frau, dankte ihr für ihre Güte und setzte sich auf den Rücken der Adlerfrau. Lange flogen sie durch die Dunkelheit, bis vor ihnen ein schmaler goldener Streifen erschien.
Als die Adlerfrau den jungen Mann in die Menschenwelt trug, fiel zum ersten Mal auch Licht in das untere Land.
Der Prinz kehrte in die Stadt seines Vaters zurück, ging aber nicht sofort in den Palast. Erst wollte er erfahren, was während seiner Abwesenheit geschehen war.
Die älteren Brüder hatten sich als Retter der drei jungen Frauen ausgegeben. Ein großes Fest wurde vorbereitet, doch die jüngste Schwester schob ihre Verlobung hinaus.
„Ich stimme dem Fest erst zu“, sagte sie, „wenn man mir eine goldene Katze und eine goldene Maus bringt, die in einer goldenen Schale spielen.“
Niemand konnte diesen Wunsch erfüllen.
Der Prinz nahm Arbeit bei einem Goldschmied an. In der Nacht warf er ein Haar des schwarzen Pferdes ins Feuer. Sofort erschien das Pferd mit der magischen Schale, in der die goldene Katze und die Maus spielten.
Am nächsten Tag wünschte die junge Frau ein goldenes Huhn und ein Wiesel. Der Prinz rief das rote Pferd.
Am dritten Tag bat sie um den goldenen Windhund und den Fuchs. Das weiße Pferd erschien.
Da wusste sie: Ihr wirklicher Retter war zurück.
Der ganze Hof versammelte sich auf dem Platz. Der junge Mann trat nun ohne Verkleidung vor.
Seine Brüder wurden bleich.
„Erzählt selbst die Wahrheit“, sagte der Jüngste. „Ich wünsche euch nichts Böses. Aber eine fremde gute Tat wird nicht dadurch zur eigenen, dass man sie sich zuschreibt.“
Die Brüder schwiegen und gestanden schließlich ihren Neid. Sie baten um Verzeihung.
Der König betrachtete seine Söhne lange.
„Kraft ohne Ehre ist nichts wert“, sagte er. „Und wahrer Mut besteht nicht nur darin, einen Gegner zu überwinden, sondern auch darin, nicht so zu werden wie er.“
Die älteren Brüder durften nicht länger mit fremden Taten prahlen. Sie blieben jedoch Teil der Familie und verdienten später durch eigene Handlungen wieder Vertrauen.
Der jüngste Prinz heiratete die junge Frau, die er im unterirdischen Palast lieben gelernt hatte. Ihre Schwestern wählten ebenfalls selbst ihren weiteren Weg.
Die drei Zauberpferde kamen noch lange auf einen Ruf hin, wenn im Königreich besonders schnelle Hilfe gebraucht wurde.
Seit jener Zeit erzählte man den Kindern dort: Der Jüngste ist nicht immer der Schwächste. Der Älteste ist nicht immer der Weiseste. Und manchmal beginnt der Weg nach oben genau dort, wo es aussieht, als gäbe es überhaupt keinen Weg mehr.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
