

Neuseeland
Der Kampf von Nacht und Tag
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Neuseeland
- Alter
- 7–10 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Der Kampf von Nacht und Tag
In einer alten Erzählung, die vor vielen Jahren aufgezeichnet wurde, kommen Tag und Nacht nicht einfach nur nacheinander. Es ist, als würden sie über der Welt ein endloses Gespräch führen.
Jeden Abend sagt die Nacht:
„Jetzt bin ich an der Reihe.“
Und jeden Morgen antwortet der Tag:
„Ich bin zurück.“
So war es von Anfang an.
In dieser Geschichte erscheint Māui in mehreren Gestalten des Sonnenlichts.
Māui-roto wird als Nachtsonne bezeichnet. Er ist mit der unteren, verborgenen Welt verbunden, in der das Morgenlicht noch nicht sichtbar ist.
Māui-waho nennt man die Tagessonne. Er zieht dort über den Himmel, wo alles sichtbar wird: Berge, Wasser, Bäume, Wege und die Gesichter der Menschen.
Man erzählt, dass Māui-roto der jungen Erde half, ihre Gestalt anzunehmen, während Māui-waho sie jeden Tag mit Wärme berührte.
Am Abend färbte sich das Licht rot. Es breitete sich über das Land aus wie ein dünnes Tuch aus Kupfer und Gold.
Besonders lange blieb der Abendglanz über Tongariro liegen.
Der Berg ragte hoch empor, und die letzten Sonnenstrahlen schienen sich an seinen Hängen festzuhalten, als wollten sie noch nicht gehen.
Darum erscheint Tongariro in dieser alten Erzählung als ein Berg von großer Heiligkeit, tapu.
Doch selbst das hellste Abendlicht kann nicht für immer bleiben.
Wenn der rote Rand des Himmels dunkler wurde, kam Hine-nui-te-pō, die große Herrin der Nacht.
Ihre Welt war weit wie ein grenzenloses Haus. Im alten Text wird sie als pataka beschrieben, ein Speicher, in dem die Nacht Ruhe, Schlaf und Dunkelheit bewahrt.
Hine-nui-te-pō wusste: Die Welt braucht Erholung.
„Man kann nicht immer nur ins Helle schauen“, sagte die Nacht. „Samen liegen in dunkler Erde. Menschen schließen die Augen, um zu schlafen. Die Sterne sieht man erst, wenn der Himmel dunkel ist.“
Doch auch der Tag hatte seine Wahrheit.
„Ohne Licht erkennt man den Weg nicht“, antwortete er. „Die Wärme weckt die Pflanzen, die Vögel steigen in die Luft, die Menschen beginnen ihre Arbeit.“
So stritten sie miteinander, doch keiner konnte den anderen für immer besiegen.
Jeden Morgen erschien am Rand der Welt Māui-pōtiki, die junge Gestalt der Morgensonne.
Zuerst stand er sehr tief, fast als berühre er noch die Erde.
Der Himmel wurde nur ein wenig grau.
Dann zeigte sich am Horizont ein dünner Streifen Licht.
Māui-pōtiki stieg höher.
Noch höher.
Und noch höher.
Wie ein Reisender in einem Himmelskanu zog er durch den Morgen bis zum Mittag.
Die Schatten wurden kürzer. Das Wasser glitzerte. Steine erwärmten sich in der Sonne.
Für eine Weile schien es, als hätte der Tag gewonnen.
Doch nach Mittag begann das Sonnenkanu seinen Abstieg.
Das Licht wurde weicher. Lange Schatten zogen über das Land. Die Vögel suchten Plätze für die Nacht.
Māui, der am Morgen die junge Sonne gewesen war, wurde nun zum Abendlicht.
Im Westen erwartete ihn die Nacht.
In der alten Aufzeichnung wird dieses Treffen als harter Kampf beschrieben. Für eine Kindergeschichte kann man es anders hören: Hine-nui-te-pō breitet ihren dunklen Mantel aus und bedeckt langsam die letzten Sonnenstrahlen.
Zuerst verschwindet das Gold.
Dann färbt sich der Horizont rot.
Dann bleibt nur ein schmaler Lichtstreifen.
Schließlich sagt die Nacht:
„Ruh dich aus. Jetzt bin ich an der Reihe.“
Die Abendsonne verschwindet hinter dem Rand der Welt.
Die Nacht füllt die Täler. Sterne erscheinen am Himmel.
Aber die Nacht weiß etwas Wichtiges: Auch ihre Herrschaft dauert nicht ewig.
Irgendwo weit entfernt bereitet sich bereits ein neuer Morgen vor.
In der alten Erzählung wird Mahuika erwähnt, die mit dem heiligen Feuer verbunden ist. In dieser sanften Fassung trägt Māui das Feuer nicht als Waffe. Er nimmt nur einen Funken Licht, gerade genug, um dem neuen Tag den Weg zu zeigen.
Zuerst ist dieser Funke winzig.
Er berührt den Rand des Himmels.
Die Dunkelheit ist nicht mehr schwarz, sondern blau.
Das Blau wird grau.
Der graue Streifen färbt sich rosa.
Und Hine-nui-te-pō sieht: Der Morgen ist gekommen.
„Du schon wieder“, sagt die Nacht.
„Ich schon wieder“, antwortet Māui-pōtiki.
„Dann vergiss nicht, dass ich am Abend zurückkehre.“
„Und du vergiss nicht, dass nach jeder Nacht ein neuer Morgen kommt.“
Die Nacht weicht nicht, weil sie für immer besiegt wäre. Sie übergibt die Welt nur dem Tag.
Auch der Tag besitzt den Himmel nicht ewig. Er weiß, dass er am Abend der Nacht Platz machen muss.
So wird ihr alter „Kampf“ nicht zu einem Krieg, sondern zum großen Rhythmus der Welt.
Das Licht kommt.
Das Licht geht.
Die Dunkelheit kommt.
Die Dunkelheit geht.
Tongariro steht unter dem Himmel und sieht alles: rosige Sonnenaufgänge, helle Mittage, rote Abende und sternenvolle Nächte.
Vielleicht ist gerade deshalb kein Wechsel von Tag und Nacht genau wie der andere. Manchmal ist der Morgen still und silbern. Manchmal leuchtet er rosa auf. Manchmal hält das Abendlicht lange an den Gipfeln fest, ein anderes Mal bringen Wolken schnell die Dunkelheit.
Doch die Ordnung bleibt.
Nach der Nacht kommt der Tag.
Nach dem Tag kehrt die Nacht zurück.
Und beide haben ihren eigenen Platz in der großen Geschichte des Himmels.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
