

Philippinen
Der Karabao und die Muschel
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Philippinen
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der Karabao und die Muschel
An einem sehr heißen Tag kam ein Karabao zum Fluss, um sich abzukühlen.
Ein Karabao ist ein großer Wasserbüffel. Dieser hier war kräftig, breit gebaut und sehr stolz auf seine starken Beine.
Das Wasser im Fluss war angenehm kühl. Der Karabao watete erst bis zu den Knien hinein, dann bis zum Bauch, und seufzte zufrieden.
„So lässt es sich leben. Jetzt müsste nur noch ein kleiner Wind wehen.“
Auf einem nassen Stein am Ufer lag eine winzige Flussmuschel.
„Guten Tag, Karabao“, sagte sie.
Das große Tier sah sich um.
„Wer spricht da?“
„Ich.“
Der Karabao senkte den Kopf und entdeckte endlich die Muschel.
„Du?“, fragte er erstaunt. „So klein?“
„Klein“, bestätigte die Muschel. „Und was ist daran schlimm?“
Der Karabao lachte.
„Nichts. Ich habe nur überlegt, wie lange du wohl brauchst, um irgendwohin zu kommen. Während du einen einzigen Stein entlangkriechst, laufe ich dreimal um ein Feld.“
„Bist du dir sicher?“, fragte die Muschel.
„Natürlich! Ich bin schneller als viele Tiere.“
„Und schneller als ich?“
Der Karabao lachte so laut, dass sich Kreise auf dem Wasser bildeten.
„Schneller als du? Ich könnte mit geschlossenen Augen gewinnen!“
„Mit geschlossenen Augen ist nicht nötig“, sagte die Muschel ruhig. „Wir können einfach ein Wettrennen machen.“
Der Karabao hörte auf zu lachen.
„Du meinst das ernst?“
„Vollkommen.“
Sie vereinbarten, am Fluss entlang bis zu einem großen Baum weit stromabwärts zu laufen.
Der Karabao stieg aus dem Wasser, schüttelte die Tropfen vom Rücken und stellte sich bereit.
Die Muschel blieb direkt am Ufer.
„Bereit?“, fragte der Karabao.
„Bereit.“
„Eins, zwei, drei!“
Der Karabao schoss los.
Unter seinen Hufen dröhnte der Boden.
Vögel flogen aus den Büschen.
Staub wirbelte hinter ihm auf.
Er lief so schnell, dass er den Startplatz bald nicht mehr sehen konnte.
„Arme Muschel“, dachte er. „Bestimmt ist sie noch nicht einmal am ersten Stein vorbei.“
Er hielt am Wasser an und rief:
„Muuuschel! Wo bist du?“
Ganz in seiner Nähe antwortete eine Stimme:
„Hier bin ich!“
Der Karabao zuckte zusammen.
Auf einem Stein am Wasser lag eine Muschel.
In Wirklichkeit war es eine andere.
Entlang des Flusses lebten viele Muscheln, und alle hatten gehört, wie der Karabao über ihre kleine Nachbarin gelacht hatte.
Aber das wusste der Karabao nicht.
„Wie bist du denn hierhergekommen?“, stammelte er.
„Das Rennen ist doch noch nicht vorbei“, antwortete die Muschel. „Lauf weiter.“
Der Karabao raste wieder los.
Diesmal noch schneller.
Nach einer Weile blieb er stehen und schnaufte.
„Muschel! Wo bist du jetzt?“
Aus dem Schilf kam die Antwort:
„Hier bin ich!“
Der Karabao riss die Augen auf.
„Das gibt es doch nicht!“
Er rannte weiter.
Später rief er zum dritten Mal:
„Muschel!“
„Hier bin ich!“, antwortete eine Stimme weiter vorn am Ufer.
Nun wurde der Karabao ärgerlich.
„Nein“, dachte er. „Ich verliere doch nicht gegen so eine winzige Muschel!“
Er bemerkte weder die Sonne noch den Staub noch, wie schwer seine Beine inzwischen wurden.
Jedes Mal, wenn er anhielt und rief, antwortete irgendwo vor ihm eine andere Muschel:
„Hier bin ich!“
Und jedes Mal rannte der Karabao weiter.
Schließlich war sein Atem so laut wie ein alter Blasebalg in einer Schmiede.
Seine Beine zitterten.
Sein Mund war trocken.
Aber noch immer wollte er weiterlaufen.
„Nur noch ein Stück“, keuchte er. „Ich muss gewinnen.“
Da hörte er vom Ufer eine dünne Stimme.
„Warum eigentlich?“
Der Karabao blieb stehen.
„Warum was?“
„Warum musst du weiterlaufen, wenn du kaum noch stehen kannst?“
Der Karabao wollte antworten.
Doch statt Worten kam nur ein schwerer Atemzug.
Er ließ sich ins Gras sinken.
Langsam kroch eine Muschel zu ihm.
Dann eine zweite.
Und noch eine.
Bald lag am Wasser eine ganze Reihe kleiner Muscheln.
Der Karabao kniff die Augen zusammen.
„Ihr wart das also alle?“
„Ja“, sagte die erste Muschel.
„Ihr habt mich ausgetrickst!“
„Wir haben nur genutzt, dass du dir überhaupt nicht vorstellen konntest, dass kleine Wesen zusammenarbeiten können“, sagte die Muschel. „Du warst dir deines Vorteils so sicher, dass du kein einziges Mal angehalten hast, um nachzudenken.“
Der Karabao wollte protestieren.
Doch zum Streiten hatte er keine Kraft mehr.
Er lag im Schatten, bis sein Herz ruhiger schlug und er wieder gleichmäßig atmen konnte.
Eine Muschel sagte:
„Das Rennen ist vorbei.“
„Und wer hat gewonnen?“, fragte der Karabao mürrisch.
Die Muscheln raschelten leise.
„Man kann sagen, wir. Oder man kann sagen, dass heute niemand gewonnen hat. Du hättest dir beinahe selbst geschadet, nur weil du nicht verlieren wolltest.“
Der Karabao dachte nach und senkte den Kopf.
„Ich habe über dich gelacht, weil du so klein bist.“
„Das stimmt.“
„Und du hast mir gezeigt, dass Größe nicht alles entscheidet.“
„Auch das stimmt.“
Der Karabao schwieg noch einen Moment.
„Beim nächsten Mal denke ich zuerst nach und prahle erst danach.“
„Das geht wahrscheinlich schneller, als den ganzen Fluss entlangzurennen“, antwortete die Muschel.
Da musste der Karabao lachen.
Er ruhte sich noch lange aus und ging dann langsam zurück ins Wasser.
Diesmal hatte er es überhaupt nicht eilig.
Von diesem Tag an sagte jemand zu ihm:
„Du bist doch der Stärkste! Niemand kann es mit dir aufnehmen!“
Dann schüttelte der Karabao nur seinen großen Kopf.
„Stärke ist gut. Schnelligkeit auch. Aber noch nützlicher ist zu wissen, wann man laufen sollte und wann es besser ist, stehen zu bleiben und nachzudenken.“
Und die Muscheln am Ufer kicherten leise in ihren runden Häusern.
Sie erinnerten sich nur zu gut an den Tag, an dem ein winziges Stimmchen am Fluss immer wieder dem großen, selbstsicheren Karabao zugerufen hatte:
„Hier bin ich!“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
