Cover: Der Kolibri und der Karabao

Philippinen

Der Kolibri und der Karabao

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Philippinen
Alter
4–8 Jahre
Dauer
3 Min.
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Der Kolibri und der Karabao

An einem heißen Aprilmorgen ruhte ein großer Karabao im Schatten eines Baumes an einem breiten Fluss.

Die Sonne brannte bereits.

Die Blätter schienen stillzustehen.

Der Wasserbüffel schlug langsam mit dem Schwanz und genoss jeden Luftzug.

Plötzlich summten schnelle Flügel über seinem Kopf.

Ein winziger Kolibri setzte sich auf einen dünnen Ast.

„Guten Morgen, Freund Karabao!“

„Guten Morgen, kleiner Kolibri. Heiß heute, nicht wahr?“

„Sehr! Ich bin zum Fluss gekommen, um zu trinken.“

Der Karabao betrachtete den winzigen Vogel und lächelte.

„Trinken? Für dich reicht wahrscheinlich ein Tropfen für den ganzen Tag.“

Der Kolibri legte den Kopf schief.

„Ein Tropfen? Möchtest du wetten, dass ich mehr Wasser trinken kann als du?“

Der Karabao prustete vor Lachen.

„Du? Mehr als ich? Sieh dich an und dann mich.“

„Größe entscheidet nicht alles. Probieren wir es. Du trinkst zuerst.“

Der Karabao war sicher, dass er gewinnen würde.

Er ging ans Ufer, senkte den Kopf und trank.

Lange.

Dann hob er den Kopf.

Atmete.

Und trank weiter.

Doch ausgerechnet zu dieser Zeit stieg das Wasser im Fluss.

Der Karabao trank.

Und der Wasserstand sank nicht.

Im Gegenteil.

Der Fluss schien voller zu werden.

Der Kolibri beobachtete alles von seinem Ast.

„Nun, Freund? Der Fluss scheint gar nicht bemerkt zu haben, dass du trinkst.“

Der Karabao nahm noch einige Schlucke.

Dann trat er zurück.

„Genug. Ich bin satt. Jetzt bist du dran.“

„Abgemacht!“

Der Kolibri flog dicht über die Wasseroberfläche und berührte sie mit dem Schnabel.

Doch er trank kaum.

Er wusste etwas, das der Karabao nicht bemerkt hatte:

Die Flut würde bald in Ebbe übergehen.

Der kleine Vogel hielt den Schnabel am Wasser und tat so, als nähme er winzige Schlucke.

Er wartete.

Nach einiger Zeit zog sich das Wasser etwas zurück.

Dann noch mehr.

Bald stand der Fluss deutlich niedriger.

Der Karabao riss die Augen auf.

„Trinkst du wirklich den ganzen Fluss leer?“

Der Kolibri antwortete nicht.

Er berührte nur sehr ernst weiter das Wasser.

Der Pegel sank weiter.

Schließlich stieg der Kolibri auf.

„Nun, Freund Karabao? Wer hat mehr getrunken?“

Der Karabao sah zum Fluss.

Dann zum winzigen Vogel.

Dann wieder zum Fluss.

„Es sieht so aus, als hättest du gewonnen.“

Der Kolibri flatterte fröhlich.

„Manchmal reicht es nicht, groß und stark zu sein. Man muss auch bemerken, was ringsum geschieht.“

Der Karabao dachte darüber nach.

Nun betrachtete er den kleinen Vogel ganz anders.

„Gut, kleiner Freund. Heute hast du mich ausgetrickst. Beim nächsten Mal sehe ich zuerst nach, in welche Richtung das Wasser fließt.“

Der Kolibri lachte und flog in den sonnigen Himmel.

Der Karabao blieb noch eine Weile im Schatten stehen.

Er ruhte sich nach dem Wettbewerb aus und dachte:

Kleine Größe bedeutet keineswegs kleinen Verstand.

Von da an zog der Karabao keine schnellen Schlüsse mehr, wenn ein winziger Kolibri über dem Fluss schwebte.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨