Cover: Der Leopard und der Widder

Ghana

Der Leopard und der Widder

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Ghana
Alter
4–8 Jahre
Dauer
7 Min.
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Der Leopard und der Widder

In einem grünen Wald, in dem die hohen Bäume so dicht standen, dass selbst am Tag kühler Schatten auf dem Boden lag, lebte ein Leopard.

Lange suchte er nach einem guten Platz für ein neues Zuhause. Schließlich entdeckte er eine schöne Lichtung an einem Bach.

„Hier werde ich wohnen“, beschloss er.

Er räumte einen Teil der Lichtung frei, schleppte kräftige Äste für die Wände heran und ging in den Wald, um lange Lianen zu holen.

Am selben Tag kam ein Widder auf die andere Seite der Lichtung. Auch er suchte einen Platz für ein Haus.

„Was für ein schöner Ort“, sagte er. „Wasser ganz in der Nähe und überall saftiges Gras.“

Als er die bereits geräumte Stelle sah, staunte er.

„Ob wohl freundliche Waldgeister beschlossen haben, mir beim Bauen zu helfen?“

Der Widder verlor keine Zeit. Er legte weitere Äste dazu, richtete sie ordentlich aus und ging trockenes Laub für das Dach sammeln.

Als der Leopard zurückkam, war sein Bau plötzlich doppelt so hoch.

„Merkwürdig“, dachte er. „Offenbar möchte jemand in diesem Wald sehr, dass ich schnell einziehe.“

Am nächsten Morgen brachte der Leopard Stangen. Am Abend deckte der Widder das Dach. Danach baute der Leopard eine Tür, und der Widder legte den Boden mit trockenem Gras aus.

Mehrere Tage lang bauten sie so gemeinsam dasselbe Haus, ohne sich ein einziges Mal zu begegnen.

Schließlich war das Haus fertig.

Eines Abends kam der Leopard mit einem kleinen Bündel Vorräte und sah den Widder vor der Tür.

Der Widder sah den Leoparden.

Beide erstarrten.

„Was machst du hier?“, fragten sie gleichzeitig.

„Ich habe dieses Haus gebaut“, sagte der Leopard.

„Nein, ich habe es gebaut“, antwortete der Widder.

Sie begannen aufzuzählen, wer welche Arbeit erledigt hatte, und begriffen schnell, was geschehen war.

Der Leopard lachte.

„Dann waren es also doch keine Waldgeister, die meine Wände gebaut haben.“

Auch der Widder musste lachen.

„Und ich dachte schon, die Äste hätten sich von selbst zu einem Dach gelegt.“

Die Lichtung war schön, das Haus geräumig, und keiner hatte Lust auf Streit.

„Warum wohnen wir nicht einfach zusammen?“, schlug der Widder vor.

„Warum nicht?“, sagte der Leopard.

So teilten sie sich von nun an das Haus.

Der Leopard hatte einen kleinen Sohn, gefleckt und flink. Auch der Widder hatte einen Sohn, lockig und fröhlich. Die beiden wurden schnell Freunde. Sie jagten Schmetterlingen hinterher, bauten Hütten aus Blättern und stritten höchstens darüber, wer zuerst über den Bach springen durfte.

Eines Tages gingen die Erwachsenen Vorräte suchen.

Der Leopard kam mit einem Korb voller Früchte und Wurzeln zurück. Kurz darauf brachte der Widder beinahe ebenso viel.

Der Leopard wunderte sich.

„Ich bin den ganzen Tag durch den Wald gerannt, über Hänge geklettert und durch Gebüsch gekrochen. Und der Widder hat genauso viel gesammelt. Wie macht er das wohl?“

Am Abend fragte er seinen Sohn:

„Hast du schon einmal gesehen, wie ein Widder Hindernisse aus dem Weg räumt?“

„Nein“, sagte der kleine Leopard.

„Dann zeigt euch morgen beim Spielen, was ihr könnt.“

Am nächsten Tag fanden die Jungen zwei dicke Bananenstämme, die der Wind umgeworfen hatte.

„Schau, so machen es Leoparden“, sagte der kleine Leopard.

Er schlich sich an, sprang plötzlich vor, packte den Stamm mit den Pfoten und schob ihn zur Seite.

„Und jetzt sieh, wie Widder es machen“, sagte der kleine Widder.

Er ging einige Schritte zurück, senkte den Kopf, nahm Anlauf und stieß mit den Hörnern gegen den zweiten Stamm. Der rollte aus dem Weg.

Der junge Leopard erzählte seinem Vater alles.

Der Leopard wurde nachdenklich.

Besonders eine Sache blieb ihm im Gedächtnis: Bevor der Widder nach vorn stürmte, ging er zuerst rückwärts.

„Merk dir das“, sagte er zu seinem Sohn. „Wenn ein Widder plötzlich zurückweicht, könnte er sich auf einen kräftigen Anlauf vorbereiten.“

Einige Tage später zog am Abend ein warmer Regenschauer über den Wald. Regen trommelte aufs Dach, und durch die offene Tür lief etwas Wasser auf den Boden.

Der Widder trug gerade eine Schüssel mit Früchten zum Tisch.

Er trat auf die nasse Stelle und rutschte aus.

„Hoppla!“

Um nicht zu fallen, machte er schnell ein paar Schritte rückwärts.

Der Leopard sah es und erinnerte sich sofort an die Geschichte seines Sohnes.

Er weicht zurück!, schoss es ihm durch den Kopf. Gleich nimmt er Anlauf!

Der Widder versuchte in Wahrheit nur, das Gleichgewicht zu halten.

Doch der Leopard hatte bereits Angst bekommen.

„Sohn, komm!“, flüsterte er.

„Wohin?“

„Nach draußen. Schnell!“

Leopard und Sohn sprangen aus dem Haus und versteckten sich hinter einem großen Baum.

Der Widder stellte endlich die Obstschüssel ab und blickte sich um.

„Leopard? Wo bist du?“

Niemand antwortete.

Der Widder trat auf die Veranda.

„Freund, komm zurück. Ich bin nur ausgerutscht!“

Der Leopard lugte mit einem Auge hinter dem Baum hervor.

„Warum bist du dann rückwärts gegangen?“

„Weil der Boden nass war!“

„Mein Sohn sagte, Widder gehen zurück, bevor sie Anlauf nehmen.“

Der Widder schwieg einen Augenblick. Dann lachte er so laut, dass auf dem nächsten Baum die Vögel aufwachten.

„Du dachtest wirklich, ich wollte dich wegen einer Schüssel Obst rammen?“

Dem Leoparden wurde etwas verlegen zumute.

„Vielleicht ein bisschen.“

„Du hättest einfach fragen können.“

„Das hätte ich“, gab der Leopard zu.

Trotzdem beschloss er später, lieber einen eigenen ruhigen Platz tiefer im Wald zu haben, wo niemand plötzlich auf einem nassen Boden rückwärts stolperte.

Der Widder blieb in dem gemütlichen Haus an der Lichtung. Der Leopard zog etwas weiter zwischen die Bäume. Ihre Söhne spielten weiterhin miteinander.

Und wenn der kleine Widder beim Spielen ein paar Schritte rückwärts ging, lief der kleine Leopard nicht mehr davon.

Er fragte nur:

„Nimmst du gerade Anlauf oder bist du ausgerutscht?“

Dann lachten beide.

So erinnerte man sich im Wald an eine einfache Wahrheit:

Manchmal entsteht die größte Angst nicht aus wirklicher Gefahr, sondern daraus, dass wir zu schnell glauben zu wissen, was ein anderer vorhat.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨