Cover: Der Mann, der vollkommen sein wollte

Indien

Der Mann, der vollkommen sein wollte

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
7–10 Jahre
Dauer
11 Min.
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Der Mann, der vollkommen sein wollte

In einem fernen Königreich lebten ein König und eine Königin, die sich viele Jahre lang Kinder gewünscht hatten. Eines Tages kam ein wandernder Asket in den Palast.

„Ihr werdet zwei Zwillingssöhne bekommen“, sagte er. „Wenn sie herangewachsen sind, werde ich einen von ihnen bitten, mit mir in den Wald zu gehen und zu lernen.“

Der König wünschte sich Erben so sehr, dass er zu schnell zustimmte.

Später wurden tatsächlich zwei Jungen geboren. Sie wuchsen gemeinsam auf, lernten, stritten, versöhnten sich und sahen sich so ähnlich, dass selbst Hofleute sie manchmal verwechselten.

Die Jahre vergingen. An das alte Versprechen dachte kaum noch jemand.

Doch als die Brüder sechzehn waren, erschien der Asket wieder am Tor.

Der König wurde bleich. Die Königin nahm beide Söhne an den Händen.

„Ich will keinen von euch fortgeben“, sagte sie.

Der ältere Bruder sah den jüngeren an.

„Niemand kann einen Menschen einfach mitnehmen. Aber ich möchte wissen, warum dieser Mann zurückgekommen ist. Ich gehe freiwillig und bin vorsichtig.“

Der Jüngere protestierte sofort.

„Dann gehe ich.“

Sie stritten lange, wie früher, wenn jeder die schwierigere Aufgabe übernehmen wollte. Schließlich sagte der ältere:

„Ich bin ein paar Minuten früher geboren. Diesmal bin ich dran.“

Vor der Abreise pflanzte er einen jungen Baum im Hof.

„Schaut auf ihn“, sagte er. „Solange die Blätter grün sind, geht es mir gut. Wenn sie welken, brauche ich Hilfe.“

Die Mutter umarmte ihn, der Vater gab ihm einen Reisemantel, und der jüngere Bruder flüsterte:

„Wenn der Baum ein Zeichen gibt, komme ich trotzdem.“

So zog der ältere Prinz fort.

Am Straßenrand sah er eine Hündin mit zwei Welpen. Einer lief zu ihm und wedelte fröhlich.

„Offenbar hast du mich ausgesucht“, lachte der Prinz.

Kein Besitzer war in der Nähe, und die Hundemutter sah ruhig hinterher. Also schloss sich der Welpe den Reisenden an.

Etwas weiter saß ein Habicht mit zwei jungen Vögeln in einem Baum. Einer flog hinunter und setzte sich auf einen Ast direkt vor den Prinzen.

„Noch ein Reisegefährte? Gut. Freunde können unterwegs nicht schaden.“

Am Abend erreichten sie einen tiefen Wald. Dort stand die kleine Hütte des Asketen.

„Du wirst hier leben“, sagte er. „Jeden Morgen sammelst du Blumen und Kräuter. Du kannst gehen, wohin du willst, nur nicht nach Norden.“

„Warum?“

„Weil es dort gefährlich ist.“

Die Antwort war kurz. Der Prinz stritt nicht.

Einige Tage blieb alles ruhig. Er stand bei Sonnenaufgang auf, sammelte Blumen, ging mit dem Welpen und dem Habicht durch den Wald und lauschte den Geräuschen.

Eines Tages erschien jedoch zwischen den Bäumen ein Hirsch. Er floh nicht, sondern schien den Prinzen zu rufen. Er ging einige Schritte, sah zurück und ging weiter.

Der Prinz folgte ihm.

Erst als die Bäume auseinandertraten, merkte er, dass er nach Norden gegangen war.

Vor ihm stand ein schönes Haus. Am Eingang saß eine junge Frau, vor ihr lag ein Würfelbrett.

„Komm herein, Reisender“, sagte sie. „Spielen wir?“

Der Prinz zögerte.

„Worum?“

„Nur um etwas Kleines. Wenn du die erste Partie verlierst, bleibt der Habicht bei mir. Wenn du gewinnst, bekommst du ein Geschenk.“

Der Prinz stimmte zu.

Die Würfel klapperten.

Er verlor.

Die Frau setzte den Habicht in einen geräumigen Käfig und bot eine zweite Partie an. Nun war der Welpe der Einsatz.

Der Prinz verlor wieder.

„Eine dritte Partie“, sagte die Gastgeberin. „Wenn du verlierst, bleibst du mein Gast, bis du deine Freiheit zurückgewinnst.“

Der Prinz spürte inzwischen, dass etwas nicht stimmte. Doch er wollte seine Freunde zurückholen. Er warf die Würfel ein drittes Mal.

Und verlor.

Sofort schloss sich die Tür hinter ihm. Die Fenster wurden dunkel, das schöne Haus kalt und still.

„Wer bist du?“, fragte der Prinz.

Die Frau lächelte nicht mehr freundlich.

„In alten Geschichten würde man mich Rakshasi nennen. Ich prüfe gern Menschen, die zu sicher ihrer Sache sind. Jetzt bleibst du hier.“

Sie schloss den Prinzen in einem Zimmer ein. Welpe und Habicht blieben in der Nähe.

Im Palast sah der jüngere Bruder jeden Morgen nach dem Baum.

Eines Tages hingen einige Blätter schlaff herunter.

Am nächsten Morgen waren es mehr.

„Es ist Zeit“, sagte der Jüngere.

Er pflanzte neben dem ersten Baum einen eigenen und machte sich auf die Suche.

Unterwegs schlossen sich ihm der zweite Welpe und der zweite junge Habicht an. Der Prinz vermutete, dass sein Bruder dieselbe Straße genommen hatte.

Schließlich fand er die Waldhütte.

Der Asket war überrascht.

„Dein Bruder hat nicht auf mich gehört“, sagte er. „Er ging nach Norden und geriet in eine Falle. Ich rate dir, ihn nicht zu suchen.“

Der jüngere Prinz sah ihn aufmerksam an.

„Wenn du weißt, wo die Falle ist, warum hast du ihm nicht geholfen?“

Der Asket antwortete nicht.

Das genügte, um den Prinzen misstrauisch zu machen.

Er ging nach Norden.

Der Hirsch erschien erneut und führte ihn zu demselben Haus. Die Frau mit den Würfeln saß wieder vor der Tür.

Weil die Brüder sich so ähnlich sahen, glaubte sie, ihr Gefangener sei entkommen.

„Willst du wieder spielen?“, fragte sie.

„Ja“, antwortete der Jüngere. „Aber diesmal gelten faire Bedingungen.“

Der erste Einsatz war der Habicht.

Die Würfel rollten.

Der jüngere Bruder gewann.

Der Käfig öffnete sich, und der erste Habicht flog zu seinem Bruder.

Die zweite Partie galt dem Welpen.

Der Jüngere gewann wieder. Die beiden Hunde freuten sich so sehr über das Wiedersehen, dass sie fast das Spielbrett umwarfen.

„Eine dritte Partie“, sagte der Prinz. „Diesmal gibst du mir den zurück, der genauso aussieht wie ich.“

Die Frau wurde blass.

„Ich kenne niemanden.“

„Wir haben eine ehrliche Partie vereinbart.“

Sie schwieg lange und öffnete schließlich die verschlossene Tür.

Der ältere Bruder kam heraus.

Die Zwillinge umarmten sich, die Welpen sprangen um sie herum, und die Habichte kreisten über dem Dach.

„Ich habe nicht nur beim Würfeln verloren“, sagte der Ältere. „Ich habe meine Vorsicht verloren.“

Die Rakshasi sah die Brüder an.

„Wenn ihr nach Hause wollt, solltet ihr zuerst die Wahrheit über euren Lehrer erfahren.“

Sie erzählte, dass der Asket seit Jahren einen geheimen Weg zur „Vollkommenheit“ suchte. Er glaubte, ein Mensch werde groß, wenn er andere seinem Willen unterwerfen könne. Bei einem alten Tempel der Göttin Kali hatte er einen verborgenen Raum eingerichtet und sechs Reisende verzaubert, die sich geweigert hatten, ihm zu dienen.

„Euer älterer Bruder sollte der siebte werden“, sagte sie. „Nicht als Opfer der Göttin, sondern als weiterer Beweis für seine eigene Macht. Er versteckt sich hinter einem heiligen Ort, doch die Magie und die Entscheidung gehören ihm allein.“

Die Brüder gingen zum Tempel.

Sie betraten ihn still und respektvoll. In einem Seitensaal standen sechs steinerne Gestalten. Als der ältere Prinz näher kam, meinte er, Stimmen aus dem Stein zu hören.

„Hab keine Angst.“

„Auch wir haben diesem Mann einmal geglaubt.“

„Seine Macht hängt an der schwarzen Schnur um seinen Stab.“

„Wenn er seine Magie vorbereitet, legt er den Stab vor sich und zeigt, wie man sich verbeugen soll. Dann kann man die Schnur entfernen.“

Die Brüder bedankten sich und kehrten zur Hütte zurück.

Einige Tage später sagte der Asket zum älteren Prinzen:

„Die Zeit für deine letzte Lektion ist gekommen. Wir gehen zum Tempel.“

Der jüngere Bruder blieb mit den Tieren in der Nähe.

Im Tempel legte der Asket den Stab mit der schwarzen Schnur vor sich.

„Knie nieder und wiederhole, was ich tue.“

Der Prinz tat, als verstehe er nicht.

„Ich fürchte, es falsch zu machen. Zeig es zuerst.“

Der Asket seufzte ungeduldig, kniete nieder und beugte sich vor.

In diesem Moment nahm der Prinz den Stab und zog die schwarze Schnur ab.

Sie zerfiel zu trockenen Fäden.

Ein leises Summen ging durch den Tempel, wie Wind zwischen Bäumen. Im Seitensaal knackte Stein.

Einmal.

Dann wieder.

Und wieder.

Die sechs steinernen Hüllen sprangen auf, und lebende Menschen traten heraus. Sie waren erschöpft, aber unverletzt.

Der Asket sprang auf.

„Was hast du getan? Ich habe so viele Jahre nach Vollkommenheit gesucht!“

Der ältere Prinz antwortete ruhig:

„Du hast nicht Vollkommenheit gesucht. Du hast Macht über andere gesucht.“

Der jüngere Bruder trat mit den beiden Hunden in den Tempel. Über dem Eingang landeten die Habichte.

Der Asket begriff, dass seine Magie verschwunden war. Er konnte niemanden mehr festhalten und verließ den Wald allein, ohne Schüler und ohne Zauberstab.

Die Brüder halfen den sechs befreiten Reisenden, nach Hause zurückzukehren. Danach verabschiedeten sie sich von der Rakshasi. Sie öffnete alle Türen ihres merkwürdigen Hauses und versprach, keine zufälligen Reisenden mehr in Spiele mit unfairen Bedingungen zu locken.

Als die Prinzen sich dem Palast näherten, standen ihre Bäume im Hof wieder grün und kräftig.

König und Königin liefen ihnen entgegen.

„Hast du die Vollkommenheit gefunden?“, fragte der Vater seinen älteren Sohn, als sich alle beruhigt hatten.

Der Prinz lachte.

„Nein. Und jetzt bin ich froh darüber.“

„Warum?“

„Weil ein Mensch, der glaubt, vollkommen zu sein, aufhört zu lernen. Ich werde lieber jeden Tag ein wenig aufmerksamer, ein wenig ehrlicher und ein wenig freundlicher.“

Der jüngere Bruder fügte hinzu:

„Und manchmal hilft es auch, gut würfeln zu können.“

Alle lachten.

So wurde aus dem alten Traum von magischer Vollkommenheit eine einfachere Lehre: Weisheit kann man niemandem wegnehmen, nicht in einem einzigen Ritual gewinnen und nicht aus der Angst anderer beziehen.

Man sammelt sie Stück für Stück, wie einen langen Weg aus vielen einzelnen Schritten.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨