

Indien
Der Ochse, der eine Wette gewann
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 4 Min.

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Der Ochse, der eine Wette gewann
Ein Bauer besaß einen außergewöhnlich starken Ochsen. Das Tier half ihm auf dem Feld, zog schwere Säcke und brachte Wagen über Wege, auf denen andere Ochsen längst stehen geblieben wären.
Der Bauer war sehr stolz auf seinen Helfer.
Eines Tages prahlte er auf dem Marktplatz:
„Mein Ochse ist so stark, dass er eine Reihe von hundert Wagen ziehen kann!“
Die Leute lachten.
„Hundert Wagen? Jetzt übertreibst du aber.“
„Keineswegs“, sagte der Bauer. „Ich wette sogar darauf.“
Sie vereinbarten eine große Summe Silber.
Am nächsten Morgen brachte man hundert leere Wagen auf den Platz und verband sie miteinander.
Eine große Menge versammelte sich.
Alle wollten sehen, ob ein einzelner Ochse wirklich eine so lange Wagenreihe bewegen konnte.
Der Bauer war nervös.
Plötzlich bekam er Angst, alle könnten ihn auslachen, wenn der Ochse nicht sofort losging.
Statt seinen alten Gefährten freundlich zu ermutigen, rief er scharf:
„Los! Zieh! Steh nicht herum, du Faulpelz!“
Der Ochse hörte diese Worte und blieb stehen.
Nie zuvor hatte sein Besitzer so mit ihm gesprochen.
„Los!“, schrie der Mann noch einmal.
Der Ochse machte keinen Schritt.
Die Zuschauer murmelten.
Der Bauer verlor die Wette und musste das Silber bezahlen.
Auf dem Heimweg ging er mit gesenktem Kopf.
„Ich verstehe das nicht“, sagte er immer wieder. „Du hast schon schwerere Lasten gezogen. Warum hast du heute nicht einmal versucht?“
Am Abend brachte er dem Ochsen Futter.
Das Tier sah ihn mit seinen großen ruhigen Augen an.
„Seit vielen Jahren arbeite ich an deiner Seite“, sagte der Ochse. „Du hast immer freundlich mit mir gesprochen. Heute hast du mich vor allen Leuten einen Faulpelz genannt, als hätte ich dir nie geholfen.“
Der Bauer senkte den Blick.
Nun verstand er.
„Verzeih mir“, sagte er. „Ich hatte Angst zu verlieren und vergaß, dass du kein Werkzeug bist, sondern mein Gefährte. Ich werde nicht noch einmal so mit dir sprechen.“
Der Ochse schwieg eine Weile.
„Gut. Morgen gehen wir wieder auf den Platz. Wenn du mich freundlich bittest, zeige ich, was ich kann.“
Am nächsten Tag kam der Bauer erneut zum Markt.
Die Leute staunten.
„Willst du noch einmal verlieren?“
„Nein“, lächelte er. „Heute möchte ich einen Fehler wiedergutmachen.“
Wieder wurden hundert Wagen miteinander verbunden.
Der Bauer legte dem Ochsen einen kleinen Blumenkranz um den Hals, strich ihm über die Stirn und sagte leise:
„Mein Freund, du bist stark und zuverlässig. Hilf mir bitte. Zeig ihnen, was du kannst.“
Der Ochse stemmte die Hufe in die Erde.
Einmal.
Noch einmal.
Das erste Rad knarrte.
Dann bewegte sich der zweite Wagen.
Der dritte.
Der zehnte.
Und bald rollte die ganze lange Reihe über den Platz.
Die Menge jubelte.
„Unglaublich!“
„Er schafft es wirklich!“
Ruhig zog der Ochse alle hundert Wagen bis zur vereinbarten Stelle und blieb dort stehen.
Die Menschen gaben dem Bauern sein verlorenes Geld zurück und zahlten den Gewinn der neuen Wette.
Doch diesmal freute der Mann sich nicht am meisten über das Silber.
Er legte die Arme um den Hals des Ochsen.
„Heute hast du mir etwas beigebracht, das wertvoller ist als jeder Gewinn.“
Der Ochse bewegte ein Ohr.
„Was denn?“
„Dass ein gutes Wort manchmal stärker ist als der lauteste Befehl.“
Gemeinsam gingen sie nach Hause.
Von da an erinnerte der Bauer sich jedes Mal, wenn er jemanden zu einer schweren Arbeit bewegen wollte, an die hundert Wagen.
Und er wählte seine Worte so sorgfältig aus, wie ein guter Handwerker sein Werkzeug auswählt.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
