Cover: Der Palast der Adler

Israel

Der Palast der Adler

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Israel
Alter
7–11 Jahre
Dauer
9 Min.
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Der Palast der Adler

Weit im Osten, dort, wo die ersten Sonnenstrahlen das Meer berühren, lag ein großes und fruchtbares Königreich.

Die Felder trugen reichlich Getreide, die Gärten waren voller Früchte, und in den Flüssen gab es genug Wasser. Die Menschen waren an Wohlstand gewöhnt und dachten kaum daran, dass eine Ernte einmal schlechter ausfallen oder der Regen ausbleiben könnte.

Auch der König dachte selten darüber nach.

Er liebte Feste, Spaziergänge und lange Ausflüge mehr als Regierungsgeschäfte. Wenn seine Ratgeber mit wichtigen Schriftrollen kamen, winkte er oft ab.

„Ihr seid doch meine Ratgeber. Entscheidet ihr.“

Dann wandte er sich etwas Unterhaltsamerem zu.

So vergingen die Jahre.

Eines Sommers blieb der Himmel lange wolkenlos. Die Erde trocknete aus, das Gras wurde gelb, und die Ähren blieben dünn. Die Ernte fiel deutlich kleiner aus als sonst.

Im Winter wurden die Menschen unruhig.

„Wir müssen die Vorräte gerecht verteilen“, sagten die einen.

„Wir müssen genug Saatgut für den Frühling aufbewahren“, warnten andere.

Doch die Speicher waren schlecht gefüllt. Niemand hatte sich daran gewöhnt, für schwierige Zeiten etwas zurückzulegen.

Als die Ältesten der Städte zum König kamen, sah er zum ersten Mal, wie ernst die Menschen besorgt waren.

Er dachte nach.

Dann sagte er:

„Hinter den Bergen liegen Länder, die wir nicht kennen. Vielleicht gibt es dort fruchtbare Felder und neue Wege. Ich werde selbst hinreisen.“

Die Ratgeber waren nicht sicher, ob das die beste Lösung war. Aber der König hatte bereits befohlen, alles für die Reise vorzubereiten.

Mit ihm zogen erfahrene Reisende, einige Soldaten und ein weiser Mann namens Muflog. Er kannte viele Sprachen und, so erzählte man, verstand sogar die Stimmen der Vögel.

Drei Tage lang stieg die Gruppe über felsige Hänge, bis sie einen schmalen Pass fand.

Hinter den Bergen lag eine völlig andere Welt.

Zuerst führte der Weg durch einen alten Wald. Die Bäume waren so gewaltig, dass mehrere Menschen sich an den Händen hätten fassen müssen, um einen Stamm zu umschließen. Die Äste verflochten sich hoch über den Köpfen, und selbst am Tag lag darunter grünes Halbdunkel.

Der Wald war seltsam still.

Kein Vogel sang.

Kein Tier knackte einen Zweig.

„Als würde hier alles schlafen“, flüsterte einer der Reisenden.

Vier Tage wanderten sie durch den stillen Wald.

Dann öffneten sich die Bäume.

Vor ihnen lag eine weite Ebene. Ein großer Fluss durchzog sie, und jenseits davon erhob sich ein Berg.

Auf seinem Gipfel glänzte etwas in der Sonne.

„Felsen?“, fragte der König.

Muflog kniff die Augen zusammen.

„Zu regelmäßig. Das sieht nach Türmen aus.“

Sie überquerten den Fluss an einer flachen Stelle und näherten sich dem Berg.

Am nächsten Morgen fanden sie einen alten Pfad, fast ganz unter Moos und Gras verschwunden.

Der Weg war steil.

Als sie etwa die Hälfte geschafft hatten, flog ein großer Adler über ihnen.

Er kreiste einmal, rief und verschwand in Richtung Gipfel.

„Also lebt hier jemand“, sagte der König.

Doch oben fanden sie weder Dorf noch Stadt.

Vor ihnen stand ein riesiger Palast.

Die Mauern waren aus dunklem Stein. Die Türme ragten hoch in den Himmel. Auf Gesimsen und Dächern lagen Adlernester.

Am erstaunlichsten war jedoch:

Der Palast hatte keinen sichtbaren Eingang.

Die Reisenden gingen einmal um das Gebäude.

Dann noch einmal.

Keine Tür.

Kein Tor.

Nicht einmal eine kleine Pforte.

„Ein Palast ohne Eingang? Das kann doch nicht sein.“

Auf einem niedrigeren Turm saß ein junger Adler.

Der König sah zu Muflog.

„Kannst du mit ihm reden?“

Der Weise rief den Vogel in langen, seltsamen Lauten.

Der Adler legte den Kopf schief, hörte zu und antwortete scharf.

Muflog übersetzte:

„Er sagt, er sei noch viel zu jung. Er erinnert sich an nichts. Er ist erst einige hundert Jahre alt.“

Alle blickten schweigend nach oben.

„Einige hundert?“, fragte der König.

„Für die Adler dieses Palastes scheint das jung zu sein“, sagte Muflog.

Der junge Adler schickte sie zu seinem Vater auf einem höheren Turm.

Auch der wusste nichts Sicheres.

„Fragt meinen Vater“, lautete seine Antwort. „Er ist der Älteste.“

Also stiegen sie noch höher.

Auf dem höchsten Turm lag in einem riesigen Nest ein uralter Adler. Sein Gefieder war grau geworden, seine Augen halb geschlossen.

Muflog musste lange rufen, bis der Vogel erwachte.

Als er nach dem Eingang gefragt wurde, dachte der alte Adler so lange nach, dass er zwischendurch beinahe wieder einschlief.

Schließlich sagte er:

„Als ich ein Küken war, erzählte mein Großvater eine Geschichte, die er von seinem Großvater gehört hatte. Früher lebten Menschen in diesem Palast. Dann wurde er verlassen. Der Wind trug Jahr für Jahr Erde und Staub an die Mauern. Vielleicht liegt die Tür darunter.“

„Wo genau?“

Der Adler schloss wieder die Augen.

Alle glaubten schon, er schlafe.

Da flüsterte er:

„Der erste Sonnenstrahl am Morgen fällt direkt auf die Tür.“

Dann schlief er wirklich ein.

In dieser Nacht blieb die Gruppe wach.

Der Himmel wurde heller.

Am Rand der Ebene erschien ein goldener Streifen.

Der erste Sonnenstrahl glitt über die Palastmauer und traf einen grasbewachsenen Hang direkt an ihrem Fuß.

„Dort!“, rief der König.

Sie begannen zu graben.

Zuerst kam der obere Teil eines steinernen Bogens zum Vorschein.

Dann dunkles Holz.

Schließlich eine alte Tür.

Im Schloss steckte noch ein Schlüssel.

Mit großer Mühe ließ er sich drehen.

Die Tür öffnete sich langsam.

Dahinter lag ein langer Korridor.

Alles war voller Staub. Wurzeln waren zwischen die Steine gewachsen, und durch Ritzen drangen dünne grüne Pflanzen.

In der ersten großen Halle fanden sie eine Inschrift.

Muflog wischte den Staub weg und las:

„Wir lebten im Überfluss und glaubten, das würde immer so bleiben. Wir sammelten Schmuck, aber lagerten kein Korn. Als schlechte Ernten kamen, konnte Reichtum nicht zu Brot werden. Die Menschen verließen diese Gegend, und der Palast blieb leer. Wer unser Haus findet, soll daran denken: Ein Vorrat für morgen kann wertvoller sein als eine Truhe voller Gold.“

Im Saal wurde es still.

Der König betrachtete die Worte lange.

Sie gingen weiter.

In einem anderen Raum standen steinerne Figuren früherer Herrscher.

Auf dem höchsten Sockel war noch ein Satz eingraviert.

Muflog las:

„Bereite dich auf den Abend vor, solange der Tag hell ist.“

Der König setzte sich auf eine Stufe und schwieg.

Alle warteten.

Schließlich stand er auf.

„Ich kam hierher, um neue Länder zu suchen. Gefunden habe ich etwas Wichtigeres: eine Erinnerung an meine Pflicht.“

Sie nahmen weder Schmuck noch Steine aus dem Palast.

Am nächsten Morgen traten sie den Heimweg an.

Als sie zurückkehrten, liefen die Menschen auf den Platz.

„Was habt Ihr gebracht? Korn? Neue Herden? Schätze?“

Der König schüttelte den Kopf.

„Ich habe eine Entscheidung mitgebracht.“

Von diesem Tag an änderte er sich.

Zuerst ließ er alle Vorräte genau zählen und so verteilen, dass sie bis zum Frühling reichten.

Ein Teil des Getreides blieb für die Aussaat.

In den Städten wurden Speicher für schlechte Jahre gebaut.

An den Flüssen entstanden Bewässerungskanäle.

Auf den Feldern wurden verschiedene Pflanzen angebaut, damit nicht eine einzige schlechte Ernte alles gefährdete.

Der König schob wichtige Entscheidungen nicht mehr wegen Vergnügungen auf.

Er hörte Bauern, Handwerkern, Händlern und Ältesten zu.

Mit der Zeit kehrte der Regen zurück.

Die Felder wurden grün.

Die Speicher füllten sich.

Doch auch in Jahren großer Ernten blieb ein Teil unangetastet.

„Warum?“, fragten die Kinder manchmal.

Die Erwachsenen antworteten:

„Weil manche Dinge getan werden müssen, solange noch alles gut ist.“

Der König sah den Palast der Adler nie wieder.

Aber in der Halle seines Rates ließ er einen Satz aus dem fernen Palast in Stein meißeln:

„Bereite dich auf den Abend vor, solange der Tag hell ist.“

Und jedes Mal, wenn die Sonne über seinem Reich aufging, erinnerte ihn dieser Satz daran:

Weisheit bedeutet nicht, heute am meisten zu besitzen.

Weisheit bedeutet, auch an morgen zu denken.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨