

Ungarn
Der Pelikan
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Ungarn
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 12 Min.

Märchen anhören
Der Pelikan
In einem fernen Königreich lebte ein alter König. Allen im Palast fiel etwas Merkwürdiges an ihm auf: Das eine Auge schien oft zu lächeln, während das andere traurig wirkte.
Der König hatte drei Söhne. Der älteste liebte prächtige Rüstungen und Feste. Der mittlere interessierte sich vor allem für Pferde. Der jüngste Prinz, zwölf Jahre alt, liebte Vögel. Stundenlang konnte er im Garten sitzen und den Lerchen und Drosseln zuhören.
An einem Frühlingsmorgen sprachen die Brüder über ihren Vater.
„Warum ist er nie ganz fröhlich?“, fragte der Jüngste.
Die beiden Älteren zuckten mit den Schultern.
„Frag ihn doch, wenn du so mutig bist.“
Der älteste Bruder hatte es früher schon einmal versucht, doch der König hatte nur abgewinkt. Auch der mittlere hatte nichts erfahren.
Der Jüngste ging trotzdem zu ihm.
„Vater“, sagte er, „ich möchte Euch nicht traurig machen. Sagt mir nur, was Euch fehlt.“
Der König schwieg lange.
Dann ließ er seinen Sohn neben sich sitzen.
„Mein lächelndes Auge freut sich, weil ich drei Söhne habe. Mein trauriges Auge erinnert sich an einen Vogel, den ich einst verlor.“
„Was für einen Vogel?“
„Einen Zauberpelikan. Sein Gesang war so schön, dass alte Menschen sich danach wieder jünger fühlten und traurige Menschen sich daran erinnerten, warum es sich lohnt, morgens aufzustehen. Eines Tages verschwand der Pelikan. Seitdem habe ich ihn nie wieder gesehen.“
Der jüngste Prinz stand auf.
„Wir werden ihn finden.“
Als die älteren Brüder von dem Vogel hörten, wollten auch sie aufbrechen. Sie nahmen die besten Pferde und reichlich Geld mit.
Für den Jüngsten blieb kein gutes Pferd übrig.
Er nahm etwas Brot und ging zu Fuß.
Hinter dem Dorf saß ein alter Wanderer am Weg.
„Willst du ein Stück mit mir teilen?“, fragte er.
Der Prinz brach die Hälfte seines Fladens ab.
„Nehmt. Zu zweit ist selbst ein langer Weg ein bisschen kürzer.“
Der Alte lächelte.
„Du suchst den Pelikan.“
Der Prinz staunte.
„Woher wisst Ihr das?“
„Es gibt viele Straßen auf der Welt, aber gute Absichten sind schon von weitem zu erkennen. Hör gut zu. Der Pelikan befindet sich jenseits des Operenzischen Meeres. Ein gewöhnliches Pferd kommt nicht dorthin. In der Nähe lebt jedoch eine alte Zauberin. Sie besitzt zwei Pferde, die noch niemand drei Nächte hintereinander bewachen konnte. Wenn du es schaffst, erhältst du eine Belohnung.“
Der Alte gab dem Prinzen eine kleine silberne Flöte mit drei Öffnungen.
„Die erste ruft den Herrscher der Insekten, die zweite den Herrscher der Fische und die dritte den Herrscher der Mäuse. Verlier sie nicht.“
Am Abend klopfte der Prinz an die Tür der Zauberin.
„Ich möchte drei Tage für Euch arbeiten.“
Die Alte kniff die Augen zusammen.
„Meine Aufgabe klingt einfacher, als sie ist. Jede Nacht hütest du zwei Pferde auf der Seidenwiese. Wenn du am Morgen beide zurückbringst, hast du bestanden. Wenn nicht, gehst du mit leeren Händen.“
„Abgemacht.“
In der ersten Nacht führte der Prinz die Pferde auf die Wiese. Kaum hatte er sich unter einen Baum gesetzt, überkam ihn ein seltsamer Schlaf. Als er erwachte, waren die Pferde verschwunden.
Er erinnerte sich an die Flöte und öffnete die erste Öffnung.
Von allen Seiten summten Flügel heran.
„Was wünschst du?“, brummte eine riesige Mücke mit silberner Krone.
„Ich suche zwei Pferde.“
Die Insekten schwärmten aus und brachten bald zwei Greife herbei. Der Prinz berührte sie mit den Zügeln, und schon wurden sie wieder zu Pferden.
Die Zauberin brummte nur.
In der zweiten Nacht geschah dasselbe. Diesmal öffnete der Prinz die zweite Öffnung.
Aus dem Fluss hob ein großer Karpfen mit goldener Krone den Kopf.
„Suchen wir im Wasser?“
„Genau dort.“
Die Fische durchsuchten alle Buchten und fanden zwei goldene Fischlein. Der Prinz berührte sie mit den Zügeln, und vor ihm standen wieder die beiden Pferde.
In der dritten Nacht hatten sie sich unter der Erde versteckt. Der Prinz öffnete die dritte Öffnung.
Aus den Löchern lugten Hunderte Schnurrhaare hervor.
„Was hast du verloren?“, piepste der Mäusekönig.
„Zwei Pferde.“
Die Mäuse verschwanden unter der Erde und jagten kurz darauf zwei graue Ratten aus einer Vorratskammer. Der Prinz berührte sie mit den Zügeln, und wieder wurden sie zu Pferden.
Am Morgen sagte die Zauberin:
„Du hast alle drei Nächte bestanden. Wähle Gold, Silber, kostbare Kleidung oder Pferde aus meinem Stall.“
Der Prinz schüttelte den Kopf.
„Ich brauche etwas anderes. Hinter Eurem Stall steht ein altes Fohlen, das alle für wertlos halten. Außerdem hängt auf dem Dachboden ein alter Zaum. Gebt mir diese beiden Dinge.“
Die Zauberin betrachtete ihn lange.
„Wer hat dir das geraten?“
„Ein guter Mann am Weg.“
„Dann nimm sie.“
Das Fohlen konnte sich kaum auf den Beinen halten. Der Prinz führte es zum Bach, ließ es trinken, wusch es und legte ihm den alten Zaum an.
Da geschah ein Wunder.
Sein Fell begann golden zu leuchten, sein Rücken richtete sich auf, und in seinen Augen flackerte helles Feuer.
„Steig auf, Herr“, sagte das Pferd. „Ich kenne den Weg.“
„Du kannst sprechen?“
„Wenn es nötig ist.“
Das Pferd stieg so leicht in die Luft wie ein Vogel. Sie flogen über Felder, Berge und Flüsse und holten schließlich die älteren Brüder ein.
„Hier teilt sich der Weg“, sagte der Älteste. „Jeder sucht für sich. In einem Jahr treffen wir uns wieder an dieser Stelle.“
So geschah es.
Der Jüngste ritt nach links. Er durchquerte einen goldenen Wald, dann einen silbernen und erreichte schließlich das Operenzische Meer.
An den beiden Ufern standen riesige Bäume. Zweimal im Jahr neigten sich ihre Wipfel zueinander und berührten sich mit den Ästen, sodass eine Brücke entstand.
Gerade an diesem Tag kamen die Bäume zusammen.
Der Prinz ließ sein Pferd auf einer grünen Wiese zurück und überquerte das Meer über die Äste.
Auf der anderen Seite traf er eine uralte Frau.
„Ich suche den Zauberpelikan“, sagte er.
„Ich habe von ihm gehört“, antwortete sie. „Geh durch den silbernen Wald. Dort lebt meine ältere Schwester.“
Die Schwester schickte ihn durch einen kupfernen Wald zu einer noch älteren Frau.
Diese sagte schließlich:
„Der Pelikan ist nicht weit entfernt. Man hält ihn in einem alten Steinturm gefangen. Die Menschen, die ihn vor vielen Jahren fortgebracht haben, konnten ihn nie dazu bringen, für sie wirklich zu singen.“
Mehrere Abende ging der Prinz zum Turm und lauschte. Doch jedes Mal schlief er bei einem leisen Klingeln ein.
Am siebten Abend band er einen dünnen Faden an seinen Finger und das andere Ende an die Türklinke. Als sich die Tür öffnete, zog der Faden an seiner Hand, und er erwachte.
Dann hörte er den Gesang.
Es war nicht einfach eine Vogelstimme. Es klang, als würden gleichzeitig Bäche plätschern, Bäume rauschen und Kinder lachen.
Als alle fort waren, öffnete der Prinz den Käfig.
Der Pelikan sah ihn aufmerksam an.
„Kommst du mit mir nach Hause?“
Der Vogel trat von selbst auf seinen Arm.
Auf dem Rückweg besuchte der Prinz die drei alten Frauen. Für jede sang der Pelikan. Ihre Rücken richteten sich auf, ihre Schritte wurden leichter, und ihre Augen leuchteten.
„Nicht die Jugend selbst ist das Kostbarste“, sagte eine von ihnen. „Sondern das Gefühl, dass noch gute Tage vor einem liegen.“
Der Prinz überquerte das Meer, setzte sich auf sein goldenes Pferd und kehrte zum Treffpunkt der Brüder zurück.
Dort erfuhr er, dass die Älteren fast das ganze Jahr in Städten verbracht, ihr Geld ausgegeben und beim Wirt Schulden gemacht hatten.
Der Jüngste bezahlte ihre Rechnung.
„Lasst uns nach Hause reiten. Vater wartet.“
Als die älteren Brüder den Pelikan sahen, schämten sie sich. Doch bald verwandelte sich ihre Scham in Neid.
Kurz vor der Heimat sagten sie:
„Übernachten wir hier. Morgen kommen wir gemeinsam nach Hause.“
In der Nacht nahmen sie den Käfig mit dem Pelikan und die Pferde und ritten leise davon. Den jüngsten Bruder ließen sie bei einer Waldhütte zurück und redeten sich ein, er werde schon irgendwie allein nach Hause finden.
Am Morgen begriff der Prinz, was geschehen war.
Nicht der Verlust des Vogels tat ihm am meisten weh, sondern der Verrat seiner Brüder.
„Ich habe ihnen doch geholfen“, flüsterte er.
In der Nähe lebte ein alter Schweinehirt. Er hörte den Jungen und bat ihn in seine Hütte.
„Sei nicht verzweifelt. Der Weg zur Wahrheit ist manchmal länger als der Weg nach Hause.“
Gemeinsam gingen sie zu Fuß in die Hauptstadt.
Inzwischen brachten die älteren Brüder den Pelikan zum König.
„Wir haben ihn gefunden!“, erklärten sie.
Im Palast versammelten sich alle. Der Käfig wurde mitten in den großen Saal gestellt.
„Sing, kleiner Vogel“, bat der König.
Der Pelikan schwieg.
Man spielte Geige für ihn, brachte Körner und öffnete die Fenster, doch kein Laut kam aus seinem Schnabel.
Am nächsten Tag erschien der alte Schweinehirt im Palast.
„Man sagt, Ihr sucht jemanden, der den Pelikan zum Singen bringt.“
„Du kannst das?“, fragte der König erstaunt.
„Nicht ich. Mein junger Freund.“
Der Prinz trat hinter ihm hervor.
Der Pelikan sah ihn, breitete die Flügel aus und begann sofort zu singen.
Der König erhob sich vom Thron. Sein Gesicht hellte sich auf, seine Schultern richteten sich, und sein trauriges Auge wurde zum ersten Mal seit vielen Jahren ebenso fröhlich wie das andere.
„Mein Sohn!“, rief er.
Der jüngste Prinz erzählte die ganze Geschichte: vom alten Wanderer, den drei Öffnungen der Flöte, der Zauberin, dem goldenen Pferd, den Bäumen über dem Meer, dem Pelikan und dem Betrug der Brüder.
Die Älteren senkten die Köpfe.
„Es ist wahr“, sagte einer.
„Wir hatten Angst, Vater könnte dich mehr lieben als uns“, fügte der andere hinzu.
Der König sah sie streng an.
„Liebe wird nicht wie ein Kuchen aufgeteilt. Aber Vertrauen kann man verlieren.“
Er ließ seine Söhne nicht grausam bestrafen. Stattdessen mussten sie ihre Schulden begleichen, den Menschen helfen, denen sie Schwierigkeiten bereitet hatten, und durch Taten zeigen, dass sie sich verändert hatten.
Der jüngste Bruder vergab ihnen nicht sofort. Doch er wünschte ihnen auch nichts Schlechtes.
Den alten Schweinehirten lud der König ein, in der Nähe des Palastes zu leben.
„Wer einem Menschen hilft, wenn er ganz allein ist, verdient ebenso viel Achtung wie ein Held“, sagte er.
Der Pelikan lebte fortan im großen Palastgarten. Nie wieder wurde er in einen Käfig gesperrt.
Manchmal sang er im Morgengrauen.
Dann wurden die Menschen nicht in Jahren jünger, sondern im Herzen. Sie erinnerten sich an alte Träume, versöhnten sich nach Streit und glaubten wieder daran, dass noch viel Gutes vor ihnen lag.
Und der König blickte von da an mit zwei lächelnden Augen in die Welt.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
