

Chile
Der Pequén und die Kröte
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Chile
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 4 Min.

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Der Pequén und die Kröte
An einem warmen Tag saß eine kleine Kröte am Wasser und wärmte sich in der Sonne. Ihr Rücken war schon angenehm warm, die Beine waren ausgestreckt, und sie hatte überhaupt keine Eile, ins kühle Wasser zurückzukehren.
Rundherum war es still. Nur Insekten summten über dem Gras, und irgendwo im Schilf raschelte es.
Hoch oben am Himmel kreiste jedoch ein Pequén.
Er entdeckte die Kröte von oben und dachte:
„Da ist ja ein gutes Mittagessen!“
Der Pequén legte die Flügel an und sauste hinunter. Er landete so dicht neben ihr, dass die Kröte es mit einem einzigen Sprung nicht mehr bis zum Wasser schaffen konnte.
Sie begriff sofort: Das war ernst.
Doch statt in Panik zu geraten, richtete sie sich auf, neigte höflich den Kopf und sagte:
„Guten Tag, Herr Pequén! Wie geht es Euch? Und wie geht es Euren Offizieren und Soldaten?“
Der Pequén blinzelte verwundert.
„Meinen … wem?“
„Euren Offizieren und Soldaten natürlich“, antwortete die Kröte ungerührt. „Ein so bedeutender Vogel wie Ihr muss mindestens ein General sein.“
Der Pequén fühlte sich gleich ein Stück größer.
„Was für eine wohlerzogene Kröte“, dachte er. „Und wie gut sie sich mit wichtigen Vögeln auskennt!“
Laut sagte er:
„Nun ja … es läuft ganz gut.“
Die Kröte betrachtete ihn aufmerksam.
„Obwohl … wenn ich es mir recht überlege, könnte ich mich auch geirrt haben.“
Der Pequén wurde aufmerksam.
„Geirrt?“
„Gewiss. Vielleicht seid Ihr gar kein General.“
Der Pequén runzelte die Stirn.
„Was denn dann?“
„Vielleicht seid Ihr selbst der Präsident aller Vögel in dieser Gegend!“, sagte die Kröte feierlich. „Ihr habt eine außerordentlich würdevolle Haltung.“
Der Pequén breitete zufrieden die Flügel aus.
„Hm. Das klingt schon eher richtig.“
Die Kröte schielte währenddessen zum Wasser. Es war ganz nah. Ein guter Sprung, und sie wäre in Sicherheit. Doch der Pequén ließ sie keine Sekunde aus den Augen.
Sie brauchte noch etwas Zeit.
„Herr General … oder vielleicht Herr Präsident“, fuhr sie sanft fort, „ich hätte eine kleine Bitte.“
„Was für eine Bitte?“
„Esst mich heute nicht.“
Der Pequén legte den Kopf schief.
„Warum nicht?“
„Passt es denn zu einer so bedeutenden Persönlichkeit, Zeit an eine kleine Kröte zu verschwenden? Rundherum gibt es so viel anderes Futter. Und ich bin nach meinem morgendlichen Schwimmen auch noch ganz dünn.“
Der Pequén dachte nach.
Er genoss es wirklich, wie eine wichtige Persönlichkeit angesprochen zu werden. Andererseits hatte er Hunger.
„Ich weiß nicht“, sagte er. „Vielleicht lasse ich dich laufen. Vielleicht auch nicht.“
Die Kröte nickte so ernst, als hätte der Pequén gerade eine außerordentlich kluge Entscheidung verkündet.
„Natürlich. Eine so wichtige Frage darf man nicht übereilt entscheiden.“
Der Pequén wurde noch stolzer.
Und genau da gähnte er.
Für einen winzigen Augenblick schlossen sich seine Augen.
Darauf hatte die Kröte gewartet.
Hopp!
Sie sprang ins Wasser, so schnell, dass der Pequén nur noch ein Platschen hörte.
Als er die Augen wieder öffnete, war der Platz vor ihm leer.
„He!“, rief er.
Aus dem Wasser blickten bereits die runden Augen der Kröte.
„Danke für das Gespräch, Herr General!“, rief sie fröhlich.
Der Pequén wurde wütend.
„Du kleine Schlaumeierin!“
Die Kröte schwamm ein Stück weiter vom Ufer weg.
„Wenn die Beine schwächer sind als die Flügel, muss man eben schneller denken!“
Der Pequén stand noch eine Weile am Wasser, seufzte und flog schließlich fort, um sich ein anderes Mittagessen zu suchen.
Die Kröte kletterte wieder auf einen sonnigen Stein. Diesmal setzte sie sich allerdings etwas näher ans Wasser.
Von da an vergaß sie zwei Dinge nie: Gefahr erkennt man am besten frühzeitig, und Höflichkeit und Klugheit können manchmal sogar dann einen Ausweg öffnen, wenn es zunächst so aussieht, als gäbe es keinen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
