Cover: Der Ring mit dem Edelstein

Sri Lanka

Der Ring mit dem Edelstein

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Sri Lanka
Alter
7–11 Jahre
Dauer
11 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Der Ring mit dem Edelstein

Eine königliche Familie hatte sieben Söhne. Die sechs älteren wuchsen genau so auf, wie ihr Vater es erwartete: Sie standen früh auf, ritten, lernten, Dienern Befehle zu geben, stritten über die Jagd und träumten von Ruhm im Krieg. Der jüngste war ganz anders. Er saß gern im Schatten der Bäume, lauschte lange den Vögeln und dachte nach, bevor er etwas sagte. Er war nicht faul. Er tat die Dinge einfach in seinem eigenen Tempo. Das ärgerte den König. „Du wirst langsam erwachsen, und ich weiß noch immer nicht, was du kannst“, sagte er eines Tages. „Ich möchte nicht, dass du dich dein Leben lang hinter den Palastmauern versteckst. Zieh hinaus. Sieh die Welt und lerne selbst zu entscheiden, wer du sein möchtest.“ Die Königin war traurig. Doch sie wusste, dass es für ihren Sohn tatsächlich Zeit war, sich zu erproben. Sie gab ihm etwas Geld und einen kleinen Sack Reis und sagte: „Versuche nicht, deinen Brüdern ähnlich zu werden. Finde deinen eigenen Weg.“ Der Prinz brach allein auf. Auf dem ersten großen Markt sah er einen Mann mit einem Korb. Darin wand sich eine große Kobra. „Warum hältst du sie darin fest?“, fragte der Prinz. „Ich verkaufe sie an jemanden, der gut bezahlt“, antwortete der Mann. Die Schlange schlug gegen die geflochtenen Korbwände und versuchte zu entkommen. Der Prinz hatte Mitleid. „Ich gebe dir Geld, wenn du den Korb öffnest und mir erlaubst, sie weit von den Menschen wegzubringen.“ Der Mann stimmte zu. Der Prinz trug die Kobra zu einer stillen Höhle am Wald und ließ sie frei. „Jetzt bist du frei“, sagte er. Die Kobra hob den Kopf, als betrachtete sie ihn aufmerksam. Dann verschwand sie zwischen den Steinen. Am nächsten Tag sah der Prinz auf einem anderen Markt einen Papagei in einem engen Käfig. Der Vogel war bunt, doch er schwieg und ließ die Flügel hängen. Wieder gab der Prinz einen Teil seines Geldes aus, damit der Käfig geöffnet wurde. „Flieg, wohin du möchtest.“ Der Papagei flog hinaus, zog zwei Kreise über dem Markt und setzte sich auf die Schulter des Prinzen. „Du bist doch frei“, sagte der junge Mann lachend. „Frei“, schien der Blick des Vogels zu antworten. „Gerade deshalb bleibe ich.“ Einige Tage später traf der Prinz einen zornigen Mann, der einen mageren Kater zum Fluss trug. „Was ist geschehen?“, fragte der Prinz. „Dieser kleine Dieb hat Essen vom Tisch gestohlen. Ich will ihn nicht mehr sehen.“ Der Kater legte die Ohren an und zitterte. Der Prinz bezahlte dem Mann das verlorene Essen und nahm den Kater mit. „Ich weiß nicht, warum du gestohlen hast“, sagte er unterwegs. „Aber wenn du mit mir kommst, lasse ich dich nicht hungern.“ Der Kater schnurrte. Von nun an ging auch er neben dem Prinzen her. Bald war das Geld aufgebraucht. Der Prinz hatte nur noch etwas Reis, einen Papagei auf der Schulter und einen Kater an seinen Füßen. „Vielleicht hatte mein Vater in einem Punkt recht“, sagte er. „Für sich selbst zu sorgen ist schwerer, als es scheint.“ In dieser Nacht machten sie unter einem großen Baum Rast. Plötzlich raschelte es im Gras. Vor dem Prinzen erschien dieselbe Kobra, die er gerettet hatte. Langsam kroch sie voran und schaute immer wieder zurück. „Sie möchte wohl, dass wir ihr folgen“, sagte der Prinz. Die Kobra führte sie zu einem Höhleneingang und weiter in ein wunderbares unterirdisches Reich. Dort funkelten Steine wie Sterne. In einer geräumigen Halle saß Nagaraja, der Herrscher der Nagas. Die Kobra kroch zu ihm, und er lauschte ihrem stummen Bericht. Dann wandte er sich an den Prinzen: „Du hast einer von uns geholfen, ohne zu wissen, ob du etwas dafür bekommen würdest. Darum nimm dieses Geschenk.“ Er reichte ihm einen kleinen Ring mit einem Edelstein. „Dieser Ring erfüllt Wünsche. Aber merke dir: Ein Zauberding macht einen Menschen nicht weise. Es zeigt nur schneller, was er wirklich möchte.“ Der Prinz verbeugte sich. Als er an die Oberfläche zurückkehrte, war sein erster Wunsch nicht Gold. „Ich wünsche mir ein Zuhause, in dem wir ohne Angst und Hunger leben können.“ Der Stein am Ring begann zu leuchten. Am Meer erschien ein schöner Palast mit kühlen Sälen, einem Garten und Vorratskammern, die genug Essen für Bewohner und Gäste enthielten. Der Prinz, der Papagei und der Kater zogen ein. Doch bald begriff der Prinz: Ein großes Haus ist bequem, aber es ersetzt keine lebendigen Gespräche. Eines Tages machte eine Gruppe Reisender beim Palast Halt. Unter ihnen war eine junge Prinzessin aus dem Nachbarreich. Schlechtes Wetter hatte ihre Reise aufgehalten, und der Prinz lud alle ein, sich auszuruhen. Die Prinzessin war neugierig und ließ sich von den Marmorböden nicht besonders beeindrucken. „Woher kommt dieser Palast?“, fragte sie. „Das ist eine lange Geschichte“, antwortete der Prinz. „Wunderbar. Ich mag lange Geschichten.“ So wurden sie Freunde. Als die Wege getrocknet waren, reiste die Prinzessin nach Hause. Doch sie kehrte noch oft zum Palast am Meer zurück. Mit der Zeit beschlossen die beiden, beieinander zu leben und Aufgaben und Reisen miteinander zu teilen. Niemand erschuf jemanden durch Zauberei oder befahl dem anderen zu bleiben. Es war ihre eigene Entscheidung. Eines Morgens badete die Prinzessin am Ufer. Ein langes Haar löste sich aus ihrem Zopf, legte sich auf eine Welle und trieb aufs Meer hinaus. Einige Tage später fand ein Fischer es weit entfernt. Es war so lang und glänzend, dass er es als Merkwürdigkeit zu seinem König brachte. Der König wurde neugierig. „Wem gehört es?“ Niemand wusste es. Da sagte eine alte Wanderin: „Ich versuche, die Besitzerin zu finden.“ Sie zog an der Küste entlang, fragte die Menschen aus und entdeckte schließlich den Zauberpalast. Die Prinzessin empfing sie als Gast, gab ihr zu essen und ließ sie ruhen. Die alte Frau war freundlich, aber allzu neugierig. „Ihr habt ein wunderbares Haus. Wer hat es gebaut?“ „Das hat ein Zauberring getan“, antwortete die Prinzessin unvorsichtig. „Er gehört dem Prinzen.“ „Wirklich? Kann er jeden Wunsch erfüllen?“ „Fast jeden. Aber wir versuchen, ihn nur zu benutzen, wenn es nötig ist.“ In der Nacht, als alle schliefen, fand die Wanderin den Ring beim Kopfende des Prinzen und nahm ihn. Sie wollte dem König beweisen, dass sie ihr Versprechen erfüllt hatte. Sie flüsterte einen Wunsch. Im selben Augenblick befand sich die Prinzessin weit entfernt in einem fremden Palast. Als sie erwachte, verstand sie sofort, was geschehen war. Der König begrüßte sie feierlich. „Endlich habe ich die Besitzerin des wunderbaren Haares gefunden. Bleib an meinem Hof.“ „Ich möchte nicht hierbleiben“, antwortete die Prinzessin bestimmt. „Man hat mich ohne meine Zustimmung hergebracht. Ich möchte nach Hause.“ Der König war ratlos. Diese Antwort hatte er nicht erwartet. Die alte Wanderin fürchtete inzwischen, ihr Diebstahl könnte entdeckt werden. Sie versteckte den Ring in einer kleinen Schachtel, diese in einer größeren und jene wieder in einer noch größeren. Das wiederholte sie mehrmals. Dann schloss sie alle Schachteln in der Vorratskammer ein. Unterdessen erwachte der Prinz im Palast am Meer. Er sah, dass der Ring und die Prinzessin verschwunden waren. „Wir müssen sie finden“, sagte er. Der Papagei stieg hoch in den Himmel. Er flog über Straßen, Städte und Paläste, bis er die Prinzessin schließlich im Fenster eines fernen königlichen Hauses entdeckte. Der Vogel kehrte mit der Nachricht zurück. „Jetzt müssen wir den Ring finden“, sagte der Prinz. Der Kater bewegte nachdenklich seine Schnurrhaare. „Wenn etwas in einer Vorratskammer versteckt ist, wer kennt Vorratskammern am besten?“ Natürlich die Mäuse. Der Kater ging in die Stadt und fand den alten Rattenkönig, der unter einem Getreidespeicher lebte. Als sie den Kater sahen, liefen alle Mäuse davon. „Halt!“, sagte der Kater. „Heute bin ich nicht zum Jagen gekommen. Ich brauche Hilfe.“ Er erzählte von dem gestohlenen Ring. Der Rattenkönig kniff die Augen zusammen. „Und was bekommen wir dafür?“ Der Kater überlegte. „Heute und morgen komme ich eurem Getreidespeicher nicht nahe. Außerdem bitte ich die Menschen, die Säcke besser zu verschließen, damit wir nicht alle um das Essen kämpfen müssen.“ „Abgemacht.“ In der Nacht schlüpften die flinksten Mäuse in die königliche Vorratskammer. Sie nagten die erste Schachtel auf. Darin lag eine zweite. Sie nagten die zweite auf: Darin lag die dritte. In der dritten lag die vierte. „Wer versteckt einen Ring denn so?“, fragte die kleinste Maus empört. „Jemand, der große Angst hat, ihn zu verlieren“, antwortete eine ältere. Endlich erreichten sie die kleinste Schachtel. Darin lag der Ring mit dem Edelstein. Der Papagei nahm ihn in den Schnabel und flog zum Prinzen zurück. Als der Ring wieder an seinem Finger steckte, wünschte der Prinz keine Rache. Er sagte nur: „Wenn die Prinzessin zurückkehren möchte, soll sich ihr der Heimweg jetzt öffnen.“ Der Stein blitzte auf. Einen Augenblick später stand die Prinzessin im Saal des Palastes am Meer. „Endlich!“, rief der Prinz. „Endlich“, antwortete sie. „Und nächstes Mal verwahren wir Zauberdinge besser.“ Der Papagei schrie laut, als stimmte er zu. Der Kater setzte sich würdevoll daneben. Später erfuhr der fremde König, wie die Prinzessin in seinen Palast gelangt war, und schickte eine Entschuldigung. Die Wanderin musste alles zurückgeben, was sie genommen hatte, und fasste keine fremden Sachen mehr an. Der Prinz behielt den Ring, benutzte ihn jedoch immer seltener. Denn das wichtigste Wunder war bereits ohne Zauber geschehen. Die Kobra hatte die Güte nicht vergessen. Der Papagei war geblieben, obwohl er hätte davonfliegen können. Der Kater hatte geholfen, weil man ihm einst geholfen hatte. Sogar die Mäuse waren zu Verbündeten geworden, als man ihnen keine Drohung, sondern eine Vereinbarung anbot. Endlich verstand der Prinz, was er seinem Vater im Palast nicht hatte erklären können: Ein Mensch wird nicht allein dadurch nützlich, dass er alles schnell und laut erledigt. Manchmal ist die größte Stärke, jemanden zu bemerken, der Hilfe braucht, und ihm die Hand zu reichen, ohne zu fragen, was man dafür bekommt.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨