

Indien
Der Schakal und das Krokodil
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Der Schakal und das Krokodil
Eines Tages lief der Schakal fröhlich am Ufer eines breiten Flusses entlang. Es war warm, das Wasser glänzte in der Sonne, und vom anderen Ufer wehte der süße Duft reifer wilder Pflaumen herüber.
Der Schakal blieb stehen und kniff die Augen zusammen.
„Was für ein Baum! Und wie viele Früchte daran hängen. Wenn ich nur hinüberkäme!“
Doch der Fluss war tief, und der Schakal konnte nicht schwimmen. Er lief am Ufer hin und her, suchte nach einer flachen Stelle und prüfte die Steine, fand aber keinen Übergang.
Da schwamm flussabwärts ein Krokodil vorbei. Es hielt den Kopf hoch über dem Wasser und bewegte sich mit kräftigem Schwanz ruhig durch die Strömung.
Der Schakal wurde sofort munter.
„Guten Morgen!“, rief er mit seiner freundlichsten Stimme. „Was für ein wunderschöner Fluss heute! Und wie leicht du schwimmst. Niemand bewegt sich so sicher durch das Wasser wie du.“
Das Krokodil wurde langsamer. Das Lob gefiel ihm.
„Guten Morgen, Schakal. Wohin schaust du denn so sehnsüchtig?“
„Dorthin“, sagte er und zeigte auf den Pflaumenbaum. „Ich dachte gerade, wie schön es wäre, dort gemeinsam im Schatten zu sitzen und Früchte zu essen. Leider kann ich nicht schwimmen.“
Das Krokodil schwieg einen Moment.
„Wenn du unbedingt möchtest, kann ich dich ans andere Ufer bringen.“
„Wie freundlich von dir!“, freute sich der Schakal. „Das werde ich nie vergessen!“
Vorsichtig setzte er sich auf den Rücken des Krokodils.
Sie schwammen über den Fluss.
Das Wasser plätscherte, Vögel zogen über ihnen vorbei, und der Schakal blieb trocken und zufrieden.
Am anderen Ufer sprang er sofort herunter und lief zum Baum.
Die Pflaumen waren genauso gut, wie er gehofft hatte: weich, saftig und süß.
„Eine noch... und noch eine... und vielleicht nur noch eine letzte“, murmelte er beim Essen.
Das Krokodil wartete geduldig am Wasser.
Schließlich war der Schakal satt.
„Nun muss ich wieder zurück.“
Das Krokodil trug ihn erneut über den Fluss.
Kaum berührten die Pfoten des Schakals den Boden, sprang er ans Ufer, bedankte sich und lief davon.
„Kommst du wieder?“, rief das Krokodil.
„Bestimmt irgendwann!“, rief er über die Schulter.
Ein Tag verging.
Dann ein zweiter.
Dann ein dritter.
Das Krokodil wartete, aber der Schakal kam nicht.
Schließlich verstand es, dass seine schönen Worte nur dazu gedient hatten, eine kostenlose Überfahrt zu bekommen.
„Was für ein Schlaumeier“, murmelte es verärgert. „Beim nächsten Mal glaube ich ihm nicht so leicht.“
Es kannte eine Stelle, an der der Schakal jeden Tag zum Trinken kam. Dort reichten die Wurzeln eines großen Baumes bis ins Wasser.
Das Krokodil versteckte sich darunter und wartete.
Bald erschien der Schakal.
Er beugte sich zum Wasser.
Plötzlich packte ihn etwas fest am Bein.
Der Schakal wusste sofort, wer es war.
Doch statt zu schreien, lachte er laut.
„Krokodil! Wolltest du mich fangen? Dann hast du dich aber vertan. Du hältst gar nicht mein Bein, sondern eine alte Baumwurzel. Mein echtes Bein ist hier daneben!“
Das Krokodil dachte:
Vielleicht ist es tatsächlich nur eine Wurzel.
Für einen Augenblick lockerte es den Griff, um nach dem „richtigen Bein“ zu schnappen.
Mehr brauchte der Schakal nicht.
Er sprang aus dem Wasser und lief ein gutes Stück zurück.
„Man sollte genauer hinschauen, bevor man etwas packt!“, rief er.
Das Krokodil schlug ärgerlich mit dem Schwanz aufs Wasser.
Am nächsten Tag versuchte es eine andere List.
Es kroch ans Ufer, fand den Bau des Schakals und versteckte sich darin.
„Diesmal bemerkt er mich bestimmt nicht.“
Doch der Schakal war schlau und aufmerksam.
Als er zu seinem Bau kam, sah er im Sand eine breite Spur, die hineinführte.
Er blieb stehen.
„Merkwürdig“, sagte er laut, als spräche er mit sich selbst. „Normalerweise begrüßt mich mein Bau immer, wenn ich nach Hause komme. Heute ist er still.“
Im Bau wurde das Krokodil aufmerksam.
„Soll der Bau wirklich antworten?“, dachte es.
Der Schakal rief:
„Bau, Bau! Warum sagst du heute nicht: Willkommen zu Hause, Schakal?“
Das Krokodil wollte seine Tarnung retten.
Mit tiefer Stimme antwortete es aus der Dunkelheit:
„Willkommen zu Hause, Schakal!“
Der Schakal musste sich sehr beherrschen, nicht laut zu lachen.
„Nun ist alles klar“, sagte er. „Mein Bau hat bisher noch nie gesprochen.“
Er ging einfach fort.
Das Krokodil begriff, dass es sich selbst verraten hatte.
Später kam der Schakal wieder zum Fluss, blieb aber in sicherer Entfernung vom Wasser.
Das Krokodil schwamm in der Mitte der Strömung.
„Du bist sehr klug, Schakal“, sagte es. „Aber noch klüger wäre es, Menschen oder Tiere nicht zu täuschen, die dir geholfen haben.“
Der Schakal schwieg.
Normalerweise fiel ihm immer eine witzige Antwort ein.
Diesmal nicht.
Denn es ist eine Sache, sich mit Verstand aus einer Gefahr zu retten.
Eine andere ist es, das Vertrauen eines anderen auszunutzen.
Von da an erinnerte der Schakal sich jedes Mal, wenn er die reifen Pflaumen am anderen Ufer sah, nicht nur an ihren süßen Geschmack.
Er erinnerte sich auch an das kühle Wasser und an das Krokodil, das ihm geholfen hatte und das er später zweimal überlistet hatte.
Das Krokodil wiederum glaubte schönen Worten nicht mehr sofort.
Es achtete zuerst auf Taten.
Und erst danach entschied es, wem es vertrauen konnte.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
