

Indien
Der Schakal und die Pfauhenne
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der Schakal und die Pfauhenne
Am Rand eines grünen Gartens lebten ein Schakal und eine Pfauhenne. Sie waren sehr verschieden, verstanden sich aber lange Zeit ausgezeichnet.
Jeden Morgen kam der Schakal zu einem alten Pflaumenbaum, unter dem die Pfauhenne gern spazierte.
„Guten Morgen, Nachbarin! Was gibt es Neues?“
„Guten Morgen, Freund! Setz dich in den Schatten und erzähl, wo du unterwegs warst.“
Sie teilten Essen, sprachen über Regen und Sonne, über Feldwege und Vögel am Himmel.
Die Pfauhenne kannte viele Geschichten.
Der Schakal konnte Tierstimmen so lustig nachahmen, dass sie manchmal Tränen lachte.
Eines Tages machten sie gemeinsam ein Picknick.
Die Pfauhenne brachte einen Korb reifer Pflaumen.
Der Schakal brachte ebenfalls etwas zu essen.
Nachdem sie satt waren, sammelte die Pfauhenne alle Pflaumensteine ein, scharrte eine Reihe kleiner Löcher in die weiche Erde und pflanzte sie.
„Warum machst du das?“, fragte der Schakal.
„Meine Mutter hat mir das beigebracht. Wenn man eine Frucht gegessen hat, muss man den Stein nicht wegwerfen. Man kann ihn pflanzen. Vielleicht wächst daraus einmal ein Baum, von dessen Früchten jemand anderes essen kann.“
Der Schakal sah die ordentliche Reihe im Boden und fühlte sich plötzlich unbehaglich.
Es kam ihm vor, als klinge die Pfauhenne belehrend, als wisse nur sie, wie man richtig lebte.
Statt einfach zu sagen, dass ihn das störte, hob er die Nase.
„Pah! Ich pflanze meine Kerne natürlich auch immer“, behauptete er.
„Wirklich?“, fragte die Pfauhenne interessiert.
„Aber selbstverständlich!“
Hastig sammelte der Schakal die Kerne von seinem eigenen Essen, grub einige Löcher und vergrub sie.
Am nächsten Morgen kamen die beiden, um nachzusehen.
„Noch nichts“, sagte die Pfauhenne. „Wir müssen warten.“
Eine Woche verging.
Dann noch eine.
Über den Pflaumensteinen erschienen dünne grüne Keime.
„Sieh!“, freute sich die Pfauhenne. „Sie wachsen.“
Der Schakal betrachtete seine Löcher.
Dort war nichts.
„Meine haben es nicht eilig“, sagte er. „Große Pflanzen überlegen lange, bevor sie aus der Erde kommen.“
Die Pfauhenne blinzelte.
„Natürlich. Vielleicht überlegen sie ein ganzes Jahr.“
„Vielleicht“, brummte der Schakal.
Die jungen Pflaumenbäume wurden größer.
An den Stellen des Schakals blieb der Boden leer.
Die Pfauhenne hatte längst verstanden, dass ihr Freund über etwas geprahlt hatte, das er nicht wusste.
Zuerst fand sie das nur lustig.
Doch nach und nach neckte sie ihn jedes Mal, wenn sie in den Garten kamen.
„Na, großer Gärtner? Ist deine erstaunliche Ernte schon aufgewacht?“
Der Schakal runzelte die Stirn.
„Noch nicht.“
„Was für langsame Pflanzen. Sie haben unter der Erde bestimmt sehr wichtige Geschäfte.“
Anfangs schwieg der Schakal.
Dann wurde er immer ärgerlicher.
Die Pfauhenne sah es, hörte aber trotzdem nicht auf.
Die Zeit verging.
Die jungen Pflaumenbäume blühten.
Später trugen sie Früchte.
An einem sonnigen Tag waren die Pflaumen reif, rund, saftig und süß.
Die Pfauhenne saß unter dem Baum und aß.
Da kam der Schakal müde und hungrig vom Feld zurück.
„Was für wunderbare Pflaumen“, sagte die Pfauhenne. „Schade, dass aus deinen Kernen nichts geworden ist.“
Der Schakal biss die Zähne zusammen.
„Fang nicht wieder damit an.“
Doch die Pfauhenne lachte.
„Vielleicht warten wir noch zehn Jahre. Dann wächst bestimmt ein ganzer Wald.“
„Ich habe gesagt: Genug“, sagte der Schakal leise.
Die Pfauhenne hatte sich in ihren eigenen Scherz hineingesteigert.
„Du bist aber empfindlich! Soll ich dir ein paar Pflaumen aufheben, damit du nicht verhungerst, bis deine Ernte kommt?“
Da verlor der Schakal die Beherrschung.
Er sprang nach vorn.
Die Pfauhenne schrie erschrocken auf, breitete im letzten Moment die Flügel aus und flog auf den unteren Ast des Pflaumenbaums.
Der Schakal blieb darunter stehen und atmete schwer.
Es wurde still.
Die Pfauhenne lachte nicht mehr.
„Du wolltest mich packen“, sagte sie.
Der Schakal senkte den Kopf.
„Ich war sehr wütend.“
„Ich habe gesehen, dass du wütend warst“, sagte die Pfauhenne. „Und ich habe dich trotzdem weiter geneckt. Das war nicht freundlich.“
Der Schakal schwieg.
Dann sagte er:
„Ich habe gelogen, weil mir peinlich war zuzugeben, dass ich nicht weiß, ob meine Kerne wachsen können. Danach hat jeder deiner Witze mich daran erinnert. Aber das gibt mir kein Recht, dir Angst zu machen.“
Die Pfauhenne sah ihn vom Ast aus an.
„Und jetzt?“
„Jetzt gehe ich“, sagte der Schakal. „Ich muss mich beruhigen. Wenn du irgendwann wieder mit mir reden möchtest, werde ich nicht mehr so tun, als wüsste ich alles.“
Er hatte sich schon umgedreht, da fiel eine reife Pflaume vor seine Pfoten.
Der Schakal sah hinauf.
„Für mich?“
„Das ist keine Belohnung für deine Prahlerei“, sagte die Pfauhenne. „Aber niemand sollte wegen eines Streits hungrig bleiben.“
Der Schakal lächelte ein wenig.
„Danke.“
Einige Tage lang trafen sie sich nicht.
Die Pfauhenne pflegte ihre jungen Bäume und dachte darüber nach, dass selbst wahre Worte verletzen können, wenn man sie benutzt, um einen Freund absichtlich zu treffen.
Der Schakal streifte durch die Felder und dachte daran, wie schnell eine kleine Lüge zu einer großen Kränkung geworden war.
Eines Morgens kam er wieder in den Pflaumengarten.
„Guten Morgen, Nachbarin“, sagte er. „Ich habe einen Eimer Wasser für deine Bäume. Davon verstehe ich wirklich etwas: Wenn die Erde trocken ist, braucht sie Wasser.“
Die Pfauhenne kam vom Ast herunter.
„Und ich habe Pflaumen für uns beide. Außerdem verspreche ich, nicht weiterzuwitzeln, wenn ein Witz längst nicht mehr lustig ist.“
Sie setzten sich wie früher in den Schatten.
Diesmal prahlte der Schakal nicht.
Und die Pfauhenne verspottete ihn nicht.
Der junge Pflaumengarten erinnerte beide noch lange an etwas Einfaches:
Freundschaft wächst nicht aus dem Wunsch, klüger zu sein als der andere.
Sie wächst aus Ehrlichkeit, Respekt und der Fähigkeit, rechtzeitig aufzuhören.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
