

Sri Lanka
Der Schildkrötenprinz
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Sri Lanka
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 10 Min.

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Der Schildkrötenprinz
In einer grünen Landschaft, wo die Blätter nach dem Regen wie frisch poliert glänzten, standen zwei große Häuser nicht weit voneinander entfernt. In einem lebte eine Familie mit sieben Töchtern, im anderen eine Familie mit sieben Söhnen. Die sechs älteren Söhne waren gewöhnliche Jungen: laut, flink und immer bereit, um die Wette zu laufen oder darüber zu streiten, wer der Stärkste sei. Der jüngste aber war ganz anders als seine Brüder geboren worden. Er war eine Schildkröte. Keine kleine Schildkröte, die stumm am Teich entlangkroch. Er konnte sprechen, verstand alles genauso gut wie die Menschen und hatte einen erstaunlich ruhigen Charakter. Wenn die Brüder über seinen langsamen Gang lachten, antwortete er: „Langsam bedeutet nicht zu spät. Wichtig ist, zu wissen, wohin man geht.“ Wenn jemand behauptete, er werde zu nichts nütze sein, verbarg er nur ein Lächeln unter dem Rand seines Panzers. Die beiden Nachbarfamilien waren seit vielen Jahren befreundet. Die älteren Kinder wurden erwachsen. Einige heirateten, andere zogen in andere Dörfer. Manchmal scherzten die Erwachsenen, es wäre schön, eines Tages auch durch die jüngsten Kinder miteinander verwandt zu sein. Doch die jüngste Tochter der Nachbarn sagte sofort: „Niemand wird für mich entscheiden. Ich wähle selbst, mit wem ich befreundet bin und wen ich liebe.“ Der Schildkrötensohn hörte das und nickte. „Richtig“, sagte er. „Und für mich entscheidet auch niemand.“ Von da an verstanden sie sich gut. Das Mädchen lachte nicht über sein Aussehen, und er versuchte nicht, sie zu beeindrucken. Sie unterhielten sich einfach, stritten über Kleinigkeiten und halfen einander oft. Eines Morgens dröhnten Trommeln in der Stadt. Die Ausrufer des Königs gingen durch die Straßen und verkündeten: „Hört alle her! Hinter den fernen Hügeln lebt im Haus eines mächtigen Rakshasa der zauberhafte Feuerhahn. Seine Federn leuchten im Dunkeln, und sein Gesang weckt selbst Menschen, die ihre Hoffnung verloren haben. Der König belohnt denjenigen großzügig, der den Vogel zum Palast bringt!“ Viele Mutige wollten sich sofort auf den Weg machen. Doch sobald sie hörten, dass ein Rakshasa den Feuerhahn bewachte, wurden es deutlich weniger. Am Abend sagte der Schildkrötensohn zu seiner Familie: „Ich werde gehen.“ Die Brüder brachen in Gelächter aus. „Du? Zum Rakshasa? Bis du ins Nachbardorf gekrochen bist, ist der Hahn dreimal alt geworden!“ Die Mutter war besorgt. „Mein Sohn, der Weg ist gefährlich.“ „Gerade deshalb muss ich es versuchen“, antwortete er. „Ich möchte herausfinden, was ich kann, statt mein Leben lang nur die Vermutungen anderer zu hören.“ Das Nachbarsmädchen erfuhr von seinem Entschluss. Sie brachte ein kleines Bündel Reis und band es mit festem Stoff zu. „Nimm das mit auf die Reise.“ „Glaubst du, dass ich es schaffe?“ „Ich weiß es nicht“, sagte sie ehrlich. „Aber ich weiß, dass du das Recht hast, es zu versuchen.“ Er dankte ihr und brach auf. Langsam, aber ohne aufzugeben, kam er voran. Wenn die Sonne hoch stand, ruhte er im Schatten. Sobald die Hitze nachließ, ging er weiter. Am dritten Tag erreichte er einen großen Baum am Weg. Er schaute sich um, vergewisserte sich, dass niemand da war, und tat plötzlich etwas Seltsames. Er legte den Panzer ab wie einen Mantel. Darunter stand ein junger Prinz. Seine Schildkrötengestalt war ein Zauber, der ihn seit seiner Geburt begleitete. Nur weit von zu Hause, wenn niemand ihn sah, konnte er seine magische Hülle kurz ablegen. Der Prinz versteckte den Panzer in einer Baumhöhle und ging mit schnellen menschlichen Schritten weiter. Am Abend erreichte er eine ärmliche Hütte. Darin wohnte eine alte Frau. „Ich bin ein Reisender“, sagte er. „Darf ich unter Ihrem Dach übernachten?“ „Ja, mein Sohn“, antwortete die Frau. „Nur habe ich kaum etwas zu essen.“ Sie stellte ihm eine kleine Schüssel Reis hin. Der Prinz öffnete sein Bündel. „Dann teilen wir, was da ist.“ Sie aßen zusammen. Am Morgen dankte der Prinz für die Gastfreundschaft. „Sie haben mir die Hälfte Ihres Abendessens gegeben, obwohl Sie selbst wenig hatten. Möge in Ihrer Vorratskammer immer genau so viel Reis sein, wie Sie brauchen.“ Da geschah ein Wunder. Der leere Krug in der Ecke füllte sich leise mit weißen Körnern. Die alte Frau staunte. Dann reichte sie ihrem Gast einen glatten Stein. „Auch ich möchte dir helfen. Wenn große Gefahr droht, wirf diesen Stein hinter dich.“ In der nächsten Nacht nahm eine zweite arme Frau ihn auf. Auch sie teilte ihr letztes Abendessen mit ihm. Für ihre Güte ließ der Prinz ihr dieselbe Gabe zurück. Zum Abschied gab sie ihm ein kurzes Stück Bambus. „Wirfst du es hinter dich, erinnert es sich daran, wie dicht ein Bambushain sein kann.“ In der dritten Nacht geschah dasselbe. Die dritte Gastgeberin gab dem Wanderer ein schwarzes Stück Holzkohle. „Das ist keine Waffe“, warnte sie. „Es bildet eine Wand aus heißem Licht. Sie verbrennt niemanden, aber hindurchzukommen ist schwer.“ Endlich erreichte der Prinz das Reich des Rakshasa. Das Haus stand zwischen felsigen Hügeln. Im Hof glänzte unter einem Dach ein goldener Käfig. Darin saß der Feuerhahn. Seine Federn leuchteten tatsächlich, als wohnten kleine Morgensterne darin. Der Prinz wartete bis zur Dämmerung, als der Rakshasa nach seiner Nachtwache einschlief. Leise ging er zum Käfig und öffnete die Tür. Der Hahn betrachtete ihn mit einem Auge. „Ich bin nicht gekommen, um dir etwas anzutun“, flüsterte der Prinz. „Wenn du bleiben möchtest, gehe ich allein.“ Der Hahn neigte den Kopf, sprang aus dem Käfig und setzte sich von selbst auf die Schulter des Wanderers. In diesem Augenblick erwachte der Rakshasa. „Wer hat meinen Vogel angefasst?!“ Der Prinz lief los. Hinter ihm dröhnte die Erde: Der Rakshasa verfolgte ihn. Da warf der Prinz den glatten Stein. Er berührte den Boden, und zwischen ihnen erhob sich ein hoher Felsberg. Der Rakshasa ging um ihn herum, kletterte über eine Schlucht und kam wieder näher. Der Prinz warf das Bambusstück. Die Erde raschelte. Im Nu wuchs ein so dichter Bambushain, dass selbst der Wind kaum zwischen den Halmen hindurchkam. Auch dadurch arbeitete sich der Rakshasa. Da warf der Prinz das Stück Holzkohle. Hinter ihm flammte ein breiter Streifen goldener Glut auf. Die Luft zitterte vor Wärme. Der Rakshasa blieb stehen. „Weiter gehe ich nicht“, brummte er. „Viel zu heiß.“ Zornig kehrte er um. Der Prinz und der Feuerhahn setzten ihre Reise fort. Am vertrauten Baum holte der Wanderer den Panzer aus der Höhlung und wurde wieder zur Schildkröte. So kehrte er nach Hause zurück. Als die Brüder ihn mit dem Zaubervogel sahen, verstummten all ihre Scherze. Im Palast traute der König seinen Augen nicht. „Du hast wirklich den Feuerhahn gebracht!“ „Er wollte selbst mit mir kommen“, antwortete der Schildkrötensohn. „Bitte um eine Belohnung. Gold? Land? Ein hohes Amt?“ Er schüttelte den Kopf. „Deshalb bin ich nicht gegangen. Ich wollte prüfen, ob ich wirklich so hilflos bin, wie die Leute behaupten.“ Der König lächelte. „Deine Antwort hast du wohl schon gefunden.“ Einige Wochen vergingen. In der Stadt fand eine große feierliche Lesung buddhistischer Lehren statt. Menschen kamen aus den umliegenden Dörfern, zündeten Lampen an und hörten Geschichten über Geduld, Güte und Weisheit. Auch der Schildkrötensohn kam. Als es zu heiß wurde, ging er leise hinter die Bäume und legte den Panzer für einen Moment ab. Dort sah ihn zufällig das Nachbarsmädchen. Sie blieb wie erstarrt stehen. „Du bist es?“ Der Prinz nickte. „Ich hatte Angst, dass die Menschen, wenn sie es erfahren, nur darauf schauen, wer ich werden kann, statt darauf, wer ich die ganze Zeit war.“ Das Mädchen setzte sich neben ihn. „Ich war mit dir befreundet, als du eine Schildkröte warst. Jetzt höre ich dieselbe Stimme, dieselben Gedanken und dieselbe Hartnäckigkeit.“ Der Prinz lachte. „Der Panzer hat dir also keine Angst gemacht?“ „Nein. Aber ob du darin bleiben möchtest, musst du selbst entscheiden.“ Lange schwieg er. Dann nahm er den Panzer in die Hände. „Früher hat er mich geschützt. Jetzt verstecke ich mich nur noch aus Gewohnheit darin.“ Gemeinsam gingen sie zum Festfeuer. Der Prinz legte den Zauberpanzer an den Rand der Flammen. Er brannte nicht sofort. Zuerst leuchtete er sanft golden. Dann zerfiel er in kleine Funken und verschwand. Der Zauber war gebrochen. Von nun an verwandelte sich der junge Mann nicht mehr in eine Schildkröte. Doch er schämte sich nie für diesen Teil seines Lebens. Gerade der langsame Weg hatte ihn gelehrt, nicht vorschnell zu urteilen. Gerade die Einsamkeit hatte ihn gelehrt, jene zu bemerken, die andere übersahen. Und seine Hilfe für die drei armen Frauen hatte ihn gerettet, als keine Kraft ohne Güte etwas hätte ausrichten können. Später beschlossen er und das Nachbarsmädchen selbst, zu heiraten. Nicht weil ihre Familien einmal darüber gescherzt hatten, und nicht weil er sich als Prinz erwiesen hatte. Sondern weil sie mit der Zeit gelernt hatten, einander zu vertrauen. Wenn jemand in der Stadt einen anderen nur nach seinem Aussehen beurteilte, erinnerten die Menschen sich an den Schildkrötenprinzen und sagten: „Ein Panzer zeigt nur das Äußere. Wer jemand wirklich ist, offenbart sich unterwegs.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
