Cover: Der Sohn der armen Witwe

Armenien

Der Sohn der armen Witwe

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Armenien
Alter
6–10 Jahre
Dauer
12 Min.
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Der Sohn der armen Witwe

Ein König hatte eine einzige Tochter. Als die Zeit gekommen war, über ihre Zukunft nachzudenken, lud er reiche und vornehme junge Männer aus dem ganzen Land in den Palast ein.

„Wähle den, den dein Herz erwählt“, sagte er zu seiner Tochter.

Die Prinzessin erhielt einen goldenen Apfel. Nach altem Brauch sollte sie ihn demjenigen zuwerfen, den sie zum Mann nehmen wollte.

Prinzen, Heerführer, wohlhabende Kaufleute und Söhne mächtiger Familien gingen an ihr vorbei. Doch die Prinzessin blickte an ihnen allen vorbei.

Ganz in der Nähe des Tores stand ein junger Mann in einfacher Kleidung. Er war der Sohn einer armen Witwe und nur gekommen, um sich das Fest anzusehen.

Die Prinzessin hob den goldenen Apfel und warf ihn genau ihm zu.

Im Saal wurde es still.

Der König glaubte, seine Tochter habe sich geirrt.

Am nächsten Tag ließ er die Bewerber erneut versammeln und gab ihr einen weiteren Apfel.

Doch die Prinzessin wählte wieder den Sohn der Witwe.

Am dritten Tag geschah dasselbe.

Da wurde der König zornig.

„Du hättest jeden wählen können“, sagte er. „Warum ausgerechnet ihn?“

„Weil ich nicht seinen Reichtum gewählt habe“, antwortete die Prinzessin. „Ich habe den Menschen gewählt.“

Der König konnte die Entscheidung seiner Tochter nicht ändern, doch seinen Segen wollte er der Ehe nicht geben. Das junge Paar verließ den Palast und zog in ein kleines Haus, in dem auch die Mutter des jungen Mannes lebte.

Das Leben war nicht leicht. Die Prinzessin konnte spinnen und weben und arbeitete von früh bis spät. Ihr Mann half, so gut er konnte, doch oft reichte das Geld kaum aus.

Eines Tages zog eine große Handelskarawane durch ihr Dorf.

„Ich werde mit ihnen gehen“, sagte der junge Mann. „Wenn ich hierbleibe, werden wir weiterhin kaum über die Runden kommen. Ich muss versuchen, im Handel etwas zu verdienen.“

Vor seiner Abreise suchte er einen alten, weisen Mann auf, den die Menschen in der Gegend wegen seiner Besonnenheit schätzten.

„Gebt mir einen Rat für die weite Reise“, bat der junge Mann.

Der Alte sagte:

„Merke dir drei Dinge. Erstens: Für einen Menschen, der liebt, ist der geliebte Mensch immer schön. Zweitens: Geduld führt oft in Sicherheit. Drittens: Wer warten und aufmerksam hinschauen kann, findet manchmal selbst in einer schwierigen Verzögerung etwas Gutes.“

Der junge Mann wiederholte die Worte mehrere Male, bedankte sich und schloss sich der Karawane an.

Viele Tage waren die Reisenden unterwegs. Sie zogen über trockene Ebenen, stiegen über Bergpfade, schliefen unter freiem Himmel und machten an Brunnen Rast.

Eines Tages erreichte die Karawane einen einsamen Brunnen in einer verlassenen Gegend. Die Kaufleute warnten den jungen Mann:

„Hier musst du vorsichtig sein. Man sagt, dass in der Nähe ein Riese lebt, der Reisenden seltsame Fragen stellt.“

Bald trat tatsächlich ein Riese hinter den Felsen hervor. Neben ihm standen zwei junge Frauen, die einander überhaupt nicht ähnelten.

„Reisender“, donnerte der Riese, „sag mir, welche von beiden schöner ist?“

Der junge Mann verstand sofort, dass jede einfache Antwort die andere verletzen konnte. Da erinnerte er sich an den ersten Rat.

„Für jeden Menschen ist diejenige am schönsten, die er liebt“, antwortete er. „Ein Fremder sollte nicht versuchen, die Schönheit eines fremden Herzens zu messen.“

Der Riese staunte und brach dann in Gelächter aus.

„Eine kluge Antwort! Du hast keine von ihnen herabgesetzt.“

Er schenkte dem jungen Mann einige Äpfel als Zeichen für eine sichere Weiterreise und gab ihm außerdem merkwürdige Granatäpfel.

„Iss sie nicht zu früh“, sagte der Riese. „Später werden sie dir nützlich sein.“

Die Karawane zog weiter.

In der Stadt, die sie schließlich erreichten, öffnete der junge Mann einen der Granatäpfel und entdeckte, dass darin keine Kerne lagen, sondern funkelnde Edelsteine.

Er verschwendete den Schatz nicht. Einen Teil verkaufte er, kaufte damit Waren und schickte einen Teil des Geldes an seine Frau und seine Mutter nach Hause.

Der Handel war schwieriger, als er gedacht hatte. Man musste Preise, Straßen und die Sitten verschiedener Städte kennen, verhandeln können und Geduld haben. Der junge Mann machte Fehler, lernte daraus und versuchte es immer wieder.

In einer fernen Stadt trat er in den Dienst einer wohlhabenden Kaufmannsfrau, die große Lagerhäuser und eigene Karawanen besaß. Sie bemerkte, dass er ehrlich und fleißig war, und vertraute ihm wichtige Aufgaben an.

Jahr um Jahr verging.

Immer wieder dachte der junge Mann: „Wenn ich diese eine Sache noch beendet habe, kehre ich heim.“ Doch auf eine Aufgabe folgte die nächste. Die Wege waren lang, die Reisen langsam, und so wurden aus Monaten viele Jahre.

Zu Hause war seine Frau keineswegs untätig.

Mit dem Geld, das ihr Mann schickte, baute sie ihre Arbeit aus. Sie verkaufte Stoffe, lernte Buchführung und Handel. Die Edelsteine aus den Granatäpfeln, die er ihr später zusandte, halfen ihr, ein größeres Geschäft aufzubauen.

Bald wurde ihr ein Sohn geboren.

Der Junge wuchs klug, mutig und fleißig heran. Er wusste, dass sein Vater weit fort war, und fragte oft:

„Wann kommt er zurück?“

„Wenn der Weg ihn wieder nach Hause führt“, antwortete seine Mutter.

Inzwischen war auch der König, der seine Tochter einst aus dem Palast hatte ziehen lassen, alt geworden. Immer häufiger dachte er an sie und bereute seine frühere Härte.

Eines Tages kam ein junger Mann an den Hof. Es war der inzwischen erwachsene Sohn der Prinzessin. Der König wusste nicht, wer er war, bemerkte aber seine Klugheit und seinen Mut und nahm ihn in seine Dienste.

Mit der Zeit wurde der junge Mann zu einem der Menschen, denen der König am meisten vertraute.

Seine Mutter, die ehemalige Prinzessin, hatte sich durch Arbeit und Handel ein großes, schönes Haus aufgebaut. Doch trotz ihres Wohlstands vergaß sie ihren Mann nie.

Viele Jahre vergingen, bis der Sohn der Witwe schließlich zu seiner Arbeitgeberin sagte:

„Ich bin Euch für alles dankbar, aber ich muss heimkehren. Ich war viel zu lange fort.“

Die Kaufmannsfrau zahlte ihm seinen Lohn, gab ihm eine großzügige Belohnung und wünschte ihm eine glückliche Reise.

Als der Mann schließlich seine Heimat erreichte, erkannte er den Ort kaum wieder. Wo früher das kleine, arme Haus gestanden hatte, erhob sich nun ein geräumiges Haus mit Garten.

„Bin ich etwa falsch abgebogen?“, dachte er.

Er trat näher und sah seine Frau im Garten. Sie war älter geworden, aber er erkannte sie sofort.

Neben ihr stand ein junger Mann in schöner Kleidung. Sie redeten vertraut miteinander, und immer wieder nahm der junge Mann sie in den Arm.

Der Heimkehrer blieb stehen.

In all den Jahren hatte er kaum Nachrichten von zu Hause erhalten. Den jungen Mann neben seiner Frau hatte er noch nie gesehen.

Ein eifersüchtiger Gedanke schoss ihm durch den Kopf.

„Hat sie während meiner Abwesenheit einen anderen gefunden?“

Schon wollte er in den Garten stürmen und eine Erklärung verlangen.

Da erinnerte er sich an den zweiten Rat des alten Weisen:

„Geduld führt oft in Sicherheit.“

Der Mann hielt inne.

„Ich bin so viele Jahre unterwegs gewesen“, sagte er zu sich selbst. „Kann ich nicht noch einige Minuten warten, bevor ich urteile?“

Er blieb hinter dem Zaun stehen und lauschte.

Der junge Mann im Garten sagte:

„Mutter, der König hat heute wieder nach dir gefragt. Er weiß noch immer nicht, dass ich sein Enkel bin. Vielleicht sollten wir ihm endlich die Wahrheit sagen.“

Die Frau seufzte.

„Vielleicht ist es Zeit. Aber ich wünschte so sehr, dein Vater wäre jetzt hier. Seit so vielen Jahren warte ich auf seine Rückkehr.“

Der Reisende hätte beinahe laut aufgeschrien.

„Mutter? Vater?“

Er sah den jungen Mann genauer an und erkannte plötzlich in dessen Gesicht etwas Vertrautes: seinen eigenen Blick, das Lächeln seiner Mutter und die Augen seiner Frau.

Es war sein Sohn.

Da fiel ihm auch der dritte Rat wieder ein:

„Im geduldigen Warten kann sich etwas Gutes zeigen.“

Hätte er sich vom ersten Anflug der Eifersucht treiben lassen, hätte er die Menschen verletzt, die ihm am wichtigsten waren, und die lang ersehnte Heimkehr in einen Streit verwandelt.

Er öffnete das Gartentor.

Seine Frau drehte sich um.

Einige Sekunden lang sahen sie einander nur an.

„Du bist zurück“, flüsterte sie.

„Ich bin zurück.“

Der Sohn stand schweigend daneben und wusste nicht, was er sagen sollte.

Der Vater trat auf ihn zu.

„Als ich fortging, warst du noch nicht geboren“, sagte er. „Und jetzt stehst du als erwachsener Mann vor mir.“

„Ich wollte Euch mein ganzes Leben lang kennenlernen“, antwortete der Sohn.

Sie umarmten sich.

An diesem Abend brannte im Haus noch lange Licht. Jeder erzählte den anderen seinen Teil der Geschichte: der Mann von Karawanen und fernen Städten, die Frau von ihrer Arbeit und den Jahren des Wartens, der Sohn von seiner Kindheit und seinem Dienst am Hof.

Am nächsten Tag beschlossen sie, gemeinsam zum König zu gehen.

Als der alte König seine Tochter sah, erhob er sich.

„Viele Jahre lang glaubte ich, ich hätte damals richtig gehandelt“, sagte er. „Später verstand ich, dass mein Stolz mich meine Familie gekostet hat.“

Die Prinzessin antwortete:

„Wir können die verlorenen Jahre nicht zurückholen. Aber wir können verhindern, dass wir auch die kommenden verlieren.“

Als der König erkannte, dass sein vertrauter junger Höfling sein eigener Enkel war, war sein Staunen noch größer.

Und als er erfuhr, dass aus dem einfachen Sohn einer Witwe durch jahrelange Arbeit ein erfahrener und geachteter Mann geworden war, begriff er, dass der goldene Apfel seiner Tochter einst keineswegs zufällig gefallen war.

Von da an war die Familie wieder vereint.

Der Sohn der Witwe vergaß die drei Ratschläge, die er vor seiner langen Reise erhalten hatte, nie. Oft gab er sie an seinen Sohn weiter:

„Entscheide nicht vorschnell, wer besser ist als ein anderer. Für das Herz hat Schönheit ihr eigenes Maß. Lass nicht den ersten Zorn deine Handlungen bestimmen. Und denke daran: Manchmal retten wenige Minuten Geduld etwas, das über viele Jahre gewachsen ist.“

Wenn seine Frau das hörte, lächelte sie und sagte:

„Gut, dass du endlich gelernt hast, dich nicht zu beeilen. Nur schade, dass du das bei deiner Heimkehr zwanzig Jahre lang geübt hast.“

Dann lachten sie alle drei.

Denn manche Lektionen kommen tatsächlich über sehr lange Wege.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨