Cover: Der Spiegel von Matsuyama

Japan

Der Spiegel von Matsuyama

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Japan
Alter
5–9 Jahre
Dauer
8 Min.
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Der Spiegel von Matsuyama

In der japanischen Provinz Echigo lebte eine kleine Familie: Vater, Mutter und Tochter. Ihr Haus stand weit entfernt von der großen Stadt, zwischen Feldern, Gärten und stillen Wegen.

Das Mädchen wuchs fröhlich und freundlich auf. Sie hörte gern die Geschichten ihrer Mutter, half beim Aufräumen, brachte ihrem Vater Wasser und freute sich auf jeden Abend, an dem alle drei beisammensaßen.

Eines Tages musste der Vater geschäftlich in die Hauptstadt reisen. Damals war eine solche Reise lang und beschwerlich. Man ging viele Tage zu Fuß, übernachtete in Herbergen und überquerte Bergpässe.

Die Mutter half ihm beim Packen.

„Pass gut auf dich auf und komm bald zurück.“

Die Tochter hielt sich an seinem Ärmel fest.

„Papa, ich werde brav sein. Aber bring mir etwas aus der Hauptstadt mit!“

Der Vater lächelte.

„Abgemacht.“

Er ging den Weg zwischen den Kiefern hinunter. Mutter und Tochter sahen ihm lange nach.

Fast ein Monat verging. Dann stand eines Tages die vertraute Gestalt wieder am Tor. Der Vater war müde und von der Sonne gebräunt, aber glücklich.

Die Tochter rannte ihm entgegen.

„Papa!“

„Ich habe doch ein Geschenk versprochen, erinnerst du dich?“

Aus einem Bambuskorb holte er eine hübsche Puppe und eine Schachtel mit Süßigkeiten. Das Mädchen war begeistert.

Dann nahm der Vater noch eine mit Schnur gebundene Schachtel heraus.

„Und das ist für dich“, sagte er zu seiner Frau.

Darin lag eine runde Metallscheibe mit Griff. Eine Seite war mit Mustern von Kiefern und Kranichen verziert, die andere glänzte so klar wie stilles Wasser in der Sonne.

Die Mutter blickte hinein und zuckte zurück.

„Da schaut mich jemand an!“

Der Vater lachte.

„Das bist du selbst. So etwas nennt man Spiegel. In der Hauptstadt kennt man sie schon lange.“

Vorsichtig sah die Frau noch einmal hinein. Das fremde Gesicht machte jede ihrer Bewegungen nach. Sie legte den Kopf schief, und das Bild tat dasselbe.

„Bin das wirklich ich?“

„Ja.“

Der Spiegel wurde ihr sehr kostbar, auch weil er sie an die weite Reise ihres Mannes erinnerte. Sie bewahrte ihn in einer Holzschachtel auf.

Die Jahre gingen vorüber. Das Mädchen wurde älter und sah seiner Mutter immer ähnlicher. Manchmal erinnerte sich der Vater beim Anblick seiner Tochter an die ersten Jahre ihrer Ehe.

Dann kam ein trauriges Jahr. Die Mutter wurde schwer krank. Die Familie pflegte sie, Ärzte versuchten zu helfen, doch ihre Kräfte nahmen langsam ab.

Eines Abends rief sie ihre Tochter zu sich.

„Ich möchte dir etwas hinterlassen.“

Sie holte die Schachtel mit dem Spiegel hervor.

„Erinnerst du dich daran?“

„Ja, Mama.“

„Wenn du dich sehr einsam fühlst, schau hinein. Dann wirst du mich sehen. Erzähl mir alles, was dir auf dem Herzen liegt. Auch wenn ich nicht antworten kann, stell dir vor, ich sitze bei dir und höre zu.“

Das Mädchen drückte die Schachtel fest an die Brust.

Bald darauf starb die Mutter. Ihr Abschied war still, doch für Vater und Tochter schien das Haus einen Teil seines Lichts verloren zu haben.

Einige Tage später war das Mädchen allein und besonders traurig. Da erinnerte es sich an die Worte der Mutter.

Es holte den Spiegel heraus.

Auf der runden glänzenden Fläche erschien ein junges Gesicht mit Augen, die denen der Mutter erstaunlich ähnlich sahen.

Das Mädchen erstarrte.

„Mama...“

Es wusste nicht, dass es sein eigenes Spiegelbild sah. Spiegel waren in dieser Gegend noch immer selten, und sie selbst hatte kaum je in den Gegenstand geschaut, der so viele Jahre in der Schachtel gelegen hatte.

Für sie schien es, als habe die Mutter ihr Versprechen gehalten.

Von nun an nahm sie morgens vor der Arbeit und abends vor dem Schlafengehen den Spiegel für einige Minuten heraus.

„Heute habe ich Papa geholfen“, erzählte sie.

Oder:

„Heute war ich traurig. Aber ich versuche so freundlich zu sein, wie du es mir beigebracht hast.“

Das Gesicht im Spiegel schwieg, doch sein sanfter Blick beruhigte sie. Je älter das Mädchen wurde, desto mehr ähnelte es seiner Mutter, nicht nur im Gesicht, sondern auch durch Geduld und Güte.

Nach einiger Zeit heiratete der Vater erneut.

Anfangs bemühte sich die neue Frau, freundlich zur Tochter zu sein. Später bekam sie jedoch das Gefühl, ihr Mann denke zu oft an seine erste Frau und behandle die Tochter besonders zärtlich.

Statt über ihre Gefühle zu sprechen, wurde sie eifersüchtig.

Sie bemerkte, dass das Mädchen sich morgens und abends in sein Zimmer zurückzog und lange auf etwas Glänzendes blickte. Ohne genauer hinzusehen, erfand die Stiefmutter die schlimmste Erklärung.

„Sie ist sicher böse auf mich und treibt irgendeine Zauberei“, sagte sie zu ihrem Mann. „Ich habe gesehen, wie sie etwas versteckt und davor flüstert.“

Der Vater konnte es kaum glauben.

„Meine Tochter wollte noch nie jemandem etwas Böses.“

Doch der Zweifel war geweckt. Er wollte selbst herausfinden, was geschah.

Als das Mädchen sich das nächste Mal zurückzog, öffnete er leise die Tür. Sie hielt gerade den Spiegel in den Händen.

Als sie den Vater sah, erschrak sie und verbarg den Spiegel schnell im Ärmel. Denn von der letzten Botschaft ihrer Mutter hatte sie bisher niemandem erzählt.

„Was versteckst du?“, fragte der Vater streng.

Das Mädchen war verwirrt.

„Nichts Böses, Papa.“

„Dann zeig es mir.“

Sie holte die runde Scheibe hervor.

Der Vater erkannte sie sofort.

„Das ist doch der Spiegel, den ich einst deiner Mutter mitgebracht habe! Warum schaust du jeden Tag hinein?“

Nun erzählte die Tochter alles: von den letzten Worten der Mutter, von den einsamen Abenden und von dem Gesicht, das aus dem Spiegel zu ihr zu kommen schien.

„Wenn du mir nicht glaubst, sieh selbst“, sagte sie. „Hier ist Mama.“

Sie hielt den Spiegel vor sich.

Der Vater blickte hinein und verstand.

Im Spiegel sah er das Gesicht seiner Tochter. Doch sie ähnelte der Mutter in jungen Jahren so sehr, dass ein Kind leicht glauben konnte, die Mutter käme zurück, um Trost zu spenden.

Alle Strenge verschwand aus seinem Gesicht.

„Meine Tochter, verzeih mir. Du hast dein eigenes Gesicht gesehen. Aber vielleicht wusste deine Mutter, dass du ihr mit den Jahren immer ähnlicher werden würdest. Sie hat dir nicht nur einen Spiegel hinterlassen. Sie hat dir eine Möglichkeit gegeben, dich an ihre Liebe zu erinnern.“

Das Mädchen sah erneut hinein.

„Das bin also ich?“

„Du. Und in dir steckt wirklich sehr viel von ihr.“

An der Tür stand die Stiefmutter. Sie hatte das Gespräch gehört und begriff, wie ungerecht sie geurteilt hatte.

Sie trat ins Zimmer und senkte den Kopf.

„Ich habe mich geirrt. Ich habe meiner Eifersucht erlaubt, Dinge zu erfinden, die nie geschehen sind. Bitte verzeih mir.“

Das Mädchen schwieg einen Moment und reichte ihr dann die Hand.

„Fangen wir neu an.“

Von da an wurde es im Haus friedlicher. Die Stiefmutter änderte ihr Verhalten wirklich. Der Vater lernte, Verdächtigungen nicht ohne ein Gespräch zu glauben. Und das Mädchen bewahrte weiterhin den Spiegel der Mutter.

Nun wusste sie, dass sie darin sich selbst sah.

Doch jedes Mal, wenn sie hineinschaute, erinnerte sie sich an die Worte, die Stimme und die Freundlichkeit ihrer Mutter.

Mit den Jahren verstand sie etwas Einfaches:

Menschen, die wir geliebt haben, bleiben manchmal nicht in magischen Gegenständen bei uns, sondern in all dem Guten, das sie uns beigebracht haben.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨