Cover: Der standhafte Zinnsoldat

Dänemark

Der standhafte Zinnsoldat

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Dänemark
Alter
6–10 Jahre
Dauer
8 Min.
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Der standhafte Zinnsoldat

Zum Geburtstag bekam ein Junge eine Schachtel mit Zinnsoldaten geschenkt.

Es waren fünfundzwanzig, und alle stammten aus demselben alten Zinnlöffel. In ihren roten und blauen Uniformen standen sie aufrecht da, das Gewehr auf der Schulter und den Blick geradeaus gerichtet.

„Zinnsoldaten!“, freute sich der Junge und stellte sie auf den Tisch.

Alle sahen einander ähnlich, bis auf den letzten. Als man ihn gegossen hatte, war nicht mehr genug Zinn übrig gewesen. Deshalb besaß er nur ein Bein. Doch er stand darauf so sicher, dass er sofort auffiel.

Auf demselben Tisch lagen viele andere Spielsachen. Zwischen ihnen stand ein prächtiger Palast aus Papier. Davor lag ein kleiner Spiegel, der wie ein See aussah, und ringsum standen winzige grüne Bäume.

In der offenen Tür des Palastes stand eine Tänzerin aus Papier.

Sie trug ein leichtes Röckchen aus dünnem Papier und ein blaues Band über der Schulter. Ein Bein hatte sie so hoch gehoben, dass der Soldat es hinter den Falten ihres Rockes nicht sehen konnte.

„Sie steht auch auf einem Bein“, dachte er. „Sie wäre eine wunderbare Freundin.“

Den ganzen Abend betrachtete er sie. Die Tänzerin verharrte leicht und ruhig in ihrer Bewegung.

Unter den Spielsachen war auch eine merkwürdige kleine Schachtel. Als man ihren Deckel öffnete, sprang ein schwarzes Männchen an einer Feder heraus.

„Soldat“, flüsterte es, „starre nicht auf Dinge, die dich nichts angehen.“

Der Zinnsoldat antwortete nicht. Er mochte keinen Streit und verstand nicht, warum jemand bestimmen sollte, wen er ansehen durfte.

Nachts, als die Menschen im Haus eingeschlafen waren, schienen die Spielsachen lebendig zu werden. Der Nussknacker kullerte über den Tisch, die Wachspuppen flüsterten, und die Zinnsoldaten hielten Wache.

Genau um Mitternacht sprang der Deckel der Schachtel auf.

„Du wirst schon sehen, was morgen geschieht“, sagte das Federmännchen ärgerlich.

Am nächsten Tag stellte der Junge den Soldaten auf die Fensterbank.

Vielleicht bewegte ein Luftzug den Vorhang, vielleicht stieß jemand unvorsichtig an die Figur. Jedenfalls fiel der Soldat plötzlich aus dem Fenster im dritten Stock.

Er landete zwischen den Pflastersteinen auf der Straße, mit dem Kopf nach unten und seinem einzigen Bein nach oben.

Der Junge und das Dienstmädchen kamen herunter, um ihn zu suchen. Sie gingen ganz nah an ihm vorbei, entdeckten den kleinen Soldaten zwischen den Steinen aber nicht.

Er wollte gerade rufen, als ein Wagen lärmend die Straße entlangfuhr. Da beschloss er, nicht einfach ins Getöse hineinzurufen, sondern auf einen günstigeren Augenblick zu warten.

Bald begann es zu regnen.

Die Tropfen trommelten auf die Dächer, und neben dem Gehweg rann das Wasser in kleinen Bächen entlang.

Als der Regen nachließ, kamen zwei Jungen um die Ecke gelaufen.

„Schau mal, ein Zinnsoldat!“, rief einer.

„Wir schicken ihn auf eine Seereise!“

Sie falteten aus einem Stück alter Zeitung ein Boot, setzten den Soldaten hinein und ließen es im Wassergraben treiben.

Das Papierboot drehte sich in der schnellen Strömung.

Der Soldat stand aufrecht auf seinem einen Bein und hielt sich am Bootsrand fest.

„Was für eine Reise“, dachte er. „Hoffentlich weicht das Boot nicht auf, bevor ich herausgefunden habe, wohin ich fahre.“

Der Bach trug ihn unter eine dunkle kleine Brücke.

Dort war es so finster, dass der Soldat nicht einmal sein eigenes Gewehr sehen konnte.

„Wäre die Tänzerin hier“, dachte er, „dann wäre ich nicht so allein.“

Plötzlich kam eine Stimme aus der Dunkelheit.

„Halt! Wer fährt durch meinen Kanal?“

Auf einem Stein saß eine große Wasserratte.

„Zeig deinen Pass!“, verlangte sie. „Und bezahle für die Durchfahrt!“

Der Soldat hatte weder einen Pass noch Geld. Doch die Strömung trug das Boot so schnell weiter, dass zum Streiten keine Zeit blieb.

„Haltet ihn auf!“, piepste die Ratte wütend und eilte hinterher.

Vor ihnen rauschte das Wasser immer lauter. Der Graben mündete in einen großen Abfluss, und dort hatte sich ein kleiner Wasserfall gebildet.

Das Papierboot neigte sich.

„Halt dich gut fest“, sagte der Soldat zu sich selbst.

Das Boot schoss hinunter, drehte sich, wurde nass und ging auseinander.

Der Soldat fiel ins Wasser.

Weil er aus Zinn war, war er schwer und sank rasch auf den Grund.

Um ihn herum wurde es ganz dunkel.

Da glitt etwas Großes an ihm vorbei. Ein Fisch entdeckte den glänzenden Soldaten und verschluckte ihn mit einem Happs.

Im Inneren des Fisches war es noch dunkler als unter der Brücke.

„Das ist vielleicht ein Abenteuer“, dachte der Soldat. „Jetzt weiß ich wirklich nicht mehr, wo ich bin.“

Doch er verlor die Hoffnung nicht.

Einige Zeit verging. Plötzlich wurde der Fisch heftig geschüttelt. Dann war es still, und schließlich fiel Licht in die Dunkelheit.

Man hatte den Fisch gefangen, in eine Küche gebracht und begonnen, ihn auszunehmen.

„Seht nur!“, rief die Köchin. „Hier ist ein Zinnsoldat!“

Das Erstaunlichste war, dass es die Küche desselben Hauses war, aus dessen Fenster er gefallen war.

Man wischte den Soldaten sauber und trug ihn zurück ins Kinderzimmer.

Der Junge freute sich riesig.

„Mein Soldat ist wieder da!“

Der Soldat wurde auf den Tisch gestellt.

Vor ihm stand wieder der Papierpalast.

Und in dessen Tür stand die Tänzerin.

Wie zuvor hielt sie sich auf einem Bein.

Der Soldat betrachtete sie, und nach all seinen Reisen erschien sie ihm noch schöner.

Keiner sagte ein Wort. Trotzdem lag in der Stille die Freude zweier Freunde, die lange aufeinander gewartet hatten.

Da griff eines der Kinder im Spiel versehentlich nach dem Soldaten und warf ihn direkt in den offenen Ofen.

„Halt!“, rief der Junge. Doch es war zu spät.

Der Soldat stand mitten im heißen Licht.

Er wusste nicht, ob das Männchen aus der Schachtel dahintersteckte oder ob es einfach Unachtsamkeit gewesen war. Diesmal schwieg er jedenfalls nicht aus Stolz.

„Helft mir!“, rief er, obwohl menschliche Ohren eine Spielzeugstimme nicht hören konnten.

Im Zimmer wurde das Fenster geöffnet. Ein kräftiger Windstoß erfasste die Papiertänzerin.

Sie flog vom Tisch, wirbelte durch die Luft und sank neben dem Soldaten nieder.

Für einen Augenblick begegneten sich ihre Blicke.

Die Flammen leuchteten heller. Das Papier wurde rasch zu leichter Asche, und das Zinn des Soldaten wurde in der Hitze weich.

Am nächsten Morgen, als der Ofen abgekühlt war, räumte das Dienstmädchen die Asche aus. Dabei entdeckte es ein kleines Herz aus Zinn.

Daneben lag der glänzende Schmuck vom Band der Tänzerin. Er sah aus wie eine winzige Rose.

Der Junge legte beide Fundstücke in seine Schachtel mit den liebsten kleinen Schätzen.

„Das ist von meinem Soldaten und der Tänzerin“, sagte er.

So endete ihr seltsames Abenteuer.

Und wenn jemand den Jungen fragte, warum er das kleine Zinnherz aufbewahrte, antwortete er:

„Weil standhaft zu sein nicht bedeutet, niemals Angst zu haben. Es bedeutet, sich aufzurichten, wenn es schwer wird, um Hilfe zu bitten, wenn man sie braucht, und sich selbst auch nach einem sehr langen Weg nicht zu verlieren.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨