Cover: Der starke Mann und der kleine Mann

Georgien

Der starke Mann und der kleine Mann

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Georgien
Alter
7–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Der starke Mann und der kleine Mann

Aus fernen Ländern kam einst ein berühmter Kraftmensch in ein Königreich. Er hatte breite Schultern, starke Arme und war so stolz auf seine Kraft, dass er überall verkündete:

„Es gibt niemanden auf der Welt, der mich besiegen kann!“

Unterwegs maß er sich mit Hirten, Soldaten, Holzfällern und Ringern. Den einen hob er vom Boden, den zweiten schob er mühelos beiseite, den dritten besiegte er, bevor dieser überhaupt richtig festen Stand gefunden hatte.

Als er die Hauptstadt erreichte, ging er deshalb direkt auf den Königsplatz und rief:

„Der stärkste Mann dieses Landes soll hervortreten! Ich will sehen, ob hier jemand mit mir mithalten kann.“

Der König ließ die besten Kämpfer rufen. Kräftige Soldaten kamen, Jäger, Schmiede und Hirten aus den Bergen. Doch als sie sahen, wie der Fremde mit einer Hand eine schwere Bank anhob, verloren viele sofort die Lust auf einen Wettkampf.

Es sah schon so aus, als würde niemand den Mut finden, da trat ein kleiner, schmaler Mann aus der Menge. Er sah überhaupt nicht wie ein Held aus: dünne Arme, leichter Schritt, ruhige Stimme.

„Ich versuche es“, sagte er.

Auf dem Platz wurde es still.

Der Kraftmensch blickte auf ihn hinunter und schnaubte.

„Du? Dich bemerke ich ja kaum!“

„Vielleicht“, antwortete der Mann. „Aber bevor wir ringen, prüfen wir unsere Kraft. Das wäre fairer.“

Der Kraftmensch war einverstanden. Er hob einen glatten Stein vom Boden, presste ihn zwischen den Händen zusammen und drückte so fest, dass Feuchtigkeit daran hervortrat.

„Gesehen?“, fragte er stolz.

„Gesehen“, antwortete sein Gegner ruhig.

Dann holte der kleine Mann unbemerkt einen feuchten Schwamm aus der Tasche, der fast dieselbe Farbe wie ein Stein hatte, drückte ihn zusammen, und Wasser lief zwischen seinen Fingern hervor.

Der Kraftmensch blinzelte.

„Hm. Nicht schlecht.“

Nun nahm er einen anderen Stein und warf ihn mit aller Kraft auf den Boden. Der Stein zerbrach, und Staub stieg auf.

Der kleine Mann bückte sich, als suche er ebenfalls einen Stein, nahm aber in Wahrheit eine Handvoll Mehl aus seinem Beutel. Dann schlug er die Hand auf den Boden, und eine weiße Wolke stieg auf.

Dem Kraftmenschen blieb der Mund offen.

„Du hast den Stein nicht nur zerbrochen, du hast ihn zu Staub gemacht!“

„Na ja, fast“, antwortete der Mann und nickte sehr ernst.

Nach dieser Vorstellung hatte der Kraftmensch plötzlich viel weniger Lust auf einen Ringkampf. Er streckte die Hand aus.

„Weißt du was? Wir kämpfen nicht. Lass uns lieber Freunde werden. Starke Leute sollten zusammenhalten.“

Der kleine Mann drückte seine Hand nur vorsichtig.

„Warum so zaghaft? Ich dachte, du hast eiserne Finger.“

„Gerade deshalb“, antwortete der andere sofort. „Ich kann meine Kraft noch nicht gut dosieren. Ich möchte dir nicht aus Versehen wehtun.“

Der Kraftmensch zog seine Hand gleich zurück und nickte respektvoll.

„Vernünftig. Komm mit zu mir. Wir essen wie Brüder.“

Sie gingen gemeinsam los. Der Weg führte über ein Feld und dann zu einem Fluss. Das Wasser war schnell und kalt.

Der kleine Reisende sah die Strömung und wusste, dass er schwer hinüberkommen würde.

„Mein Bauch tut etwas weh“, sagte er. „Kaltes Wasser ist heute keine gute Idee. Trägst du mich auf den Schultern?“

„Natürlich!“, antwortete der Kraftmensch und setzte ihn hinauf.

Mitten im Fluss blieb er plötzlich stehen.

„Seltsam“, sagte er. „Ich habe gehört, außergewöhnlich starke Menschen seien besonders schwer. Dich spüre ich kaum.“

„Weil wir jetzt Freunde sind“, antwortete der Reisende schnell. „Ich belaste dich nicht mit meinem ganzen Gewicht. Mit einer Hand halte ich mich am Himmel fest.“

Der Kraftmensch legte den Kopf in den Nacken.

„Am Himmel?“

„Natürlich.“

„Lass für einen Moment los. Ich möchte dein wirkliches Gewicht fühlen.“

„Wenn du unbedingt willst …“

Der kleine Mann tat so, als lasse er den unsichtbaren Himmel los, klammerte sich in Wahrheit aber fest an die Riemen auf den Schultern des Kraftmenschen und ließ sein ganzes Gewicht darauf sinken.

Der Kraftmensch schwankte im Wasser.

„Genug, genug! Halt dich wieder am Himmel fest!“

„Wie du meinst“, antwortete sein Passagier höflich und setzte sich wieder leicht hin.

Am anderen Ufer schwieg der Kraftmensch lange. Er sah seinen neuen Freund nun mit ganz anderen Augen an.

Bald erreichten sie sein Haus.

„Jetzt machen wir Mittagessen“, sagte der Kraftmensch. „Wir teilen die Arbeit. Einer holt das Brot aus dem Ofen, der andere Getränke aus dem Keller. Was nimmst du?“

Der kleine Mann sah in den Ofen. Dort lag ein riesiges rundes Brot, so groß, dass ihm sofort klar war: Allein würde er es nicht heben.

„Ich gehe in den Keller“, sagte er.

Dort standen große Tonkrüge, jeder mit einem schweren Steindeckel. Der Mann versuchte einen anzuheben. Keine Chance. Beim zweiten war es genauso.

Da rief er nach oben:

„Hör mal! Sollen wir nicht Zeit sparen? Ich bringe einfach alle Krüge auf einmal!“

Der Kraftmensch sprang erschrocken auf.

„Alle? Nein, nein! Du kippst mir noch den ganzen Vorrat um!“

Er stürmte in den Keller, während sein Gast schnell nach oben ging.

Dort wartete wieder das gewaltige Brot.

„Nun gut“, murmelte der kleine Mann. „Irgendwie muss es gehen.“

Er zog und schob, hebelte mit einer Schaufel, bis das Brot sich endlich bewegte, aus dem Ofen rollte und ihn sanft unter sich begrub.

Genau da kam der Kraftmensch zurück.

„Was machst du unter dem Brot?!“

Der Reisende blinzelte nicht einmal.

„Ich sagte doch, mein Bauch tut weh. Ich wärme ihn mit dem warmen Brot.“

Der Kraftmensch nickte ernst.

„Hilft es?“

„Schon deutlich. Du kannst es jetzt herunterheben.“

Der Kraftmensch hob das Brot mühelos weg, stellte es auf den Tisch, und endlich setzten sie sich zum Essen.

Kaum hatten sie angefangen, musste der Kraftmensch so laut niesen, dass sein leichter Gast in die Höhe flog. Der kleine Mann bekam gerade noch einen Deckenbalken zu fassen und hing nun unter der Zimmerdecke.

Der Kraftmensch blickte erschrocken zu ihm hinauf.

„Freund, was machst du dort?“

Der Reisende klopfte gegen den Balken.

„Ich prüfe, ob dein Haus ordentlich gebaut ist. Der Balken hält. Aber beim nächsten Niesen könntest du mich wenigstens warnen!“

Der Kraftmensch entschuldigte sich so ehrlich, dass der kleine Mann schließlich lachen musste.

„Gut“, sagte er. „Dann erzähle ich dir jetzt auch etwas.“

Er gestand, dass der Stein ein Schwamm gewesen war, der angebliche Steinmehlstaub gewöhnliches Mehl und dass er sich natürlich nicht am Himmel festgehalten hatte.

Der Kraftmensch schwieg zuerst. Dann zog er die Stirn kraus. Schließlich begann er so laut zu lachen, dass er diesmal selbst seine Nase zuhielt, damit niemand wieder bis zur Decke flog.

„Du bist also gar nicht stärker als ich?“

„Nein“, sagte der Reisende. „Ich habe nie behauptet, stärker zu sein. Ich wollte nur nicht, dass du wegen meiner Größe auf mich herabsiehst.“

Der Kraftmensch dachte nach.

„Dann habe ich gegen dich verloren, bevor wir überhaupt gerungen haben.“

„Wir haben doch gar nicht gekämpft.“

„Genau deshalb“, lächelte der Kraftmensch. „Du hast mich zum Denken gebracht.“

Von da an waren sie Freunde. Der Starke lernte, Menschen nicht nach dem ersten Eindruck zu beurteilen. Sein kluger Freund lernte, dass der beste Scherz der ist, nach dem niemand Schmerzen hat.

Wenn später im Königreich jemand zu laut mit seiner Kraft prahlte, lächelten die Leute nur:

„Kraft ist gut. Aber lass noch ein wenig Platz für Verstand.“

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨