

Indien
Der Tiger, der Brahmane und der Schakal
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

Märchen anhören
Der Tiger, der Brahmane und der Schakal
An einem heißen Tag geriet ein großer Tiger in eine hölzerne Falle. Er lief in dem Käfig hin und her, drückte mit den Pfoten gegen die Tür und schnaubte ärgerlich, doch heraus kam er nicht.
Lange rief er um Hilfe. Alle Tiere machten einen Bogen um die Falle. Schließlich kam ein Brahmane den Weg entlang, ein freundlicher Reisender auf dem Heimweg von einer langen Wanderung.
„Guter Mann!“, rief der Tiger. „Bitte öffne die Tür. Ich sitze schon so lange hier fest!“
Der Brahmane blieb stehen, ging aber nicht näher.
„Wenn ich dich freilasse, könntest du mich angreifen.“
„Niemals!“, versicherte der Tiger. „Ich werde deine Güte mein Leben lang nicht vergessen. Wie könnte ich jemandem etwas antun, der mich gerettet hat?“
Der Brahmane zögerte. Sein Herz sagte ihm, er solle helfen. Sein Verstand mahnte zur Vorsicht.
Doch der Tiger bat so eindringlich, dass der Brahmane schließlich den Riegel anhob und zur Seite trat.
Der Tiger sprang heraus, streckte sich, schüttelte den Staub aus seinem gestreiften Fell und sagte plötzlich:
„Ich bin sehr hungrig und gereizt. Warum sollte ich mich jetzt noch an mein Versprechen halten?“
Der Brahmane traute seinen Ohren nicht.
„Aber ich habe dich doch gerettet!“
„Auf der Welt wird Gutes oft vergessen“, brummte der Tiger. „Warum sollte ausgerechnet ich anders sein?“
„Dann lass uns wenigstens andere fragen, ob das gerecht ist“, schlug der Brahmane vor. „Wenn drei sagen, dass du recht hast, akzeptiere ich ihre Entscheidung.“
Der Tiger stimmte zu.
Zuerst kamen sie zu einem alten, weit ausladenden Pipalbaum, unter dessen Ästen Reisende vor der Sonne Schutz fanden.
„Baum“, sagte der Brahmane, „ich habe den Tiger aus der Falle befreit, und sofort hat er sein Versprechen vergessen. Ist das gerecht?“
Der Pipal rauschte mit den Blättern.
„Jeden Tag gebe ich den Menschen Schatten. Sie ruhen unter meinen Zweigen und brechen später manchmal Äste ab oder verletzen meine Rinde. Leider erinnern sich nicht alle an erhaltene Güte.“
Der Tiger kniff zufrieden die Augen zusammen.
„Hörst du?“
Der Brahmane wurde traurig, doch sie gingen weiter.
An einem Brunnen sahen sie einen alten Büffel, der langsam ein Rad drehte.
„Büffel, urteile zwischen uns“, bat der Brahmane und erzählte die Geschichte.
Der Büffel seufzte schwer.
„Als ich jung und kräftig war, bekam ich gutes Futter, weil ich viel Arbeit leisten konnte. Jetzt bin ich alt, muss aber noch immer arbeiten. Menschen sind nicht immer dankbar.“
Der Tiger lächelte noch breiter.
„Schon zwei sind auf meiner Seite.“
Die dritte Antwort wollten sie von der Straße hören.
„Straße, du dienst allen, Reichen und Armen, Menschen und Tieren. Darf man eine gute Tat einfach vergessen?“
Die Straße schien unter ihren Füßen zu summen:
„Tausende benutzen mich, doch nur wenige denken darüber nach, wie viele Schritte ich tragen muss. Die Welt ist nicht immer gerecht.“
Der Brahmane senkte den Kopf.
Der Tiger wollte sich bereits zum Sieger erklären, als ein Schakal aus dem Gebüsch schaute.
„Guten Tag!“, sagte er. „Warum seht ihr so aus? Einer ist wütend, einer traurig, und der Käfig steht leer. Das klingt nach einer interessanten Geschichte.“
Der Brahmane erklärte alles.
Der Schakal hörte aufmerksam zu und legte den Kopf einmal nach rechts, einmal nach links.
„Moment, Moment. Ich glaube, ich habe etwas nicht verstanden. Der Brahmane saß im Käfig, und der Tiger ging vorbei?“
„Nein!“, brüllte der Tiger. „Ich saß im Käfig!“
„Aha! Dann saß also der Käfig im Tiger, und der Brahmane hat ihn geöffnet?“
„Was redest du für Unsinn!“, rief der Tiger.
Der Schakal kratzte sich hinter dem Ohr.
„Es tut mir leid, aber ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ein so großer Tiger in diesen Käfig gepasst hat. Zeigt es mir bitte. Sonst kann ich kein gerechtes Urteil fällen.“
Der Tiger schnaubte.
„Pass gut auf!“
Er ging in den Käfig.
„So stand ich hier.“
„Und die Tür war offen oder geschlossen?“, fragte der Schakal unschuldig.
„Geschlossen natürlich!“
„Dann zeigt mir auch das genau.“
Der Brahmane verstand. Leise zog er die Tür zu.
Klick.
Der Riegel fiel ein.
Der Schakal hörte sofort auf, verwirrt zu tun.
„Jetzt ist alles klar. Der Tiger war in der Falle. Der Brahmane hatte Mitleid und befreite ihn. Der Tiger antwortete auf Güte mit einer Drohung. Solange er nicht gelernt hat, seine Versprechen zu halten, bleibt die Tür besser geschlossen.“
Zuerst wurde der Tiger wütend. Dann verstummte er. Er begriff, dass er sich selbst wieder dorthin gebracht hatte, wo er unbedingt hatte herauskommen wollen.
Der Brahmane dankte dem Schakal.
„Du hast mich nicht mit Kraft gerettet, sondern mit Verstand.“
„Verstand hat manchmal sehr leise Pfoten“, lächelte der Schakal. „Aber er kommt weit mit ihnen.“
Sie setzten ihren Weg fort. Der Tiger blieb zurück und hatte Zeit, über etwas Einfaches nachzudenken:
Güte bedeutet nicht, naiv sein zu müssen. Und ein Versprechen hat nur dann Gewicht, wenn man es wirklich hält.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
