Cover: Der Tiger und der Mensch

China

Der Tiger und der Mensch

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
China
Alter
6–9 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der Tiger und der Mensch

In einem großen Wald lebte eine Tigerfamilie: Mutter, Vater und drei junge Tiger.

Der Vater war schon alt. Früher war er mühelos über Felsvorsprünge gesprungen und lautlos durch hohes Gras gegangen, doch nun ruhte er immer öfter im Schatten der Bäume.

Eines Tages rief er seine drei Söhne zu sich.

„Hört mir gut zu“, sagte der alte Tiger. „Ihr seid stark geworden. Im Wald werden nur wenige mit einem Tiger Streit suchen. Aber es gibt ein Wesen, das ihr niemals unterschätzen solltet.“

„Welches?“, fragte sofort der Jüngste.

„Den Menschen.“

Der mittlere Tiger war überrascht.

„Man sagt, Menschen hätten weder unsere Zähne noch unsere Pfoten.“

„Das stimmt“, antwortete der Vater. „Aber sie haben Verstand, Hände und die Fähigkeit, Dinge herzustellen, die es in der Natur von allein nicht gibt. Ein Mensch kann körperlich schwächer sein und trotzdem einen Weg finden, einen Stärkeren zu besiegen. Sucht keinen Streit mit Menschen und haltet sie nicht für hilflos.“

Die beiden älteren Söhne nickten.

„Wir werden es uns merken.“

Der Jüngste schwieg.

Er wollte dieses geheimnisvolle Wesen unbedingt einmal sehen, vor dem selbst sein Vater zur Vorsicht mahnte.

Nicht lange danach starb der alte Tiger. Die Familie trauerte um ihn, und eine Zeit lang lebten alle drei Söhne nach seinen Worten.

Doch der jüngste Tiger wurde immer kräftiger. Seine Schultern wurden breit, seine Pfoten stark, und sein gestreiftes Fell glänzte in der Sonne.

Eines Morgens betrachtete er sein Spiegelbild im Wasser und dachte:

Kann wirklich irgendein Mensch stärker sein als ich? Ich muss es herausfinden.

Mutter und Brüder versuchten, ihn zurückzuhalten.

„Vater hat nie ohne Grund gesprochen“, erinnerte ihn der ältere Bruder.

„Ich will ihn doch nur ansehen“, antwortete der junge Tiger. „Mir wird schon nichts passieren.“

Und er verließ den Wald in Richtung der offenen Ebene.

Noch bevor ein halber Tag vergangen war, begegnete er einem alten Ochsen. Der ging langsam, und auf seinem Rücken waren Spuren vieler Jahre schwerer Arbeit zu sehen.

Der Tiger hatte noch nie einen Ochsen aus solcher Nähe betrachtet. Er lief einmal um ihn herum und fragte:

„Bist du ein Mensch?“

Der Ochse blieb stehen.

„Nein. Ich bin ein Ochse.“

„Weißt du, wo ich einen Menschen finden kann?“

„Ja. Weiter draußen bei den Feldern leben Menschen. Wozu suchst du einen?“

Der Tiger hob stolz den Kopf.

„Ich will wissen, ob er wirklich so mächtig ist, wie alle behaupten.“

Der alte Ochse sah ihn lange an.

„Viele Jahre habe ich neben Menschen gearbeitet. Ich trug Lasten und half auf den Höfen. Manche Menschen waren freundlich. Andere verlangten von ihren Tieren mehr, als gut für sie war. Nun bin ich alt und lebe für mich. Glaub mir: Beurteile einen Menschen nicht nur nach Größe oder Muskeln. Er kann sich Möglichkeiten ausdenken, mit Dingen umzugehen, die viel stärker sind als er.“

„Heute warnen mich alle“, lachte der Tiger. „Aber ich will es selbst sehen.“

Er zog weiter.

Bald traf er einen alten Elefanten, der mit seinem langen Rüssel gemächlich Blätter von einem Busch pflückte.

Der Tiger blieb staunend stehen.

Das ist wirkliche Kraft, dachte er. Wenn der Mensch sogar mächtiger sein soll als er, muss ich ihn unbedingt kennenlernen.

„Bist du ein Mensch?“, fragte der Tiger.

Der Elefant bewegte ein großes Ohr.

„Nein, junger Freund. Ich bin ein Elefant.“

„Du bist riesig! Fürchtest sogar du dich vor Menschen?“

Der Elefant dachte nach.

„Als ich jung war, arbeitete ich mit Menschen. Sie lernten, selbst ein so großes Tier wie mich zu lenken. Dabei habe ich etwas verstanden: Größe macht niemanden unbesiegbar.“

„Und du wirst mir jetzt auch sagen, dass ich nicht weitergehen soll?“

„Ich sage: Bevor du die Stärke eines anderen prüfst, prüfe deinen eigenen Verstand.“

Der Tiger schlug nur mit dem Schwanz.

„Heute sprechen wirklich alle in Rätseln.“

Er ging weiter.

Nach einiger Zeit hörte er einen seltsamen Laut:

Tok! Tok! Tok!

Der Tiger schlich hinter einige Büsche und sah einen Holzfäller. Der Mann schlug mit einer Axt auf einen Baum ein und wischte sich zwischendurch mit dem Ärmel über die Stirn.

Der Tiger beobachtete ihn lange. Schließlich trat er auf den Weg.

Der Holzfäller erstarrte.

Auch der Tiger blieb stehen.

„Wer bist du?“, fragte der Tiger.

„Ein Mensch“, antwortete der Holzfäller und hielt die Axt etwas fester. „Und du bist offenbar ein sehr neugieriger Tiger.“

Die Augen des Tigers leuchteten.

„Endlich! Ich suche dich schon den ganzen Tag.“

„Und warum?“

„Ich möchte beweisen, dass ein Tiger stärker ist als ein Mensch.“

Der Holzfäller widersprach nicht.

„Vielleicht bist du wirklich stärker. Aber Kraft ist nicht das Einzige, das man benutzen kann.“

„Schon wieder ein Rätsel!“, rief der Tiger. „Zeig mir etwas, das ich nicht kann.“

„Gut“, sagte der Mann. „Komm mit.“

Sie gingen einen Waldweg entlang und erreichten bald ein kleines Haus aus dicken Baumstämmen.

Der Tiger lief einmal darum herum.

„Was ist das?“

„Ein Haus.“

„Wozu braucht man es?“

„Wenn es regnet, bleibe ich trocken. Wenn der Wind kalt ist, ist es drinnen warm. Und wenn ein Raubtier durch den Wald streift, helfen mir die festen Wände, sicher zu bleiben.“

Der Tiger runzelte die Stirn.

„Ich will auch so ein Haus.“

„Dann sieh es dir von innen an.“

Der Holzfäller öffnete die Tür.

Der Tiger ging vorsichtig hinein. Drinnen war es kühl und gemütlich. Durch ein kleines Fenster fiel ein schmaler Sonnenstrahl.

„Gar nicht schlecht“, sagte der Tiger. „Eigentlich sehr gut. Gib mir dieses Haus.“

„Bist du sicher?“

„Natürlich. Ich bin größer als du, stärker und außerdem gestreift. Also passt ein solches Haus viel besser zu mir.“

Der Holzfäller trat hinaus.

„Dann bleib einen Augenblick darin.“

Der Tiger ging zufrieden durch den Raum und betrachtete die Wände.

„Sieh nur, wie gut ich hier aussehe!“, rief er.

Da hörte er:

Klack!

Der Holzfäller hatte die Tür von außen verriegelt.

Der Tiger sprang zum Ausgang.

„Mach auf!“

„Warum denn?“, fragte der Mann ruhig von draußen. „Du hast doch eben gesagt, dass du dieses Haus haben willst.“

„Ich will nicht darin eingesperrt sein!“

„Da siehst du es“, antwortete der Holzfäller. „Du bist stärker als ich. Aber du bist freiwillig dorthin gegangen, wohin ich dich geführt habe, ohne darüber nachzudenken, warum. Deine Kraft ist noch da, aber im Augenblick hilft sie dir nicht.“

Der Tiger brüllte und warf sich mit der Schulter gegen die Tür. Die Balken zitterten, doch der Riegel hielt.

Er versuchte es noch einmal.

Nichts.

Da setzte sich der Tiger mitten auf den Boden.

In seinem Kopf hörte er plötzlich drei Stimmen.

Seinen Vater: „Unterschätze den Menschen nicht.“

Den alten Ochsen: „Er kann Wege finden, mit etwas Stärkerem umzugehen.“

Den Elefanten: „Prüfe zuerst deinen eigenen Verstand.“

Der Tiger hörte auf zu knurren.

„Ich habe verstanden“, sagte er schließlich.

„Was genau?“, fragte der Holzfäller.

„Ich dachte, wenn ich körperlich stärker bin, wüsste ich schon alles. Ich habe niemandem zugehört. Ich habe nicht einmal daran gedacht, dass man eine Tür von außen schließen kann.“

Der Holzfäller schwieg einen Moment.

„Und was wirst du tun, wenn ich dich hinauslasse?“

„In den Wald zurückkehren. Und nie wieder Menschen suchen, nur um meine Überlegenheit zu beweisen.“

„Versprichst du es?“

Der Tiger verzog das Gesicht. Die nächsten Worte fielen ihm nicht leicht.

„Ich verspreche es.“

Der Holzfäller nahm ein langes Seil, das am Riegel befestigt war, ging ein gutes Stück von der Tür weg und zog daran.

Klack!

Die Tür öffnete sich.

Der Tiger trat hinaus. Zuerst sah er den Mann an, dann das Haus und schließlich seine eigenen großen Pfoten.

„Meine Krallen sind nicht verschwunden“, sagte er. „Aber heute habe ich gelernt, dass die wichtigste Kraft manchmal gar nicht in den Pfoten steckt.“

„Das ist eine gute Erkenntnis“, antwortete der Holzfäller.

Der Tiger machte sich auf den Weg zurück in die Berge.

Unterwegs begegnete er wieder dem Elefanten.

„Nun?“, fragte der alte Riese. „Hast du einen Menschen gefunden?“

„Ja.“

„Und hast du deinen eigenen Verstand geprüft?“

Der Tiger senkte verlegen die Ohren.

„Sagen wir es so: Jetzt weiß ich, dass ich ihn noch trainieren muss.“

Am Waldrand traf er den alten Ochsen.

„War der Mensch so groß und furchterregend, wie du ihn dir vorgestellt hattest?“

„Nein“, antwortete der Tiger. „Gerade deshalb hätte ich beinahe meinen größten Fehler gemacht. Ich suchte Kraft dort, wo man sie sehen konnte, und bemerkte die Kraft nicht, die leise arbeitet.“

Als er endlich nach Hause kam, freuten sich Mutter und Brüder sehr.

„Nun?“, fragte der älteste Bruder. „Was hast du gelernt?“

Der junge Tiger legte sich vor den Höhleneingang, genau an die Stelle, an der früher sein Vater gesessen hatte.

„Dass auch ein Starker Vorsicht braucht. Und dass ein kluger Rat nicht weniger klug wird, nur weil man ihn gerade nicht hören möchte.“

Von da an, so erzählt man, blieb er ein mutiger Tiger. Doch Mut verwechselte er nie wieder mit Selbstüberschätzung.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨