Cover: Der Tiger und die Affen

Indien

Der Tiger und die Affen

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
6–10 Jahre
Dauer
7 Min.
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Der Tiger und die Affen

In alten Zeiten, so erzählt man, versammelten sich die Tiere des Waldes noch zu großen Beratungen und stritten fast so laut wie Menschen auf einem Markt.

Mal drängelte sich das Wildschwein am Wasserloch vor. Mal stritten die Hirsche um einen Pfad. Mal veranstalteten die Affen in den Baumkronen so viel Lärm, dass selbst die Papageien die Geduld verloren.

Schließlich kamen die Tiere unter einem großen Baum zusammen.

„Wir brauchen einen König.“

Lange mussten sie nicht überlegen.

Der Tiger war der Stärkste unter ihnen. Er hatte mächtige Pfoten, scharfe Ohren und eine Stimme, bei der die Blätter zitterten.

„Der Tiger soll König sein!“

Der Tiger war sehr zufrieden.

Von da an schritt er würdevoll durch den Wald, hielt den Kopf hoch und erwartete, dass alle ihm Platz machten.

Doch etwas sagten die Tiere nicht laut:

Der Tiger war stark, aber nicht besonders neugierig.

Er fragte selten, wie andere Tiere lebten, was sie konnten oder wovor sie Angst hatten.

Für ihn reichte es, stark zu sein. Ein König, dachte er, müsse nicht alles wissen.

An einem heißen Tag wanderte der Tiger lange durch den Wald und legte sich schließlich unter einen breiten Baum.

Der Schatten war kühl.

Der Wind bewegte die Blätter.

Der Tiger wollte gerade einschlafen, als er über sich ein wunderschönes Lied hörte.

Trriii, trili-li, trriii...

Er öffnete die Augen.

„Wer singt da so schön?“

Rechts niemand.

Links niemand.

Dann blickte er nach oben.

Auf den Ästen saß eine ganze Gruppe Affen. Sie sprangen von Zweig zu Zweig, hingen an ihren Schwänzen und warfen sich reife Früchte zu.

In Wirklichkeit sang eine winzige Waldzikade, die auf einem Blatt saß.

Alle Affen kannten ihre Stimme.

Nur der Tiger nicht.

„He!“, rief er nach oben. „Wer singt da?“

Die Affen sahen einander an.

Ein junger Affe, besonders verspielt und immer bereit zu einem Scherz, konnte sich nicht zurückhalten.

„Unsere kleine Schwester!“

Die anderen Affen hätten ihn am liebsten vom Ast geschubst.

„Was hast du getan?“, sagten ihre Blicke.

Doch der Tiger wurde nicht böse.

Im Gegenteil.

Er setzte sich aufrecht hin.

„Was für eine wunderbare Stimme! Wenn eure Schwester so gut singen kann, möchte ich sie kennenlernen. Und wenn sie einverstanden ist, würde ich sie sogar fragen, ob sie meine Frau werden möchte.“

Die Affen begannen gleichzeitig zu reden.

„Sie ist sehr schüchtern!“

„Sie mag keine Besucher!“

„Sie ist heute... äh... beschäftigt!“

Die älteste Affin sagte vorsichtig:

„Und überhaupt sollte man zuerst fragen, ob sie selbst jemanden kennenlernen möchte.“

Doch der Tiger sah bereits ein großes Fest vor sich.

„Beim nächsten Vollmond komme ich wieder. Bereitet alles vor.“

Sehr zufrieden ging er davon.

Kaum war sein gestreifter Schwanz verschwunden, umringten die Affen den jungen Spaßmacher.

„Und nun sag uns, wo wir diese Schwester hernehmen sollen, die es gar nicht gibt.“

„Ich habe doch nur gescherzt“, murmelte er.

„Ein guter Scherz ist einer, über den am Ende alle lachen“, sagte die alte Affin. „Jetzt müssen wir nachdenken.“

Die Affen grübelten bis zum Abend.

Schließlich sagte eine:

„Wir machen eine Figur aus Lehm. Wir setzen sie unter den Baum, bedecken sie mit einem Schleier und sagen, unsere Schwester sei sehr schüchtern.“

Also machten sie sich an die Arbeit.

Sie kneteten weichen Lehm, formten einen Körper, Arme und einen Kopf.

Der Kopf wollte nicht richtig halten, deshalb setzten sie ihn vorsichtig obenauf.

Dann schmückten sie die Figur mit Bändern, Blättern und Blumen und verhüllten ihr Gesicht.

In der Vollmondnacht legten sie Früchte, Nüsse und duftende Blätter bereit.

Von weitem sah alles sehr festlich aus.

Der Tiger kam früh.

Er schritt so feierlich heran, als würde der ganze Wald nur auf ihn warten.

„Wo ist sie?“

Die Affen zeigten auf die Lehmfigur.

Der Tiger trat näher.

„Guten Abend.“

Die Figur schwieg.

„Ich habe Geschenke mitgebracht.“

Stille.

Der Tiger sah zu den Affen.

„Warum antwortet sie nicht?“

„Sie ist... sehr schüchtern“, sagte der junge Affe und versteckte sich hinter seinem älteren Bruder.

Der Tiger legte ein Geschenk vor die Figur und sagte noch einmal:

„Du musst keine Angst haben. Wenn du nicht mit mir sprechen möchtest, sag es einfach.“

Die Affen wurden still.

Das war viel vernünftiger, als sie erwartet hatten.

Doch die Lehmfigur konnte natürlich nichts sagen.

Da bemerkte der Tiger, dass ein Band seines Geschenks an ihrem Gewand hängen geblieben war.

„Ich mache es frei.“

Er zog leicht daran.

Der lose Kopf der Figur kippte.

Einmal.

Noch einmal.

Dann plumpste er mitten in einen Korb voller Früchte.

Einen Augenblick lang herrschte völlige Stille.

Dann schrien die Affen durcheinander.

„Oh!“

„Was hast du getan!“

„Alles deine Schuld!“

Einige warfen trockenes Laub herunter.

Andere schlugen auf Äste.

Wieder andere kreischten so laut, dass der Tiger kein Wort verstand.

„Wartet doch!“, brüllte er. „Sie war aus Lehm!“

Da prustete eine kleine Affin los.

Dann eine zweite.

Dann eine dritte.

Und eine Minute später bebte der ganze Baum vor Lachen.

Jetzt verstand der Tiger.

Man hatte ihn hereingelegt.

Wütend stampfte er mit der Pfote.

Die Affen kletterten sofort höher und sprangen von Ast zu Ast.

Eine warf eine leere Nussschale hinunter.

Eine andere schüttelte Blätter über ihn.

Der Tiger sprang ein paar Mal nach ihnen, gab aber bald auf.

Auf den Bäumen waren die Affen viel geschickter als er.

Er blieb stehen und atmete schwer.

„Gut! Dieses Mal habt ihr gewonnen. Aber künftig glaube ich nicht mehr jeder Antwort, ohne selbst nachzudenken.“

Die alte Affin rief:

„Und wir erfinden keine Verwandten mehr nur für einen Scherz!“

Der junge Spaßmacher nickte schuldbewusst.

Der Tiger ging davon.

Er war noch immer verärgert.

Doch auf dem Weg dachte er auch über sich selbst nach.

„Ich bin König des Waldes und wusste nicht einmal, wer auf einem Blatt singt. Vielleicht muss auch jemand, der stark ist, noch viel lernen.“

Von da an sah der Tiger genauer hin, wenn kleine Tiere etwas taten, und zog seltener voreilige Schlüsse.

Die Affen lachten noch lange über ihre Lehmschwester.

Doch auch sie vergaßen etwas nicht:

Ein unbedachter Scherz kann größer werden, als man erwartet.

Denn Stärke ohne Wissen wird leicht unbeholfen.

Und Klugheit ohne Verantwortung wird schnell zu bloßer Täuschung.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨