Cover: Der Tiger und Ultas Mutter

Indien

Der Tiger und Ultas Mutter

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Indien
Alter
6–9 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der Tiger und Ultas Mutter

Am Rand eines großen Waldes stand ein weit ausladender alter Baum. Unter seinen Wurzeln spielte gern ein junger Tiger, und hoch oben in der Krone lag das Nest einer Kranichfamilie.

Im Nest wuchs ein junger Kranich heran. Seine Eltern brachten ihm Futter, und wenn etwas übrig blieb, ließ er manchmal einen guten Bissen für das Tigerjunge nach unten fallen.

Zuerst beobachteten sie einander nur.

„Du bist voller Streifen“, sagte der Kranich eines Tages.

„Und du voller Federn“, antwortete der Tiger.

„Das wusste ich schon.“

„Ich wusste das mit meinen Streifen auch.“

Beide lachten. So begann ihre Freundschaft.

Der Tiger zeigte dem Kranich Pfade durch das hohe Gras. Der Kranich erzählte dem Tiger, was man aus der Luft sehen konnte. Der eine wusste, wo sich in der Hitze der beste Schatten fand, der andere, wo nach dem Regen saubere Wasserstellen lagen.

Später musste der junge Tiger ohne seine Mutter weiterleben. In der alten Erzählung war dieser Teil sehr traurig. Hier genügt es zu sagen, dass sie nicht mehr bei ihm sein konnte und er sich sehr einsam fühlte.

Der Kranich ließ seinen Freund nicht allein.

„Meine Familie kann deine nicht ersetzen“, sagte er, „aber du musst nicht ganz allein bleiben.“

Von da an waren sie noch häufiger zusammen.

In einer Jahreszeit beschlossen die Freunde, Kurkuma anzubauen.

„Wir machen unser eigenes Beet“, sagte der Tiger.

„Du lockerst den Boden, ich lege die Wurzeln hinein“, schlug der Kranich vor.

So machten sie es. Der Tiger grub mit seinen Pfoten, der Kranich legte die Rhizome sorgfältig aus, dann bedeckten sie alles gemeinsam mit Erde.

Als grüne Triebe erschienen, beschlossen sie schon im Voraus, wie sie die Ernte aufteilen würden.

„Such dir zuerst einen Teil aus“, sagte der Kranich.

Der Tiger sah das üppige Blattwerk.

„Ich nehme alles, was über der Erde wächst. Die Blätter sind groß, grün und zahlreich.“

„Dann bekomme ich, was unter der Erde ist“, sagte der Kranich.

Die Zeit verging. Schließlich kam die Ernte.

Der Tiger erhielt einen ganzen Haufen grüner Blätter. Der Kranich grub die duftenden orangefarbenen Kurkumawurzeln aus.

Der Tiger sah auf seinen Haufen und zog die Stirn kraus.

„Deiner sieht interessanter aus.“

„Vielleicht“, sagte der Kranich. „Aber du hast selbst die Blätter gewählt.“

„Gib mir die Hälfte der Wurzeln. Dafür bekommst du die Hälfte meiner Blätter.“

„Nein. Wir haben uns vorher geeinigt.“

Der Tiger wurde ärgerlich.

„Ich habe den Boden umgegraben! Ohne mich wäre nichts gewachsen.“

„Und ich habe die Wurzeln gebracht und eingepflanzt“, antwortete der Kranich.

Wort für Wort wurden beide lauter. Der Tiger trat näher, der Kranich schlug erschrocken mit den Flügeln, und eine Flügelspitze streifte den Tiger an den Augen.

Der Tiger wich zurück.

„Au! Ich sehe fast nichts!“

Auch der Kranich erschrak.

„Das wollte ich nicht! Ich bin nur zurückgewichen.“

Doch der Tiger war wütend.

„Geh weg!“

Der Kranich flog davon. Der Tiger setzte sich neben das Beet. Seine Augen tränten, alles wirkte verschwommen.

Als der Zorn nachließ, merkte der Tiger, dass er nun allein war und Hilfe brauchte.

Bald kam ein Mann den Pfad entlang.

„Guter Mann“, rief der Tiger, „erschrick nicht. Ich will dir nichts tun. Kennst du jemanden, der sich mit Pflege und Heilkräutern auskennt?“

Der Mann blieb stehen, hörte aber, dass der Tiger ruhig sprach.

„In unserem Dorf lebt Ultas Mutter. Sie kennt sich mit Kräutern aus. Vielleicht kann sie dir sagen, was zu tun ist.“

Der Tiger bedankte sich und ging langsam zum Dorf.

Er betrat den Hof nicht ungefragt. Er setzte sich hinter den Zaun und wartete, bis er eine Frauenstimme hörte:

„Ulta, es gibt Essen!“

Da rief der Tiger vorsichtig:

„Ultas Mutter! Habt keine Angst. Ich brauche einen Rat.“

Die Frau blickte hinter dem Tor hervor und erschrak natürlich zuerst.

„Ein Tiger vor meinem Haus ist kein alltäglicher Gast.“

„Das verstehe ich“, sagte er. „Ich habe mich mit einem Freund gestritten, und jetzt schmerzen meine Augen. Ich bitte nicht darum, dass Ihr mich ins Haus lasst. Sagt mir nur, wie ich mir helfen kann.“

Ultas Mutter brachte sauberes Wasser und ein weiches Tuch.

„Spül zuerst die Augen und reib nicht mit den Pfoten daran. Ruh dich im Schatten aus. Wenn es schlimmer wird, geh nicht allein weiter.“

Der Tiger gehorchte. Er lag unter einem Baum, wusch seine Augen und ruhte lange. Am Abend wurde die Sicht klarer, am nächsten Morgen konnte er wieder gut sehen.

Er kehrte zu Ultas Mutter zurück.

„Ihr habt mir geholfen, obwohl Ihr einfach das Tor hättet schließen können. Ich möchte mich bedanken.“

„Bring mir nichts, das einem anderen gehört“, sagte sie sofort. „Wenn du danken möchtest, tu etwas Nützliches und Ehrliches.“

Der Tiger dachte darüber nach.

Von da an warnte er Dorfbewohner auf seinen Wegen, wenn Regen einen Pfad zerstört hatte, verscheuchte Wildschweine von jungen Feldern und erschreckte Menschen nicht mehr ohne Grund.

Einmal fand er einen Korb mit Waldfrüchten neben einem Weg. Erst fragte er überall, ob jemand ihn verloren hatte. Schnell fand sich der Besitzer. Der Tiger gab den Korb zurück und verstand nun besser, was Ultas Mutter mit ehrlicher Dankbarkeit gemeint hatte.

Später besuchte er sie erneut.

„Ultas Mutter“, sagte er, „ich bin einsam. Ich würde gern einen anderen Tiger kennenlernen, mit dem ich zusammenleben kann. Wisst Ihr, wo Tiger unterwegs sind?“

Die Frau lächelte.

„Das ist einfacher. An einem fernen Fluss habe ich öfter die Spuren einer Tigerin gesehen. Kennenlernen müsst ihr euch aber selbst. Ich kann nicht für zwei erwachsene Tiger entscheiden.“

„Das ist fair“, sagte er.

Am nächsten Tag ging er zum Fluss.

Lange erschien niemand. Gerade wollte er zurückkehren, als Schilf raschelte.

Eine Tigerin trat ans Ufer.

Beide blieben stehen.

„Guten Abend“, sagte der Tiger schließlich.

„Guten Abend“, antwortete sie. „Warum sitzt du bei meinem Lieblingswasserplatz?“

„Ich warte auf jemanden, mit dem ich reden kann.“

„Eine ungewöhnliche Art, jemanden kennenzulernen.“

„Das finde ich inzwischen auch.“

Die Tigerin lachte.

Sie redeten lange. Beide liebten den kühlen Schatten am Fluss, mochten keine Prahlerei und konnten stundenlang dem nächtlichen Wald lauschen.

Am nächsten Tag trafen sie sich wieder. Dann noch einmal. Mit der Zeit beschlossen sie, zusammenzubleiben.

Der Tiger wollte Ultas Mutter danken.

„Aber diesmal erschrecken wir niemanden und nehmen nichts ohne Erlaubnis“, sagte die Tigerin.

„Das habe ich bereits gelernt“, antwortete er.

Sie gingen bis an den Rand des Dorfes und blieben in Abstand stehen. Der Tiger rief:

„Ultas Mutter! Ich bin es. Und ich bin nicht allein.“

Die Frau blickte hinaus und sah zwei Tiger.

„Was für Gäste! Was wollt ihr?“

„Danke sagen.“

Die Tiger brachten nur Dinge, die niemandem schadeten: einige schöne Pfauenfedern, die sie nach der Mauser gefunden hatten, duftende Kräuter und einen glatten Flussstein, der in der Sonne glänzte.

Ultas Mutter nahm das kleine Geschenk an.

„In unserer Tradition gibt es das Karam-Fest, bei dem Menschen zusammenkommen, einander danken und kleine Gaben austauschen. Aber Dankbarkeit soll keine Schuld werden. Ich habe dir geholfen, weil du Hilfe brauchtest. Nun lebt friedlich und tut Gutes, wo ihr könnt.“

Die Tiger verneigten sich und gingen in den Wald zurück.

Und der Kranich?

Der Tiger dachte oft an ihn. Eines Morgens kehrte er zum alten Kurkumabeet zurück und sah lange Beine zwischen den grünen Blättern.

Auch der Kranich war gekommen.

Sie schwiegen einen Moment.

„Ich wollte dich nicht mit dem Flügel treffen“, sagte der Kranich.

„Und ich hätte dich wegen der Ernte nicht bedrängen dürfen“, antwortete der Tiger. „Wir hatten uns geeinigt. Ich wurde nur wütend, weil mir meine eigene Wahl nicht gefiel.“

„Und was machen wir jetzt mit der Kurkuma?“

Der Tiger sah auf die Blätter, dann auf die Wurzeln und lächelte.

„Dieses Jahr finden wir zuerst heraus, wofür man welchen Teil benutzen kann. Erst danach teilen wir.“

Der Kranich lachte so laut, dass trockene Blätter vom Baum rieselten.

Von da an trafen die Freunde keine Vereinbarung mehr ins Blaue hinein. Wenn sie etwas nicht wussten, fragten sie. Wenn sie wütend waren, machten sie eine Pause. Wenn sie einen Fehler gemacht hatten, suchten sie nicht schneller nach einem Schuldigen als nach der Wahrheit.

Manchmal erzählte der Tiger jungen Tieren:

„Früher dachte ich, Stärke bedeutet, dass jeder einem aus dem Weg geht. Dann habe ich gelernt: Viel schwieriger ist es, ruhig um Hilfe zu bitten, ehrlich Danke zu sagen und nach einem Streit zu einem Freund zurückzukehren.“

Wenn Ultas Mutter diese Geschichte von den Menschen hörte, lächelte sie nur.

Denn manchmal ist das beste Heilmittel in einem Märchen keine Zauberpflanze. Es ist ein vernünftiger Rat, ein wenig Zeit und die Bereitschaft, endlich aufeinander zu hören.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨