Cover: Der Traum des Königssohns

Serbien

Der Traum des Königssohns

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Serbien
Alter
7–11 Jahre
Dauer
11 Min.
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Der Traum des Königssohns

Ein König hatte drei Söhne. Die beiden älteren hielten sich schon fast für erwachsen. Der jüngste dagegen liebte es, Nachtgeschichten zu hören, in die Sterne zu schauen und sich an seine Träume zu erinnern.

Eines Abends sagte der König:

„Morgen früh vergesst nicht sofort, was ihr geträumt habt. Jeder von euch soll mir seinen Traum erzählen.“

Am nächsten Morgen kamen die drei Brüder zu ihrem Vater.

„Ich habe geträumt, dass ich eines Tages den Thron erbe“, sagte der älteste.

Der König nickte zufrieden.

„Und ich“, sagte der zweite, „werde der wichtigste Ratgeber im Reich.“

Der König lächelte noch breiter.

Dann war der jüngste an der Reihe.

„Ich habe geträumt, dass ich vor einem Festmahl meine Hände wasche. Meine Brüder halten eine goldene Schüssel, Mutter reicht mir ein Handtuch, und Ihr, Vater, gießt Wasser aus einem goldenen Krug über meine Hände.“

Im Saal wurde es still.

Der König hörte darin keinen Traum, sondern eine Beleidigung.

„Ich soll dir dienen?“, rief er. „Du denkst wohl sehr groß von dir!“

„Aber es war nur ein Traum“, sagte der Junge erschrocken. „Ich habe nicht entschieden, was ich träume.“

Der König hörte nicht mehr zu.

Im Zorn befahl er seinem jüngsten Sohn, den Palast zu verlassen und erst zurückzukehren, wenn er Respekt gelernt hätte.

Der Prinz wanderte lange.

Zuerst war er verletzt, dann bekam er Angst. Schließlich dachte er:

„Wenn die Reise nun einmal begonnen hat, muss ich nach vorn schauen.“

Nach einigen Tagen gelangte er in einen dichten Wald.

Zwischen zwei Felsen fand er eine Höhle.

Daraus roch es nach gekochtem Mais.

Der Prinz schaute hinein.

Über dem Feuer stand ein großer Topf.

„Nur einen Löffel“, flüsterte er.

Aus einem Löffel wurden zwei.

Aus zwei wurden drei.

Bevor er es merkte, hatte er einen beträchtlichen Teil des Abendessens gegessen.

Da klingelten draußen kleine Glocken.

Ein alter Hirte kam in die Höhle.

Er konnte kaum sehen und hielt sich an den Hörnern eines großen Ziegenbocks fest. Hinter ihm kam eine ganze Herde.

Der Alte bemerkte sofort, dass jemand da war.

„Wer ist hier?“

Der Prinz trat aus der dunklen Ecke.

„Verzeiht mir. Ich war hungrig. Ich bin ein Reisender und habe kein Zuhause.“

Der Hirte schwieg einen Moment.

„Um den Mais ist es nicht schade. Aber das nächste Mal fragst du besser. Wenn du möchtest, kannst du hierbleiben und mir helfen.“

So geschah es.

Der Prinz kochte, räumte die Höhle auf und reparierte Körbe.

Der alte Mann hütete die Ziegen in den Bergen.

Eines Morgens sagte der Hirte:

„Heute führst du die Herde. Es gibt neun Berge. Auf acht darfst du die Ziegen weiden lassen. Den neunten meidest du. Dort leben Vilas, Bergfeen. Vor Jahren habe ich eine Warnung ignoriert, mich mit ihnen gestritten und seitdem fast mein Augenlicht verloren.“

Der Prinz versprach vorsichtig zu sein.

Als er auf dem achten Berg stand, erschien der neunte jedoch ganz nah.

Sein Gipfel leuchtete in der Sonne. Weiße Blütenblätter tanzten über dem Gras.

„Ich schaue nur aus der Ferne“, dachte er.

Dann machte er noch einen Schritt.

Und noch einen.

Bevor er es merkte, standen die Vilas um ihn herum.

„Ein Fremder auf unserem Berg!“, riefen sie. „Für diese Frechheit musst du dich verantworten.“

Der Prinz wusste, dass Kraft hier nichts helfen würde.

„Ich gebe zu, dass ich eure Grenze überschritten habe“, sagte er. „Aber bevor wir streiten, prüfen wir lieber, wer geschickter ist. Wir springen über diesen gespaltenen Baumstamm. Gewinnt ihr, gehe ich sofort fort und komme nie wieder.“

Die Vilas mochten das Spiel.

Der Prinz fand einen Stamm, den ein Blitz gespalten hatte. Zwischen den beiden Hälften steckte er einen Holzkeil.

Er selbst sprang leicht hinüber.

Als eine Vila folgte, zog er den Keil heraus.

Der Stamm schloss sich sanft um den Rand ihres langen Umhangs.

„Lass unsere Schwester los!“, riefen die anderen.

„Das tue ich. Ich will weder Schätze noch Macht. Helft dem alten Hirten, wieder richtig zu sehen.“

Die Vilas sahen einander an.

Die älteste brachte ein duftendes Bergkraut.

„Koch es in sauberem Wasser und wasch damit seine Augen. Jetzt erfülle auch du deine Seite der Abmachung.“

Der Prinz befreite den Umhang, bedankte sich und kehrte zur Höhle zurück.

Als der Hirte den Sud benutzte, wurde die Welt vor seinen Augen langsam klarer.

Zuerst sah er das Feuer.

Dann das Gesicht des Prinzen.

Schließlich auch die fernen Kiefern am Höhleneingang.

„Ich kann wieder sehen!“, rief er. „Du bist aus Neugier in Gefahr geraten, hast deinen Fehler aber mit etwas Gutem wiedergutgemacht.“

Am nächsten Tag gab der Hirte dem Prinzen die Schlüssel zu acht Vorratskammern.

„Nimm, was du für den Haushalt brauchst. Nur die neunte Tür bleibt geschlossen.“

Der Prinz lachte.

„Mit neunten Orten habe ich offenbar kein Glück.“

Doch seine Neugier war wieder stärker.

Hinter der neunten Tür stand ein goldenes Pferd.

Daneben saß ein goldener Jagdhund.

Und eine goldene Henne führte kleine goldene Küken über den Boden und pickte goldene Körner.

Der Prinz blieb staunend stehen.

„Seid ihr wirklich echt?“

„Vollkommen“, sagte das Pferd. „Und wir warten schon sehr lange darauf, dass jemand diese Tür öffnet.“

„Dann kommt mit mir.“

Das Pferd warnte ihn:

„Der Alte hat uns bewacht. Er wird uns nicht sofort gehen lassen. Wenn wir aufbrechen, streite nicht mit ihm. Nimm einen kleinen Stein, einen Tropfen Wasser in einer Flasche und eine Schere mit. Unterwegs werden sie nützlich sein.“

Der Prinz tat es.

Er legte Stoff über den Ausgang, damit die goldenen Hufe nicht auf dem Stein klangen, setzte die Henne mit ihren Küken in einen Korb, nahm den Hund und ritt aus der Höhle.

Der Hirte bemerkte die Flucht trotzdem.

Auf seinem großen Ziegenbock jagte er hinterher.

„Wirf den Stein!“, rief das goldene Pferd.

Der Prinz warf ihn.

Zwischen ihnen wuchs ein hoher steiniger Bergrücken.

Der Hirte musste einen Umweg suchen.

„Jetzt das Wasser!“

Der Tropfen fiel zu Boden und wurde zu einem breiten Bach.

Die Verfolgung blieb erneut zurück.

Als der Hirte zum dritten Mal näher kam, sagte das Pferd:

„Wirf die Schere ins Gras.“

Die Schere klingelte.

Vor ihnen wuchs dichtes Dornengestrüpp.

Der große Ziegenbock blieb davor stehen und weigerte sich, seine Seiten an den Dornen aufzureißen.

Der Hirte begriff, dass er sie nicht mehr einholen würde.

„Gut!“, rief er aus der Ferne. „Offenbar haben diese goldenen Tiere selbst entschieden, mit dir zu gehen. Aber hör auf meinen Rat: Zeig das Gold nicht jedem. Menschen sehen manchmal den Glanz früher als das Herz.“

Der Prinz bedankte sich.

Im nächsten Dorf kaufte er einfache Decken und legte sie über Pferd und Hund.

Von außen sahen sie nun wie gewöhnliche Reittiere aus.

Nach langer Reise gelangte der Prinz unerwartet in das Reich seines Vaters.

Dort wurde gerade ein Wettbewerb für Reiter angekündigt.

Hinter dem Palast lag eine breite Schlucht.

Früher hatte eine Brücke darüber geführt, doch ein Sturm hatte sie beschädigt.

Niemand wagte es, ein Pferd über den schmalen Rest des Übergangs zu führen.

Der König versprach eine großzügige Belohnung für jemanden, der sicher hinüberreiten und zeigen konnte, wie man die Brücke reparieren sollte.

„Ich versuche es“, sagte der unbekannte Reisende im schlichten Mantel.

Die Leute lachten über sein scheinbar gewöhnliches Pferd.

Doch das goldene Pferd ging so sicher und leicht, als kenne es jeden Stein.

Der Prinz ritt hinüber, kehrte zurück und zeigte den Handwerkern, wo neue Balken befestigt werden konnten.

Die Palastwache glaubte, der Fremde müsse ein Geheimnis verbergen, und bat ihn zur Erklärung ins Schloss.

Man gab ihm ein Zimmer. Pferd, Hund und Korb blieben in der Nähe.

In der Nacht rutschten die einfachen Decken herunter.

Am Morgen sahen die Diener das goldene Pferd, den goldenen Hund und die goldene Henne mit ihren Küken.

Die Nachricht erreichte sofort den König.

„Das ist kein gewöhnlicher Reisender. Ladet ihn als Ehrengast in den großen Saal.“

Nach altem Brauch reichte man einem Gast vor dem Festmahl Wasser zum Händewaschen.

Der älteste Prinz hielt die goldene Schüssel auf einer Seite.

Der mittlere hielt die andere.

Die Königin reichte ein Handtuch.

Der König selbst nahm einen goldenen Krug und goss Wasser über die Hände des Reisenden.

Der jüngste Sohn erstarrte.

Vor ihm stand genau das Bild aus seinem alten Traum.

„Vater“, sagte er leise. „Erinnert Ihr Euch jetzt an meinen Traum?“

Der König sah den Gast aufmerksam an.

Die einfache Reisekleidung konnte die vertrauten Augen nicht verbergen.

„Mein Sohn...“

Die Königin war die Erste, die ihn umarmte.

Seine Brüder stellten die Schüssel auf den Tisch und liefen zu ihm.

Der König schwieg lange.

„Ich habe dich wegen etwas bestraft, das du dir nicht ausgesucht hattest“, sagte er schließlich. „Ich hörte in deinem Traum eine Kränkung, weil ich zu sehr fürchtete, meine Würde zu verlieren.“

„Und ich habe gelernt, nicht jeder Neugier sofort hinterherzulaufen“, lächelte der Prinz. „Allerdings brauchte ich dafür mehr als einen Versuch.“

Der König lachte.

Die Spannung im Saal verschwand.

Das goldene Pferd bekam einen geräumigen Stall.

Der goldene Hund ein Kissen am Kamin.

Die Henne und ihre Küken zogen in den sonnigen Garten.

Doch der Prinz selbst schätzte nicht das Gold am meisten.

Er erinnerte sich an den alten Hirten, der einen Fremden aufgenommen hatte.

An die Vilas, die sich auf eine friedliche Vereinbarung eingelassen hatten.

Und an seinen Traum, der der Zukunft nichts befohlen hatte.

Er hatte nur gezeigt, dass manche Dinge ihren Sinn erst viel später offenbaren.

Von da an sagte man in diesem Königreich:

Ärgere dich nicht über einen Traum und urteile nicht zu schnell über einen Menschen.

Ein langer Weg kann alles verändern.

Und manchmal kehrt derjenige, den du einst vom Tor fortgeschickt hast, klüger, freundlicher und ganz anders zurück, als du ihn dir vorgestellt hattest.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨