

Armenien
Der Träumer
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Armenien
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Der Träumer
In einer armenischen Ortschaft zwischen Gärten, Steinwegen und fernen blauen Bergen lebte ein Junge, den alle den Träumer nannten.
Nicht weil er den ganzen Tag untätig herumsaß. Er half seinem Vater im Garten, trug Wasser, reparierte Zäune und konnte gut rechnen. Seine Träume waren nur so lebendig, dass er am Morgen Farben, Stimmen und manchmal sogar Gerüche aus ihnen erinnerte.
Eines Morgens wachte er früher als alle anderen auf. Die Sonne berührte gerade die Baumwipfel. Der Junge saß vor der Tür und blickte nachdenklich vor sich hin.
Seine Mutter bemerkte es.
„Was hast du geträumt?“
Der Junge lächelte.
„Einen sehr seltsamen Traum. Aber ich werde ihn noch nicht erzählen.“
„Warum?“
„Ich habe das Gefühl, dass ich ihn zuerst selbst verstehen muss.“
Die Mutter fühlte sich zurückgewiesen. Auch der Vater fragte nach, doch der Junge blieb dabei.
„Ich erzähle ihn, wenn die Zeit gekommen ist.“
Aus dem Gespräch wurde ein Streit. Jeder sagte mehr, als nötig gewesen wäre, und der Träumer ging traurig die Straße hinunter, um sich zu beruhigen.
Hinter dem Dorf begegnete er einem Reisenden.
„Wohin gehst du, Junge?“
„Das weiß ich selbst noch nicht.“
„Warum siehst du so nachdenklich aus?“
„Ich habe etwas geträumt, möchte aber noch niemandem davon erzählen.“
Der Mann lachte.
„Dann bewahrst du ein Geheimnis. Das kommt vor. Aber vergiss nicht: Ein Geheimnis sollte einen Menschen weiser machen und nicht einsamer.“
Der Träumer bedankte sich und ging weiter.
Am Abend erreichte er eine Stadt mit einem großen Palast. Am Tor saß gerade der Fürst und hörte die Anliegen der Einwohner an. Der Junge verbeugte sich höflich.
„Wer bist du und woher kommst du?“, fragte der Fürst.
Der Träumer erzählte von seiner Reise und fügte am Ende hinzu:
„Außerdem habe ich einen Traum, den ich noch nicht erzählen möchte.“
Der Fürst war ein bestimmender Mann und mochte es nicht, wenn etwas seinem Wissen entging.
„Nicht einmal mir?“
„Nicht einmal Euch. Nicht aus Respektlosigkeit. Die Zeit ist nur noch nicht gekommen.“
Der Fürst zog die Brauen zusammen. Doch seine Tochter, die in der Nähe stand, sagte leise:
„Vater, man darf einem Menschen seine Gedanken nicht mit Gewalt nehmen.“
Also befahl der Fürst, den Reisenden zu bewirten und ihm ein Gästezimmer zu geben.
Die Prinzessin hieß Arevik. Sie war neugierig und liebte Rätsel. Am Abend brachte sie dem Träumer selbst das Essen.
„Ich frage nicht nach deinem Traum“, sagte sie. „Sag mir lieber: Magst du Rätsel?“
„Sehr.“
Von da an unterhielten sie sich oft. Gerade zu dieser Zeit kamen Gesandte eines östlichen Königs mit einer merkwürdigen Aufgabe in den Palast.
Sie brachten einen glatten Stab, an beiden Enden gleich dick.
„Unser König fragt: Welches Ende dieses Stabes ist oben und welches unten? Wenn eure Weisen es nicht bestimmen können, erkennt an, dass seine Ratgeber klüger sind.“
Die Gelehrten stritten den halben Tag. Einer roch am Holz. Einer maß es mit einer Schnur. Ein Dritter lauschte sogar, ob die Enden unterschiedlich klangen.
Arevik erzählte dem Träumer davon.
„Legt den Stab ins Wasser“, sagte er. „Das schwerere untere Ende sinkt ein wenig tiefer.“
So geschah es.
Am nächsten Tag sandte der östliche König drei fast gleiche Pferde. Man sollte bestimmen, welches die Mutter, welches das ältere und welches das jüngere Fohlen war.
Der Träumer riet, ihnen nach einer Nacht Ruhe Futter hinzustellen. Die Stute sah zuerst nach den jungen Tieren, das ältere Fohlen folgte ihr, und das jüngste blieb dicht bei der Mutter.
Auch dieses Rätsel wurde gelöst.
Am dritten Tag brachten die Gesandten einen Stahlschild und einen Speer.
„Zeigt nicht Kraft, sondern Verstand. Wie bringt man den Speer durch den Schild?“
In einer älteren Fassung war dies eine Kraftprobe. Der Träumer sah sich die Gegenstände jedoch genau an und bemerkte eine kleine Öffnung für einen Riemen.
„Man muss nicht zerstören, was man verstehen kann“, sagte er. „Führt das schmale Ende des Speers durch diese Öffnung.“
Die Gesandten lachten.
„Genau diese Antwort erwartet unser König!“
Der Fürst begriff nun, dass er keinen unverschämten Jungen, sondern einen klugen jungen Mann vor sich hatte.
„Bleib am Hof“, bot er an. „Lerne gemeinsam mit meinen Ratgebern.“
Die Zeit verging. Der Träumer und Arevik wurden enge Freunde und merkten später, dass sie ihr Leben gemeinsam verbringen wollten. Vor der Hochzeit kam jedoch erneut eine Botschaft aus dem Osten.
Der König lud den Träumer zu sich. Er wollte denjenigen kennenlernen, der seine drei Rätsel gelöst hatte.
Der junge Mann machte sich auf den Weg.
Hinter der Stadt traf er einen Mann, der mit dem Ohr auf der Erde lag.
„Was machst du?“
„Ich lausche fernen Geräuschen. Die Erde trägt sie besser als die Luft.“
„Komm mit mir. Aufmerksame Ohren können unterwegs nützlich sein.“
Weiter trafen sie einen Langschrittigen, der mit einem Schritt über eine breite Schlucht steigen konnte, einen Unersättlichen, der immer noch eine Schüssel Brei essen wollte, einen Wassertrinker, der ein ganzes Fass leeren konnte, einen Starken, der schwere Stämme hob, und einen Musiker, dessen Melodien selbst mürrische Menschen mit dem Fuß wippen ließen.
So waren sie zu siebt.
Der östliche König empfing sie feierlich, wollte aber sehen, ob ihre Fähigkeiten wirklich so ungewöhnlich waren.
Zuerst ließ er einen Tisch mit Brot, Früchten, Suppe und Fladen decken.
„Wenn ihr mit dieser Bewirtung fertigwerdet, erkenne ich eure Ausdauer an.“
Der Unersättliche rieb sich zufrieden die Hände.
„Endlich eine Aufgabe nach meinem Geschmack!“
Bis zum Abend war der Tisch leer, und die Köche staunten.
Dann brachte der König die Gäste in einem großen Haus unter und ließ die Öfen so stark heizen, dass es unerträglich warm wurde. Er wollte sehen, wie sie aus der Schwierigkeit herausfanden.
„Etwas Wasser wäre gut“, sagte der Träumer.
„Das ist meine Aufgabe“, antwortete der Wassertrinker.
Er brachte aus dem Brunnen so viel Wasser, dass die Öfen rasch abkühlten und die Räume wieder angenehm wurden.
Am dritten Tag kam die letzte Prüfung. Im Hof lag ein riesiger Stein, den zehn Männer nicht bewegen konnten.
„Bringt ihn zum Tor.“
Der Starke hob den Stein. Der Langschrittige zeigte den kürzesten Weg. Der Lauscher hörte eine hohle Stelle unter der Erde und führte alle daran vorbei. Der Musiker spielte so fröhlich, dass sogar der König lächelnd auf die Treppe trat.
„Genug“, sagte er. „Ich sehe das Wichtigste: Jeder von euch kann etwas Besonderes. Eure wirkliche Stärke entsteht aber, wenn ihr euch gegenseitig helft.“
Der König sandte den Träumer mit Geschenken und einem Freundschaftsbrief für den Fürsten nach Hause.
Als der junge Mann zurückkehrte, wurde in der Stadt gefeiert. Bald heirateten er und Arevik. Seine ungewöhnlichen Gefährten zogen wieder durch die Welt, besuchten die Freunde aber gelegentlich.
Einige Jahre später saß der Träumer mit seiner Frau im Garten. Neben ihnen spielte ihre kleine Tochter, und gerade waren Gesandte aus dem Osten zu Besuch.
Seine inzwischen älteren Eltern kamen in den Garten. Der alte Streit lag längst hinter ihnen.
Die Mutter lächelte.
„Mein Sohn, erinnerst du dich an den Traum, mit dem alles begann?“
„Ja.“
„Erzählst du ihn jetzt?“
Der Träumer sah nach Westen, wo die Sonne hinter den Bergen sank, dann nach Osten, wo der Himmel den goldenen Widerschein noch hielt.
„Ich träumte, rechts von mir leuchte eine Sonne, links eine zweite, und dicht an meinem Herzen strahle ein kleiner Stern.“
Der Vater staunte.
„Und was bedeutete das?“
„Damals wusste ich es nicht. Heute glaube ich, die beiden Sonnen waren zwei Häuser, die Freunde wurden: unser Fürstentum und das ferne Königreich. Der Stern am Herzen war die Familie, die ich erst noch finden sollte.“
Arevik lächelte.
„Deshalb hast du so viele Jahre geschwiegen?“
„Nein“, lachte der Träumer. „Ich schwieg, weil ein Traum manchmal wie ein Samen ist. Wenn man jeden Tag die Erde aufgräbt, um nachzusehen, ob er schon keimt, wächst nichts. Man muss ihm Zeit geben.“
Die kleine Tochter hob den Kopf.
„Ich habe heute auch etwas geträumt.“
Alle drehten sich zu ihr.
„Erzählst du es?“
Das Mädchen kniff listig die Augen zusammen.
„Noch nicht.“
Und der Garten füllte sich mit Lachen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
