

Laos
Der treue Ehemann
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 8–11 Jahre
- Dauer
- 9 Min.

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Der treue Ehemann
Inmitten der grünen Hügel von Laos lebte ein junger Chao namens Su Thome. Menschen seines Standes waren an große Häuser und feierliche Empfänge gewöhnt, doch Su Thome liebte etwas anderes viel mehr: stille Wege durch den Wald.
An einem heißen Tag nahm er einen Pfad, den nur selten jemand benutzte. Über ihm rauschte Bambus, und die Zikaden klangen, als wäre der ganze Wald eine riesige Spieluhr.
Der Weg führte ihn schließlich zu einem See, glatt und blau, als wäre ein Stück Himmel zwischen die Bäume gefallen.
Am Ufer sah Su Thome sieben geflügelte junge Frauen. Sie lachten, spritzten mit Wasser und ließen ihre leichten Flügel in der Sonne trocknen.
Als sie den Fremden bemerkten, flogen sechs sofort davon.
Die siebte breitete ebenfalls die Flügel aus, blieb aber noch einen Augenblick.
Su Thome hielt Abstand.
„Hab keine Angst“, sagte er. „Ich werde dich nicht festhalten.“
Die junge Frau sah ihn aufmerksam an.
„Warum stehst du dann noch hier?“
„Weil ich noch nie jemanden so leicht fliegen gesehen habe. Und weil ich gern deinen Namen wüsste.“
Sie lachte.
„Mein Name ist ziemlich lang für jemanden, der mich gerade erst kennengelernt hat. Nenn mich vorerst einfach Nang.“
Sie redeten lange am See.
Su Thome erzählte von seinem Zuhause, Nang von dem fernen Königreich Chom Kou Kilat, in dem ihre Familie lebte.
Als die Sonne zwischen den Bäumen sank, fasste Su Thome Mut.
„Ich würde dich gern wiedersehen.“
„Und ich dich“, antwortete Nang.
So begann ihre Freundschaft.
Su Thome kam immer wieder zum See, und Nang flog aus der Ferne zu ihm.
Mit der Zeit merkten beide, dass sie sich nicht mehr voneinander trennen wollten.
„Wenn du mit mir gehst“, sagte Su Thome, „bleibt jede Entscheidung deine eigene. Du darfst fliegen, wann immer du möchtest.“
Nang entschied sich, bei ihm zu leben.
Zu Hause staunten alle über ihre Flügel.
Su Thomes Mutter machte sich Sorgen.
„Und wenn sie eines Morgens davonfliegt und nie wiederkommt?“
„Wenn sie zurückkommt, dann weil sie selbst zurückkommen will“, antwortete Su Thome. „Was wäre Liebe wert, wenn man jemanden nur festhält?“
Seine Mutter merkte sich diese Worte.
Bald erfuhr jedoch auch der Herrscher der Gegend von Nang. Er war daran gewöhnt, dass alles Seltene und Schöne ihm gehören sollte.
Als er Nang bei einem Fest sah, beschloss er, sie und Su Thome zu trennen.
Er befahl Su Thome, eine lange und schwierige Reise an die Grenze zu unternehmen, angeblich wegen einer wichtigen Staatsangelegenheit.
Vor der Abreise sagte Su Thome zu seiner Frau:
„Ich komme zurück. Und lass niemanden für dich entscheiden.“
Nachdem er fort war, erkannte Nang schnell, was der Herrscher vorhatte.
Sie wandte sich an Su Thomes Mutter.
„Ich muss vorerst in das Haus meiner Eltern zurückkehren. Dort bin ich sicher. Wenn Su Thome heimkommt, sagt ihm bitte, wo er mich finden kann.“
Die Mutter brachte schweigend Nangs Flügel.
„Ich hatte Angst vor diesen Flügeln“, gestand sie. „Jetzt verstehe ich, dass sie dich nicht von uns wegnehmen. Sie geben dir nur Freiheit.“
Nang umarmte sie, breitete die Flügel aus und stieg über die Dächer.
Sie flog nach Osten, bis die Flüsse wie Silberfäden und die Berge wie grüne Wellen aussahen.
So kehrte sie nach Chom Kou Kilat zurück.
Su Thome erfüllte seinen Auftrag und kam unversehrt heim.
Als er erfuhr, was geschehen war, machte er Nang keinen Vorwurf.
„Sie hat richtig gehandelt“, sagte er. „Jetzt bin ich an der Reihe, sie zu finden.“
Er nahm nur das Nötigste mit und machte sich auf den Weg.
„Und wenn sieben Jahre, sieben Monate und sieben Tage vergehen“, sagte Su Thome, „ich kehre nicht um, bevor ich weiß, ob sie mich sehen möchte.“
Er ging durch Wälder, überquerte Flüsse und stieg über Bergpässe.
Eines Tages begegnete er einem alten Affen, der auf einem Ast saß und den Wanderer neugierig betrachtete.
„Wohin hast du es so eilig?“, fragte der Affe.
„Nach Chom Kou Kilat. Dort lebt meine Frau.“
„Sehr weit“, sagte der Affe. „Aber manchmal kennt das Herz den Weg besser als die Füße. Komm mit. Ich zeige dir den Pfad zum Meer.“
Mehrere Tage reisten sie gemeinsam.
Der Affe fand essbare Früchte, zeigte Quellen und warnte vor glatten Hängen.
Als schließlich das Meer vor ihnen glänzte, blieb er stehen.
„Weiter kann ich nicht mitkommen. Aber vergiss nicht: Hilfe kommt oft von denen, die man nicht für besonders stark hält.“
Su Thome dankte ihm und ging am Ufer weiter.
Bald sah er eine winzige Fliege, die sich in einem Spinnennetz über dem Wasser verfangen hatte.
Su Thome löste sie vorsichtig.
„Du bist so klein“, sagte er lächelnd, „aber auch du willst leben und deinen eigenen Weg fliegen.“
Die Fliege kreiste um seinen Kopf.
„Merk dir mich, Wanderer. Manchmal ist eine sehr kleine Helferin genau das, was man braucht.“
Weiter vor ihm versperrte das Meer den Weg.
Su Thome suchte lange nach einer Möglichkeit hinüberzukommen, bis er einen gewaltigen Adler sah, der jeden Tag zu weit entfernten Felsen flog.
Der Wanderer teilte sein Essen mit ihm und erzählte von seinem Ziel.
„Ich kann keinen Menschen auf meinem Rücken tragen“, sagte der Adler. „Aber halte dich an den kräftigen Federn nahe meinem Flügel fest und fürchte dich nicht vor der Höhe.“
So gelangte Su Thome über das Meer.
Nach vielen weiteren Tagen sah er endlich die Türme von Chom Kou Kilat.
Vor der Stadt schöpften junge Frauen Wasser in große Krüge. An ihrer Kleidung erkannte Su Thome das Zeichen des königlichen Hauses.
Er nahm einen Ring vom Finger, den Nang ihm einst geschenkt hatte, und bat eine Wasserträgerin, ihn ihrer Herrin zu geben.
Als Nang den Ring sah, wusste sie sofort:
Su Thome war gekommen.
Sie lief zu ihrem Vater.
„Er hat mich gefunden“, sagte sie. „Nicht weil er mich besitzen will. Er ist gekommen, um zu fragen, ob ich zu ihm zurückkehren möchte.“
Nangs Vater war vorsichtig.
„Im Lauf der Jahre kamen viele Menschen, die behaupteten, dich zu kennen. Der Wanderer soll zeigen, dass er dich wirklich kennt.“
In der großen Halle wurden sieben Tische gedeckt. Hinter einem Vorhang richtete jede der sieben Schwestern ihren Tisch auf ihre eigene Weise.
„Wähle Nangs Tisch“, sagte der Vater. „Wenn du dich irrst, gehst du einfach weiter.“
Su Thome sah die Tische an und wusste nicht, wie er entscheiden sollte.
Sie waren alle wunderschön gedeckt.
Da setzte sich eine winzige Fliege auf den Rand einer Schüssel.
Su Thome erkannte sie.
„Dieser Tisch“, sagte er.
Die Antwort war richtig.
Nun folgte eine zweite Aufgabe.
Die sieben Schwestern standen hinter sieben dünnen Vorhängen und streckten jeweils nur eine Hand hervor.
„Erkennst du die Hand deiner Frau?“
Wieder war Su Thome unsicher.
Da setzte sich die kleine Fliege an den Rand genau jenes Vorhangs, hinter dem Nang stand.
Su Thome trat näher.
„Ich glaube, du bist hier. Aber ich möchte deine Hand nicht berühren, bevor du selbst sagst, dass du es bist.“
Hinter dem Vorhang erklang das vertraute Lachen.
„Ich bin es.“
Nang trat hervor.
Ihr Vater lächelte.
„Die wichtigste Prüfung hast du gerade bestanden, ohne davon zu wissen. Du hast nicht nach Eigentum gesucht, sondern nach einem Menschen, der dir Ja oder Nein sagen kann.“
Su Thome wandte sich Nang zu.
„Ich bin gekommen, weil ich dich vermisst habe. Aber wenn dein Zuhause nun hier ist, werde ich das akzeptieren.“
Nang reichte ihm die Hand.
„Ich möchte, dass unser Zuhause dort ist, wo wir beide frei sein können. Bauen wir es gemeinsam.“
Sie blieben lange in Chom Kou Kilat.
Su Thome half dabei, das Land zu verwalten, aber er vergaß nie den alten Affen, den Adler und die winzige Fliege.
Und Nang bewahrte ihre Flügel nicht in einer verschlossenen Truhe auf.
Sie lagen neben einem offenen Fenster.
Wenn die Menschen Su Thome später fragten, worin Treue bestehe, antwortete er:
„Treue hält niemanden mit einem Seil fest. Sie lässt die Tür offen und findet trotzdem den Weg nach Hause.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
