Cover: Der überlistete Priester

Frankreich

Der überlistete Priester

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Frankreich
Alter
8–11 Jahre
Dauer
10 Min.
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Der überlistete Priester

In einem baskischen Dorf zwischen grünen Hügeln lebte ein Mann namens Petarillo. Arbeit scheute er nicht, doch noch lieber dachte er sich schlaue Streiche aus. Seine Frau sagte oft zu ihm:

„Pass auf, Petarillo. Klugheit ist eine gute Sache, solange niemand deswegen weinen muss.“

„Ich mache doch nur Spaß“, antwortete er dann.

Eines Tages bekamen sie zwei kleine Kaninchen, die einander so ähnlich sahen, dass selbst Petarillo sie kaum auseinanderhalten konnte.

Da kam ihm eine Idee.

Kurz darauf besuchte sie der örtliche Priester. Er war ein angesehener Mann, konnte es aber nur schwer ertragen, wenn jemand etwas Wunderbares besaß und er selbst nicht.

Die Hausherrin stellte Brot, Käse und Äpfel auf den Tisch. Petarillo tat inzwischen so, als müsse er zu einer Besorgung aufbrechen.

„Frau“, sagte er laut genug, damit der Gast es hören konnte, „wenn du mich brauchst, schick das Kaninchen nach mir.“

Der Priester hob die Augenbrauen.

„Das Kaninchen?“

„Natürlich. Es kennt den Weg.“

Petarillo verließ das Haus, nahm heimlich eines der Kaninchen mit und versteckte es in einem Korb nicht weit von der Straße.

Nach einer Weile sagte seine Frau:

„Ich muss meinen Mann rufen.“

Sie nahm das zweite Kaninchen, strich ihm sanft über den Rücken und flüsterte:

„Lauf zu Petarillo und sag ihm, dass das Abendessen fertig ist.“

Das Kaninchen hoppelte fröhlich in den Gemüsegarten und verschwand zwischen den Büschen.

„Unglaublich!“, rief der Priester.

Etwas später öffnete sich die Tür, und Petarillo trat ein. Auf seinen Armen saß das erste Kaninchen.

„Da bin ich“, sagte er. „Der Bote hat mir alles ausgerichtet.“

Der Priester konnte den Blick nicht von dem Tier lösen.

„Verkauf es mir.“

„Wozu braucht Ihr es denn?“

„Sehr praktisch. Dann brauche ich keinen Jungen mehr, der Botschaften überbringt.“

Petarillo nannte einen Preis, bei dem seine Frau beinahe die Schüssel fallen ließ. Doch der Priester bezahlte.

Am nächsten Tag wollte er tatsächlich schnell eine Nachricht nach Hause schicken. Er setzte das Kaninchen auf den Boden und sagte:

„Lauf zur Haushälterin und sag ihr, dass ich bald zurück bin!“

Das Kaninchen sprang ins Gras, fand saftigen Klee und überbrachte selbstverständlich niemandem irgendeine Nachricht.

Als der Priester heimkam, fragte er seine Dienerin:

„Nun? Hat das Kaninchen mich angekündigt?“

„Welches Kaninchen?“

Da begriff der Priester, dass er hereingelegt worden war.

„Dieser Petarillo!“, sagte er zornig. „Mit dem werde ich noch reden!“

Petarillo ahnte, dass der Priester bald sein Geld zurückfordern würde, und bereitete eine neue Vorstellung vor. Seine Frau band unter ihrer Schürze einen kleinen Beutel mit dickem Kirschsaft fest.

Als der Priester ins Haus kam, tat Petarillo so, als streite er mit seiner Frau.

„Siehst du!“, rief er theatralisch und schlug mit einem Holzlöffel leicht auf den versteckten Beutel.

Roter Saft lief über die Schürze. Seine Frau stieß einen Schrei aus, legte sich auf die Bank und schloss die Augen.

Der Priester wurde bleich.

„Was hast du getan?!“

„Keine Sorge“, sagte Petarillo gelassen. „Für solche Fälle habe ich eine Zauberflöte.“

Er nahm eine kleine Flöte und spielte eine fröhliche Melodie.

Seine Frau bewegte die Finger, setzte sich auf und stand schließlich auf.

„Was für schöne Musik!“, sagte sie.

Der Priester vergaß augenblicklich das Kaninchen und sein verlorenes Geld.

„Verkauf mir die Flöte!“

„Nein, nein. Sie gehört der Familie.“

„Ich bezahle gut.“

Wieder bot der Priester so viel Geld, dass Petarillo tief seufzte und so tat, als ließe er sich nur widerwillig überreden.

Zu Hause suchte der Priester lange nach einer Gelegenheit, die Flöte auszuprobieren. Seine Dienerin war nach der Arbeit so müde, dass sie sich in einen Sessel setzte und einschlief.

„Jetzt werden wir sehen, ob sie funktioniert“, dachte er.

Er spielte.

Die Dienerin rührte sich nicht.

Er spielte lauter.

Sie zog ihr Tuch über den Kopf.

Er spielte noch lauter.

Endlich sprang die Frau auf.

„Kann man einen Menschen denn nicht schlafen lassen?!“

Der Priester ließ die Flöte sinken.

Nun gab es keinen Zweifel mehr: Petarillo hatte ihn ein zweites Mal getäuscht.

Diesmal wollte der Priester die Sache nicht allein klären.

„Wir gehen zum Richter“, sagte er am nächsten Morgen zu Petarillo. „Er soll entscheiden, wer wem was schuldet.“

„Gehen wir“, sagte Petarillo.

Der Priester fürchtete jedoch, der Schlaumeier könnte unterwegs davonlaufen. Deshalb steckte er ihn in einen großen Wollballen-Sack und band ihn nur so fest zu, dass Petarillo gut atmen konnte.

„Darin bleibst du bis zur Stadt.“

Sie kamen gerade an einer Kirche vorbei, als die Glocke läutete. Der Priester musste für kurze Zeit hineingehen.

„Bleib ruhig“, befahl er und stellte den Sack in den Schatten an die Kirchenmauer.

Bald kam ein junger Hirte mit einer kleinen Schafherde die Straße entlang.

Aus dem Sack erklang eine Stimme:

„Ach, warum muss ausgerechnet mir eine solche Ehre widerfahren?“

Der Hirte blieb stehen.

„Wer ist da drin?“

„Ein Mann, den man in die Stadt bringt.“

„Weshalb?“

Petarillo dachte kurz nach.

„Man sagt, am Königshof brauche man einen Aufseher für die besten Herden, und nun will man mich mit Gewalt zum obersten Hirten machen. Ich mag es aber nicht, wenn andere bestimmen, wo ich leben soll.“

Die Augen des jungen Hirten leuchteten.

„Oberster Hirte? Am Königshof?“

„Genau.“

„Das würde ich sofort machen!“

„Ich würde es dir nicht empfehlen“, sagte Petarillo, obwohl man das Lächeln schon in seiner Stimme hören konnte.

„Doch, bitte! Tauschen wir die Plätze.“

Petarillo tat noch einmal so, als lehne er ab. Doch der Hirte bestand darauf. Schließlich öffnete er den Sack, Petarillo kletterte heraus, der Hirte kroch hinein, und Petarillo nahm seinen Stab und führte die Schafe zurück in Richtung Dorf.

Als der Priester zurückkam, bemerkte er nichts.

„Nun gehen wir zum Richter“, sagte er und schleppte den Sack weiter.

Im Rathaus befahl der Richter:

„Aufmachen. Ich will beide Seiten hören.“

Der Sack wurde geöffnet, und der junge Hirte sprang heraus.

„Wo sind die königlichen Schafe?“, fragte er.

Der Richter blinzelte.

Der Priester blinzelte.

Der Hirte blinzelte ebenfalls.

Dann brach im Saal ein solches Gelächter aus, dass der Schreiber sich mit dem Ärmel die Tränen abwischen musste.

„Ruhe!“, sagte der Richter schließlich. „Offenbar fehlt uns noch jemand in dieser Geschichte.“

Genau in diesem Augenblick erschien Petarillo mit der Schafherde in der Tür.

„Ich bringe die Tiere zurück“, sagte er. „Sie gehören nicht mir.“

Der Hirte atmete erleichtert auf.

„Und die Stelle am Königshof?“

„Ich fürchte, daraus wird nichts“, antwortete Petarillo.

„Dann gib mir wenigstens meinen Stab zurück.“

„Natürlich.“

Der Richter hörte sich die ganze Geschichte an: die beiden Kaninchen, die Flöte, den Beutel mit Kirschsaft und den Tausch im Sack.

Dann sah er Petarillo an.

„Du bist gewitzt. Aber ein Streich hört auf, ein harmloser Spaß zu sein, wenn andere dadurch Geld verlieren. Du wirst alles zurückgeben, was du für das angeblich magische Kaninchen und die Flöte genommen hast.“

„Das werde ich“, sagte Petarillo.

Nun wandte sich der Richter an den Priester.

„Und Ihr habt zweimal eine gewaltige Summe für Dinge bezahlt, ohne zu prüfen, ob das Versprochene überhaupt möglich ist. Warum?“

Der Priester wurde rot.

„Weil ich Wunder besitzen wollte, die sonst niemand hatte.“

„Dann habt ihr heute beide etwas gelernt.“

Petarillo gab das Geld zurück. Der Hirte nahm seine Herde wieder mit. Das Kaninchen, das man später auf einer benachbarten Wiese fand, kam zu den Kindern des Feldbesitzers und lebte fortan friedlich in einem großen Gehege zusammen mit dem anderen Kaninchen.

Zu Hause sagte Petarillos Frau:

„Erinnerst du dich, was ich dir gesagt habe? Klugheit ist gut, solange niemand deswegen weinen muss.“

„Jetzt erinnere ich mich besser daran“, gab er zu.

Von da an verkaufte Petarillo keine „magischen“ Dinge mehr. Bei Dorffesten stellte er den Kindern stattdessen Rätsel und zeigte sichere Kunststücke, über die alle lachen konnten.

Und der Priester fragte künftig dreimal nach, bevor er etwas Unglaubliches kaufte:

„Ist das auch wirklich wahr?“

Im Dorf erzählte man noch lange von jenem Tag, an dem der eine Mann sich zu sehr für seine Tricks begeisterte und der andere zu sehr für Wunder. Am Ende brauchten beide einen Richter, um ihren gesunden Menschenverstand wiederzufinden.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨