Cover: Der verkehrte Palast

Israel

Der verkehrte Palast

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Israel
Alter
6–10 Jahre
Dauer
8 Min.
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Der verkehrte Palast

Abraham und Sara waren auf einer langen Reise nach Ägypten.

Am Tag flimmerte die Hitze über dem Land. Am Abend wurde der Himmel violett. In der Nacht leuchteten über den Reisenden unzählige Sterne.

Sara war für ihre Schönheit bekannt.

Abraham aber schätzte ebenso ihren klaren Verstand und ihre ruhige Art. Sie bemerkte oft Dinge, die andere übersahen, und urteilte selten vorschnell.

Als sie sich der Grenze näherten, wurde Abraham unruhig.

„Am Hof liebt man alles Ungewöhnliche“, sagte er. „Wir sind Fremde. Ich möchte nicht, dass man uns aus bloßer Neugier festhält.“

„Wir bleiben höflich und sagen die Wahrheit, soweit es sicher ist“, antwortete Sara. „Und wir erinnern uns daran, dass Angst Gefahren oft schon erfindet, bevor sie überhaupt da sind.“

An der Grenze standen Zöllner.

Sie kontrollierten Wagen, zählten Bündel und stellten jedem Reisenden viele Fragen.

Abraham führte eine große Reisekiste mit Kleidung, Vorräten und Dingen für den Weg.

Ein Zöllner deutete darauf.

„Was ist da drin?“

„Reisegepäck.“

„Vielleicht Getreide?“

„Wenn nötig, zahle ich den Zoll für Getreide.“

„Oder Gewürze?“

„Dann zahle ich auch dafür.“

Die Zöllner sahen einander an.

„Merkwürdig. Alle anderen handeln. Du wärst bereit, mehr zu bezahlen.“

„Ich möchte nur ohne Streit weiterreisen.“

Nun wurden sie erst recht neugierig.

Sie ließen die Kiste öffnen.

Gerade da kam Sara von einem Brunnen zurück, wo sie mit einigen Frauen gesprochen hatte.

Für einen Moment verstummten die Zöllner.

Der Leiter flüsterte:

„Von solchen Gästen muss der Palast erfahren.“

So wurde aus einer gewöhnlichen Kontrolle eine große Sache.

Kurz darauf lud der Pharao Abraham und Sara in seinen Palast ein.

Er war gewaltig.

Hohe Säulen.

Glänzende Böden.

Blumen in Wasserbecken.

Diener, die sich fast lautlos bewegten.

Der Pharao empfing die Reisenden in einer großen Halle.

„Man sagt, ihr kommt von weit her. Bleibt in meinem Palast. Hier habt ihr es besser als unterwegs.“

„Danke für die Gastfreundschaft“, sagte Sara. „Aber wir möchten uns ausruhen und dann weiterziehen.“

Der Pharao war überrascht.

Ablehnungen hörte er selten.

„Warum die Eile? Ihr bekommt die besten Zimmer, einen Garten und Diener.“

Sara sah ihn ruhig an.

„Ein schönes Zimmer bleibt ein fremdes Zimmer, wenn niemand fragt, ob man darin bleiben möchte.“

Der Pharao schwieg.

Doch er war es gewohnt, dass sein Wunsch genügte.

„Bleibt wenigstens einige Tage“, sagte er. „Danach sehen wir weiter.“

Sara verstand, dass die Einladung langsam zu einer Verpflichtung wurde.

In dieser Nacht begann im Palast etwas sehr Seltsames.

Zuerst rutschte der Stuhl unter dem Pharao zurück, sobald er sich setzen wollte.

Die Diener sahen schnell weg, um nicht zu lachen.

„Alle hinaus!“, befahl er.

Kaum war die Halle leer, rollte sich der Teppich unter seinen Füßen zusammen.

Er stieg darüber.

Der Teppich entrollte sich wieder und rollte sich von der anderen Seite auf.

„Was soll das?“

Im Schlafzimmer wurde es noch merkwürdiger.

Das Kissen, das er ans Kopfende legte, tauchte plötzlich am Fußende auf.

Die Decke rutschte vom Bett.

Das Bett drehte sich ein wenig, und jedes Mal, wenn der Pharao die Augen schloss, war das Kopfende scheinbar wieder auf der falschen Seite.

Er zog in ein anderes Zimmer.

Dort öffnete sich die Tür plötzlich nach außen und schob ihn leicht zurück in den Flur.

Er ging eine Treppe hinauf.

Nach zehn Stufen stand er wieder auf demselben Absatz.

„Ich bin eindeutig nach oben gegangen!“

Der Wächter schwor, er habe es genauso gesehen.

Bis Mitternacht war der ganze Palast verkehrt.

Krüge klirrten ohne Wind.

Vorhänge verknoteten sich.

Sandalen der Diener tauschten die Plätze.

Der Koch stellte einen Topf rechts ins Regal und fand ihn eine Minute später links.

Der oberste Schreiber legte eine Schriftrolle dreimal richtig hin.

Dreimal rollte sie sich verkehrt herum auf.

Schließlich sagte ein alter Diener vorsichtig:

„Herr, seit diese Reisenden im Palast sind, steht nichts mehr an seinem Platz.“

Der Pharao runzelte die Stirn.

„Glaubst du, sie sind schuld?“

„Das weiß ich nicht. Vielleicht sollten wir einfach fragen, was sie möchten.“

Der Pharao ging zu Saras Zimmer.

Dort war alles ruhig.

Die Lampe brannte gleichmäßig.

Der Teppich lag glatt.

Der Krug blieb auf dem Tisch.

Sara saß am Fenster.

„Hast du gesehen, was in meinem Palast geschieht?“

„Ich habe einiges rumpeln gehört.“

„Meine Möbel sind verrückt geworden.“

Sara sah ihn an.

„Vielleicht mögen sie es nicht, wenn Dinge nicht an ihrem richtigen Platz sind.“

„Was soll das bedeuten?“

„Ein Reisender sollte weiterziehen dürfen, wenn er weiterziehen möchte. Ein Gast sollte ein Gast bleiben und kein Mensch sein, dem man verbietet zu gehen. Wenn jeder an einem fremden Platz festgehalten wird, ist es kein Wunder, dass auch die Stühle durcheinandergeraten.“

Der Pharao wollte widersprechen.

In diesem Moment drehte sich seine Krone auf seinem Kopf verkehrt herum.

Sara musste lächeln.

Der Pharao nahm die Krone ab, betrachtete sie und begann schließlich selbst zu lachen.

„Gut. Ich verstehe den Hinweis.“

Er ließ Abraham holen.

„Ihr könnt weiterreisen. Niemand wird euch aufhalten.“

„Danke“, sagte Abraham.

Sara fügte hinzu:

„Und Eure Diener sollten wahrscheinlich schlafen. Sie sind heute genug hinter Möbeln hergelaufen.“

Der Pharao seufzte.

„Wenn mein Palast morgen noch immer verkehrt ist, komme ich mit euch.“

Doch kaum hatte er ausgesprochen, dass die Gäste frei waren, wurde es still.

In einer entfernten Halle rollte sich der Teppich von selbst glatt.

Die Stühle standen wieder bei den Tischen.

Die Vorhänge lösten ihre Knoten.

Die Krüge blieben auf ihren Regalen.

Und sogar die Krone in den Händen des Pharaos schien sich richtig herum zu drehen.

„Endlich“, flüsterte der oberste Schreiber. „Die Welt steht wieder gerade.“

Am nächsten Morgen verließen Abraham und Sara den Palast.

Der Pharao gab ihnen Vorräte für die Reise und ließ die Tore öffnen.

Als die Mauern schon weit hinter ihnen lagen, fragte Abraham:

„Was glaubst du, war das? Ein Wunder? Ein Schutzgeist? Oder hatte der Palast selbst eine Meinung?“

Sara lächelte.

„Ich weiß es nicht. Aber manchmal muss ein ganzer Palast Kopf stehen, bis jemand ein einfaches Nein hört.“

Man erzählt, dass der Pharao von da an jeden Gast fragte:

„Möchtet Ihr wirklich bleiben?“

Und die alten Diener erzählten noch lange von jener Nacht, in der Stühle wanderten, Treppen ihre Richtung vergaßen, Geschirr davonlief und ein Palast seinem Herrscher beibrachte:

Gastfreundschaft ist nur dann gut, wenn die Tür in beide Richtungen offensteht.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨