

Laos
Der verzauberte Berg
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Laos
- Alter
- 5–8 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Der verzauberte Berg
In den nördlichen Wäldern von Laos, wo Pfade über steinige Hänge steigen und zwischen Bambus und hohen Bäumen verschwinden, erzählen die Menschen seit langer Zeit von einem ungewöhnlichen Berg.
Sein Gipfel liegt so hoch, dass die Morgenwolken seine Hänge wie weiche weiße Decken berühren.
Man sagt, dort oben gebe es einen See mit Wasser, klarer als Tau.
Rundherum wachsen Blumen, die man in keinem gewöhnlichen Garten findet.
Große Bananen, süße Orangen und andere Früchte reifen dort.
Und das Reisfeld steht hoch und kräftig.
Am erstaunlichsten aber sind die Vögel.
Sie haben überhaupt keine Angst vor Menschen.
Sie kommen nahe heran, baden am Ufer, picken Körner und sitzen ruhig auf den Ästen.
Die Geister des Berges beschützen sie, und niemand kann ihnen dort etwas antun.
Viele Menschen hörten von diesem Ort.
Einige machten sich mit Seilen und Körben auf den Weg.
„Wir finden den Berg, sammeln Früchte und bringen sie nach Hause“, sagten sie.
Andere nahmen Karten mit.
„Wir merken uns den Weg und kommen wieder.“
Doch so oft sie auch suchten, der Gipfel zeigte sich ihnen nicht.
Der Pfad bog plötzlich in eine andere Richtung.
Nebel sank auf die Hänge.
Ein Felsen, den man zu erkennen glaubte, sah auf einmal völlig anders aus.
Die Menschen kehrten nach Hause zurück und sagten:
„Es gibt keinen verzauberten Berg. Das ist nur eine alte Geschichte.“
Die alten Erzähler lächelten.
„Wer nur nach Beute sucht, findet ihn nicht“, antworteten sie.
Eines Tages ging ein junger Jäger lange durch den Wald.
Er entdeckte die Spur eines wilden Tieres und folgte ihr.
Zuerst ging er schnell.
Dann lief er.
Dann ging er wieder.
Die Spur erschien auf feuchter Erde und verschwand zwischen Steinen.
Viel Zeit verging.
Die Sonne stand hoch.
Der Jäger war so erschöpft, dass er kaum noch einen Fuß vor den anderen setzen konnte.
Schließlich blieb er stehen.
„Genug“, sagte er zu sich selbst. „Das Tier ist fort. Soll es gehen. Ich jage ihm nicht weiter nach.“
Er setzte sich unter einen Baum, lehnte den Rücken an den Stamm und schloss die Augen.
Da wehte ein kühler Wind.
Die Blätter raschelten.
Und irgendwo vor ihm hörte er leises Wasserplätschern.
Der Jäger öffnete die Augen.
Dort, wo eben noch dichtes Gebüsch gestanden hatte, erschien ein schmaler Pfad.
Er führte bergauf.
„Seltsam“, flüsterte der junge Mann.
Aber er folgte ihm.
Der Weg war kürzer, als er erwartet hatte.
Hinter einer Kurve traten die Bäume auseinander.
Vor ihm lag ein See.
Das Wasser war so klar, dass der Himmel darin sichtbar war.
Am Ufer wuchsen Blumen.
Etwas weiter bogen schwere Bananenstauden ihre Blätter nach unten.
Zwischen den Bäumen leuchteten Orangen.
Hinter dem See wogte ein Reisfeld.
Und überall liefen Vögel herum.
Ein großer Vogel kam ganz dicht zu ihm und legte den Kopf schief.
Der Jäger griff aus Gewohnheit nach seinem Bogen.
Dann hielt seine Hand inne.
Der Vogel floh nicht.
Er sah ihn ruhig an, als wüsste er, dass ihm hier nichts geschehen konnte.
Der Jäger senkte den Bogen.
„Hab keine Angst“, sagte er leise. „Heute bin ich nicht wegen Beute hier.“
Der Vogel schlug mit den Flügeln und ging zum Wasser.
Der Jäger trank aus dem See.
Das kühle Wasser gab ihm seine Kraft zurück.
Dann fand er eine reife Frucht, die unter einem Baum lag, und aß sie.
Etwas Süßeres hatte er noch nie gekostet.
Er ruhte sich lange aus.
Er lauschte dem Rascheln der Blätter, dem Wasser und den Vogelstimmen.
Alles war still, aber nicht leer.
Es wirkte, als würde der Berg selbst neben ihm atmen.
Als die Sonne tiefer sank, dachte der Jäger an sein Zuhause.
„Ich nehme eine Orange für die Kinder mit“, beschloss er. „Dann können sie sehen, dass der Berg wirklich existiert.“
Er suchte die schönste Frucht aus und machte sich auf den Rückweg.
Der Pfad führte leicht bergab.
Doch kaum war der See hinter den Bäumen verschwunden, merkte der Jäger, dass seine Hand leer war.
Die Orange war fort.
Erstaunt ging er ein paar Schritte zurück.
Der See glänzte wieder zwischen den Zweigen.
Und unter demselben Baum lag die reife Orange.
Da verstand der Jäger.
Die Gaben des Berges darf man dort annehmen, wo sie wachsen.
Sie geben einem müden Menschen Kraft.
Sie stillen den Durst.
Sie ernähren jemanden, der eine Pause braucht.
Aber man darf sie nicht mitnehmen, um zu prahlen oder Vorräte für sich selbst anzulegen.
„Danke“, sagte der Jäger, ohne zu wissen, wer ihn hörte.
Der Berg?
Der Wind?
Oder die Geister, die diesen Ort bewachten?
Dann ging er mit leeren Händen, aber leichtem Herzen nach Hause.
Am Abend erzählte er seiner Familie vom See, den Blumen, dem Reis und den furchtlosen Vögeln.
Die erwachsenen Nachbarn schüttelten die Köpfe.
„Wie sollen wir dir glauben, wenn du nichts mitgebracht hast?“
Der Jäger lächelte.
„Vielleicht habe ich gerade deshalb nichts mitgebracht.“
Die Kinder hörten mit großen Augen zu.
Sie glaubten ihm.
Und die alten Leute sagten, dass Kinder solche Geschichten leichter verstehen, weil sie noch wissen:
Nicht alles, was wirklich ist, muss man in der Hand halten können.
Man erzählt, der verzauberte Berg stehe noch immer irgendwo über den Wäldern.
Er versteckt sich nicht vor allen.
Er zeigt seinen Pfad nur dem, der müde geworden ist, aufgehört hat, einer Beute nachzujagen, und bereit ist, ohne Gier in seine Stille einzutreten.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
