

Philippinen
Der verzauberte Prinz
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Philippinen
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 8 Min.

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Der verzauberte Prinz
Am Rand eines großen grünen Waldes stand eine Stadt mit weißen Türmen, breiten Plätzen und duftenden Gärten.
Dort regierte ein wohlhabender König.
Sein Sohn hieß Ukai.
Der junge Prinz war neugierig und mutig, aber nicht immer entschlossen genug, wenn es darum ging, eine unangenehme Wahrheit auszusprechen.
Eines Tages begegnete Ukai im Wald einer jungen Zauberin.
Sie verstand die Sprache der Vögel, konnte verborgene Quellen finden und mit einer Handbewegung hundert Glühwürmchen zum Leuchten bringen.
Ukai besuchte sie oft.
Sie saßen unter Bäumen, redeten lange und wurden einander sehr wichtig.
Doch zwischen ihren Familien bestand eine alte Feindschaft.
Ukais Vater wollte von der Waldzauberin nichts hören.
„Es ist Zeit, dass du heiratest“, sagte er. „Ich suche dir eine Braut aus einer angesehenen Familie.“
Ukai wollte widersprechen.
Er holte Luft.
Doch aus Angst vor dem Zorn seines Vaters schwieg er.
Ein Tag verging.
Dann ein zweiter.
Der König begann bereits, ein großes Fest vorzubereiten und sprach von einer zukünftigen Hochzeit mit einer jungen Frau, die Ukai kaum kannte.
Als die Zauberin davon erfuhr, war sie tief verletzt.
„Du hast versprochen, ehrlich mit mir zu sein. Ich kann dich nicht zwingen, mutig zu sein. Aber jede Entscheidung hat Folgen.“
Sie hob die Arme.
Ein grüner Wind zog über die Stadt.
Die Türme wurden von Blättern bedeckt.
Häuser verwandelten sich in Bäume.
Straßen wurden zu Waldpfaden.
Die Menschen der Stadt nahmen für die Dauer des Zaubers die Gestalt von Tieren und Vögeln an.
Ukai selbst wurde zu einem großen Affen mit dunklen Augen.
„Der Zauber verschwindet weder durch Kraft noch durch Reichtum“, sagte die Zauberin. „Er endet erst, wenn nach langer Zeit jemand in dir nicht nur eine fremde Gestalt sieht, sondern ein lebendiges Herz, und freiwillig bei dir bleibt.“
Die Stadt verschwand im Wald.
Jahre vergingen.
Jahrzehnte.
Dann Jahrhunderte.
Niemand erinnerte sich mehr an das alte Königreich.
An seiner Stelle wuchs dichter Wald.
Später entstand in der Nähe eine neue Siedlung.
Ukai lebte auf dem höchsten Baum.
Längst konnte er geschickt von Ast zu Ast springen, die süßesten Früchte finden und am Klang erkennen, wann Regen kam.
Doch jede Nacht sah er durch die Blätter zu den Sternen.
Er erinnerte sich an den Morgen, an dem er nicht den Mut gefunden hatte, die Wahrheit zu sagen.
„Wenn ich ihn zurückholen könnte, würde ich sprechen, auch wenn ich Angst hätte.“
Eines Tages wurde nahe dem alten Baum eine kleine Kirche gebaut.
Die Menschen gingen häufig dort vorbei.
Niemand ahnte, dass zwischen den Blättern ein verzauberter Prinz lebte.
Nach einer Feier setzte sich einmal eine junge Frau unter den Baum.
Sie war traurig.
Jemand, dem sie vertraut hatte, hatte sich für Reichtum und Stellung entschieden und ihre Freundschaft vergessen.
Sie weinte nicht.
Sie saß nur still und dachte darüber nach, wie leicht Versprechen sich manchmal verändern.
Plötzlich fiel neben ihr eine reife gelbe Frucht zu Boden.
Sie sah hinauf.
Auf einem niedrigen Ast saß ein großer Affe.
„Hast du die geworfen?“
Ukai nickte.
„Dann danke.“
Am nächsten Tag kam sie wieder.
Ukai brachte ihr süße Beeren.
Am dritten Tag brachte sie ihm kleine Fladen.
So begann ihre merkwürdige Freundschaft.
Ukai griff niemals nach ihr und versuchte nie, sie aufzuhalten.
Wenn sie gehen wollte, trat er zurück.
Wenn sie wiederkam, freute er sich so sichtbar, dass sie lachen musste.
Eines Tages sagte sie:
„Deine Augen sehen gar nicht aus wie die eines gewöhnlichen Affen. Es wirkt, als würdest du jedes Wort verstehen.“
Ukai legte eine Hand auf sein Herz.
„Du verstehst mich wirklich?“
Er nickte.
Die junge Frau staunte.
Aber sie hatte keine Angst.
„Dann machen wir es so: Ich rede. Du zeigst mir, was du denkst.“
Sie erzählte von ihrem Dorf, ihrer Familie, ihrer Arbeit und ihren Träumen.
Ukai antwortete mit Gesten.
Er zeichnete mit einem Stock in die Erde.
Er brachte Gegenstände, die aus der längst verschwundenen Stadt geblieben waren.
Eines Abends zeigte er ihr einen Stein mit einer eingemeißelten Krone.
„Hier war einmal ein Palast?“
Ukai nickte.
„Und du... warst ein Mensch?“
Wieder ein Nicken.
Die junge Frau schwieg lange.
„Ich weiß nicht, wie ich dir helfen kann. Aber ich kann wiederkommen, wenn du das möchtest.“
Ukai verbeugte sich.
Sie kam jeden Morgen.
Je länger sie miteinander redeten, desto deutlicher verstand sie:
Vor ihr saß kein Ungeheuer.
Kein merkwürdiges Tier.
Sondern jemand Aufmerksames, Geduldiges und sehr Einsames.
Am zehnten Tag kam ein starkes Gewitter.
Der Wind bog die Bäume.
Die junge Frau suchte Schutz unter den breiten Ästen.
Ukai hielt große Blätter über sie wie einen Schirm.
Plötzlich leuchtete der Wald grün und golden auf.
Die Erde summte leise.
Die Bäume schienen auseinanderzutreten.
Wo eben noch Dickicht gewesen war, erschienen alte Straßen.
Unter der Rinde kamen Steinmauern hervor.
Zwischen Blättern glänzten Dächer und Türme.
Tiere und Vögel verwandelten sich wieder in Menschen.
Und vor der jungen Frau stand ein Mann in einfacher altertümlicher Kleidung.
Sie trat einen Schritt zurück.
„Ukai?“
„Ja.“
Seine Stimme klang nach so langer Stille rau.
„Das Erste, was ich sagen muss, ist Danke. Du bist gekommen, weil du selbst kommen wolltest. Genau das verlangte der Zauber.“
Ukai erzählte ihr von seinem Vater, der Zauberin, seiner Angst und seinem Schweigen.
„War die Zauberin also böse?“, fragte sie.
Ukai dachte nach.
„Sie war verletzt und wütend. Ihre Strafe war zu groß. Aber auch mein Schweigen war falsch. Nach so langer Zeit teile ich die Welt nicht mehr gern in einfach gut und böse. Wichtiger ist, was wir jetzt tun.“
Die Bewohner freuten sich über ihre Rückkehr.
Sie umarmten einander und staunten über die neue Welt außerhalb der alten Stadt.
Ukai erklärte nicht sofort, dass er wieder König sei.
„Zuerst müssen wir herausfinden, wie die Menschen heute leben. Und ob sie überhaupt möchten, dass ich sie regiere.“
Das war eine andere Antwort, als der frühere Prinz gegeben hätte.
Die junge Frau blieb seine Freundin.
Sie half den Bewohnern der alten Stadt, sich in der neuen Zeit zurechtzufinden.
Ukai lernte zu fragen, zuzuhören und unangenehme Wahrheiten auszusprechen.
Eines Abends saßen sie unter demselben Baum.
„Erinnerst du dich an die erste gelbe Frucht?“, fragte sie.
Ukai lachte.
„Damals war ich nervöser als bei jeder königlichen Zeremonie.“
„Und ich dachte: Was für ein höflicher Affe.“
Sie lachten beide.
Mit der Zeit wurde aus der Freundschaft ein tieferes Gefühl.
Erst als beide sicher waren, entschieden sie, zusammenzubleiben.
In der wiedererstandenen Stadt erinnerte man sich lange an ihre Geschichte.
Besonders an eine einfache Wahrheit:
Mut braucht man nicht nur in Schlachten.
Manchmal besteht der größte Mut darin, rechtzeitig die Wahrheit zu sagen und einem anderen Menschen die Freiheit zu lassen, selbst zu entscheiden.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
