Cover: Der verzauberte Riese

Portugal

Der verzauberte Riese

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Portugal
Alter
7–10 Jahre
Dauer
11 Min.
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Der verzauberte Riese

Eine Witwe hatte drei Söhne. Die Familie hielt fest zusammen, war aber nicht reich. Sie besaßen ein kleines Haus, einen Gemüsegarten und einige alte Obstbäume, die in einem Jahr reichlich trugen und im nächsten so taten, als hätten sie das Äpfelmachen vergessen.

Eines Morgens sagte der älteste Sohn:

„Mutter, ich bin erwachsen. Ich will Arbeit suchen. Wenn ich Glück habe, komme ich mit Geld zurück und kann uns allen helfen.“

Die Mutter ließ ihn nur ungern weit fortgehen, wusste aber, dass er es ernst meinte. Sie backte ihm Fladen für den Weg, legte Äpfel in seine Tasche und sagte:

„Denk daran: Guter Lohn bedeutet noch lange keinen guten Herrn. Achte nicht nur darauf, was man dir verspricht, sondern auch darauf, was man von dir verlangt.“

Der junge Mann versprach, vorsichtig zu sein, und brach im Morgengrauen auf.

Er zog von Dorf zu Dorf, bis er von einem Zauberer hörte, der ständig Gehilfen suchte.

„Die Arbeit ist seltsam“, warnte ihn ein Wirt, „aber er bezahlt gut.“

Der junge Mann klopfte an ein hohes schwarzes Tor.

Ein dünner Mann in dunklem Mantel öffnete.

„Du suchst Arbeit?“

„Ja.“

„Du bekommst für jeden Tag eine Münze. Dafür reitest du mit mir, wohin ich sage, und befolgst meine Befehle.“

Der Junge erinnerte sich an die Worte seiner Mutter. Doch eine Münze pro Tag klang nach einem gewaltigen Lohn.

„Gut“, sagte er.

Noch in derselben Nacht befahl der Zauberer, zwei Pferde zu satteln. Sie ritten über dunkle Straßen, durch Wälder und über steinige Felder. Gegen Morgen ragte vor ihnen ein Berg auf, so hoch, dass sein Gipfel in den Wolken verschwand.

„Wir sind da“, sagte der Zauberer.

Er holte einen riesigen Leinensack hervor, auf den seltsame Zeichen gestickt waren.

„Steig hinein.“

„Warum?“

„Der Sack fliegt bis auf den Gipfel. Dort oben liegen Schätze. Du füllst einige Beutel mit Gold und Edelsteinen, bindest sie an das Zauberseil, und ich ziehe sie herunter. Danach schicke ich den Sack zurück und hole dich.“

Dem jungen Mann gefiel das nicht.

„Warum steigt Ihr nicht selbst hinauf?“

Der Zauberer lächelte zu schnell.

„Weil der Berg mich nicht hinauflässt.“

Doch nun schien es zu spät, um umzukehren. Der Junge stieg in den Sack. Der Zauberer öffnete ein altes Buch, murmelte einen Spruch, und der Sack stieg in die Luft.

Höher als die Kiefern.

Höher als die Felsen.

Höher als die Wolken.

Kurz darauf stand der junge Mann auf dem Gipfel.

Überall lagen Münzen, Edelsteine und silberne Schalen. Daneben lagen verlassene Taschen und alte Wanderstöcke. Der Junge begriff, dass vor ihm schon andere hier gewesen waren.

Von unten rief der Zauberer:

„Füll die Säcke!“

Der junge Mann tat, was verlangt wurde, und ließ einen Beutel nach dem anderen am Seil hinab.

Als der letzte hinter dem Felsrand verschwunden war, rief er:

„Jetzt schickt den Sack zurück!“

Keine Antwort.

„Herr Zauberer!“

Nur der Wind pfiff zwischen den Steinen.

Der junge Mann verstand, dass man ihn betrogen hatte.

Zuerst wurde er wütend. Dann bekam er Angst. Schließlich sagte er zu sich selbst:

„Wenn ich schon hier bin, wird Weinen keine Leiter bauen. Ich muss einen anderen Weg suchen.“

Er umrundete den Gipfel und entdeckte einen großen Eisenring im Gras. Als er daran zog, öffnete sich unter einer Steinplatte eine Treppe.

Mit einer kleinen Kerze aus seiner Tasche stieg er hinunter.

Die Stufen führten zu einem wunderbaren unterirdischen Palast. Lampen brannten dort, obwohl niemand sie entzündete. Auf dem Tisch stand warmes Essen, obwohl kein Koch zu sehen war. Türen öffneten sich von selbst.

Im hintersten Saal saß ein Riese.

Sein Kopf reichte fast bis zur Decke, und eine Hand war so groß wie ein Tisch.

„Wer ist in meinen Palast gekommen?“, donnerte er.

Der junge Mann hätte beinahe seine Kerze fallen lassen.

„Ich wollte Euch nicht stören. Ein Zauberer hat mich auf dem Berg zurückgelassen. Ich suche einen Ausgang.“

Der Riese hörte aufmerksam zu und seufzte traurig.

„Derselbe Zauberer hat auch mich verzaubert. In Wahrheit bin ich ein Prinz. Solange seine Magie stark ist, kann ich meine wirkliche Gestalt nicht zurückbekommen und dieser Palast nicht an die Oberfläche steigen.“

„Wie kann man den Zauber brechen?“

„Ganz verschwindet er, wenn der Zauberer seine Macht über den Berg verliert. Zuerst können wir aber drei weitere Gefangene befreien. Bei Sonnenaufgang kommen drei Tauben zum Teich: eine weiße, eine graue und eine zimtfarbene. Es sind drei Schwestern, die er ebenfalls verzaubert hat.“

Am nächsten Morgen versteckte sich der junge Mann am Teich.

Der Himmel wurde gerade hell, als die drei Tauben kamen.

Sie landeten am Wasser.

Der Junge warf ein dünnes Band aus und wollte die weiße Taube damit festhalten. Doch alle drei schlugen mit den Flügeln und flogen davon. In seiner Hand blieben nur zwei weiße Federn.

„Das hat nicht funktioniert“, seufzte er.

„Ein erster Fehlschlag ist noch kein Ende“, sagte der verzauberte Riese. „Versuch nicht, sie mit Gewalt zu fangen. Zauber halten sich oft gerade an Angst fest.“

Am nächsten Morgen legte der junge Mann ein weißes Band ans Wasser und trat zurück.

Als die Tauben kamen, sagte er:

„Ich werde euch nichts tun. Wenn eine von euch einen Weg aus dem Zauber sucht, berührt dieses Band.“

Die weiße Taube betrachtete ihn lange mit glänzenden schwarzen Augen. Dann trat sie mit einem Fuß auf das Band.

Sanftes Licht umgab sie.

An ihrer Stelle stand plötzlich eine junge Frau in weißem Kleid.

„Endlich“, flüsterte sie. „Ein Teil des Zaubers ist gebrochen.“

Die graue und die zimtfarbene Taube kreisten über dem Teich, als freuten sie sich für ihre Schwester, doch ihr Zauber hielt noch.

Die Tage vergingen. Der ältere Bruder konnte den unterirdischen Palast nicht verlassen, war dort aber nun nicht mehr allein. Er half dem Riesen, alte Inschriften über den Zauber zu suchen, und die junge Frau in Weiß erinnerte sich immer mehr an den Zauberer.

Zu Hause machte sich die Mutter Sorgen.

„Wir haben viel zu lange nichts gehört“, sagte sie.

Da beschloss der jüngste Sohn, seinen Bruder zu suchen.

Der mittlere blieb bei der Mutter. Der Jüngste nahm denselben Weg wie der Älteste. In der Stadt fragte er die Leute und erfuhr, dass sein Bruder bei einem Zauberer Arbeit angenommen hatte.

Er klopfte an das schwarze Tor.

Der Zauberer öffnete.

„Du suchst Arbeit?“

„Genau.“

Bald ritten sie gemeinsam zum hohen Berg.

Als der Zauberer den bekannten Sack hervorholte, tat der jüngste Bruder so, als ahnte er nichts.

Auf dem Gipfel sah er die alten Taschen und wusste, dass sein Bruder hier gewesen war.

„Füll die Beutel mit Gold!“, rief der Zauberer von unten.

Der Junge füllte den ersten Beutel mit Steinen und legte nur einige Münzen obenauf. Genauso machte er es mit dem zweiten und dem dritten.

Der Zauberer freute sich.

„Was für eine Beute!“

Während er unten die schweren Säcke öffnete, entdeckte der Junge auf dem Gipfel eine Metallschnalle, an der das Zauberseil befestigt war. Daneben standen in den Fels geritzte Worte:

„Wer dem Berg zurückgibt, was ohne Recht von ihm genommen wurde, löst den Knoten der Magie.“

Der Junge schüttete einige Münzen, die noch in seiner Tasche lagen, zurück auf den Boden.

Der Berg begann zu summen.

Nicht bedrohlich, sondern tief und voll, als wäre eine riesige Glocke erwacht.

Unten öffneten sich die Säcke des Zauberers von selbst. Das Gold, das er im Laufe der Jahre vom Gipfel geraubt hatte, verschwand aus seinen Truhen und flog als goldene Funken zurück zum Berg.

„Nein! Mein Reichtum!“, schrie der Zauberer.

Er schlug sein Buch auf, doch die Seiten waren leer.

Seine Zaubersprüche gehorchten ihm nicht mehr.

Der Zauberer floh und kehrte nie wieder zu diesem Berg zurück.

Im selben Augenblick erbebte der unterirdische Palast und begann langsam aufzusteigen.

Mit jedem Stockwerk, das ans Tageslicht kam, wurde der Riese kleiner. Schließlich stand vor dem älteren Bruder kein Riese mehr, sondern ein junger Prinz.

Über dem Teich kreisten die graue und die zimtfarbene Taube. Sie berührten das Wasser und erhielten ebenfalls ihre menschliche Gestalt zurück. Es waren die beiden Schwestern der jungen Frau in Weiß.

Als der Palast ganz aus dem Berg hervorgekommen war, geschah noch ein Wunder: Er stand plötzlich nicht weit von der kleinen Hütte der Witwe entfernt.

Die Mutter öffnete die Tür und erstarrte.

Vor ihr standen zwei ihrer Söhne.

„Mutter!“, riefen beide zugleich.

Sie umarmte sie so fest, als wollte sie sie nie wieder loslassen.

Der mittlere Bruder kam aus dem Garten gelaufen, sah den Palast und fragte nur:

„Habe ich etwas Wichtiges verpasst?“

Alle lachten.

Der befreite Prinz dankte den Brüdern für ihren Mut. Die junge Frau in Weiß blieb in seiner Nähe, denn während der gemeinsamen Zeit im Palast waren sie enge Freunde geworden. Später beschlossen sie zu heiraten.

Auch ihre Schwestern waren nicht länger gezwungen, unter einem fremden Zauber zu leben. Sie entschieden selbst, wohin sie gehen und was sie tun wollten. Lange waren sie alle Gäste im Haus der Witwe, und zum ersten Mal wirkte die kleine Hütte nicht eng, obwohl es mehr Gäste als Stühle gab.

Wenn der älteste Bruder später an seine erste Reise dachte, sagte er oft:

„Mutter hatte recht. Man sollte nicht nur darauf hören, wie viel jemand verspricht, sondern auch darauf, was er dafür verlangt.“

Der jüngste Bruder fügte hinzu:

„Und wenn jemand dir einen Berg voller Gold verspricht, solltest du zuerst prüfen, ob du danach ganz oben ohne Weg nach unten sitzen bleibst.“

So entstand in dieser Familie eine neue Regel: Vor jeder großen Sache erst gut nachdenken. Und wenn ein Mensch, den man liebt, Hilfe braucht, ihn nicht allein auf einem Berg zurücklassen.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨