Cover: Der weiße Hase und die Krokodile

Japan

Der weiße Hase und die Krokodile

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Japan
Alter
4–7 Jahre
Dauer
7 Min.
Audioversion

Märchen anhören

Der weiße Hase und die Krokodile

Auf der Insel Oki lebte ein weißer Hase. Damals, so erzählt die alte Geschichte, konnten Tiere noch mit menschlicher Stimme sprechen.

Die Insel war wunderschön. Kräuter und Blumen wuchsen an den Hängen, ringsum rauschte das Meer. Doch der Hase saß oft am Ufer und blickte in die Ferne.

Dort, jenseits des Wassers, lag das Land Inaba.

„Wenn ich doch nur einmal hinüberkäme“, dachte er. „Wie mögen dort die Felder aussehen? Die Wälder? Das Gras?“

Doch der Hase konnte nicht weit genug schwimmen, und ein Boot besaß er nicht. So blieb ihm zunächst nur das Träumen.

Eines sonnigen Morgens schwamm ein großes Krokodil in der Nähe vorbei.

Der Hase wurde sofort aufmerksam.

Vielleicht kann es mir helfen, dachte er.

Doch statt einfach um Hilfe zu bitten, wollte er besonders schlau sein.

„Herr Krokodil!“, rief er. „Was für ein schöner Tag!“

Das Krokodil schwamm näher.

„Das stimmt. Warum sitzt du hier so allein?“

„Ich bewundere das Meer“, antwortete der Hase. „Und ich frage mich gerade: Gibt es wohl mehr Hasen oder mehr Krokodile auf der Welt?“

Das Krokodil lachte.

„Natürlich mehr Krokodile! Ihr Hasen lebt auf einer kleinen Insel. Das Meer dagegen ist riesig.“

Der Hase tat, als zweifle er daran.

„Seid ihr wirklich so viele, dass ihr eine Reihe von Oki bis zum Ufer von Inaba bilden könntet?“

„Mit Leichtigkeit!“, sagte das Krokodil stolz.

Es tauchte unter und kam bald mit vielen anderen zurück.

Die Krokodile legten sich hintereinander ins Wasser. Ihre Rücken bildeten eine lange lebendige Brücke über das Meer.

Der Hase sprang vor Freude auf.

„Erstaunlich! Jetzt muss ich euch nur noch zählen. Bleibt ganz still, während ich über eure Rücken laufe.“

Er sprang auf das erste Krokodil.

„Eins!“

Dann auf das zweite.

„Zwei!“

Drei, vier, fünf...

Mit jedem Sprung kam er Inaba näher.

Schließlich erreichte er das letzte Krokodil und sprang auf den Sand.

Vor Freude vergaß er jede Vorsicht.

„Ha!“, rief er. „Ich wollte euch gar nicht zählen! Ich brauchte nur eine Brücke über das Meer!“

Die Krokodile wurden still.

Nun begriffen sie, dass der Hase sie getäuscht hatte.

„Darum mussten wir also den ganzen Weg als Brücke liegen?“, fragte eines wütend.

„Und jetzt verspottest du uns auch noch?“, rief ein anderes.

Der Hase merkte sofort, dass er zu weit gegangen war.

Er rannte los, doch einige Krokodile holten ihn ein. Sie zerzausten sein weißes Fell gründlich und rupften ihm viel weichen Flaum aus. Schließlich blieb der Hase verängstigt und jämmerlich am Strand zurück.

Als die Krokodile davongeschwommen waren, setzte er sich in den Sand.

Sein einst so schönes weißes Fell sah zerzaust aus.

„Warum habe ich sie überhaupt belogen?“, flüsterte er. „Ich hätte einfach um Hilfe bitten können. Und warum musste ich hinterher auch noch prahlen?“

Bald kamen mehrere junge Männer des Weges. Sie waren auf dem Weg zu Prinzessin Yakami in Inaba.

Einer von ihnen sah den Hasen.

„Was ist denn mit dir geschehen?“

Der Hase schämte sich und erzählte nur, dass er Streit mit den Krokodilen gehabt hatte.

Der Mann tat so, als wolle er helfen.

„Dann bade im Meer und setz dich danach in starken Wind. Das hilft sofort.“

Der Hase glaubte ihm.

Er ging ins Salzwasser und setzte sich anschließend in den Wind. Doch seine Haut begann unangenehm zu brennen.

„Heute habe ich schon zum zweiten Mal dem Falschen vertraut“, sagte er traurig.

Etwas später kam ein weiterer junger Mann den Weg entlang. Auf seinem Rücken trug er einen schweren Sack und war weit hinter den anderen zurückgeblieben.

Als er den Hasen sah, blieb er stehen.

„Du armer Kerl, du zitterst ja. Was ist passiert?“

Der Hase wurde misstrauisch.

„Ich habe schon einen Rat bekommen“, murmelte er. „Danach ging es mir noch schlechter.“

„Du musst mir nicht glauben“, sagte der Fremde ruhig. „Aber wenn du möchtest, erzähl mir alles von Anfang an.“

In seiner Stimme lag weder Spott noch Ärger.

Also erzählte der Hase diesmal die ganze Wahrheit: von Oki, von seinem Wunsch, nach Inaba zu gelangen, von der Krokodilbrücke und davon, wie er diejenigen getäuscht hatte, die ihm geholfen hatten. Auch seinen überheblichen Spott verschwieg er nicht.

„Ich habe mich wirklich falsch verhalten“, sagte er am Ende. „Jetzt verstehe ich das.“

Der junge Mann nickte.

„Gut, dass du deinen Fehler eingestehst. Jetzt kümmern wir uns erst einmal darum, dass es dir besser geht.“

Er zeigte auf einen Süßwasserteich in der Nähe.

„Wasch das Salz gründlich ab. Danach suchst du am Ufer die weichen Kaba-Blüten und wälzt dich vorsichtig in ihrem flauschigen Blütenstaub.“

Der Hase tat genau das.

Er badete lange im klaren Wasser und rollte sich anschließend behutsam zwischen den weichen Pflanzen.

Das Brennen verschwand.

Nach und nach begann wieder weißes, weiches Fell zu wachsen.

Der Hase konnte es kaum glauben.

„Es wirkt!“

Er lief zu seinem Helfer.

„Danke! Wie heißt du? Ich möchte den Namen des Menschen kennen, der mich nicht ausgelacht hat, obwohl ich ihm von meinem Fehler erzählt habe.“

„Ich heiße Ōkuninushi-no-Mikoto“, antwortete der junge Mann.

Da begriff der Hase, dass vor ihm kein gewöhnlicher Reisender stand, sondern eine Gestalt aus den alten japanischen Überlieferungen.

„Und die Männer, die vor dir gingen?“

„Das sind meine Brüder. Wir alle sind auf dem Weg zu Prinzessin Yakami. Sie eilen voraus, während ich unser Gepäck trage.“

Der Hase dachte nach.

„Ich weiß nicht, wen die Prinzessin wählen wird“, sagte er. „Aber eines weiß ich jetzt: Einen guten Menschen erkennt man nicht an schöner Kleidung und nicht daran, wie laut er spricht. Man erkennt ihn daran, wie er mit jemandem umgeht, der schwächer ist und Hilfe braucht.“

Ōkuninushi lächelte und verabschiedete sich.

Die alte Geschichte erzählt weiter, dass Prinzessin Yakami tatsächlich den freundlichen Ōkuninushi bevorzugte und der Weiße Hase von Inaba zu einer bekannten Figur japanischer Legenden wurde.

Für den Hasen selbst war jedoch eine andere Erkenntnis wichtiger.

Er hatte endlich das Land erreicht, von dem er so lange geträumt hatte.

Und auf dem Weg dorthin hatte er gelernt: Eine List kann für einen einzigen Sprung nützlich sein. Vertrauen und Güte bauen jedoch die zuverlässigeren Brücken.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨