

Japan
Der weise Affe und der Eber
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Japan
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Der weise Affe und der Eber
In einer japanischen Provinz zog ein Mann viele Jahre lang mit einem dressierten Affen von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf.
Wenn sich auf einem Platz genügend Menschen versammelt hatten, breitete der Mann einen kleinen Teppich aus, klatschte in die Hände, und der Affe verbeugte sich, stieg über einen Stock, drehte einen kleinen Sonnenschirm und spielte einen würdevollen Herrn, der es sehr eilig hatte, zu einer wichtigen Besprechung zu kommen.
Die Kinder lachten. Die Erwachsenen warfen Münzen. So verdienten der Mann und der Affe viele Jahre lang ihren Lebensunterhalt.
Doch die Zeit verging.
Der Affe wurde alt. Hohe Sprünge fielen ihm schwerer, manchmal verwechselte er Kunststücke, und nach langen Märschen war er schnell erschöpft.
Eines Abends kam sein Besitzer mit finsterem Gesicht nach Hause.
„So kann es nicht weitergehen“, sagte er zu seiner Frau. „Heute hat er wieder die Hälfte der Vorstellung vergessen. Morgen rufe ich den Metzger und verkaufe ihm den Affen. Er soll ihn mitnehmen. Ich finde mir einen jüngeren.“
Seine Frau sah ihn erschrocken an.
„Aber er hat so viele Jahre mit dir gearbeitet. Kannst du ihn nicht einfach hier zu Hause lassen? Er hat Ruhe verdient.“
„Ich kann niemanden füttern, der kein Geld mehr einbringt“, antwortete der Mann ärgerlich.
Hinter der dünnen Trennwand hatte der Affe jedes Wort gehört.
Still setzte er sich in eine Ecke und schlang die Arme um die Knie.
„Zählen all die Jahre wirklich gar nichts?“, dachte er. „Ich war bei Hitze und Regen mit ihm unterwegs. Ich habe gespielt, auch wenn ich müde war. Und jetzt soll mich einfach ein fremder Mann mitnehmen, und niemand weiß, was aus mir wird.“
Doch lange blieb der Affe nicht traurig.
Er erinnerte sich an einen alten Wildschweineber, der nicht weit entfernt im Wald lebte. Die Tiere sagten über ihn:
„Sehr stark ist er. Aber sein Verstand ist noch stärker.“
In der Nacht schob der Affe leise den Riegel zurück und lief in den Wald.
Der Eber wollte sich gerade unter einer großen Zeder zum Schlafen legen, als er ein Rascheln hörte.
„Wer ist da?“
„Ich bin es. Verzeiht, dass ich so spät komme, Herr Eber. Ich brauche dringend einen Rat.“
Der Affe erzählte ihm alles, was er im Haus gehört hatte.
Der Eber schwieg lange.
„Dein Besitzer hat etwas sehr Einfaches vergessen“, sagte er schließlich. „Ein alter Freund springt vielleicht nicht mehr so hoch. Dafür weiß er Dinge, die ein junger noch gar nicht gelernt haben kann.“
„Aber wie soll ich ihm das beweisen?“
Der Eber rieb seine Seite an der Baumrinde.
„Dein Besitzer hat einen kleinen Sohn, nicht wahr?“
„Ja. Er hat gerade erst laufen gelernt.“
„Dann helfe ich dir morgen früh dabei zu zeigen, dass du nicht nur für Vorstellungen nützlich bist. Aber hör genau zu: Dem Kind darf nicht eine Sekunde lang etwas geschehen.“
Er beugte sich zum Affen und flüsterte ihm seinen Plan zu.
Am nächsten Morgen öffnete die Frau des Besitzers die Tür, um die Veranda zu fegen. Ihr kleiner Sohn saß auf einer weichen Matte neben ihr und spielte mit einer hölzernen Rassel.
Der Affe wartete in der Nähe.
Hinter dem Bambuszaun hatte sich der Eber versteckt.
Als die Mutter sich nur für wenige Augenblicke umdrehte, um einen Eimer zu holen, schob der Eber vorsichtig die Schnauze durch das Tor, fasste den Rand der Matte und zog sie langsam in Richtung Gartenweg.
Der kleine Junge lachte begeistert. Für ihn fühlte es sich wie eine sonderbare Spazierfahrt an.
Doch die Mutter erschrak, als sie sah, wie sich die Matte mit ihrem Kind auf das Tor zubewegte.
„Mein Sohn!“, rief sie.
Im selben Augenblick sprang der Affe vor.
Er setzte über eine niedrige Bank, packte den Rand der Matte und zog sie zurück. Wie vereinbart ließ der Eber sofort los und verschwand hinter dem Zaun.
Der Affe zog die Matte bis vor die Füße der Mutter und setzte sich dann neben das Kind, als wolle er es bewachen.
Auf den Schrei hin kam der Besitzer aus dem Haus gelaufen.
„Was ist passiert?“
„Ein Wildschwein war direkt am Tor!“, sagte seine Frau und nahm den Jungen auf den Arm. „Der Affe ist sofort losgesprungen und hat den Kleinen zurückgeholt.“
Der Mann sah den alten Affen an.
Der saß schweigend da und atmete nach dem schnellen Lauf schwer.
Zum ersten Mal seit langer Zeit achtete der Besitzer nicht darauf, wie hoch der Affe noch springen konnte. Stattdessen dachte er daran, wie viele Jahre dieses kleine Tier schon bei seiner Familie lebte.
Genau in diesem Moment kam der Metzger ans Tor.
„Ihr habt mich rufen lassen?“
Der Mann wurde rot.
„Ja. Aber ich habe es mir anders überlegt. Der Affe bleibt hier.“
Der Metzger zuckte mit den Schultern und ging weiter.
Die Frau stellte dem Affen eine Schale Reis und einige Stücke süßen Apfels hin.
„Von jetzt an keine Vorstellungen mehr, wenn du keine Kraft dazu hast“, sagte sie. „Du hast genug gearbeitet.“
Ihr Mann widersprach nicht.
Noch am selben Abend lief der Affe in den Wald, um sich beim Eber zu bedanken.
„Dein Plan hat funktioniert!“, sagte er froh. „Ich darf zu Hause bleiben. Jetzt kann ich mich ausruhen.“
Der Eber grunzte zufrieden.
„Gut. Aber weißt du, das beste Ende wäre gewesen, wenn dein Besitzer gar keinen Plan gebraucht hätte, um sich an Dankbarkeit zu erinnern.“
„Das stimmt“, sagte der Affe.
Er dachte eine Weile nach und fügte hinzu:
„Aber heute hat er wenigstens etwas verstanden.“
Von da an zog der alte Affe nicht mehr von Jahrmarkt zu Jahrmarkt. Er lebte beim Haus, wärmte sich in der Sonne, half der Frau des Hauses manchmal, verlorene Kleinigkeiten zu finden, und unterhielt den kleinen Jungen gelegentlich mit einfachen Kunststücken, aber nur dann, wenn er selbst Lust dazu hatte.
Der Besitzer fand für seine Arbeit eine andere Beschäftigung, bei der niemand trotz Müdigkeit tanzen musste.
Was den Eber betraf, so erschien er manchmal am Abend am Rand des Gartens. Der Affe brachte ihm einen Apfel oder eine Handvoll Eicheln, und die beiden alten Freunde saßen ein Stück voneinander entfernt und lauschten dem Rascheln des Bambus.
Der Junge wurde größer und fragte oft:
„Warum ist unser Affe etwas Besonderes?“
Seine Mutter antwortete:
„Weil er viele Jahre lang ein Teil unserer Familie war.“
Und sein Vater fügte jedes Mal hinzu:
„Und weil er mich eines Morgens an etwas Wichtiges erinnert hat.“
„Woran?“
„Man darf einen Freund nicht nur so lange schätzen, wie er einem nützlich ist.“
Wenn der Affe das hörte, schnaubte er leise und schloss die Augen.
Vielleicht verstand er nicht jedes einzelne Wort.
Vielleicht verstand er es aber besser als alle anderen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
