

Deutschland
Der Wolf und die sieben Geißlein
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 4–8 Jahre
- Dauer
- 10 Min.

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Der Wolf und die sieben Geißlein
Am Waldrand, wo es nach Thymian, jungem Gras und Kiefernrinde duftete, stand ein kleines weißes Haus. Darin lebte eine Ziegenmutter mit ihren sieben Geißlein.
Alle sieben waren verschieden.
Fleckchen, die Älteste, hielt sich gern an Regeln. Glöckchen redete schneller, als es dachte. Weißohr bemerkte jede Kleinigkeit. Hüpfer konnte kaum eine Minute stillsitzen. Wölkchen sang gern. Lockenkopf bekam fast jeden Riegel auf. Das jüngste Geißlein war still und besonders aufmerksam.
Eines Morgens nahm die Mutter einen Korb.
„Kinder, ich gehe zur Waldwiese und hole Kräuter, Äpfel und Nüsse. Vor dem Abend bin ich zurück. Bleibt im Haus und öffnet niemandem die Tür.“
„Auch nicht Frau Eichelhäher?“, fragte Glöckchen.
„Sie ruft durchs Fenster und verlangt nicht, dass ihr die Tür öffnet“, sagte die Mutter. „Vor allem müsst ihr euch vor dem Wolf hüten. Er ist listig und kann sich als jemand anderes ausgeben.“
Fleckchen nickte ernst.
„Woran erkennen wir ihn?“
„Der Wolf hat eine tiefe, raue Stimme und dunkle Pfoten. Aber ein Betrüger kann seine Stimme verändern oder die Pfoten verstecken. Ein einziges Zeichen genügt also nicht. Wenn ihr auch nur ein wenig zweifelt, bleibt die Tür zu.“
Das jüngste Geißlein sagte leise:
„Und bevor du gehst, sagst du immer: ‘Sieben Glöckchen, ein Zuhause.’“
Die Mutter lächelte.
„Richtig. Heute ist das unser Familienpasswort.“
Sie küsste jedes Kind auf die Stirn und ging in den Wald.
Die Geißlein spielten, bauten mit Klötzen, fegten den Boden und wollten gerade Mittag essen, als es klopfte.
Klopf, klopf, klopf.
„Macht auf, meine Lieben! Mama ist zurück und hat euch etwas mitgebracht!“, erklang eine grobe Stimme.
Alle sieben erstarrten.
Weißohr legte sein Ohr an die Tür.
„Das ist nicht Mama. Ihre Stimme ist weich. Diese klingt wie rollende Steine.“
Fleckchen rief:
„Wir machen nicht auf! Unsere Mutter spricht anders.“
Draußen wurde es still.
Dann raschelte jemand ärgerlich durchs Laub.
Es war tatsächlich der Wolf.
„Schlau, diese Kleinen“, brummte er. „Wenn ihnen meine Stimme nicht gefällt, mache ich sie eben sanfter.“
Am Bach übte er lange.
Zuerst klang es noch bedrohlich.
Dann etwas besser.
Schließlich trank er warmes Quellwasser, hörte auf zu knurren und schaffte fast eine freundliche Stimme.
Wenig später klopfte es wieder.
„Macht auf, meine Lieben. Mama bringt Äpfel.“
Glöckchen wollte schon zum Riegel laufen, doch Fleckchen hielt es zurück.
„Erst prüfen.“
„Zeig deine Pfote am Fenster“, rief Weißohr.
Der Wolf hob eine Pfote.
Alle sahen das dunkle Fell.
„Wir machen nicht auf! Unsere Mutter hat helle Hufe!“
Der Wolf zog die Pfote zurück und ging erneut.
Sein Weg führte an einer alten Mühle vorbei. Bei der Tür war ein Mehlsack gerissen. Weißer Staub lag auf dem Boden.
Der Wolf sah sich um und puderte damit alle vier Pfoten ein.
„Jetzt erkennen sie mich nicht.“
Zum dritten Mal klopfte es.
Klopf, klopf, klopf.
„Macht auf, meine Guten. Mama ist wieder da.“
Die Stimme war weich.
Am Fenster erschien eine helle Pfote.
Die Geißlein sahen einander an.
„Es sieht aus wie Mama“, flüsterte Wölkchen.
„Sollen wir öffnen?“, fragte Hüpfer.
Da sagte das Jüngste, das die ganze Zeit beim alten Uhrkasten gesessen hatte:
„Das Passwort.“
Fleckchen erinnerte sich.
„Sag unser Familienpasswort.“
Draußen herrschte völlige Stille.
Der Wolf kannte es nicht.
„Passwort? Wozu braucht ihr ein Passwort? Ich bin eure Mutter!“
Nun waren die Geißlein sicher.
„Geh weg!“
Doch der Wolf gab nicht auf.
Ein starker Windstoß öffnete das kleine obere Fenster, das die Geißlein nach dem morgendlichen Lüften nicht richtig geschlossen hatten.
Der Wolf bemerkte es.
Er schob ein altes Fass an die Wand, kletterte hinauf und zwängte sich hinein.
„Ha! Jetzt entkommt ihr mir nicht!“
Die Geißlein quiekten und versteckten sich.
Fleckchen kroch unter den Tisch.
Glöckchen hinter das Bett.
Weißohr in den Schrank.
Hüpfer hinter eine große Truhe.
Wölkchen unter die Bank.
Lockenkopf in den Wollkorb.
Das jüngste Geißlein schlüpfte in das hohe Holzgehäuse der alten Standuhr.
Der Wolf suchte lange.
Eines nach dem anderen fand er sechs Geißlein.
Doch statt ihnen weh zu tun, beschloss der Betrüger, die Kleinen in sein Waldversteck mitzunehmen und von der Mutter einen ganzen Korb Leckereien für ihre Rückkehr zu verlangen.
Er setzte die sechs in einen großen Leinensack, band ihn so zu, dass genug Luft hineinkam, warf ihn über die Schulter und zog in den Wald.
Das Jüngste in der Uhr fand er nicht.
Als es still geworden war, kletterte das kleine Geißlein aus seinem Versteck.
Am liebsten wäre es sofort hinterhergerannt.
Doch es erinnerte sich an die Worte der Mutter:
Wenn du Angst hast, denke zuerst nach und handle dann.
Es schloss die Haustür, setzte sich ans Fenster und wartete.
Bald erschien die Mutter auf dem Weg.
Sie sah sofort den umgestürzten Stuhl, das offene obere Fenster und die mehligen Pfotenspuren auf dem Boden.
„Kinder?“
Aus der Uhr kam eine dünne Stimme.
„Mama, ich bin hier!“
Das Jüngste lief zu ihr und erzählte alles.
Die Mutter drückte es fest an sich.
„Gut, dass du nicht allein hinterhergelaufen bist. Nun suchen wir die anderen gemeinsam.“
Weiße Pfotenspuren führten direkt in den Wald.
Mutter und Kind folgten ihnen.
Bald hörten sie lautes Schnarchen.
Unter einer großen Eiche schlief der Wolf.
Daneben lag der Sack.
Daraus kam ein leises:
„Mama? Bist du das?“
„Ja“, flüsterte die Ziegenmutter.
Lockenkopf hatte den Knoten von innen bereits fast gelöst. Die Mutter half, und im nächsten Moment kletterten alle sechs heraus.
Was für eine Freude!
Die Geißlein umarmten ihre Mutter, das jüngste Geschwister und einander.
Doch die Mutter legte einen Huf an die Lippen.
„Leise. Erst gehen wir ein Stück weg.“
Lockenkopf grinste.
„Dürfen wir dem Wolf eine kleine Lektion hinterlassen?“
Neben ihnen lagen trockene Blätter und Kiefernzapfen.
Sie füllten damit den leeren Sack und banden ihn wieder genauso zu.
Dann gingen alle leise nach Hause.
Später wachte der Wolf auf.
„Sind diese Geißlein schwer“, brummte er und hob den Sack.
Darin raschelte und klapperte es.
Raschel, klopf, raschel.
Zufrieden schleppte er ihn zu seinem Versteck.
Unterwegs blieb der alte Sack an einem Ast hängen und riss auf.
Zapfen und Blätter fielen auf den Weg.
Der Wolf starrte sie an.
„Wo sind die Geißlein?!“
Er raste zurück zum weißen Haus.
Doch dort war inzwischen alles anders.
Das obere Fenster war verriegelt.
Die Tür war abgeschlossen.
Alle sieben Geißlein standen mit ihrer Mutter zusammen.
Der Wolf klopfte.
„Macht auf!“
„Wer ist da?“, fragte die Mutter.
„Äh... der Briefträger!“
„Sag das Familienpasswort“, antwortete Fleckchen.
Der Wolf schwieg.
Da öffnete die Mutter nicht die Tür, sondern nur ein kleines Fenster im oberen Stock.
„Dreimal hast du versucht, uns zu täuschen. Komm nicht wieder.“
Die sieben Geißlein stampften gemeinsam mit den Hufen.
Tapp-tapp-tapp-tapp-tapp-tapp-tapp!
Wölkchen klingelte mit einer kleinen Glocke.
Glöckchen schlug mit einem Löffel gegen einen Topf.
Hüpfer ließ Deckel scheppern.
Lockenkopf klapperte mit Holzklötzen.
Ein solcher Lärm entstand, dass der Wolf die Ohren zuhielt.
„Schon gut! Schon gut! Ich habe verstanden!“
Er lief in den Wald und machte fortan einen großen Bogen um das weiße Haus.
Die Mutter und die Geißlein reparierten das Fenster und erfanden eine neue Regel:
Sie öffneten die Tür nur dann, wenn sie die Stimme erkannten, einen vertrauten Besucher sahen und das richtige Passwort hörten.
Am Abend saßen alle am Tisch und aßen Äpfel und Nüsse.
Das jüngste Geißlein fragte:
„Mama, welches Passwort nehmen wir morgen?“
Die Mutter dachte nach.
„Wie wäre es mit: Gemeinsam sind wir aufmerksamer.“
„Gut“, sagte Fleckchen.
„Ich habe auch eines!“, rief Glöckchen mit vollen Backen.
„Welches?“
Feierlich sagte es:
„Erst denken, dann öffnen!“
Alle lachten.
Von da an wusste man in dem kleinen weißen Haus:
List kann eine Stimme und sogar die Farbe von Pfoten verändern.
Doch Aufmerksamkeit, Ruhe und gegenseitige Hilfe machen es viel schwerer, die Wahrheit zu verstecken.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
