

Indien
Der wundersame Ring
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 12 Min.

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Der wundersame Ring
Ein König hatte zwei Söhne. Der ältere war ruhig und vernünftig. Der jüngere war freundlich, fröhlich und ein wenig zu sorglos.
Nach dem Tod des Vaters erbten beide seine Schätze.
Der jüngere Prinz begann seinen Anteil sehr schnell auszugeben.
Heute ein Fest für die halbe Stadt.
Morgen ein kostbarer Gegenstand, den er am nächsten Tag nicht mehr brauchte.
Dann Geld für jeden, der fragte.
Schließlich sagte der ältere Bruder:
„So kann es nicht ewig weitergehen. Wir teilen alles, was noch übrig ist, gerecht auf. Jeder trägt danach selbst Verantwortung für seinen Teil.“
So geschah es.
Doch nach kurzer Zeit hatte der jüngere Prinz wieder fast nichts.
Nur ein kleines Schmuckstück blieb, das seine Frau als letzte wertvolle Sache aufbewahrt hatte.
„Nimm es“, sagte sie. „Aber versprich mir, dass du diesmal lernst, mit dem Geld vernünftig umzugehen.“
Der Prinz verkaufte den Schmuck und erhielt vier Goldmünzen.
Er steckte sie ein und ging auf Reisen.
„Ich kehre erst zurück, wenn ich gelernt habe, selbst zu verdienen und nicht alles zu verschwenden.“
Noch nicht weit von der Stadt entfernt sah er einen Mann mit einer Katze.
„Was kostet sie?“
„Eine Goldmünze.“
Der Prinz sah die Katze an. Sie saß ruhig da und blickte so klug, als verstünde sie jedes Wort.
„Abgemacht.“
Er gab eine Münze.
Später begegnete ihm ein Mann mit einem Hund.
„Und der Hund?“
„Eine Goldmünze.“
„Ich nehme ihn.“
Einige Stunden später sah er einen Händler mit einem Papagei.
„Eine Goldmünze.“
„Dann kommt er mit.“
Nun blieb nur noch eine Münze.
Am Abend traf er einen wandernden Weisen. Neben ihm stand ein geflochtener Korb mit einer Schlange.
„Was kostet die Schlange?“, fragte der Prinz.
Der Weise staunte.
„Wozu brauchst du eine Schlange?“
„Ich weiß es selbst nicht. Aber sie sieht mich an, als bräuchte sie Hilfe.“
„Eine Goldmünze.“
Der Prinz gab seine letzte Münze.
Nun stand er mitten auf dem Weg.
Kein Geld.
Dafür eine Katze, ein Hund, ein Papagei und eine Schlange.
„Nun gut, Freunde“, sagte er. „Jetzt müssen wir alle arbeiten.“
Der Prinz trug Wasser, half auf Märkten und lud Wagen ab.
Die Arbeit war schwer.
Seine Hände taten weh.
Sein Rücken ebenfalls.
Zum ersten Mal verstand er, wie viel Arbeit hinter jeder einzelnen Münze steckt.
Eines Abends kroch die Schlange zu ihm.
„Du hast mich gerettet, obwohl du deine letzte Münze auch für dich hättest verwenden können. Komm zu meinem Vater. Er möchte dir danken.“
Der Prinz folgte ihr.
Sie erreichten einen großen steinigen Hügel.
Eine schmale Tür öffnete sich.
Dahinter lag eine glänzende unterirdische Halle.
Dort lebte der Vater der Schlange, ein alter mächtiger Herrscher der Unterwelt.
„Sag, was du möchtest“, sagte er. „Gold? Edelsteine? Diener?“
Vorher hatte die Schlange dem Prinzen zugeflüstert:
„Bitte nur um den Ring an seiner Hand.“
Also sagte der Prinz:
„Danke. Ich brauche nichts.“
Der alte Herrscher staunte.
„Gar nichts?“
„Nur vielleicht den kleinen Ring als Erinnerung.“
Das Gesicht des Alten wurde ernst.
„Du bittest um meinen wertvollsten Besitz. Aber ich habe versprochen, dich zu belohnen. Nimm ihn.“
Draußen fragte der Prinz:
„War das klug? Vielleicht hätte ich lieber einen Sack Gold verlangen sollen.“
Die Schlange lachte.
„Ein Sack Gold wird irgendwann leer. Dieser Ring erfüllt Wünsche. Aber benutze ihn mit Verstand.“
Sie erklärte ihm, wie.
Kurz darauf bekam der Prinz Hunger.
Er legte den Ring auf ein sauberes Tuch.
„Wenn du kannst, gib uns allen ein Abendessen.“
Sofort erschienen Brot, Reis, Früchte, Süßigkeiten und Wasser für die Tiere.
„Unglaublich!“, rief der Papagei.
Die Katze schnurrte.
Der Hund wedelte.
Der Prinz schüttelte nur den Kopf.
„Nun verstehe ich, warum dein Vater ihn nicht gern hergab.“
Am nächsten Tag erreichten sie eine große Stadt am Meer.
Auf dem Platz rief ein Herold:
„Der König sucht jemanden, der bis zum Morgen mitten im Meer einen prächtigen Palast errichten kann!“
Der Prinz meldete sich.
In der Nacht legte er den Ring auf ein Tuch.
„Baue mitten im Meer einen goldenen Palast mit Treppen zum Ufer. Er soll hell, gemütlich und sicher sein.“
Am Morgen funkelte das Meer.
Zwischen den Wellen stand ein unglaublicher Palast.
Der König bot dem Prinzen als Belohnung die Hälfte seines Reiches an.
„Danke“, sagte der Prinz. „Mir genügt der Palast. Ich möchte lernen, mit dem gut zu leben, was ich bereits habe.“
Die Königstochter kam, um das Wunder zu sehen.
Sie und der Prinz redeten lange, lachten und gingen durch die goldenen Hallen.
Später beschlossen sie zu heiraten, nicht als Belohnung, sondern weil sie einander wirklich mochten.
Sie lebten im Palast im Meer.
Der Hund begleitete den Prinzen auf Reisen.
Die Katze schlief auf den sonnigen Stufen.
Der Papagei unterhielt alle.
Eines Tages sagte die Prinzessin:
„Der ganze Palast ist golden. Wie wäre es, wenn auch mein Haar golden wäre?“
Der Prinz lachte.
„Du brauchst kein Gold, um schön zu sein.“
Doch sie wünschte es sich.
Der Ring erfüllte den Wunsch.
Ihr Haar begann warm golden zu leuchten.
Beim Kämmen fielen eines Tages zwei goldene Haare heraus.
Die Prinzessin wickelte sie in ein grünes Blatt und setzte es aufs Wasser.
Die Wellen trugen es weit fort.
An einer fremden Küste fand ein Wäscher das Blatt und brachte die goldenen Haare zu seinem König.
Der Königssohn hörte von der unbekannten Frau mit goldenem Haar.
„Ich will sie unbedingt finden.“
Eine listige alte Ratgeberin machte sich auf die Suche.
Sie ließ ein schönes Boot bauen und fuhr in die Richtung, aus der das Blatt gekommen war.
Schließlich erreichte sie den goldenen Palast.
Der Prinz war gerade unterwegs.
Zu Hause waren nur die Prinzessin, die Katze und der Papagei.
„Meine liebe Nichte!“, rief die Fremde. „Erkennst du mich nicht? Ich bin deine entfernte Tante!“
Die Prinzessin hatte nie von ihr gehört.
Doch die Frau sprach so überzeugend, dass man sie einließ.
Einige Tage verhielt sie sich freundlich.
Dann fragte sie immer wieder:
„Wie bist du geschützt, wenn dein Mann fort ist? Was geschieht, wenn etwas passiert?“
Unvorsichtig erzählte die Prinzessin vom magischen Ring.
„Dann soll dein Mann den Ring doch bei dir lassen“, sagte die Alte. „Das wäre sicherer.“
Am nächsten Morgen gab der Prinz seiner Frau den Ring.
Die Alte hatte darauf gewartet.
„Komm, ich zeige dir mein Boot.“
Sobald die Prinzessin das Boot betrat, legten die Ruderer los.
„Ich möchte nicht fort!“, rief sie.
Doch die Alte hatte den Ring genommen und ließ weiterfahren.
Im fernen Reich sagte die Prinzessin:
„Niemand darf für mich entscheiden. Ich habe einen Mann und ein Zuhause. Ich werde zurückkehren.“
Sie bat um Zeit und hoffte auf eine Gelegenheit.
Der Prinz kam inzwischen nach Hause und fand seine Frau nicht.
„Die Frau mit dem Boot hat sie fortgebracht“, sagte der Papagei.
Der Prinz war verzweifelt.
„Ohne den Ring kann ich nichts tun.“
„Nicht gar nichts“, schnurrte die Katze. „Du hast Freunde.“
Der Papagei flog los und suchte lange.
Schließlich sah er das goldene Haar an einem Fenster.
„Wir sind gekommen“, flüsterte er.
„Aber der Ring ist bei der Alten. Sie lässt ihn nie aus der Hand.“
Die Katze erreichte die Stadt auf einem Handelsschiff.
Sie hatte sofort einen Plan.
In der Nacht streute die Prinzessin einige Reiskörner an die Wand.
Eine Maus kam.
Die Katze sprang vor sie, fing sie aber nicht.
„Keine Angst. Wir brauchen deine Hilfe.“
Die Maus schlich in das Zimmer der Alten.
Mit Rascheln weckte sie die Frau.
Schlaftrunken ließ die Alte den Ring aus der Hand fallen.
Der Papagei schnappte ihn mit dem Schnabel.
„Geschafft!“
Er flog so schnell wie möglich zurück.
Als der Prinz den Ring wieder hatte, wünschte er weder Gold noch Rache.
Er sagte nur:
„Bring meine Frau nach Hause, wenn sie selbst das möchte.“
Im nächsten Augenblick stand die Prinzessin im goldenen Palast.
Sie umarmten einander.
Katze, Hund und Papagei machten solchen Lärm, dass sogar die Wellen zu lachen schienen.
Später dachte der Prinz lange nach.
Früher hatte er geglaubt, Schätze seien das größte Glück.
Dann hatte er gedacht, der Ring könne jedes Problem lösen.
Nun wusste er:
Das Wertvollste kann man nicht einfach mit einem Wunsch erscheinen lassen.
Ohne Güte hätte er die Schlange nie gerettet.
Ohne Arbeit hätte er den Wert von Geld nie verstanden.
Ohne treue Freunde hätte er den Ring nicht zurückbekommen.
Und ohne Vertrauen und Respekt hätte er zu Hause kein Glück gefunden.
Von da an benutzte der Prinz den Ring nur selten.
Er half Menschen nach Stürmen, reparierte zerstörte Brücken und brachte Wasser dorthin, wo es fehlte.
Aber er wünschte sich nie wieder Reichtum nur um des Reichtums willen.
Katze, Hund und Papagei lebten als geehrte Freunde im goldenen Palast.
Und man sagt, der Ring habe noch lange seine Kraft behalten.
Doch das größte Wunder war etwas anderes:
Sein Besitzer hatte endlich gelernt, vernünftig zu wünschen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
