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Der Zaunkönig und der Bär
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Deutschland
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Der Zaunkönig und der Bär
An einem warmen Sommertag gingen ein Bär und ein Wolf durch den Wald.
Sonnenlicht fiel zwischen die Blätter, es roch nach Kiefern und Erdbeeren, und hoch oben sang jemand so klar, dass der Bär stehen blieb.
„Wolf, wer singt denn so schön?“
„Das ist der Zaunkönig“, antwortete der Wolf. „Ein winziger Vogel mit einer königlichen Stimme.“
„Königlich? Dann möchte ich seinen Palast sehen!“
Der Wolf lächelte.
„Nur keine Eile. Ein Vogel hat einen Palast, der zu einem Vogel passt. Warte, bis er und seine Gefährtin zu den Jungen fliegen.“
Kurz darauf kamen der Zaunkönig und seine Partnerin zu einem kleinen Nest, das gut zwischen dichten Zweigen verborgen war.
Sie begannen, ihre Küken zu füttern.
Der Bär reckte den Hals.
„Da ist der Palast!“
Doch der Wolf hielt ihn zurück.
„Stör die Eltern nicht. Wir schauen ein anderes Mal.“
Sie gingen weiter.
Der Bär dachte jedoch den ganzen Tag über den angeblich königlichen Palast nach.
Schließlich siegte seine Neugier.
Er kehrte zu dem Baum zurück, als die erwachsenen Vögel gerade Futter suchten.
Der Bär stellte sich auf die Hinterbeine und schaute in das Nest.
Darin saßen fünf kleine Küken, zerzaust, hungrig und sehr ernst.
„Das soll ein Königspalast sein?“, lachte der Bär. „Das ist ja nur ein Haufen Zweige! Und ihr nennt euch königliche Kinder?“
Die Küken piepsten empört.
„Wir sind ehrliche Kinder ehrlicher Eltern! Lach nicht über uns!“
„Schon gut, schon gut“, brummte der Bär und ging.
Als der Zaunkönig und seine Partnerin zurückkamen, wollten die Küken nichts essen.
„Was ist passiert?“, fragte ihr Vater.
„Der Bär hat gesagt, unser Haus taugt nichts und wir seien überhaupt keine königlichen Kinder!“
Der Zaunkönig wurde ernst.
„Ein Haus wird nicht schlechter, nur weil es klein ist. Und über eine fremde Familie macht man sich nicht lustig.“
„Der Bär soll sich entschuldigen!“, verlangten die Küken.
Der Zaunkönig flog zur Bärenhöhle.
„Bär! Morgen treffen wir uns auf der Großen Lichtung. Wir werden sehen, wer im Wald wirklich gut zusammenarbeiten kann. Kein Kampf. Ein Wettspiel. Wenn deine Mannschaft gewinnt, dürfen meine Kinder zugeben, dass du Recht hattest. Wenn wir gewinnen, kommst du zu ihnen und entschuldigst dich.“
Der Bär liebte Wettkämpfe.
„Abgemacht!“
Er rief alle Vierbeiner zusammen: Hirsch, Wildschwein, Hase, Dachs, Reh und natürlich den schlauen Fuchs.
Der Zaunkönig versammelte alle, die fliegen konnten: Vögel, Bienen, Schmetterlinge, Käfer und sogar eine winzige Mücke.
Am nächsten Morgen erklärte er die Aufgabe:
„Beide Mannschaften müssen bis zur alten Eiche am anderen Ende der Lichtung gelangen. Niemand darf schubsen, erschrecken oder die andere Gruppe behindern. Es gewinnt die Mannschaft, die gemeinsam dort ankommt und unterwegs niemanden verliert.“
Der Bär bestimmte den Fuchs zum Anführer.
„Ich gebe euch mit dem Schwanz Zeichen“, erklärte der Fuchs. „Schwanz oben bedeutet: vorwärts. Schwanz unten: stehen bleiben und zusammenkommen.“
Die kleine Mücke saß unter einem Blatt und hörte alles.
Sie flog zum Zaunkönig.
„Ich kenne ihr Signal.“
Der Zaunkönig dachte nach.
„Wir schummeln nicht und tun niemandem weh. Aber wir können sehen, ob sie ihren eigenen Anführer wirklich gut verstehen.“
Das Rennen begann.
Die Vierbeiner stürmten los.
Der Boden bebte unter Pfoten und Hufen.
Die fliegende Mannschaft setzte sich wie eine leichte Wolke aus Flügeln in Bewegung.
Bei einem großen Busch entdeckte der Fuchs eine schöne rote Beere.
Um einem Zweig auszuweichen, senkte er kurz den Schwanz.
„Schwanz unten!“, rief der Hase. „Stopp!“
Alle hielten abrupt an.
Der Fuchs hob den Schwanz.
„Vorwärts!“
Sie rannten wieder.
Ein Stück weiter musste der Fuchs unter einem umgestürzten Stamm hindurchkriechen.
Wieder sank sein Schwanz.
„Stopp!“
So geschah es noch mehrmals.
Einige warteten.
Andere rannten weiter.
Wieder andere konnten den Schwanz des Fuchses hinter den übrigen Tieren gar nicht sehen.
Bald war die Mannschaft über die ganze Lichtung verteilt.
Der Zaunkönig hatte seinen Freunden dagegen vor dem Start gesagt:
„Wir bleiben zusammen. Die Schnellsten fliegen nicht weit voraus, sondern kehren zu denen zurück, die langsamer sind.“
Darum flogen die großen Vögel langsamer.
Die Schmetterlinge blieben in der Mitte.
Die Käfer flogen kurze Strecken und ließen niemanden zurück.
Sie erreichten die alte Eiche als geschlossene Gruppe.
„Gewonnen!“, jubelte die Lichtung.
Der Bär kratzte sich hinter dem Ohr.
„Also ist Stärke doch nicht alles.“
„Genau“, sagte der Wolf. „Und ein großes Haus macht niemanden wichtiger als jemanden, der in einem kleinen Nest wohnt.“
Der Bär seufzte und ging zum Baum des Zaunkönigs.
Die Küken schauten aus dem Nest.
„Nun?“, fragte das kleinste.
Der Bär setzte sich unter den Baum.
„Ich bin gekommen, um mich zu entschuldigen. Euer Haus ist klein, weil ihr selbst klein seid. Aber es ist warm, sicher und voller Fürsorge. Ich hätte nicht darüber lachen dürfen.“
Die Küken sahen einander an.
„Entschuldigung angenommen!“
Endlich wollten sie wieder essen.
Der Zaunkönig brachte ihnen kleine Insekten.
Der Bär fand süße Himbeeren unter einem Busch.
Und der Wolf erzählte eine so lustige Geschichte, dass sogar der Fuchs vergaß, sich über seinen Schwanz zu ärgern.
Von da an nannte der Bär das kleine Nest nie wieder armselig.
Wenn er daran vorbeikam, nickte er höflich und sagte:
„Guten Tag, Königspalast.“
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
