

Dänemark
Des Kaisers neue Kleider
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Dänemark
- Alter
- 5–9 Jahre
- Dauer
- 6 Min.

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Des Kaisers neue Kleider
Ein König liebte neue Kleidung über alles.
Andere Könige sammelten seltene Bücher, bauten Straßen, interessierten sich für Schiffe oder Gärten. Dieser König begann fast jeden Morgen mit derselben Frage:
„Was soll ich heute anziehen?“
Er hatte einen blauen Mantel zum Frühstück, einen grünen für Spaziergänge, einen silbernen zum Mittagessen und einen roten für Abendempfänge.
Wenn jemand fragte:
„Wo ist der König?“
lautete die Antwort oft:
„In der Garderobe.“
Eines Tages kamen zwei Betrüger in die Stadt.
Sie hatten von der großen Liebe des Königs zu Kleidung gehört und schmiedeten einen Plan.
„Wir sind die besten Weber der Welt“, verkündeten sie. „Wir können einen ganz besonderen Stoff herstellen. Er ist nicht nur außergewöhnlich schön. Menschen, die ihre Aufgabe überhaupt nicht verstehen oder Angst haben, selbstständig zu denken, können ihn nicht sehen.“
Die Nachricht erreichte schnell den Palast.
Der König sprang begeistert auf.
„Ein magischer Stoff! Und gleichzeitig erkennt man daran, wer wirklich klug ist! Gebt den Webern sofort eine Werkstatt, Seide und Goldfäden.“
Die Betrüger stellten zwei Webstühle auf und begannen zu arbeiten.
Oder besser gesagt: Sie taten so.
Sie bewegten die Hände, schoben leere Schiffchen hin und her, zählten angebliche Fäden und riefen immer wieder:
„Was für eine Farbe!“
„Was für ein Muster!“
Die Webstühle blieben leer.
Nach einigen Tagen wollte der König wissen, wie weit die Arbeit war.
Dann dachte er:
Was, wenn ich selbst nichts sehe?
Also schickte er zuerst seinen Minister.
Der Minister betrat die Werkstatt.
„Willkommen!“, sagten die Weber. „Sehen Sie nur, wie leicht der Stoff ist.“
Der Minister starrte auf den leeren Webstuhl.
Da war nichts.
„Ich sehe überhaupt nichts“, dachte er. „Heißt das etwa, dass ich meine Arbeit nicht verstehe? Das darf niemand erfahren.“
„Wunderschön!“, rief er. „Eine unglaublich feine Arbeit.“
„Wie gefallen Ihnen die goldenen Blätter auf dem blauen Hintergrund?“, fragte einer der Betrüger.
„Gerade die goldenen Blätter gefallen mir besonders gut“, antwortete der Minister sehr ernst.
Zurück im Palast erzählte er begeistert von den herrlichen Farben und dem unglaublichen Muster.
Daraufhin schickte der König einen anderen Hofbeamten.
Auch er sah nichts.
„Wenn ich die Wahrheit sage, glauben alle, mit mir stimme etwas nicht“, dachte er.
„Ein herrlicher Stoff!“, erklärte er.
Schließlich ging der König selbst zur Werkstatt.
Eine ganze Gruppe von Höflingen begleitete ihn.
Feierlich zeigten die Betrüger auf den leeren Webstuhl.
„Majestät, einen solchen Stoff hat die Welt noch nie gesehen!“
Der König schaute.
Und sah nichts.
„Sehen alle etwas außer mir?“, dachte er entsetzt.
„Sehr... sehr schön“, murmelte er.
„Welche Farben!“, rief der Minister.
„Welches Muster!“, ergänzte ein Höfling.
Bald diskutierte der ganze Raum begeistert über einen Stoff, der gar nicht existierte.
Vor einem großen Stadtfest verkündeten die Betrüger:
„Das neue königliche Gewand ist fertig.“
Sie taten so, als würden sie den Stoff vom Webstuhl nehmen, mit Scheren schneiden und nähen.
Am Tag des Umzugs kam der König zur Anprobe.
„Hier ist die Hose.“
„Hier das Wams.“
„Und hier der unglaublich leichte Mantel.“
Die Betrüger hielten die Hände hoch, als würden sie Kleidungsstücke tragen.
Der König stand vor dem Spiegel und sah nur sich selbst.
Nun glaubte er, es sei zu spät, die Wahrheit zu sagen.
Er tat so, als würde er sich anziehen.
Die Höflinge lobten die Passform des unsichtbaren Gewands.
Der Umzug begann.
Die Menschen hatten längst von dem magischen Stoff gehört. Jeder hatte Angst, gerade er könnte ihn nicht sehen.
„Was für ein Gewand!“, rief einer.
„Diese Farben!“, sagte ein anderer.
Obwohl in Wahrheit niemand auch nur einen einzigen Faden sah.
Da erklang aus der Menge die Stimme eines Kindes:
„Mama, wo sind denn die neuen Kleider? Der König hat ja gar nichts an!“
Für einige Sekunden wurde es vollkommen still.
Dann sagte jemand leise:
„Das Kind hat recht.“
Ein anderer lachte.
Noch jemand rief:
„Tatsächlich!“
Ein Murmeln ging durch die Menge.
Der König wurde so rot, dass er damit seinen liebsten roten Mantel hätte ersetzen können.
Zuerst wollte er allen befehlen zu schweigen.
Dann sah er zu seinem Minister, der angestrengt einen nicht vorhandenen Ärmel betrachtete.
Plötzlich begriff er, wie lächerlich die ganze Sache war.
„Stoppt den Umzug“, sagte der König.
Er ließ sich einen ganz gewöhnlichen Mantel bringen, wickelte sich hinein und ging zurück zum Palast.
Von den beiden Betrügern fehlte natürlich jede Spur.
Am nächsten Morgen versammelte der König seine Ratgeber.
„Gestern haben mich zwei Menschen betrogen“, sagte er. „Aber wir alle haben ihnen dabei geholfen. Jeder von uns sah die Wahrheit und hatte Angst, sie auszusprechen.“
Der Minister senkte den Kopf.
„Ich hätte als Erster sagen müssen, dass der Webstuhl leer war.“
„Und ich hätte meinen eigenen Augen glauben müssen“, sagte der König.
Von da an galt im Palast eine neue Regel:
Wer anderer Meinung war als der König, durfte das ruhig und ehrlich sagen.
In der Garderobe hing außerdem ein kleines Schild:
„Das teuerste Gewand macht niemanden klüger. Und manchmal kommt die Wahrheit mit einer sehr kleinen Stimme.“
Der König liebte weiterhin schöne Kleidung.
Doch vor jeder Anprobe fragte er nun:
„Sieht das wirklich gut aus, oder habt ihr nur Angst, mir die Wahrheit zu sagen?“
Und die Höflinge mussten lernen, ehrlich zu antworten.
Ganz besonders an dem Tag, als der König violette Hosen, einen orangefarbenen Hut und grüne Schuhe miteinander kombinieren wollte.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
