

Island
Die drei Bauerntöchter
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Island
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 13 Min.

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Die drei Bauerntöchter
Auf einer fernen Insel lebte ein wohlhabender Bauer mit seinen drei Töchtern Alithea, Truda und der jüngsten, Gerta.
Die Schwestern waren gemeinsam aufgewachsen, halfen im Haushalt, besuchten die Märkte und saßen abends gern am Feuer, wo sie sich ausmalten, wie ihre Zukunft einmal aussehen könnte.
Eines Tages gingen sie auf einer Straße in der Nähe des Königspalastes spazieren. Dort begegneten sie dem jungen König Leofrik. Neben ihm ritten sein Sekretär und sein Verwalter.
Alithea sagte leise:
„Wie schön wäre es, eines Tages in der Nähe des Palastes zu wohnen. Dann würde ich kein einziges Fest verpassen.“
Truda lachte.
„Ich würde gern mit jemandem zusammenleben, der alle Neuigkeiten aus dem Königreich kennt.“
Gerta sah zum König und sagte:
„Ich glaube, ich würde am liebsten ihn selbst kennenlernen. Er sieht freundlich aus.“
Die Schwestern merkten nicht, dass die drei Männer ihre letzten Worte gehört hatten.
Der König ritt näher.
„Offenbar sind wir gerade Gegenstand eures Gesprächs geworden“, sagte er lächelnd. „Dürfen wir erfahren, warum?“
Die jungen Frauen waren zunächst verlegen. Doch Leofrik sprach so ungezwungen mit ihnen, dass bald alle miteinander lachten.
Von da an begegneten sie einander noch oft.
Alithea freundete sich tatsächlich mit dem königlichen Verwalter an. Truda sprach viel mit dem Sekretär. Und Gerta und Leofrik merkten, dass sie besonders gern Zeit miteinander verbrachten.
Mit der Zeit wählte jede Schwester ihren eigenen Weg.
Alithea und Truda ließen sich in der Nähe des Palastes nieder.
Gerta wurde die Frau des Königs.
Zunächst freuten sich die Schwestern füreinander.
Doch langsam begann Alithea nicht mehr auf das zu achten, was sie selbst hatte, sondern auf das, was Gerta besaß.
„Ihr Haus ist größer.“
Truda fügte hinzu:
„Und alle verbeugen sich zuerst vor ihr.“
„Bei Festen sitzt sie neben dem König.“
„Ihre Kleider sind die schönsten.“
Gerta bemerkte die wachsende Unzufriedenheit nicht. Sie lud ihre Schwestern weiterhin in den Palast ein, machte ihnen Geschenke und wollte, dass sie sich wie früher als eine Familie fühlten.
Doch Neid wächst manchmal leise wie ein Riss im Eis.
Als Gerta einen Sohn bekam, feierte das ganze Königreich.
In der Nacht fassten Alithea und Truda jedoch einen schlimmen Entschluss.
Sie überredeten eine alte Dienerin, das Baby aus dem Palast zu bringen und weit außerhalb der Stadt zurückzulassen. Am Morgen behaupteten sie, das Kind sei wegen Gertas eigener Nachlässigkeit verschwunden.
Die Dienerin brachte es nicht über sich, das Baby schutzlos liegenzulassen.
Sie wickelte es warm ein und legte es an einen Weg, auf dem jeden Abend der alte Holzfäller Osrik nach Hause kam.
Osrik hörte das Weinen.
„Wer hat dich denn hier zurückgelassen, Kleiner?“
Er nahm das Kind mit und nannte es Wilhelm.
Im folgenden Jahr bekam Gerta einen zweiten Sohn.
Die Schwestern taten dasselbe.
Osrik fand auch diesen Jungen und nannte ihn Sigurd.
Der König war tief betrübt, vertraute Gerta jedoch.
„Hier stimmt etwas nicht“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass du für das Verschwinden der Kinder verantwortlich bist.“
Ein weiteres Jahr später wurde eine Tochter geboren.
Gerta ließ das kleine Mädchen kaum aus den Armen.
Doch eines Nachts, als die Königin endlich eingeschlafen war, entführten die neidischen Schwestern auch dieses Kind.
Die Dienerin wusste inzwischen, wohin sie gehen konnte, ohne das Baby im Stich zu lassen.
Sie brachte das Mädchen in die Nähe von Osriks Hütte.
So bekam der alte Holzfäller ein drittes Kind.
Er nannte sie Olga.
Als am Morgen auch die Tochter verschwunden war, verlor König Leofrik die Ruhe.
Alithea und Truda sagten immer wieder:
„Kann das wirklich Zufall sein? Drei Mal hintereinander?“
Leofrik wusste nicht mehr, was er glauben sollte.
Und er machte etwas, das Menschen in Verwirrung niemals tun sollten:
Er traf eine große Entscheidung, bevor er die Wahrheit kannte.
Gerta musste vorerst in einem alten königlichen Garten leben. Dort stand ein steinerner Pavillon, in dessen Nähe ein großer zahmer Löwe gehalten wurde.
Der König befahl ausdrücklich, dass niemand Gerta verletzen dürfe. Doch in den Palast sollte sie erst zurückkehren, wenn geklärt war, was geschehen war.
Anfangs fürchtete Gerta den Löwen.
Doch das riesige Tier ging zu ihr, legte sich zu ihren Füßen und bettete den Kopf auf die Pfoten.
Von da an war er ihr stiller Beschützer.
Wenn Gerta Essen bekam, wartete der Löwe, bis sie gegessen hatte, bevor er seine eigene Schüssel anrührte.
Während im Palast alle glaubten, die Königin lebe einsam und hart, gewöhnte sie sich langsam an ihren ungewöhnlichen Gefährten.
Wilhelm, Sigurd und Olga wuchsen derweil in Osriks Hütte auf.
Der Holzfäller war arm, aber freundlich.
Er brachte den Kindern bei zu arbeiten, kein Essen zu verschwenden, einander zu helfen und nicht an einem Menschen vorbeizugehen, der Unterstützung brauchte.
Wilhelm wurde stark und entschlossen.
Sigurd aufmerksam und schnell.
Olga besaß eine außergewöhnliche Geduld. Wenn sie eine Aufgabe begann, gab sie nicht auf, bis sie fertig war.
Als die Kinder erwachsen waren, wurde Osrik schwer krank.
Eines Abends rief er sie zu sich.
„Ihr müsst die Wahrheit erfahren“, sagte er. „Jeden von euch habe ich als Baby am Weg gefunden. Ich weiß nicht, wer eure Eltern sind. Aber ich hatte immer das Gefühl, dass eure Geschichte noch nicht zu Ende ist.“
Bald darauf starb Osrik ruhig in seinem eigenen Haus.
Die Kinder begruben ihn am Waldrand und trauerten lange um den Mann, der für sie ein wirklicher Vater gewesen war.
Danach beschlossen sie, nach ihrer Herkunft zu suchen.
Noch am selben Tag kam ein alter Reisender in einem grünen Mantel zur Hütte.
Olga gab ihm Milch und Haferfladen. Die Brüder erzählten ihm ihre Geschichte.
Der Reisende dachte nach.
„Ich weiß nicht, wer ihr seid. Aber drei Tagesreisen von hier liegt das Tal der Steine. In seiner Mitte erhebt sich ein hoher Felsen. Auf dessen Gipfel lebt ein weiser Vogel. Er erinnert sich an die Vergangenheit und kann Fragen beantworten.“
„Dann gehen wir zu ihm“, sagte Wilhelm.
Der Alte schüttelte den Kopf.
„Der Weg enthält eine Prüfung. Beim Aufstieg werdet ihr Stimmen hören, Donner und Rufe, die euch zwingen wollen, euch umzudrehen. Wer zurückblickt, wird zu Stein. Wer den Gipfel erreicht, findet dort Wasser, das diesen Zauber lösen kann.“
Am nächsten Morgen ging Wilhelm zuerst.
Vor dem Aufbruch legte er eine Silbermünze auf den Tisch.
„Wenn sie dunkel wird, hat der Zauber mich aufgehalten.“
Drei Tage später wurde die Münze grau.
„Ich gehe hinterher“, sagte Sigurd.
Er legte eine zweite Münze daneben.
Einige Tage später wurde auch sie dunkel.
Olga war nun allein.
Sie hatte Angst.
Nicht vor dem langen Weg, sondern davor, ihre Brüder für immer zu verlieren.
„Gerade deshalb muss ich gehen“, sagte sie.
Der Weg ins Tal der Steine führte durch Wälder und steinige Hügel.
Am Abend des dritten Tages sah Olga einen seltsamen Ort.
Überall standen Felsen, die wie Menschen, Pferde, Reisetaschen und sogar Truhen aussahen.
In der Mitte erhob sich der hohe Felsen. Auf seiner Spitze saß ein großer Vogel mit glänzendem Gefieder.
Olga betrat den schmalen Pfad.
Sofort erklang hinter ihr Wilhelms Stimme:
„Olga! Dreh dich um! Ich bin hier!“
Sie zuckte zusammen, blickte aber weiter nach vorn.
Dann rief Sigurds Stimme:
„Hilf mir!“
Olga verschränkte die Hände und ging weiter.
Ringsum donnerte es.
Der Wind riss an ihrem Mantel.
Im Dunkeln klang es, als renne jemand über die Steine hinter ihr her.
Ein Schritt.
Noch einer.
Und noch einer.
Olga erreichte den Gipfel.
Im selben Augenblick wurde alles still.
Der weise Vogel senkte die Flügel.
„Du hast der Angst nicht erlaubt, für dich zu entscheiden“, sagte er. „Stell deine Frage.“
Olga bemerkte einen großen steinernen Krug mit klarem Wasser.
„Zuerst möchte ich alle befreien, die dieses Tal verzaubert hat.“
Der Vogel nickte.
Olga füllte Wasser ab und lief wieder hinunter.
Sie berührte die steinernen Gestalten damit.
Eine nach der anderen wurde lebendig.
Wilhelm öffnete erstaunt die Augen.
Sigurd streckte sich, als erwache er aus langem Schlaf.
Weitere Reisende, die seit Jahren als Steine im Tal gestanden hatten, kamen zurück.
Unter ihnen war ein junger Prinz namens Odo, der einst mit mehreren Truhen gereist war und sich ebenfalls nach einer Stimme umgedreht hatte.
Als alle frei waren, kehrte Olga zum Vogel zurück.
„Nun sag mir: Wer sind wir?“
Der Vogel erzählte die ganze Wahrheit.
„Ihr seid die Kinder von König Leofrik und Königin Gerta. Zwei eurer Tanten haben euch aus Neid aus dem Palast fortgebracht und eure Mutter beschuldigt. Eure Mutter lebt. Sie befindet sich noch immer im alten Garten beim Löwen.“
Die Geschwister verloren keine Zeit.
Als sie den Garten betraten, erhob sich der Löwe und knurrte.
Gerta sagte:
„Ruhig. Sie kommen nicht in böser Absicht.“
Olga trat näher.
Mutter und Tochter sahen einander an.
Sofort erkannten sie vertraute Züge.
„Mutter?“, fragte Olga leise.
Gerta legte beide Hände an ihr Herz.
Dann umarmten sich alle vier so fest, als wollten sie einander die verlorenen Jahre zurückgeben.
Am nächsten Tag gingen sie gemeinsam zum Palast.
König Leofrik hörte ihre Geschichte.
Er sah Gerta.
Er sah seine drei erwachsenen Kinder.
Und er verstand, wie teuer sein vorschnelles Urteil gewesen war.
„Ich hätte die Wahrheit suchen müssen, statt mich von meiner Angst treiben zu lassen“, sagte er. „Verzeiht mir.“
Gerta antwortete:
„Verzeihen macht die Vergangenheit nicht ungeschehen. Aber es kann uns helfen, denselben Fehler nicht noch einmal zu machen.“
Alithea und Truda wurden in den Saal gerufen.
Zuerst versuchten sie, einander die Schuld zuzuschieben.
Als sie Wilhelm, Sigurd und Olga vor sich sahen, wussten sie, dass die Wahrheit sich nicht länger verstecken ließ.
Sie gestanden alles.
Der König nahm ihnen ihre Privilegien am Hof.
Sie mussten in ein gewöhnliches Leben zurückkehren, selbst für ihren Unterhalt arbeiten und den Menschen helfen, denen sie durch ihre Täuschung geschadet hatten.
Später schickten Alithea und Truda Gerta einen Entschuldigungsbrief.
Gerta antwortete, dass echte Reue nicht nur aus Worten bestehe, sondern aus dem, was man danach anders tue.
Im Palast wurde ein großes Fest für die wiedervereinigte Familie veranstaltet.
Olga bat darum, die Tische nicht nur im Festsaal zu decken, sondern auch im Hof für alle, die eine warme Mahlzeit brauchten.
„Wir selbst sind in einer kleinen Hütte aufgewachsen“, sagte sie. „Wir dürfen Menschen nicht vergessen, nur weil wir jetzt einen Palast haben.“
Prinz Odo, den Olga im Tal der Steine befreit hatte, wurde ihr guter Freund.
Sie reisten noch oft gemeinsam.
Einige Jahre später, als beide es selbst wollten, heirateten sie.
Wilhelm und Sigurd fanden ebenfalls ihren eigenen Weg, kamen aber oft nach Hause.
König Leofrik führte von nun an eine neue Regel ein:
Wenn eine Sache schwerwiegend ist, trifft man keine Entscheidung im Zorn und verlässt sich nicht nur auf die Worte einer einzigen Person.
Gerta betrachtete ihre Kinder nicht länger als die verlorenen Babys von früher.
Vor ihr standen drei erwachsene Menschen, jeder mit einer eigenen Stärke.
Wilhelm besaß Entschlossenheit.
Sigurd Aufmerksamkeit.
Und Olga jene besondere Form von Mut, die nicht lauter ruft als alle anderen.
Sie macht einfach den nächsten Schritt, auch wenn hinter ihr die Angst lärmt.
So hatte Neid eine Familie beinahe auseinandergerissen.
Doch Wahrheit, Geduld und Mut führten sie wieder zusammen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
