Cover: Die eitle Königin

Portugal

Die eitle Königin

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Portugal
Alter
7–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Die eitle Königin

Eine Königin liebte es mehr als alles andere, Lob über ihre eigene Schönheit zu hören.

Jeden Morgen saß sie lange vor einem hohen Spiegel mit goldenem Rahmen. Dienerinnen kämmten ihr Haar, brachten Bänder, Schmuck und neue Kleider, und jedes Mal fragte die Königin:

„Nun sagt mir: Gibt es im ganzen Königreich jemanden, der schöner ist als ich?“

Die meisten Hofleute antworteten hastig:

„Nein, Majestät! Natürlich nicht!“

Nur ein alter Kammerherr fand eines Tages nicht schnell genug die passenden Schmeicheleien.

„Wenn ich die Wahrheit sagen darf“, sagte er vorsichtig, „Eure Tochter ist zu einer außergewöhnlich schönen jungen Frau herangewachsen.“

Die Königin erstarrte.

„Schöner als ich?“

Der Kammerherr erkannte die Falle, doch für eine Lüge war es zu spät.

„Sie ist auf ihre eigene Weise schön, Majestät.“

Das genügte.

Ein kleiner, stechender Neid zog in das Herz der Königin ein. Sie begann darauf zu achten, wie Menschen der Prinzessin zulächelten, wie Kinder im Garten zu ihr liefen und wie alte Frauen auf der Straße ihr für ein freundliches Wort dankten.

Je mehr die Prinzessin geliebt wurde, desto zorniger wurde die Königin.

Eines Abends rief sie zwei Diener zu sich.

„Bringt die Prinzessin weit fort“, befahl sie. „So weit, dass sie nicht zurückkommt. Und bringt mir einen Beweis, dass mein Befehl ausgeführt wurde.“

Die Diener wurden bleich.

Sie mochten die junge Prinzessin und wollten ihr nichts antun.

Unterwegs erzählten sie ihr deshalb die Wahrheit.

„Hoheit“, sagte der ältere Diener, „wir werden einen bösen Befehl nicht ausführen. Aber in den Palast zurückzukehren wäre gefährlich.“

Die Prinzessin schwieg lange.

„Dann gehe ich allein weiter“, sagte sie schließlich. „Kehrt ihr zurück. Gebt meiner Mutter dieses Band von meinem Mantel und sagt, ihr hättet mich unterwegs verloren.“

Die Diener ließen ihr Essen, einen warmen Mantel und etwas Geld da. Zum Abschied sagte einer:

„Die Straße ist weit, aber es gibt mehr gute Menschen auf der Welt, als man in schweren Stunden glaubt.“

Die Prinzessin zog weiter.

Zuerst war der Weg breit, dann wurde er zu einem schmalen Pfad. Sie ging an Olivenhainen, Hügeln und kleinen Dörfern vorbei. Eines Tages begann es zu regnen, und sie sah in der Nähe ein kleines Haus am Feld.

Die Tür war nicht verschlossen.

Drinnen standen ein alter Tisch, eine Bank, eine Truhe, ein Strohbett und eine Feuerstelle. Auf dem Tisch lagen Brot und einige Äpfel.

„Ich wärme mich nur kurz auf und gehe dann weiter“, flüsterte die Prinzessin.

Bald hörte sie jedoch die Schritte des Besitzers.

Erschrocken versteckte sie sich hinter der großen Truhe.

Ein älterer Mann in einfacher Arbeitskleidung kam herein. Er stellte einen Korb auf den Boden, blickte sich um und bemerkte sofort die nassen Fußspuren.

„Wer immer du bist, komm heraus“, sagte er ruhig. „Wenn du Wärme und Essen suchst, schicke ich dich nicht in den Regen zurück.“

Die Prinzessin trat vorsichtig hervor.

„Ich bin keine Diebin“, sagte sie schnell. „Ich bin nur sehr müde.“

„Das sieht man“, antwortete der Mann. „Setz dich ans Feuer.“

Er bedrängte sie nicht mit Fragen. Er gab ihr zu essen, trockene Kleidung und sagte:

„Du darfst so lange bleiben, wie du möchtest. Ich habe schon lange keine Familie mehr. Wenn du willst, kann dieses Haus ein sicherer Ort für dich sein.“

So blieb die Prinzessin.

Sie trug ein einfaches Kleid, half im Haushalt, sammelte Kräuter, fütterte die Tiere und backte zum ersten Mal in ihrem Leben selbst Brot. Die ersten Laibe wurden schief, rochen aber so gut, dass der Hausherr nur lachte.

„Brot braucht keine königliche Form.“

Die Prinzessin lachte mit.

Die Tage vergingen ruhig.

Eines Morgens ging sie zum Brunnen und sah einen Reiter. Es war ein junger Prinz aus dem Nachbarreich. Er ritt langsam und sprach mit seinem Diener.

Die Prinzessin wollte keine Fremden kennenlernen und kehrte schnell zum Haus zurück.

Am nächsten Tag sahen sie einander wieder. Diesmal konnte der Prinz nur grüßen, bevor sie ging.

Er wurde neugierig.

„Ich will ihr keine Angst machen“, sagte er seinem Diener. „Aber ich würde gern einmal mit ihr sprechen.“

Zu Hause erzählte er seiner Mutter, der Königin des Nachbarreiches, von dem unbekannten Mädchen.

Diese Königin war entschlossen und etwas zu sehr daran gewöhnt, alles durch Befehle zu regeln.

Sie verkündete:

„Das Mädchen, das mein Sohn getroffen hat, soll in den Palast kommen. Dort können sie sich ordentlich kennenlernen.“

Ein Bote fand das kleine Haus und überbrachte den Befehl.

Die Prinzessin hörte ihn an und schüttelte den Kopf.

„Ich komme nirgendwohin, nur weil man mich ruft“, sagte sie. „Wenn die Königin mit mir sprechen möchte, kann sie mich als Gast besuchen.“

Der Bote öffnete erstaunt den Mund.

„Hierher? Die Königin?“

„Genau.“

Als er die Antwort überbrachte, war die Königin zunächst empört.

Doch der Prinz sagte:

„Mutter, wenn wir sie sehen möchten, warum soll sie unbedingt zu uns laufen? Fahren wir selbst hin.“

Nach kurzem Zögern stimmte die Königin zu.

Am nächsten Tag rollte eine Kutsche zum kleinen Haus.

Da geschah ein Wunder.

Sobald die Räder sich dem Hof näherten, schien die alte Hütte ihre Schultern zu strecken. Die Wände leuchteten wie weißer Stein, die kleinen Fenster wurden hoch und hell, und ringsum entstand ein Garten mit Springbrunnen und Orangenbäumen.

Der einfache Hausherr trat den Gästen in prächtiger Kleidung entgegen. Es stellte sich heraus, dass er kein gewöhnlicher Bauer war, sondern ein verzauberter Herrscher, der viele Jahre fern von seinem Hof gelebt hatte.

Auch der schlichte Hof verwandelte sich. Wo gestern noch Körbe und Holzbänke gestanden hatten, lag nun eine Terrasse, und Diener begrüßten die Gäste mit Musik.

Am meisten staunte die Königin jedoch, als sie das Mädchen sah.

Vor ihr stand keine verängstigte Bäuerin, sondern eine ruhige junge Prinzessin.

„Verzeiht“, sagte die Königin. „Ich wusste nicht, wer Ihr seid. Mein Befehl war unhöflich.“

„Es geht nicht um meinen Titel“, antwortete die Prinzessin. „Auch wenn ich ein gewöhnliches Mädchen wäre, müsste man mit mir respektvoll sprechen.“

Die Königin schwieg kurz und nickte.

„Ihr habt recht.“

Der Prinz war mit seiner Mutter gekommen. Nun konnte er endlich in Ruhe mit der jungen Frau sprechen.

Sie gingen durch den Garten, unterhielten sich über Bücher, Pferde, ferne Städte und darüber, wie komisch feierliche Musik klingt, wenn ein Pfau versucht, eine Trompete zu übertönen.

Von da an kam der Prinz oft zu Besuch. Nicht mit einem Befehl und nicht mit einer Forderung, sondern einfach, weil sie gerne zusammen waren.

Viel Zeit verging, bevor er fragte:

„Möchtest du meine Frau werden?“

Die Prinzessin antwortete nicht sofort. Sie dachte nach und sagte schließlich:

„Ja. Jetzt weiß ich, dass es meine eigene Entscheidung ist.“

Die Hochzeit wurde fröhlich und hell gefeiert.

Und was geschah mit der eitlen Königin, der Mutter der Prinzessin?

Als sie hörte, dass ihre Tochter lebte und glücklich war, konnte sie es lange nicht glauben. Zum ersten Mal musste sie nicht in einen Spiegel, sondern auf ihre eigenen Taten schauen.

Später schickte sie ihrer Tochter einen Brief und bat um ein Treffen.

Die Prinzessin willigte ein, doch sie kam nicht mehr als verängstigtes Mädchen, das es allen recht machen musste. Sie kam als Mensch, der seinen eigenen Wert kannte.

Als die Mutter wieder von Schönheit sprach, sagte die Tochter:

„Schönheit wird nicht kleiner, weil auch jemand anderes schön ist. Und Liebe ist überhaupt kein Spiegel. Man muss sie niemandem wegnehmen.“

Die Königin sagte nichts.

Doch an diesem Abend fragte sie ihren Spiegel zum ersten Mal seit vielen Jahren nicht, wer die Schönste auf der Welt sei.

Denn selbst ein sehr altes Märchen weiß: Den Glanz einer Krone sieht man von weitem. Wahre Würde erkennt man daran, wie ein Mensch andere behandelt.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨