

Philippinen
Die Entscheidungen des Königs
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Philippinen
- Alter
- 7–11 Jahre
- Dauer
- 7 Min.

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Die Entscheidungen des Königs
In einem kleinen Dorf lebte ein junger Mann namens Juan. Er war arm und wusste oft nicht, was am Abend auf seinem Tisch stehen würde. Trotzdem verlor er selten seinen guten Humor.
Eines Tages ging Juan zu Fuß in die Nachbarstadt. Seit dem Morgen hatte er nichts gegessen, und die Sonne stand schon hoch. Sein Magen knurrte so laut, dass er sich einmal umdrehte, als hätte jemand hinter ihm gerufen.
Gerade da kam er am großen Haus des reichen Pedro vorbei.
Aus dem offenen Küchenfenster strömte ein wunderbarer Duft. Reis kochte, gewürztes Gemüse brutzelte, und irgendwo köchelte eine dicke, aromatische Sauce.
Juan blieb am Straßenrand stehen.
„Was für ein Duft!“
Er betrat den Hof nicht. Er berührte kein Essen. Er bat nicht einmal um eine Kostprobe. Einige Augenblicke lang atmete er nur den warmen Geruch ein.
Dann lächelte er.
„Jetzt geht es mir schon ein bisschen besser.“
Pedro hatte ihn von der Veranda aus beobachtet.
„He, du! Warum stehst du hier?“
„Wegen nichts, Señor Pedro. Eure Küche riecht nur so gut.“
„Aha! Du hast also den Duft meines Essens benutzt?“
Juan blinzelte.
„Den Duft?“
„Du hast selbst gesagt, dass es dir danach besser geht. Dann musst du bezahlen.“
Juan hielt das zunächst für einen Scherz.
Pedro meinte es ernst.
„Ich habe nichts gegessen.“
„Aber der Duft gehörte mir.“
„Ich bin nur auf der Straße vorbeigekommen.“
„Dann soll der König entscheiden.“
So bekam Juan seinen ersten Rechtsstreit.
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in die Stadt.
Hinter dem Dorf führte die Straße durch eine sumpfige Senke. Dort versuchte ein Mann namens Manuel, sein Pferd aus tiefem Schlamm zu ziehen.
„Helft mir!“, rief er.
Pedro hob nur den Saum seiner Kleidung an, damit er sauber blieb.
Juan ging sofort in den Matsch.
Er schob das Pferd vorsichtig an der Seite, redete beruhigend auf es ein und half Manuel am Zügel.
Endlich erreichte das Tier festen Boden.
Im selben Augenblick erschrak es, sprang zur Seite, und eine Strähne seines Schweifs verfing sich in einem Dornbusch und riss heraus.
Dem Pferd geschah nichts.
Manuel aber zeigte empört auf den Schweif.
„Sieh, was du angerichtet hast!“
„Ich habe dir geholfen.“
„Und jetzt sieht mein Pferd nicht mehr genauso aus. Du musst bezahlen.“
„Wegen ein paar Haaren?“
„Wenn du nicht zahlen willst, gehen wir zum König.“
Damit hatte Juan seinen zweiten Fall.
Vor Einbruch der Dunkelheit erreichten sie den Palast nicht mehr.
Sie übernachteten im Haus eines Bekannten Pedros.
Die Gäste bekamen einen Platz im unteren Stockwerk.
Juan war so müde, dass er sofort einschlief.
Spät am Abend kam die Hausherrin mit einem großen Korb Eier die Treppe hinunter. Am Morgen wollte sie sie auf dem Markt verkaufen.
Juan hörte Schritte, wachte halb auf und rief erschrocken:
„Wer ist da?“
Die Frau zuckte zusammen.
Der Korb fiel ihr aus den Händen.
Krach!
Knack!
Viele Eier zerbrachen.
Juan sprang auf.
„Verzeiht! Ich wollte Euch nicht erschrecken. Ich helfe beim Aufräumen.“
Die Frau sah, dass es ein Versehen gewesen war.
Ihr Mann wurde trotzdem ärgerlich.
„Morgen kommt auch diese Sache vor den König. Juan ersetzt jedes Ei.“
Am nächsten Morgen erschien eine ganze kleine Prozession im Palast:
Juan, Pedro, Manuel und der Hausherr.
Der König hörte sich alle Beschwerden ruhig an.
„Zuerst der Duft“, sagte er.
Pedro trat vor.
„Meine Küche, meine Zutaten, mein Duft. Juan hat ihn genossen und soll bezahlen.“
Der König sah Juan an.
„Hast du Geld bei dir?“
Juan besaß nur zwei kleine Silbermünzen.
„Leg sie auf den Tisch.“
Juan tat es.
Der König wandte sich an Pedro.
„Nun beug dich über die Münzen und riech gründlich daran.“
Im Saal wurde es still.
Pedro beugte sich hinunter.
Dann richtete er sich wieder auf.
„Ich rieche nichts.“
„Genau“, sagte der König. „Juan bekam nur den Duft deines Essens. Du bekommst dafür den Duft seines Geldes. Die Rechnung ist beglichen.“
Die Höflinge unterdrückten ein Lachen.
Pedro wurde rot und trat zurück.
„Nun zum Pferd.“
Manuel klagte über den beschädigten Schweif.
Der König fragte:
„Hat Juan das absichtlich getan?“
„Nein.“
„Hast du ihn selbst um Hilfe gebeten?“
„Ja.“
„Und trotzdem soll er den Schweif genau so wiederherstellen wie vorher?“
„Ja.“
Der König strich sich übers Kinn.
„Dann lass das Pferd bei Juan. Er behält es, bis der Schweif exakt so nachgewachsen ist.“
Manuel fuhr zusammen.
„Aber ich brauche mein Pferd!“
„Und Juan bräuchte Zeit, um deine unmögliche Forderung zu erfüllen.“
Manuel schwieg.
Dann seufzte er.
„Ich ziehe meine Beschwerde zurück. Er hat mir geholfen, als andere weitergingen.“
„Das klingt vernünftiger“, sagte der König.
Blieb der dritte Fall.
Der Hausherr trat vor.
„Wegen Juan ließ meine Frau den Eierkorb fallen. Er soll jedes Ei ersetzen.“
„Genau dieselben Eier?“, fragte der König.
„Genau dieselben.“
„Gut. Dann gib Juan deine beste Henne. Er hält sie so lange, bis sie dieselbe Zahl an Eiern gelegt hat. Wenn du allerdings exakt die verlorenen Eier zurückhaben willst, warten wir, bis die Henne gelernt hat, die Vergangenheit zurückzubringen.“
Nun lachte der ganze Saal.
Sogar die Hausherrin lächelte und zog ihren Mann am Ärmel.
„Ich habe doch gesagt, dass es ein Unfall war.“
Der Mann senkte den Kopf.
„Auch ich ziehe die Beschwerde zurück.“
Der König sah die Beteiligten an.
„Merkt euch etwas: Gerechtigkeit bedeutet nicht, schnell jemanden zu finden, auf den man wütend sein kann. Man muss unterscheiden, was absichtlich geschah, was ein Unfall war und ob man etwas Unmögliches verlangt.“
Dann wandte er sich an Juan.
„Und du: Wenn du wirklich Hunger hast, schäm dich nicht, um Essen zu bitten.“
Er ließ dem Jungen eine Schale heißen Reis und Gemüse bringen.
Diesmal musste Juan nicht nur den Duft genießen.
Er setzte sich in den Schatten vor dem Palast und aß bis zum letzten Löffel.
Noch lange erzählten die Menschen in seinem Dorf von den drei Entscheidungen des Königs:
vom Duft des Essens und dem Duft des Geldes,
vom Schweif, der erst wieder wachsen sollte,
und von einer Henne, die sich hartnäckig weigerte, gestrige Eier zurückzubringen.
Und jedes Mal erinnerte die Geschichte daran:
Ein kluges Urteil muss nicht hart sein.
Manchmal genügt es, einen Streit so zu betrachten, dass seine ganze Absurdität sichtbar wird.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
