

Russland
Die Froschprinzessin
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Russland
- Alter
- 6–10 Jahre
- Dauer
- 13 Min.

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Die Froschprinzessin
In einem fernen Reich lebte ein Zar mit seiner Frau und drei Söhnen. Die Söhne waren zu guten, kräftigen jungen Männern herangewachsen. Eines Tages sagte ihr Vater:
„Es ist Zeit, dass ihr selbst entscheidet, mit wem ihr eure Zukunft gestalten möchtet. Nehmt jeder einen Pfeil, geht hinaus aufs Feld und schießt in verschiedene Richtungen. Wo euer Pfeil landet, dorthin geht. Vielleicht führt euch das Schicksal zu einer interessanten Begegnung.“
Der älteste Sohn spannte den Bogen. Sein Pfeil flog über einen Garten und landete im Hof einer vornehmen Familie. Dort lernte er eine kluge junge Frau kennen.
Der Pfeil des mittleren Sohnes fiel auf den Balkon eines Kaufmannshauses. Die Familie war fröhlich und gastfreundlich, und die Tochter des Hauses fand sofort viele gemeinsame Gesprächsthemen mit dem jungen Prinzen.
Iwan, der jüngste Sohn, schoss besonders weit. Sein Pfeil verschwand hinter dem Wald.
Er suchte einen Tag, dann einen zweiten. Schließlich führte ihn ein Pfad zu einem stillen Sumpf. Auf einem breiten Seerosenblatt saß ein grüner Frosch und hielt seinen Pfeil zwischen den Vorderfüßen.
Iwan blieb stehen.
„Das ist wirklich seltsam“, murmelte er. „Wo soll ich nun die Begegnung finden, von der Vater gesprochen hat?“
Der Frosch hob den Kopf und sagte mit völlig menschlicher Stimme:
„Du könntest damit anfangen, guten Tag zu sagen.“
Iwan ließ beinahe seinen Bogen fallen.
„Du... kannst sprechen?“
„Wie du hörst. Außerdem habe ich deinen Pfeil früher gefunden als du.“
Iwan setzte sich auf einen Stein und lachte.
„Dann danke ich dir, Frosch.“
„Du darfst mich Wassilissa nennen“, antwortete sie. „Alles andere zeigt sich zur richtigen Zeit.“
Iwan kehrte mit seinem Pfeil und einer ungewöhnlichen Geschichte in den Palast zurück. Seine Brüder glaubten ihm zunächst nicht und machten dann Witze. Der Zar strich nur über seinen Bart.
„Urteile nicht zu schnell nach dem Äußeren“, sagte er. „Wenn dich dein Pfeil zu diesem Sumpf geführt hat, sieh genauer hin.“
Von nun an besuchte Iwan häufig das kleine Haus am Teich, in dem Wassilissa lebte. Sie war klug, ruhig und wusste immer, was sie sagen konnte, wenn Iwan sich Sorgen machte.
Eines Tages wollte der Zar sehen, wie erfinderisch die zukünftigen Familien seiner Söhne waren.
„Bringt mir morgen jeweils einen festlichen Brotlaib“, sagte er. „Nicht als Wettkampf. Jede Familie soll einfach zeigen, was sie kann.“
Die älteren Brüder gingen zuversichtlich nach Hause. Iwan kam mit düsterem Gesicht zu Wassilissa.
„Was ist passiert?“, fragte sie.
„Vater möchte einen Festlaib. Und ich weiß nicht einmal, ob du backen kannst.“
Der Frosch lächelte kaum sichtbar.
„Iwan, am Abend wachsen die Sorgen, am Morgen kommen die Lösungen. Geh schlafen.“
In der Nacht, als alles still war, glitt die Froschhaut von ihren Schultern. An ihrer Stelle stand Wassilissa die Weise. Sie knetete Teig, verzierte den Laib mit Blättern und Vögeln und formte in der Mitte ein Muster wie eine Sonne über einem Fluss.
Am Morgen betrachtete Iwan das Brot und schüttelte staunend den Kopf.
„Wo hast du das gelernt?“
„Es gibt noch vieles auf der Welt, das du über mich nicht weißt“, sagte der Frosch.
Der Zar lobte alle drei Brote. Das Werk Wassilissas betrachtete er besonders lange.
Am folgenden Tag bat er jede Familie, einen schönen Teppich für den großen Saal anzufertigen.
Iwan wurde wieder unruhig.
„Jetzt auch noch ein Teppich.“
„Und schon wieder machst du dir im Voraus Sorgen“, sagte Wassilissa. „Erzähl mir lieber, welche Farben du magst.“
„Die Farbe des Himmels kurz vor Sonnenaufgang. Und grüne Ufer nach dem Regen.“
„Gut. Das merke ich mir.“
In der Nacht wurde Wassilissa wieder zur jungen Frau und webte einen Teppich. Darauf floss ein blauer Fluss unter einem Morgenhimmel. An grünen Ufern standen Bäume und Blumen. Wer lange hinsah, glaubte beinahe, Wasser und Blätter rauschen zu hören.
Der Zar war begeistert.
„Morgen Abend kommt ihr alle zusammen zum Fest“, sagte er. „Nun möchte ich eure Gefährtinnen richtig kennenlernen.“
Das machte Iwan wirklich nervös.
„Wassilissa, wie soll ich dich in den Palast bringen? Meine Brüder machen doch jetzt schon Witze.“
Der Frosch sah ihn aufmerksam an.
„Schämst du dich für mich?“
Iwan wurde rot.
„Nein... Ich fürchte nur, dass die anderen lachen.“
„Das Lachen anderer bestimmt nicht, wer wir sind“, sagte Wassilissa leise. „Geh allein zum Fest. Ich komme etwas später. Wenn du draußen Räder hörst, erschrick nicht.“
Am Abend leuchtete der Palast im Schein hunderter Kerzen. Die älteren Brüder kamen mit ihren Gefährtinnen in festlicher Kleidung.
„Wo ist denn dein Frosch?“, fragten sie Iwan.
„Hüpft sie vielleicht gerade über den Teich hierher?“
Iwan wollte schon antworten, als draußen ein leises Klingeln erklang. Eine goldene Kutsche hielt vor dem Palast. Wassilissa die Weise stieg aus.
Im Saal wurde es still.
Ihr Kleid hatte die Farbe des Abendhimmels, und auf den Ärmeln schimmerten silberne Muster. Doch das Erstaunlichste war nicht ihre Kleidung. Sie bewegte sich ruhig und selbstsicher, als wüsste sie genau, wer sie war und warum sie gekommen war.
Iwan eilte ihr entgegen.
„Wassilissa... Du bist es?“
„Ich“, lächelte sie. „Dieselbe, die auf einem Seerosenblatt deinen Pfeil hielt.“
Beim Fest erzählte Wassilissa Geschichten, lachte mit den Gästen und ging später tanzen.
Sie bewegte die linke Hand, und über dem Boden erschien der Schimmer eines blauen Sees. Mit einer Bewegung der rechten tauchten weiße Schwäne im Licht auf. Es war nur eine magische Illusion, doch so schön, dass die Gäste staunten.
Iwan dachte nur daran, wie wenig er bisher über sie gewusst hatte.
Nach dem Fest kehrten sie heim. Wassilissa ging in ein anderes Zimmer. Auf einer Bank lag ihre Froschhaut.
Iwan sah sie an und dachte plötzlich:
Wenn sie nicht mehr da ist, bleibt Wassilissa für immer so, wie ich sie heute gesehen habe.
Er fragte sie nicht. Er wartete nicht. Er dachte nicht daran, dass diese Haut für sie wichtig sein könnte.
Iwan warf sie ins Feuer.
Als Wassilissa zurückkam und nur Asche sah, wurde sie blass.
„Iwan, was hast du getan?“
„Ich wollte dich von dem Zauber befreien.“
„Aber du wusstest nicht, welcher Zauber es war.“
Sie setzte sich ans Fenster.
„Es fehlte nur noch wenig Zeit. Ich musste selbst auf den Tag warten, an dem die Verwandlung enden würde. Nun bindet mich die alte Magie erneut an denjenigen, der sie einst über mich gelegt hat.“
„Wer war das?“
„Koschtschei, der Herr eines fernen Landes. Er ertrug nicht, dass ich mehr konnte, als er mir zugestehen wollte. Deshalb zwang er mich in die Gestalt eines Frosches. Jetzt muss ich zurück.“
Iwan trat zu ihr.
„Dann komme ich dir nach.“
„Wenn du das tust“, sagte Wassilissa, „vergiss nicht: Nicht alles lässt sich mit Kraft lösen. Zuerst musst du lernen zuzuhören.“
Sie verwandelte sich in einen weißen Schwan und flog durch das offene Fenster.
Am nächsten Morgen machte Iwan sich auf den Weg.
Er wanderte durch Felder und Wälder, bis er einem grauhaarigen alten Mann begegnete.
„Wohin so eilig, junger Mann?“
Iwan erzählte von Wassilissa und seinem Fehler.
Der Alte schüttelte den Kopf.
„Du hast in deinem Eifer für einen anderen Menschen entschieden. Gut, dass du es inzwischen verstanden hast. Nimm dieses Wollknäuel. Lass es rollen und folge ihm. Es führt dich zu dem Weg in Koschtscheis Land.“
Iwan bedankte sich.
Das Knäuel rollte los. Bald erschien am Waldrand ein Bär. Iwan griff instinktiv nach seinem Bogen, erinnerte sich aber an Wassilissas Worte und senkte ihn.
„Ich suche keinen Streit“, sagte er.
Der Bär nickte beinahe, als hätte er verstanden, und verschwand.
Später begegnete Iwan einer Ente, dann einem Hasen. Jedes Mal ließ er das Tier friedlich ziehen.
Am Meer fand er einen Hecht, den eine Welle auf den Sand gespült hatte. Vorsichtig hob Iwan ihn auf und setzte ihn ins Wasser zurück.
„Schwimm“, sagte er. „Heute möchte ich helfen, nicht siegen.“
Das Wollknäuel brachte ihn zu einer Hütte am Waldrand. Dort lebte eine alte Einsiedlerin, die man Baba Jaga nannte.
Sie hörte Iwan an und sagte:
„Koschtscheis Macht steckt nicht in einem Schwert. Er hat sie an eine magische Nadel gebunden. Die Nadel liegt in einem Ei, das Ei in einem Kästchen, und das Kästchen hängt hoch in einer alten Eiche. Solange die Nadel ihre Macht besitzt, glaubt Koschtschei, über alle bestimmen zu können.“
„Dann soll ich die Nadel zerbrechen?“
„Nicht so schnell“, sagte die Alte. „Hol sie erst. Dann wirst du verstehen.“
Iwan fand die Eiche. Ihr Stamm war so dick, dass nicht einmal drei Menschen ihn hätten umfassen können. Das Kästchen hing am höchsten Ast.
Da kam der Bär aus dem Wald. Er stellte sich auf die Hinterbeine und rüttelte kräftig am Baum. Das Kästchen fiel in das Moos und sprang auf.
Ein Hase sprang heraus und trug ein kleines Päckchen. Doch der Hase, den Iwan früher verschont hatte, versperrte ihm den Weg. Er griff ihn nicht an, sondern zwang ihn nur zum Ausweichen. Dabei fiel das Päckchen zu Boden.
Eine Ente flog daraus hervor, ein Ei im Schnabel. Eine andere Ente stieg ihr entgegen. Im Durcheinander fiel das Ei ins Meer.
„Jetzt ist alles verloren“, seufzte Iwan.
Doch der Hecht tauchte auf und schob das Ei bis ans Ufer.
Iwan öffnete es. Darin lag eine dünne silberne Nadel.
Sofort erhob sich ein kalter Wind. Koschtschei stand vor ihm.
„Gib sie her!“, donnerte er.
Iwan hielt die Nadel fest.
„Lass Wassilissa frei.“
„Sie gehört meinem Zauber.“
„Ein Mensch gehört niemandem.“
Koschtschei streckte die Hand aus, doch die Nadel begann zu leuchten.
Da begriff Iwan: Ihre Macht lag nicht in der Stärke des Metalls, sondern in der Angst der Menschen, die Koschtschei zum Gehorsam gezwungen hatte.
Iwan legte die Nadel auf einen Stein.
„Ich werde dich nicht vernichten. Aber dein Zauber endet hier.“
Er berührte die Spitze mit einem Stein. Das silberne Leuchten erlosch. Die Nadel wurde stumpf und gewöhnlich.
Koschtschei schwankte. Er fiel nicht und verschwand nicht. Plötzlich sah er einfach aus wie ein sehr müder alter Mann, der viel zu lange an der Freiheit anderer festgehalten hatte.
Die Türen seines Palastes öffneten sich.
Wassilissa stand auf der Schwelle.
„Du bist gekommen“, sagte sie.
„Ja. Und diesmal habe ich nichts für dich entschieden.“
Wassilissa lächelte.
„Dann hast du wirklich viel gelernt.“
Koschtscheis Magie konnte nun weder Wassilissa noch jemand anderen festhalten.
Iwan und Wassilissa machten sich gemeinsam auf den Heimweg. Doch vorher fragte Iwan:
„Möchtest du mit mir zurückkehren?“
„Ja“, antwortete sie. „Nicht weil ein Pfeil, ein Zar oder ein Zauber es bestimmt. Sondern weil es meine Entscheidung ist.“
Im Palast wurden sie mit Freude empfangen. Die Brüder machten keine Witze mehr über die seltsame Begegnung am Sumpf.
Iwan wiederum tat nie wieder etwas angeblich „zum Besten“ eines anderen, ohne zuerst zu fragen, ob diese Hilfe überhaupt erwünscht war.
Wassilissa besuchte manchmal den alten Teich. Dann setzte sie sich zwischen die Seerosen und hörte dem Froschchor zu.
Denn selbst die ungewöhnlichste Gestalt macht niemanden geringer. Und auch ein großer Fehler muss nicht das Ende einer Geschichte sein, wenn man den Mut findet, ihn einzugestehen, wiedergutzumachen und den freien Willen eines anderen zu respektieren.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
