Cover: Die Froschprinzessin

China

Die Froschprinzessin

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
China
Alter
6–10 Jahre
Dauer
9 Min.
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Die Froschprinzessin

Dort, wo der große Jangtse ruhig dem Meer entgegenfließt, stand einst ein kleiner Tempel des Froschkönigs. Ringsum lebten so viele Frösche, dass am Abend das ganze Tal zu singen schien: quak-quak, quak-quak.

Die Menschen begegneten ihnen mit Respekt. Sie sagten, Frösche spürten den Regen als Erste, kennten geheime Wege zwischen Wasser und Erde und erinnerten sich an mehr Sommerstürme als selbst der älteste Großvater zählen könne.

Nicht weit davon lebte ein Junge namens Xia Kun-Sheng. Er war neugierig, lebhaft und stellte so viele Fragen, dass sein Vater manchmal lachte:

„Wenn du so weitermachst, brauchen wir bald einen zweiten Kopf für all deine Warum-Fragen.“

Eines Tages kam eine Frau in grüner Kleidung zu ihnen.

„Ich bin eine Botin des Froschkönigs“, sagte sie. „Seine jüngste Tochter würde euren Sohn eines Tages gern kennenlernen.“

Xias Vater staunte.

„Kennenlernen darf sie ihn gern. Aber er ist noch ein Kind. Er soll erst erwachsen werden und dann selbst entscheiden, mit wem er befreundet sein und wen er lieben möchte.“

Die Botin nickte.

„Eine weise Antwort.“

Viele Jahre vergingen. Xia wurde erwachsen. Er lernte, einen Haushalt zu führen, alte Bücher zu lesen, auf dem Markt zu handeln und selbst im Nebel mit dem Boot den Fluss zu überqueren.

Eines Tages sprach ihn auf der Straße ein Mann in einer grünen Jacke an.

„Der Froschkönig lädt dich zu einem Besuch ein.“

Xia zögerte nur einen Augenblick. Schon lange wollte er den geheimnisvollen Palast sehen, von dem die Menschen im Dorf erzählten.

Sie gingen durch ein rotes Tor und einen Pfad zwischen Schilf hinunter. Plötzlich lag vor Xia ein weites Haus mit hohen Decken. In der großen Halle saß ein grauhaariger Herr mit freundlichen, aber sehr aufmerksamen Augen.

„Willkommen, Xia Kun-Sheng“, sagte er. „Ich kenne dich noch als Kind. Nun möchte ich dir meine Tochter vorstellen.“

Ein Mädchen in grün-silberner Kleidung betrat die Halle. An ihrem Gürtel hing ein kleiner Anhänger in Form eines Seerosenblatts.

„Ich heiße Lian“, sagte sie. „Und ich sage gleich dazu: Wenn jemand für mich entscheiden will, mit wem ich befreundet sein oder wen ich heiraten soll, bin ich schneller fort, als ein Frosch vom Stein ins Wasser springt.“

Xia lachte.

„Dann haben wir schon etwas gemeinsam. Ich entscheide ebenfalls lieber selbst.“

Der Froschkönig strich zufrieden über seinen Bart.

„Sehr gut. Erst trinken wir Tee. Dann reden wir. Und den Rest wird das Leben zeigen.“

Xia kam nun häufig in den Palast. Er und Lian gingen am Ufer spazieren, stritten sich freundlich über Bücher, ließen kleine Blätterboote schwimmen und lachten darüber, wie mehrere junge Frösche gleichzeitig auf dasselbe Seerosenblatt springen wollten.

Mit der Zeit sagte Lian eines Abends:

„Ich bin gern mit dir zusammen.“

„Und ich mit dir“, antwortete Xia.

So entschieden sie selbst, ihr Leben miteinander zu teilen.

Als Lian in Xias Haus einzog, wurde der Alltag ein wenig ungewöhnlicher. Im Hof tauchten unzählige Frösche auf. Sie saßen am Brunnen, unter der Bank, im Garten und auf den Steinstufen. Ein besonders mutiger kleiner Frosch schlief gern direkt an der Schwelle.

Xias Eltern gewöhnten sich schnell an die Gäste.

Xia selbst verlor manchmal die Geduld.

„Schon wieder unter meinen Füßen!“, murrte er und stampfte laut, damit die Frösche fortsprangen.

Einmal erschreckte er einen jungen Frosch so sehr, dass dieser direkt in eine Wasserschüssel sprang und eine Fontäne verspritzte.

Lian runzelte die Stirn.

„Sie wollen dich nicht absichtlich stören.“

„Aber es sind einfach zu viele!“

„Dann bauen wir hinter dem Garten einen Teich. Dort gibt es Wasser, Steine und Schatten. Und am Haus wird es ruhiger.“

„Ich bin doch nicht verpflichtet, jedem Frosch der Gegend einen Teich zu bauen.“

„Nein“, sagte Lian leise. „Aber man kann nach einer Lösung suchen, statt sich über die Schwächeren zu ärgern.“

Xia wollte nicht zuhören. Ein Wort gab das andere, und sie stritten sich.

Lian ging zu ihren Eltern zurück, damit beide Zeit hatten, sich zu beruhigen.

Zunächst redete Xia sich ein, es sei ihm egal. Doch das Haus wurde plötzlich viel zu still. Niemand stellte ihm Pflaumenblütentee auf den Tisch. Niemand lachte über seine langen Erklärungen. Selbst die Frösche waren aus dem Hof verschwunden.

Nach einigen Tagen nahm Xia eine Schaufel und begann, einen Teich auszuheben.

Sein Vater sah es und lächelte.

„Ein guter Anfang.“

„Ich mache das nicht als Entschuldigung“, brummte Xia.

„Natürlich nicht. Du gräbst rein zufällig genau dort einen Teich, wo Lian ihn vorgeschlagen hatte.“

Xia antwortete nicht.

Als der Teich fertig war, ging er zum Palast des Froschkönigs.

„Ich war stur“, sagte er zu Lian. „Ich muss es nicht mögen, wenn ein Frosch in meiner Tasse sitzt. Aber ich kann vorsichtig mit ihm umgehen. Und mit dir auch.“

Lian betrachtete ihn lange und lächelte schließlich.

„Ich komme zurück. Aber nicht, weil es jemand von mir verlangt. Sondern weil ich sehe, dass du wirklich darüber nachgedacht hast.“

Von da an lebten die Frösche meist am neuen Teich. Nur ein besonders hartnäckiger kleiner Frosch kehrte immer wieder zur Haustür zurück.

„Das ist dein persönlicher Lehrer für Geduld“, scherzte Lian.

Ein weiteres Jahr verging. Dann kam es im Haus erneut zu einem Streit.

Xias Mutter war eines Tages müde und sagte:

„Früher nähte ich alle Kleider selbst. Nun hat mein Sohn eine Frau, und die Nadel liegt trotzdem immer noch in meiner Hand.“

Lian hörte es und war verletzt.

„Ich kann nicht besonders gut nähen“, sagte sie. „Dafür führe ich die Rechnungen, trockne Kräuter, verhandle mit Händlern und helfe im Garten. Muss wirklich jeder dasselbe können?“

Xia öffnete schon den Mund, um Partei zu ergreifen, hielt aber rechtzeitig inne.

„Wartet. Wir sind alle müde. Warum teilen wir die Aufgaben nicht so auf, dass keiner alles allein tragen muss?“

Zum ersten Mal setzten sie sich ruhig zusammen.

Dabei stellte sich heraus, dass Xias Vater ausgezeichnet Kleidung ausbessern konnte, obwohl er sich bisher nie getraut hatte, es zu erwähnen. Lian mochte Tee und Buchhaltung. Xias Mutter kannte den Garten am besten, und Xia übernahm die Wege zum Markt.

Das Haus wurde dadurch nicht nur wohlhabender, sondern auch friedlicher.

Xia blieb jedoch ein Spaßvogel. Eines Tages glaubte er, Lian erschrecken zu können, indem er eine kleine harmlose Schlange in eine Schachtel legte. Er wusste, dass sie sich vor Schlangen fürchtete.

Lian öffnete die Schachtel, wurde blass und schloss sofort den Deckel.

„Xia, das ist nicht lustig.“

„Es war doch nur ein Scherz.“

„Ein Scherz ist nur dann lustig, wenn beide lachen.“

Sie packte einige Sachen und ging erneut zu ihren Eltern.

Diesmal lief Xia ihr nicht nach. Er wusste: Ein einziges „Entschuldigung“ genügt nicht, wenn man denselben Fehler immer wieder macht.

Monate vergingen. Er kümmerte sich um den Teich, arbeitete, half seinen Eltern und dachte viel nach. Wenn Kinder aus der Nachbarschaft Frösche zum Spaß fingen, bat er sie, die Tiere freizulassen. Wenn jemand einen Scherz machte, der einen anderen verletzte, sagte Xia:

„Hör auf. Früher dachte ich auch, die Absicht sei wichtiger als die Wirkung. Das stimmt nicht.“

An einem Frühlingstag erschien Lian am Teich.

Sie setzte sich auf einen Stein.

„Ich sehe, der Teich ist inzwischen doppelt so groß.“

„Frösche haben große Familien“, antwortete Xia.

„Und du?“

Xia schwieg kurz.

„Ich habe gelernt, dass Liebe einem nicht das Recht gibt, mit den Ängsten eines anderen zu spielen, für ihn zu entscheiden oder zu verlangen, dass er immer zurückkommt. Deshalb bin ich einfach froh, dich zu sehen.“

Lian lächelte.

„Das klingt wieder nach dem Xia, mit dem ich einst Tee am Seerosenteich getrunken habe.“

Sie kehrte zurück, wieder aus eigener Entscheidung.

Später bekamen sie zwei Kinder. Sie wuchsen am Teich auf, kannten die Namen aller Wasserpflanzen und konnten stundenlang dem Froschchor lauschen.

Und wenn im Dorf zwei Menschen stritten und keiner den ersten Schritt zur Versöhnung machen wollte, sagte man manchmal:

„Geht zu Xias Teich. Selbst die lautesten Frösche wissen dort, dass man nach langem Quaken irgendwann auch einander zuhören sollte.“

Seltsamerweise half das oft.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨