

Ukraine
Die Geschichte vom Wind
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Ukraine
- Alter
- 7–10 Jahre
- Dauer
- 13 Min.

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Die Geschichte vom Wind
In zwei benachbarten Häusern lebten zwei Brüder. Der ältere war wohlhabend: Er besaß Ochsen, einen Pflug, gutes Land und einen Speicher, in dem es immer nach Getreide duftete. Der jüngere lebte bescheidener. Er hatte eine Frau, Kinder, ein kleines Feld und großen Fleiß, doch die Ernte reichte kaum bis zum Frühling.
Eines Sommers stellte der jüngere Bruder seine Weizengarben auf dem Feld auf und ließ sie dort trocknen. Der Tag war klar, der Himmel wolkenlos, und so ging er beruhigt nach Hause.
Doch gegen Abend kam der Wind.
Zuerst strich er nur durch das Gras. Dann pfiff er über den Weg, wirbelte Staub auf, hob Stroh in die Luft und tobte schließlich so heftig über das Feld, dass das Getreide in alle Richtungen davonflog.
Als der Bauer am nächsten Morgen herbeieilte, war von seiner Arbeit kaum noch etwas übrig.
„Na großartig“, sagte er und sah über das leere Feld. „Ein ganzes Jahr habe ich gearbeitet, und der Wind hat in einer einzigen Nacht alles fortgetragen.“
Zu Hause schüttelte seine Frau den Kopf.
„Streite dich nicht mit dem Wind. Er ist kein Mensch, den man am Ärmel festhalten kann.“
„Vielleicht kann ich ihn nicht festhalten“, antwortete der Mann, „aber ich werde versuchen, ihn zu finden. Wenigstens will ich ihn fragen, warum er das getan hat.“
Und so machte er sich auf den Weg.
Lange wanderte er über Felder, durch einen Wald, eine Schlucht und über einen steinigen Hügel. Schließlich sah er eine seltsame Hütte auf hohen Beinen. Die Fensterscheiben summten, die Tür öffnete und schloss sich von selbst, und rings um das Haus tanzten kleine Wirbelwinde.
Auf der Schwelle saß ein riesiger grauhaariger alter Mann. Sein Bart bewegte sich sogar dann, wenn ringsum alles still war.
„Wen suchst du?“, fragte er.
„Den Wind.“
„Und was willst du von ihm?“
„Er hat mein Getreide fortgeweht. Nun haben meine Kinder nichts, woraus wir Brot backen können.“
Der Alte seufzte.
„Ich bin der Wind. Ich habe mich hinreißen lassen und nicht daran gedacht, dass deine Ernte auf dem Feld lag. Das war meine Schuld. Das Getreide kann ich nicht zurückholen, aber ich kann dir auf andere Weise helfen.“
Er brachte einen Leinenbeutel hervor.
„Wenn ihr hungrig seid, sage: ‚Beutel, bewirte uns.‘ Dann gibt er deiner Familie so viel zu essen, wie ihr braucht. Aber prahle nicht vor Fremden damit. Nicht jede Neugier ist freundlich.“
Der Mann dankte ihm und machte sich auf den Heimweg.
Doch der Weg war weit. Am Abend kehrte er in einem Gasthaus ein. Die Wirtsleute sahen den alten Beutel und lachten.
„Mit so einem Gepäck reist du? Was hast du darin, trockene Brotkrumen?“
Der jüngere Bruder bekam Lust, ihnen zu zeigen, welch wunderbares Geschenk er erhalten hatte.
„Das ist kein gewöhnlicher Beutel“, sagte er. „Seht her!“
Und er sprach die Zauberworte.
Im selben Augenblick standen heißes Brot, Brei, kleine Pasteten, eine Schüssel duftende Suppe und ein Krug mit Fruchtkompott auf dem Tisch.
Die Wirtsleute wurden auf einmal überaus freundlich.
„Du bist ja ein Ehrengast! Bleib über Nacht, natürlich kostenlos.“
Der Mann freute sich über ihre Gastfreundschaft und schlief ein. In der Nacht aber tauschten die Wirtsleute den Zauberbeutel gegen einen gewöhnlichen aus.
Am Morgen bemerkte er nichts.
Zu Hause setzte er seine Familie an den Tisch und sagte fröhlich:
„Seht nur, was der Wind mir geschenkt hat!“
„Beutel, bewirte uns!“
Nichts geschah.
Er sagte es noch einmal, diesmal lauter.
Der Beutel blieb stumm.
Der Mann war enttäuscht, doch seine Frau fragte nur:
„Hast du ihn unterwegs jemandem gezeigt?“
Er sah zur Seite.
„Nun ja … nur ein einziges Mal.“
„Dann liegt es vielleicht gar nicht am Wind.“
Der Mann seufzte und machte sich erneut zu der seltsamen Hütte auf.
Der Wind hörte ihm zu und schüttelte den grauen Kopf.
„Ich hatte dich gewarnt. Aber gut. Versuchen wir es noch einmal.“
Diesmal führte er ein kleines weißes Lämmchen heraus.
„Wenn du es freundlich bittest, sein Fell zu schütteln, erscheinen bei seinen Hufen ein paar Münzen. Doch vergiss nicht: Auch das ist kein Spielzeug zum Angeben.“
„Diesmal merke ich es mir ganz bestimmt!“, versprach der Mann.
Als er jedoch wieder am selben Gasthaus vorbeikam, begrüßten ihn die Wirtsleute noch herzlicher als zuvor.
„Freund! Komm herein! Hast du heute vielleicht ein neues Wunder dabei?“
Der Mann zögerte. Dann dachte er: Nur ein einziges Mal werde ich es ihnen zeigen. Was soll schon passieren?
Das Lämmchen schüttelte sein Fell, und einige Münzen klingelten auf dem Boden.
In der Nacht wurde auch das Zaubertier gegen ein gewöhnliches ausgetauscht.
Zu Hause kam der Betrug schnell ans Licht.
„Nun bin ich wirklich selbst schuld“, sagte der Mann ehrlich zu seiner Frau. „Zweimal habe ich einen guten Rat bekommen, und zweimal glaubte ich, es besser zu wissen.“
Zum dritten Mal ging er zum Wind.
„Sei mir nicht böse“, bat er. „Jetzt habe ich endlich verstanden: Ein Zauberding macht einen Menschen nicht automatisch klüger.“
Der Wind lächelte.
„Gut, dass du es verstanden hast. Nun brauchst du keinen neuen Schatz, sondern einen Weg, dein Eigentum zurückzubekommen, ohne Streit und Rache.“
Er gab dem Mann eine kleine Trommel.
„Klopfe dreimal darauf, dann wirst du meine zwölf Helfer sehen. Sie tun niemandem weh, können aber so viel Durcheinander anrichten, dass sich eine Lüge nicht lange verstecken kann.“
Der Mann bedankte sich und kehrte zum Gasthaus zurück.
„Du schon wieder?“, wunderten sich die Wirtsleute.
„Ich schon wieder. Und ich möchte meinen Beutel und mein Lämmchen zurück.“
„Welchen Beutel? Welches Lämmchen?“, fragten sie mit großen unschuldigen Augen.
Da stellte der Mann die Trommel auf den Tisch und klopfte dreimal leicht darauf.
Klopf. Klopf. Klopf.
Einer nach dem anderen sprangen zwölf winzige Windhelfer aus der Trommel. Der erste riss alle Fensterläden auf. Der zweite wirbelte die Hüte durch die Luft. Der dritte drehte die Handtücher bis unter die Decke. Der vierte pfiff durch den Kamin. Die übrigen sahen unter Bänken, hinter Truhen und auf dem Dachboden nach.
„Hier ist der Beutel!“, rief einer.
„Und hier ist das Lämmchen!“, rief ein anderer.
Eine Minute später standen die gestohlenen Dinge mitten im Zimmer.
Die Wirtsleute wurden rot.
„Gut“, sagten sie. „Wir haben sie vertauscht. Nimm dein Eigentum zurück.“
Der Mann nahm den Zauberbeutel und das Lämmchen, klopfte noch einmal auf die Trommel, und schon verschwanden die zwölf Helfer darin.
„Ich wünsche euch nichts Böses“, sagte er beim Hinausgehen. „Aber fremde Dinge werden nicht zu euren, nur weil ihr Besitzer zu gutgläubig war.“
Zu Hause erwartete ihn seine Frau an der Tür.
„Nun? Was ist diesmal geschehen?“
„Diesmal habe ich nicht geprahlt“, antwortete er. „Und ich muss dich um Verzeihung bitten. Zweimal hast du versucht, mich zu warnen, und ich habe nicht auf dich gehört.“
Gemeinsam prüften sie Beutel und Lämmchen. Alles funktionierte wieder.
Von da an fehlte es im Haus nicht an Essen, und ein paar Münzen vom Lämmchen halfen, das Dach zu reparieren und den Kindern warme Stiefel zu kaufen. Doch die Familie hörte nicht auf zu arbeiten. Sie bestellte den Garten, machte Heu und half den Nachbarn. Denn sie wusste: Selbst ein Zauberbeutel sät kein Korn anstelle eines Menschen und nimmt niemanden in den Arm, der traurig ist.
Nach einiger Zeit kam der ältere Bruder zu Besuch.
Er sah den reich gedeckten Tisch und staunte.
„Woher hast du das alles? Vor kurzem konntest du doch kaum über die Runden kommen.“
Der jüngere Bruder verschwieg nichts. Er zeigte ihm den Beutel und das Lämmchen und erzählte vom Wind.
Der ältere dachte lange nach und sagte schließlich:
„Lass uns tauschen. Ich gebe dir ein Paar Ochsen und einen Pflug, und du gibst mir den Beutel und das Lämmchen.“
Der jüngere Bruder stimmte zu. Er dachte, mit den Ochsen könne er selbst genug Getreide für seine Familie anbauen.
Am nächsten Morgen spannte er die Ochsen ein und fuhr aufs Feld.
„Nun, an die Arbeit!“, sagte er fröhlich.
Die Ochsen zogen einige Furchen und blieben dann stehen.
„Warum bleibt ihr stehen?“, fragte der Mann verwundert.
Die Tiere atmeten nur schwer.
Ein Nachbar, der vorbeikam, fragte:
„Hast du ihnen heute Wasser gegeben? Und Futter?“
Der Mann war verblüfft.
„Ich dachte, sie würden einfach arbeiten.“
„Ein Lebewesen ist kein Zauberbeutel“, lächelte der Nachbar. „Es braucht Wasser, Futter, Ruhe und Fürsorge.“
Sofort spannte der Mann die Ochsen aus, gab ihnen zu trinken und zu fressen und kraulte sie zwischen den Hörnern.
„Verzeiht mir, Freunde. Ich wusste einfach nicht, wie man richtig für euch sorgt.“
An diesem Tag verstand er noch etwas Wichtiges: Es reicht nicht, ein Werkzeug oder ein Tier zu bekommen. Man muss auch lernen, verantwortungsvoll damit umzugehen.
Bald darauf ging der jüngere zum älteren Bruder.
„Ich habe den Tausch übereilt gemacht. Die Ochsen sind gut, aber ich weiß noch nicht genug über ihre Pflege. Lass uns jedem zurückgeben, was vorher ihm gehörte.“
Doch der ältere hatte sich bereits an den Zauberbeutel und die Münzen gewöhnt.
„Nein. Abgemacht ist abgemacht.“
„Aber du wusstest doch, dass ich mich mit Ochsen nicht auskenne.“
„Dann hättest du vorher nachdenken müssen.“
Der jüngere Bruder ging bedrückt nach Hause. Auf dem Regal lag nur noch die Trommel, die er beim Tausch nicht hergegeben hatte.
Seine Frau sah ihn an und sagte:
„Denk daran, wofür der Wind dir diese Trommel gegeben hat. Nicht für Rache.“
„Ich weiß.“
Am nächsten Morgen ging der Mann wieder zu seinem Bruder.
„Lass uns noch einmal in Ruhe miteinander reden.“
„Es gibt nichts zu besprechen“, winkte der ältere ab.
Da stellte der jüngere die Trommel auf den Boden.
„Ich will dich nicht bestrafen. Aber ich möchte, dass wir ehrlich betrachten, was geschehen ist.“
Klopf. Klopf. Klopf.
Die zwölf Windhelfer sprangen heraus.
Diesmal suchten sie niemanden und machten nichts kaputt. Einer hob verstreute Papiere auf und legte sie ordentlich auf den Tisch. Ein anderer öffnete den Speicher. Der dritte brachte den Beutel heraus. Der vierte führte das Lämmchen herbei. Die übrigen wirbelten so fröhlich über den Hof, dass sich die Hühner unter einer Bank verkrochen und der ältere Bruder seine Mütze mit beiden Händen festhalten musste.
„Genug!“, rief er. „Diese Wirbel sollen aufhören!“
Der jüngere klopfte einmal auf die Trommel, und sofort wurde es still.
„Siehst du“, sagte er. „Ich könnte die Zauberkraft benutzen, um dir Angst zu machen. Aber das will ich nicht. Ich will eine faire Lösung.“
Der ältere Bruder sah die Ochsen an, den Beutel und das Lämmchen und seufzte schließlich.
„Gut. Wir machen alles rückgängig. Und wenn du irgendwann eigene Ochsen halten möchtest, zeige ich dir, wie man richtig für sie sorgt.“
„Abgemacht.“
So versöhnten sich die Brüder.
Der jüngere kehrte mit den Zauberdingen nach Hause zurück, benutzte sie aber von nun an mit mehr Verstand. Der Beutel speiste die Familie und ihre Gäste. Das Lämmchen gab genau so viele Münzen, wie für den Haushalt nötig waren. Und die Trommel stand fast immer auf dem Regal.
Nur manchmal baten die Kinder:
„Papa, zeig uns die kleinen Windhelfer!“
Dann klopfte er einmal, und aus der Trommel schaute ein winziger Kopf mit zerzaustem Haar hervor.
„Heute gibt es keine Abenteuer“, sagte der Mann.
„Ach, schade“, seufzte der Helfer und verschwand wieder.
Und wenn der echte Wind über ihr Feld zog, verstreute er das Korn nicht mehr. Er strich nur zwischen den Ähren hindurch, rauschte vor den Fenstern und erinnerte den Bauern an drei einfache Dinge: Hör auf guten Rat, prahle nicht mit dem, was du besitzt, und vergiss nie, dass selbst das größte Wunder Verstand und Fürsorge nicht ersetzen kann.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
