

Indien
Die Geschichte von Hiraman
Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.
- Land
- Indien
- Alter
- 6–9 Jahre
- Dauer
- 15 Min.

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Die Geschichte von Hiraman
Ein Vogelfänger streifte einen ganzen Tag durch Felder und Haine, doch sein Netz blieb leer. Die Sonne berührte bereits den Horizont, und der Mann wollte gerade nach Hause gehen, als er über sich ein ungewöhnliches Flügelschlagen hörte.
Auf einem Ast landete ein großer grüner Papagei. Sein Gefieder glänzte wie Smaragde nach einem Regen, und um seinen Hals schimmerten goldene Punkte.
Der Vogelfänger blieb stehen.
„Was für ein Vogel …“
Vorsichtig stellte er sein Netz auf, streute einige Körner aus und versteckte sich hinter einem Busch. Der Papagei flog hinunter, machte ein paar Schritte und saß in der Falle.
Am Abend brachte der Mann ihn nach Hause.
„Schau, wen ich gefangen habe!“, sagte er zu seiner Frau.
Sie trat näher und schüttelte den Kopf.
„So groß, so schön. Es wäre schade, ihm weh zu tun. Bring ihn morgen lieber auf den Markt. Vielleicht findet sich jemand, der gut für ihn sorgt.“
Da sprach der Papagei plötzlich mit menschlicher Stimme:
„Bringt mich nicht auf den Markt. Bringt mich direkt zum königlichen Palast.“
Der Vogelfänger erschrak so sehr, dass er beinahe den Käfig fallen ließ.
„Du kannst sprechen?“
„Wenn es etwas zu sagen gibt“, antwortete der Papagei. „Sag dem König, mein Name sei Hiraman. Und wenn er nach dem Preis fragt, verlang zehntausend Rupien.“
„Zehntausend? Für einen einzigen Papagei?“
Hiraman legte den Kopf schief.
„Für einen gewöhnlichen Papagei wäre das viel. Bei Hiraman werden wir sehen.“
Am nächsten Morgen ging der Vogelfänger zum Palast.
Der König saß gerade im Garten, als man ihm von dem ungewöhnlichen Vogel erzählte. Er ließ den Käfig bringen.
„Du sollst also zehntausend Rupien wert sein?“, fragte er lächelnd.
„Nein, Herr“, antwortete Hiraman. „So viel kostet nur die Gelegenheit herauszufinden, ob ich Euch nützlich sein werde.“
Der König lachte laut.
„Gut gesagt!“
Er bezahlte dem Vogelfänger die verlangte Summe und ließ für Hiraman einen geräumigen goldenen Käfig neben dem Fenster seiner Gemächer aufstellen.
Die Käfigtür stand jedoch fast immer offen. Hiraman flog nicht davon. Er kreiste durch den Garten, kam auf Zuruf zurück, erzählte lustige Geschichten und bemerkte Dinge, die anderen entgingen.
Mit der Zeit gewöhnte sich der König so sehr an den Papagei, dass er stundenlang nur mit ihm sprach. Seine sechs Königinnen besuchte er immer seltener, und sie begannen sich zu ärgern.
„Wegen dieses Vogels hat er uns völlig vergessen“, sagte eine.
„Hiraman ist überall dabei“, meinte eine andere. „Wir müssen dafür sorgen, dass er fortfliegt und nicht zurückkommt.“
Eines Tages, als der König weit draußen Felder besichtigte, ließen die Königinnen Hiraman rufen.
„Man sagt, du seist sehr weise“, sagte die Älteste. „Dann entscheide unseren Streit. Wer von uns ist die Schönste?“
Hiraman betrachtete sie aus seinem Käfig und antwortete feierlich:
„Eine so wichtige Frage kann man nicht durch Gitterstäbe entscheiden. Lasst mich hinaus, damit ich um euch herumfliegen und genau hinsehen kann.“
Die Königinnen öffneten die Tür.
Hiraman flog heraus, zog einen Kreis durch das Zimmer, einen zweiten über den Innenhof und landete beim dritten auf einer hohen Palme.
„Hiraman!“, riefen die Königinnen. „Komm zurück!“
„Ich komme zurück, wenn man ehrlich mit mir spricht“, antwortete der Papagei und verschwand hinter den Dächern.
Als der König heimkehrte, sagte man ihm, Hiraman sei davongeflogen. Doch ein Holzfäller nahe der Stadt hatte den grünen Papagei an einem Bach gesehen und seine Geschichte gehört. Er führte den König dorthin, und Hiraman kehrte freiwillig auf die Schulter seines Herrn zurück.
Der König hörte allen zu und verstand, dass auch er an dem Streit beteiligt gewesen war.
„Ich habe mich von meinem neuen Freund so sehr begeistern lassen, dass ich die Menschen um mich herum vernachlässigt habe“, gab er zu.
Die Königinnen sollten eine Weile in den Landhäusern wohnen, bis sich die Gemüter beruhigt hatten. Später kehrten sie zurück und baten Hiraman um Verzeihung.
Von da an versuchte der König, jedem Aufmerksamkeit zu schenken und nicht nur dem interessantesten Gesprächspartner.
Eines Abends saßen er und Hiraman auf der Terrasse. Warmer Wind zog durch den Garten.
„Du bist weit herumgekommen“, sagte der König. „Kennst du ein Land, das ganz anders ist als unseres?“
Hiraman dachte nach.
„Jenseits von sieben Meeren und dreizehn Flüssen liegt ein anderes Land. Dort lebt eine junge Herrscherin, von der man nicht nur wegen ihrer Schönheit spricht. Man sagt, sie sei klug, mutig und könne Menschen zuhören. Ihr Palast steht zwischen Gärten, und nachts leuchten weiße Blüten über den Dächern.“
Der König blickte lange zu den Sternen.
„Ich würde sie gern kennenlernen.“
„Dann wird die Reise schwierig“, warnte Hiraman. „Ein gewöhnliches Pferd schafft sie nicht.“
Am nächsten Tag ließ der König alle Pferde aus den Ställen vorführen. Zwischen kräftigen Hengsten flog Hiraman plötzlich zu einem Tier, das am schwächsten von allen aussah. Es stand ganz hinten, dünn, zottelig und überhaupt nicht wie ein Märchenheld.
„Das ist unser Pferd“, sagte der Papagei.
Der Stallmeister lachte.
„Dieses? Es läuft kaum über den Hof.“
„Weil sich lange niemand richtig um es gekümmert hat“, antwortete Hiraman. „Das ist Pakshiraj, ein geflügeltes Pferd.“
Der König befahl, das Tier mit bestem Getreide zu füttern, sein Fell zu pflegen und es jeden Tag in die Sonne zu führen. Ein Monat verging, dann ein zweiter und dritter. Nach einem halben Jahr hatte Pakshiraj sich verwandelt. Sein Körper war kräftig, die Mähne glänzte, und eines Morgens entfalteten sich zwei mächtige Flügel an seinen Schultern.
Hiraman nickte zufrieden.
„Jetzt können wir reisen.“
Er ließ außerdem einen Beutel silbrigen Khai vorbereiten, leichte Körner aus geröstetem Reis, die im Mondlicht glänzten.
Vor dem Aufbruch warnte der Papagei:
„Pakshiraj braucht nur ein einziges leichtes Zeichen, um abzuheben. Treibt ihn kein zweites Mal an. Geflügelte Pferde mögen ungeduldige Reiter nicht.“
Der König versprach, daran zu denken.
Pakshiraj nahm auf dem Gartenweg Anlauf und stieg in den Himmel.
Sie flogen über Meere, die am Tag wie blaues Glas leuchteten und nachts schwarz und grenzenlos wurden. Einen Fluss überquerten sie, dann den zweiten, den zehnten und schließlich den dreizehnten. Hiraman zeigte mit einem Flügel nach unten.
„Dort ist der Garten.“
Sie landeten hinter der Palastmauer. Hiraman streute die silbrigen Khai-Körner als schmalen Weg vom Garten bis zu einem großen Baum, bei dem die Reisenden warteten.
In der Nacht trat die junge Herrscherin auf ihren Balkon und sah das seltsame Glitzern auf dem Boden.
„Als wären Sterne ins Gras gefallen“, sagte sie.
Sie ging in den Garten und folgte dem silbernen Weg. Beim Baum erwartete sie Hiraman.
„Erschreckt nicht“, sagte der Papagei. „Ich komme von weit her mit einem Menschen, der Euch sehr gern kennenlernen wollte.“
Der König trat aus dem Schatten und verbeugte sich.
„Ich habe von Eurem Land gehört und bin deshalb aufgebrochen. Wenn mein Besuch unerwünscht ist, kehre ich wieder um.“
Die junge Frau sah das geflügelte Pferd an, dann den Papagei und schließlich den Fremden.
„Ihr seid wirklich über sieben Meere geflogen, nur um mit mir zu sprechen?“
„Und dreizehn Flüsse“, ergänzte Hiraman.
Sie lachte.
Unter dem Baum redeten die beiden lange miteinander. Der König erzählte von seinem Land, sie von ihrem. Als es Zeit wurde, Abschied zu nehmen, sagte die Herrscherin:
„Mein ganzes Leben lang höre ich von Ländern hinter den Meeren. Ich möchte sie selbst sehen. Ich fliege mit euch, aber unter einer Bedingung: Wenn ich zurückkehren möchte, helft ihr mir, wieder nach Hause zu gelangen.“
„Das verspreche ich“, sagte der König.
Sie stiegen auf Pakshiraj. Hiraman setzte sich vorn auf den Sattel.
Das geflügelte Pferd erhob sich leicht, als hätte der Wind es aufgenommen.
Der Rückweg verlief zunächst ruhig. Als jedoch vertraute Küsten in der Ferne erschienen, freute sich der König so sehr, dass er Hiramans Warnung vergaß und Pakshiraj ein zweites Mal ungeduldig zum schnelleren Flug aufforderte.
Das Pferd zuckte zusammen.
„Ich habe doch gesagt: einmal!“, rief Hiraman.
Pakshirajs Flügel verloren ihren gleichmäßigen Rhythmus, und er musste in einem unbekannten Wald landen.
„Er kann nicht weiterfliegen, bevor er sich erholt hat“, sagte der Papagei.
Nicht weit entfernt stand ein anderer Palast. Dessen Herrscher hörte von fremden Reisenden mit einem geflügelten Pferd und schickte Wachen, um herauszufinden, wer sie waren.
Der Mann war sehr misstrauisch.
„Ein geflügeltes Pferd, ein sprechender Papagei, Reisende ohne Gefolge … Eine zu merkwürdige Geschichte. Bis wir alles geklärt haben, bleibt ihr hier.“
Die Gäste wurden getrennt. Die junge Frau bekam ein Zimmer in einem Gästeturm, der König kam in einen anderen Teil des Palastes. Während der Unruhe erhob sich ein heftiger Staubsturm. Der König konnte seine Augen nicht rechtzeitig schützen und merkte danach, dass er fast nichts mehr sah.
„Fürchtet Euch nicht“, sagte Hiraman und setzte sich auf seine Schulter. „Auf Märchenreisen kommt mit einem Unglück oft auch ein Hinweis. Wir müssen ihn nur finden.“
Die junge Herrscherin bat den örtlichen König unterdessen:
„Gebt mir sechs Monate Ruhe. Ich kümmere mich um Pakshiraj, bis er wieder gesund ist, und werde nichts heimlich tun.“
Der Herrscher stimmte zu.
Jeden Tag fütterte sie das geflügelte Pferd, kämmte seine Mähne und ging in den Hof. Dort streute sie Futter für wilde Vögel.
„Fliegt weit“, sagte sie ihnen. „Vielleicht begegnet jemand von euch einem grünen Papagei namens Hiraman.“
Die Vögel trugen ihre Worte von Baum zu Baum.
Eines Morgens hörte Hiraman davon.
„Sie ist hier!“, rief er.
Er flog zum Turm. Die junge Frau begrüßte ihn mit der Freude, mit der man einen alten Freund empfängt.
„Der König kann fast nichts sehen“, sagte Hiraman. „Ich muss ein Heilmittel finden.“
„Was brauchst du?“
Der Papagei dachte nach und erinnerte sich an eine alte Vogellegende. Weit hinter den Meeren lebten auf einem hohen Baum die Vögel Bihangama und Bihangami. Am Morgen sammelte sich heilender Tau bei ihrem Nest. Man sagte, er könne den Augen ihre Klarheit zurückgeben.
„Der Weg ist weit“, sagte die junge Frau.
„Für Flügel ist nur der Weg weit, den man sich nicht zu fliegen traut“, antwortete Hiraman.
Er flog los.
Er überquerte Flüsse, ruhte auf Schiffsmasten, suchte bei Gewittern Schutz unter breiten Blättern und erreichte schließlich den Baum mit dem Zaubernest.
Die jungen Bihangama und Bihangami hörten seine Bitte an und erlaubten ihm, einige Tropfen Heiltaun auf einem Blatt zu sammeln.
„Nimm nur so viel, wie du wirklich brauchst“, sagten sie.
„Genau so viel nehme ich“, versprach Hiraman.
Vorsichtig trug er die kostbaren Tropfen zurück.
Als er wiederkam, half die junge Frau ihm zum König. Der Tau wurde auf dessen Augenlider gegeben, und schon bald wurde die Dunkelheit vor seinen Augen heller. Zuerst sah er einen grünen Fleck.
„Hiraman?“, flüsterte er.
„Wen sonst hättet Ihr wohl als Erstes sehen wollen?“, fragte der Papagei.
Dann erschienen die Umrisse des Fensters, des Baumes und des Himmels. Sein Sehvermögen kehrte zurück.
Auch Pakshiraj hatte sich inzwischen erholt. Seine Flügel waren wieder kräftig.
Die junge Frau bat den örtlichen Herrscher um ein Gespräch. Gemeinsam erzählten die Reisenden ihre Geschichte von Anfang bis Ende. Der Mann hörte zu, betrachtete das gesunde geflügelte Pferd und gab schließlich zu:
„Ich war zu misstrauisch. Ihr könnt gehen.“
„Und beim nächsten Mal könnt Ihr vielleicht zuerst Fragen stellen und erst danach Gäste in verschiedene Palastflügel sperren“, fügte Hiraman hinzu.
Der Herrscher musste sogar lächeln.
Pakshiraj trat in den Hof. Der König stieg auf, die junge Herrscherin setzte sich hinter ihn, und Hiraman nahm seinen Platz zwischen den Ohren des Pferdes ein.
„Wie oft gibt man das Zeichen zum Abheben?“, fragte der Papagei.
„Einmal“, antwortete der König.
„Endlich.“
Pakshiraj breitete die Flügel aus und erhob sich.
Diesmal trieb der König ihn nicht an. Ruhig flogen sie über dreizehn Flüsse und sieben Meere und kehrten in den Heimatpalast zurück.
Die junge Herrscherin lebte dort lange genug, um das Land nicht nur aus Erzählungen kennenzulernen. Sie schrieb regelmäßig nach Hause, beriet den König in Staatsangelegenheiten und erinnerte ihn oft daran, dass ein guter Herrscher nicht nur auf die lauteste Stimme hören darf.
Später, als beide sich ihrer Entscheidung sicher waren, feierten sie Hochzeit.
Hiraman blieb ihr Freund. Sein Käfig stand weiterhin am Fenster, doch die Tür wurde nie geschlossen.
Denn ein weiser Vogel bleibt, genau wie echte Freundschaft, am liebsten dort, wo er auch die Freiheit hätte fortzufliegen.
Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨
