Cover: Die goldene Gans

Deutschland

Die goldene Gans

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Deutschland
Alter
4–8 Jahre
Dauer
7 Min.
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Die goldene Gans

Ein Mann hatte drei Söhne. Die beiden älteren hielten sich für besonders klug und wichtig. Den jüngsten nannten alle einfach den Jüngsten. Er sprach wenig, prahlte nie und teilte immer gern, was er hatte.

Eines Tages ging der älteste Bruder in den Wald, um Holz zu holen. Seine Mutter gab ihm Kuchen und eine Flasche Saft mit.

Am Waldrand begegnete ihm ein kleiner grauhaariger Mann.

„Guten Tag“, sagte der Fremde. „Ich bin schon lange unterwegs. Würdest du mir ein Stück Kuchen und einen Schluck von deinem Getränk geben?“

„Ich habe selbst nicht viel“, antwortete der ältere Bruder und ging weiter.

Im Wald wollte er einen Baum fällen, arbeitete aber so hastig und verärgert, dass seine Axt in einem Ast stecken blieb. Bis er sie wieder frei hatte, war es dunkel geworden. Er kehrte ohne Holz nach Hause zurück.

Am nächsten Tag ging der mittlere Bruder.

Auch ihm begegnete der grauhaarige Mann.

„Teilst du dein Essen mit mir?“

„Nein“, sagte der Bruder. „Wenn ich jeden füttere, bleibt mir selbst nichts.“

Im Wald wählte er einen viel zu dicken Baum. Er arbeitete bis zum Abend, wurde müde und schaffte es trotzdem nicht.

Am dritten Tag wollte der Jüngste los.

„Du?“, lachten seine Brüder. „Wenn wir nichts geschafft haben, was willst dann du erreichen?“

Doch der Vater ließ ihn gehen.

Die Mutter gab ihm ein einfaches Stück Brot und eine kleine Flasche Apfelsaft.

Beim Wald saß wieder der grauhaarige Mann.

„Guten Tag“, sagte der Jüngste.

„Guten Tag. Hast du vielleicht etwas zu essen? Ich bin sehr hungrig.“

„Ich habe nur Brot, aber die Hälfte gehört dir.“

Sie setzten sich auf einen Baumstumpf. Der Jüngste brach das Brot durch und gab dem Fremden das größere Stück. Auch den Saft teilte er.

Der grauhaarige Mann lächelte.

„Du hast von wenig so selbstverständlich abgegeben, als hättest du viel. Deshalb gebe ich dir einen Rat: Geh zu der alten Eiche am Bach und sieh unter ihren Wurzeln nach.“

Der Jüngste bedankte sich und ging weiter.

Bei der Eiche lag ein trockener Baum, der längst von selbst umgestürzt war. Kein lebender Stamm musste gefällt werden.

Unter seinen Wurzeln glänzte etwas.

Dort saß eine wundersame Gans mit goldenen Federn.

„Was für ein Fund“, flüsterte der Junge.

Die Gans folgte ihm ruhig, als würde sie ihn schon lange kennen.

Der Heimweg war weit. Deshalb übernachtete der Jüngste in einem kleinen Gasthaus. Der Wirt hatte drei sehr neugierige Töchter.

„Sind die Federn wirklich aus Gold?“, flüsterte die älteste.

„Ich nehme nur eine. Er wird es gar nicht merken.“

Als der Jüngste Wasser holen ging, griff sie nach einer Feder.

Kaum berührte sie die Gans, klebte ihre Hand fest.

„Oh! Lass mich los!“

Die zweite Schwester kam angerannt.

„Was machst du da?“

„Hilf mir!“

Sie packte die ältere Schwester an der Hand und klebte ebenfalls fest.

Die dritte sah das Durcheinander.

„Ich ziehe euch auseinander.“

Kaum hatte sie ihre Schwester berührt, hing auch sie in der Reihe.

Am nächsten Morgen ging der Jüngste los. Die goldene Gans watschelte hinter ihm.

An der Gans hing die erste Schwester.

An ihr die zweite.

An der zweiten die dritte.

„Moment mal!“, lachte der Jüngste. „Ich wollte doch keinen Umzug veranstalten.“

Unterwegs sah ein Bäcker die merkwürdige Gruppe.

„Warum hängt ihr alle aneinander?“

Er wollte die letzte Schwester wegziehen und blieb selbst hängen.

Dann kam ein Briefträger, der dem Bäcker helfen wollte.

Und schließlich ein Gärtner mit einem Korb voller Äpfel.

So zog eine außergewöhnliche Prozession in die Stadt:

Vorne die goldene Gans.

Dahinter der Jüngste.

Dann drei Schwestern.

Der Bäcker.

Der Briefträger.

Und der Gärtner, aus dessen Korb unterwegs Äpfel rollten.

Die Leute blieben stehen und lachten.

In dieser Stadt lebte die Königstochter Maria. Sie war freundlich, hatte aber seit langer Zeit kaum gelächelt. Nach einem langen Winter schien ihr alles grau und langweilig.

Gerade stand sie am Fenster, als sie die goldene Gans und die lange Menschenkette sah.

Der Gärtner bückte sich nach einem Apfel. Alle mussten sich mitbeugen.

Der Bäcker stolperte. Alle machten einen Satz.

Die Gans selbst lief völlig ernst weiter, als sei das alles ganz normal.

Maria kicherte zuerst.

Dann lachte sie.

Und schließlich lachte sie so herzlich, dass selbst der König ans Fenster kam.

„Endlich!“, freute er sich. „Ich hatte fast vergessen, wie dein Lachen klingt.“

Auf dem Marktplatz blieb der Jüngste stehen.

„Gans, reicht es jetzt?“

Die Gans schüttelte die Flügel.

Puff!

Sofort lösten sich alle voneinander.

Die Schwestern rieben ihre Hände und sahen verlegen zu Boden.

„Wir wollten eine fremde Feder nehmen“, gestand die älteste. „Verzeih uns.“

„Fragt beim nächsten Mal einfach“, sagte der Jüngste.

Der König lud die ganze Gesellschaft zum Essen ein.

Der Jüngste erzählte, wie er sein letztes Brot mit einem Fremden geteilt und die goldene Gans gefunden hatte.

„Dann begann dieser ganze fröhliche Tag damit, dass du nicht einmal die Hälfte deines Essens für dich behalten wolltest“, sagte Maria.

„Sieht so aus.“

„Dann ist die goldene Gans gar nicht das Wertvollste, das du gefunden hast.“

Der Jüngste dachte darüber nach und nickte.

Am Abend führte die Gans ihn selbst zurück zum Wald.

Bei der alten Eiche wartete der grauhaarige Mann.

„Nun? Wie war dein Abenteuer?“

„Sehr laut“, lachte der Jüngste. „Aber gut.“

Die Gans ging zu dem Mann, und er strich über ihre goldenen Federn.

„Sie erscheint dort, wo die Menschen an zwei Dinge erinnert werden sollen: Fremdes nimmt man nicht ohne Erlaubnis. Und Güte, die man teilt, findet oft auf unerwarteten Wegen zurück.“

Der Jüngste kehrte ohne die goldene Gans nach Hause zurück, aber nicht mit leeren Händen.

Der König bestellte bei seiner Familie Holz für die Werkstätten der Stadt, und Maria schickte einen Brief mit Dank für den lustigsten Tag des Jahres.

Die älteren Brüder lachten nie wieder über den Jüngsten.

Und er teilte weiterhin sein Essen, wenn jemand hungrig war.

Denn nun wusste er genau:

Für ein echtes Wunder braucht man nicht unbedingt goldene Federn.

Manchmal genügt ein Stück Brot, das von Herzen geteilt wird.

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨