Cover: Die Handmühle der Waise

Estland

Die Handmühle der Waise

Ein Bembi-Märchen für Kinder und Familien.

Land
Estland
Alter
6–10 Jahre
Dauer
6 Min.
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Die Handmühle der Waise

In einem estnischen Dorf lebte ein Waisenmädchen.

Ein eigenes Zuhause hatte sie nicht mehr.

Darum nahm eine fremde Familie sie bei sich auf.

Doch viel Zuneigung fand sie dort nicht.

Von früh bis spät arbeitete das Mädchen.

Am schwersten war die große Handmühle.

Sie schüttete Getreide zwischen die Steine und drehte die schwere Kurbel immer weiter.

Runde um Runde.

Die Mühle knarrte.

Die Steine brummten.

Am Abend waren ihre Arme so müde, dass sie kaum einen Löffel halten konnte.

Ihr einziger echter Freund war der Hofhund.

Wenn niemand hinsah, teilte sie mit ihm eine Brotkruste.

Der Hund legte den Kopf auf ihre Knie und wedelte langsam.

Fast als wollte er sagen:

„Halte durch. Ich bin da.“

Eines Tages sollte sie wieder besonders viel Korn mahlen.

Sie setzte sich an die Mühle und begann zu drehen.

Runde um Runde.

Da kam ein alter Reisender in den Hof.

Er hinkte ein wenig.

Auf der Schulter trug er eine abgenutzte Tasche.

Seine Augen wirkten freundlich.

„Ist diese Arbeit nicht zu schwer für dich?“

Das Mädchen erschrak und antwortete erst nicht.

Der Fremde nahm ein Stück Brot aus seiner Tasche.

„Iss etwas. Der Tag ist noch lang.“

Das Brot war einfach.

Für das Mädchen schmeckte es trotzdem besser als ein Festkuchen.

Der Alte setzte sich auf die Stufe und hörte ihre Geschichte an.

Dann holte er ein kleines altes Tuch hervor.

„Nimm es. Binde es vor dem Schlafen um den Kopf und sag ehrlich: Guter Schlaf, bring mich dorthin, wo eine Mühle von selbst mahlt.“

„Und was passiert dann?“

Der Alte lächelte.

„Manchmal kennt ein Traum Wege, die Füße nicht finden.“

Am Abend tat das Mädchen genau das.

Sie band das Tuch um.

Schloss die Augen.

Und sprach ihre Bitte.

Bald träumte sie.

Sie ging auf einer unbekannten Straße.

Immer weiter.

Der Wald blieb zurück.

Die Felder verschwanden.

Der Weg führte hinunter in ein stilles unterirdisches Land.

Da hörte das Mädchen ein vertrautes Geräusch.

Brumm...

Rrrr...

Rasch-rasch...

Eine Mühle.

Sie folgte dem Geräusch.

Vor ihr stand eine große Holzkiste.

Darin mahlten offenbar Steine ganz von selbst.

Das Mädchen versuchte, die Kiste zu bewegen.

Sie war viel zu schwer.

Dann sah sie in einem Stall ein weißes Pferd.

„Hilfst du mir?“

Das Pferd schnaubte und trat zu ihr.

Im Traum ist vieles möglich.

Sie spannte das Pferd vor die Kiste.

Setzte sich darauf.

Und gemeinsam jagten sie die Straße zurück.

Der Wind pfiff.

Die Hufe schlugen einen fröhlichen Rhythmus.

Die Kiste rumpelte hinterher.

Da wachte das Mädchen auf.

Morgenlicht fiel durchs Fenster.

„Was für ein merkwürdiger Traum.“

Dann erstarrte sie.

Neben ihrem Bett stand die Holzkiste aus dem Traum.

Vorsichtig schüttete sie eine Handvoll Gerste in eine kleine Öffnung.

Sofort begann es innen zu brummen.

Brumm...

Rrrr...

Rasch-rasch...

Eine Minute später fiel frisches Mehl heraus.

„Sie mahlt wirklich allein!“

Von da an wurde die Arbeit viel leichter.

Das Mädchen musste nur Korn einfüllen und unten das Mehl auffangen.

Die Kiste mahlte Roggen, Hafer und Gerste.

Es gab nur eine wichtige Regel:

Der Deckel durfte nicht geöffnet werden.

So hatte es der alte Reisende in ihrem Traum gesagt.

Das Mädchen hielt sich daran.

Bald bemerkte die Hausherrin, dass das Mahlen plötzlich viel schneller ging und das Mädchen nicht mehr den ganzen Tag an der schweren Kurbel saß.

„Was ist das für eine Kiste?“

„Sie hilft beim Mahlen“, antwortete das Mädchen ehrlich.

Der Hausherrin reichte diese Antwort nicht.

Sie wollte unbedingt wissen, was innen verborgen war.

Eines Morgens schickte sie das Mädchen ins Dorf.

Dann blieb sie allein mit der Kiste.

Zuerst schüttete sie Korn hinein.

Die Kiste mahlte es ganz normal.

„So erfahre ich nichts.“

Sie griff nach dem Deckel.

Der saß fest.

Sie zog stärker.

Klick!

Plötzlich blitzte es hell aus der Spalte.

Funken sprühten.

Warmer dichter Rauch füllte das Zimmer.

„Oh!“

Die Frau sprang so schnell zurück, dass sie beinahe in einem Wassereimer landete.

Das Licht erlosch sofort.

Die Kiste stand wieder da, als wäre nichts geschehen.

Als das Mädchen zurückkam, wagte die Frau nicht mehr, den Deckel anzufassen.

Von da an behandelte sie auch das Mädchen anders.

Vielleicht verstand sie zum ersten Mal:

Nicht alles darf man besitzen.

Nicht jedes Geheimnis muss man gewaltsam öffnen.

Und fremde Arbeit ist nicht automatisch etwas, das einem selbst gehört.

Die Jahre vergingen.

Das Mädchen wurde älter und verließ schließlich dieses Haus.

Sie nahm nur das Nötigste mit.

Die magische Mühlenkiste half ihr noch lange, Korn zu mahlen, ohne dass sie sich bis zur Erschöpfung an einer schweren Kurbel abmühen musste.

Wenn Nachbarn etwas Mehl brauchten, half sie gern.

Sie wusste noch genau, wie schwer es ist, wenn niemand hilft.

Viele Jahre später verschwand die Kiste eines Morgens genauso still, wie sie einst erschienen war.

Keine Radspuren.

Keine Hufabdrücke.

Nur einige goldene Körner lagen auf dem Boden.

Die Frau lächelte.

„Dann braucht sie jetzt wohl jemand anderes.“

Und vielleicht träumte in derselben Nacht irgendwo weit weg ein anderes müdes Kind davon, dass ein weißes Pferd eine wunderbare Holzkiste über eine Straße zog.

Und darin sangen die Mühlsteine leise:

Brumm...

Rrrr...

Rasch-rasch...

Möge dieses Märchen ein wenig Licht im Herzen hinterlassen ✨